Sind Ärztinnen und Ärzte ersetzbar?

Die Kompetenz der Maschinen wächst, 

und damit verlieren Ärztinnen und Ärzte im globalen Medizin-Markt zunehmend an Bedeutung:

Gesundheits-Apps erheben immer umfangreichere Datensammlungen zu fast allen Lebensäußerungen: Puls, Schrittzahl, Blutdruck, Atemfrequenz, Feinstaubelastung der Umgebungsluft, Sex, Kalorienverbrauch, Schweiß-Ausscheidung, Hauttemperatur … All das und vieles mehr kann fortlaufend registriert und ausgewertet werden.

Die so erhobenen Vitalmarker können zudem mit den Informationen der elektronischen Patientenkarte abgeglichen werden. Und natürlich auch mit den vielen Spuren, die die Vorlieben und das Surf- und Konsumverhalten in den sozialen Medien hinterlassen. Die mathematischen Analyse-Programme scheinen dann alle Schattierungen eines Menschen abzubilden. Sie errechnen erstaunlich zutreffende Vorhersagen des künftigen Verhaltens und der damit verbundenen Risiken. Und scheinbar „wissen“ sie von den Betroffen auch deutlich mehr, als diesen selbst bewusst ist: Denn sie schätzen ein, was die Patientinn/en „eigentlich“ wollen, sich aber noch nicht einzugestehen wagen. Und das, was sie deshalb sicher tun werden, und wie sie dabei in eine beabsichtigte Richtung beeinflusst werden können.

Heilritual

Moderne Algorithmen können aus eingefütterten Daten genaue Diagnosen ableiten, und weitere Labordiagnostik und ergänzende Untersuchungen anregen. Sie verwandeln verwirrend-komplexe Zusammenhänge durch ihre Benennung (die Diagnose) in etwas Einfacheres: in komplizierte Probleme, die von spezialisierten Experten leicht gelöst werden können.

Auf der Basis der Zuordnung eines Namens für ein Problem kann es dann mit einer standardisierten und überprüfbaren Intervention anvisiert, punktgenau getroffen und beseitigt werden. Dazu können Algorithmen genormte Therapiepläne erstellen, die auf aktuellen Leitlinien, überprüfbarer Evidenz oder wirtschaftlicher Vorgaben beruhen.

Die wachsende Bürokratie im Medizinsystem, die vielfältigen Dokumentationen, Abrechnungen, Arztbriefschreibungen und das Ausfüllen der Formulare der Qualitäts-Sicherung können durch Algorithmen weitgehend automatisiert werden. Auch die Anwendung bildgebender Verfahren wird durch Algorithmen und „smarte“ Technik immer einfacher und bedienerfreundlicher. Bereits heute können einfache Hilfskräfte mit hoch-komplizierten Geräten rein kommerziell motivierte Spielereien wie „Baby-fernsehen“ (3D-Ultraschall in der Schwangerschaft) durchführen.

Für die Patientenaufklärung sind direkte Gespräche nicht mehr zwingend erforderlich. Denn sie kann auf der Basis großer Datenbanken über Webportale, Downloads von Aufklärungsformularen, Avatare oder Call Center erfolgen. Mit immer besserer Verfügbarkeit der Medikamente durch Internet-Versand verliert schließlich auch die Beratung in den Apotheken an Bedeutung.

Selbst im Bereich des ärztlichen Handwerks werden Maschinen immer leistungsfähiger: auf der Basis hochauflösender 3D-Bildgebung und ausgefeilter Rechner werden in naher Zukunft Operations-Roboter in vielen Bereichen in der Lage sein, genormte Eingriffe durchzuführen. (Alpert 2017)

Für die Programmierung und Steuerung dieser modernen Medizin- und Informationstechnik werden Informatiker, Ingenieure, Physiker, Mathematiker und Biologen benötigt; und für ihre praktische Anwendung, Wartung und Bedienung hochspezialisierte, technisch ausgebildete Asissteninn/en und Hilfskräfte.

Gebraucht werden ggf. auch Psychologinn/en, um die Patientinn/en mit der Technik zu versöhnen. Damit sie in dem notwendigen Maß an dem mitwirken, was ihnen der Therapieplan vorschreibt (so genannte Compliance).

Immer weniger nachfragt werden

  • umfassende Kenntnisse, die es Nicht-Spezialisierten ermöglichen, Zusammenhänge zu überschauen, und
  • typisch menschliche Kompetenzen, wie Emotion und Empathie. Medizin

Elektronische Medizin-Vision

Informatik-Konzerne  (wie u.a. Google) arbeiten intensiv an einer Medizin-Zukunft, die so aussehen könnte:

  • Gesundheits-Apps“ erheben personenbezogene Daten zur Überwachung vieler Lebens-, Verhaltens- und Konsumfunktionen.
  • Möglicherweise deutet dabei ein Marker auf eine noch unbemerkte bestehende oder künftige Funktionsstörung hin. Oder jemand fühlt sich (scheinbar ohne Grund) „irgendwie“ diffus „unwohl“.
  • Dann veranlassen automatisierte Diagnose-Apps die Erhebung weiterer personenbezogener Daten, z.B. durch ergänzende Labortests, Fragebögen oder bildgebende Verfahren.
  • Anschließend vergleichen hoch-komplexe, „intelligente“ Algorithmen die gewonnen Datenmengen mit dem gesamten Repertoire existierenden Wissens, mit allen verfügbaren Leitlinien, den neuesten Studien und natürlich auch mit den Vorgaben der Interessen beteiligter Unternehmen.
  • Wenn dann die passende Diagnose feststeht, wird ein Therapieplan erstellt, und ggf. auch gleich der Versand von Medikamenten veranlasst.
  • Wenn dieser Ablauf den Konsumentinnen der Gesundheitsprodukte zu unpersönlich erscheint, werden sie an beratende hochspezialisierte Call-Center vermittelt, oder an lokale Büros der Krankenkassen o.ä., in denen ihnen kommunikativ geschulte Gesundheits-Sachbearbeiter/innen erläutern werden, was aufgrund der schriftlich fixierten Experten-Empfehlungen zu tun ist.

Zur Verwirklichung dieser Vision hat Google „DeepMind“ gekauft. Den Programmierern dieses scheinbar vielschichtig „denkenden“ Rechen-Programms (Alpha-Go) war es zuvor gelungen, zwei der weltweit besten Go-Spieler zu besiegen. Obwohl das Go-Spiel weit mehr Handlungsstrategien und Möglichkeiten zulässt als Schach.

Nun soll der erfolgreiche Algorithmus für den Einsatz im Gesundheitswesen weiterentwickelt werden.

Um seine Kompetenzen auszutesten, schloss Google einen Vertrag mit drei Londoner Krankenhäuser ab. „DeepMind“ wurden die Daten von 1,6 Millionen Patientinn/en überlassen, um sie auf Anzeichen von Nierenschäden zu durchforsten. Die englische Datenschutzbehörde wurde erst durch investigativen Journalismus auf diesen Test an Menschen aufmerksam, und urteilte im Juli 2017, dass die Gesundheitsinstitutionen mit ihrer Datenweitergabe ohne Patienten-Einwilligungen gegen geltendes Recht verstoßen hatten. Das Vorgehen von „DeepMind“ dagegen kritisierten sie nicht. (Shah 2017)

Der Trend zur weiteren Digitalisierung des globalen Medizin-Geschäftes wird sich trotz dieses relativ kleinen Rückschlages sicher nicht aufhalten lassen.

Für alles was Maschinen können, sind Ärzte/innen zu teuer.

Akut sind die ärztlichen Arbeitsplätze in Deutschland nicht gefährdet. Die im vergangen Jahrhundert erstarkten ärztlichen Standes-Strukturen sind noch fest etabliert, und das ärztliche Image hat weiterhin bei Institutionen und Patientinnen große (oft irrationale) Bedeutung.

Die wirtschaftlichen und administrativen Arbeitsbedingungen der Ärzte werden sich aber deutlich verschlechtern, und der Arzt-Beruf wird so an Attraktivität verlieren:

Auf Ärzte/innen kommen immer mehr bürokratisch-organisatorische Aufgaben zu, die eigentlich Maschinen und Hilfskräfte wesentlich besser  erledigen könnten. Es werden zunehmend nur noch normierte Leistungen bezahlt werden, die ingenieur-technisch zu erbringen sind.  Auch das Interesse der Pharmakonzerne und Gerätehersteller an direkten ärztlichen Kontakten sinkt, da sie als Zwischenhändler verzichtbar sind, und sich das Marketing direkt an „mündige“ Endverbraucher richten kann.

Selbständige Ärzte/innen werden zunehmend unter ökonomische Druck geraten, und der Konzentrationsprozess bei den Krankenhäusern wird zu einer Schrumpfung der Verfügbarkeit ärztlicher Arbeitsplätze führen. Gleichzeitig entsteht ein Überangebot an Gesundheits-Wissenschaftlerinnen, die an Fachhochschulen ausgebildet wurden, und die relativ kostengünstiger, hochspezialisierte Aufgaben übernehmen können, die bisher Ärztinnen und Ärzten vorbehalten waren.

Künstlicher Arztbedarf

Angesichts dieser Zwänge, suchen viele Ärzte und Ärztinnen nach dem Ausweg („sinn“-loser) Scheinlösungen, die ihnen helfen sollen, ihren ökonomischen Status zu erhalten:

Sie betreiben in-transparente Placebologie (genannt IGeL) und wiederbeleben so Schamanismus und Scharlatanerie. Damit beschleunigen sie den Niedergang des Arztberufes, da Placebo-Anwendungen ärztlicher Ethik widersprechen. Das gilt auch für so genannte „Übertherapie“: eine verharmlosende Beschreibung unnötiger Behandlungen, oder die Praxis Patientinn/en so zu behandeln, dass sie möglichst bald und oft wiederkommen.

Überprüfbar sinn-volle, systemisch-wirkende „Individuelle Gesundheitsleistungen“, erfordern oft keine ärztliche Kompetenz, da sie von Heilpraktikerinne/n, Hebammen, Physiotherapeutinn/en, Krankenschwestern oder Pflegern u.a. wesentlich preiswerter angeboten werden können.

Neue Arztrolle

„Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker!“

Die Standardphrase am Ende der Reklame-Spots, die zum Kauf von Pillen anregen, weist in eine interessante Richtung. Offenbar braucht die Industrie Ärzte und Apotheker nur noch für die rechtliche Absicherung, nicht aber für die Vermarktung ihrer Produkte. Es reicht also, wenn die Ärzte/innen erklären, warum das, was gekauft wurde, auch wirkt, und damit das Risiko für die Nebenwirkungen übernehmen.

Vielleicht sollten Ärzte/innen diese Aufforderung des Marktes ernst nehmen, und wieder zu Beratern und Beraterinnen werden, allerdings zu „Unbestechlichen “ (Mezis). 

Ursprünglich waren Ärzte Gesundheits-Philosophen:

Einen menschlichen Körper oder einen Staat zu verwalten, schien ihnen auf den gleichen Prinzipien zu beruhen. Medizin bedeutete für sie „Nachsinnen“ (lat. meditatio), um die „die Mitte (lat. medias) zu finden“. Sie wollten den Zusammenhang erkennen, in dem Gesundheit und Krankheit entstehen können, und diesen durch vernünftiges Handeln beeinflussen.

Die magische Kunst der Diagnose und des Behandelns (Kneebone 2017) überließen diese frühen Mediziner daher noch den weiblichen und männlichen Schamanen und Kräutersammlern.

Dafür beherrschten sie Kommunikations-Kompetenz.

Diese seit 2500 Jahren praktizierte Gesundheitsberatung kann durch Maschinen und Algorithmen nicht ersetzt werden. Denn die sortieren nur einzelne Details und Faktoren in großen Mengen wirrer Daten. Menschen dagegen können wie Quanten-Computer Milliarden von Bits gleichzeitig verarbeiten und so Zusammenhänge und Beziehungen verstehen. Sie können Ressourcen zu entdecken und wachsen lassen, und Möglichkeiten erkennen und nutzen.

Maschinen handeln rückwärts-gewandt. Sie spulen das ab, was in sie eingefüttert wurde, und projizieren so Vergangenes in die Zukunft. Menschen dagegen können innovativ, kreativ und erfinderisch denken und handeln, und damit Entwicklungen, ganz neuartig, günstig beeinflussen.

Wenn also Ärztinnen und Ärzte in der Rolle des Problemlösers an Bedeutung verlieren, könnten sie zunehmend ihre Rolle als Begleiter und Berater wieder entdecken.

Sie könnten dabei helfen, Selbstlösungs-Kompetenzen zu entwickeln, um neue Wege einzuschlagen und Herausforderungen zu bewältigen. Und sie könnten dabei mitzuhelfen, dass der Bedarf der von ihnen Beratenen nach weiteren Leistungen des Gesundheitsmarktes deutlich sinkt (weil sie gesunden).

Medizin ist eben nicht nur ein lukratives Geschäft mit Techniken, die Problem lösen, sondern ebenso Berührung, Beziehung, Kunst und Magie (Verghese 2011, Panda 2006, Kneebone 2017, Rosenkranz 2015).

Positionen für die weitere allgemeinmedizinische Versorgung der Bevölkerung

Mehr

Video-Vorträge

Literatur

Autor: H. Jäger

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