Sind Ärztinnen und Ärzte ersetzbar?

Künstliche Intelligenz im Gesundheitswesen greifbar nahe:
… die potentiellen Folgen sollten nicht unterschätzt werden. The Lancet, 23.12.2017

Die Kompetenz der Maschinen wächst 

Damit verlieren Ärztinnen und Ärzte im globalen Medizin-Markt zunehmend an Bedeutung:

Gesundheits-Apps erheben immer umfangreichere Datensammlungen zu fast allen Lebensäußerungen: Puls, Zahl der Schritte, Blutdruck, Atemfrequenz, Feinstaub-Belastung der Umgebungsluft, Sex, Kalorienverbrauch, Schweiß-Ausscheidung, Hauttemperatur … All das und vieles mehr kann fortlaufend registriert und ausgewertet werden.

Elektronisch erhobene Vitalmarker werden mit den Informationen der elektronischen Patientenkarte abgeglichen werden. Und natürlich auch mit den vielen Spuren, die die Vorlieben und das Surf- und Konsumverhalten in den sozialen Medien hinterlassen.

Operateure mit 3D-Datenbrillen, maßgeschneiderte, an den individuellen Patienten angepasste Therapien oder ruckzuck per Gentest identifizierte Krankheiten – all dies … könnte schon bald Wirklichkeit werden. Denn Big Data und lernfähige Computerprogramme haben das Potenzial, auch die Medizin zu revolutionieren. SineXX, Dossier: Big Data in der Medizin05.01.2017

Maschinenarzt
Maschinenarzt: Mimik und Gehirn

Mathematische Analyse-Programme bilden alle Schattierungen eines Menschen ab.

Maschinen errechnen erstaunlich zutreffende Vorhersagen des künftigen Verhaltens und der damit verbundenen Risiken. Und scheinbar „wissen“ sie von den Betroffen auch deutlich mehr, als diesen selbst bewusst ist: Denn sie schätzen ein, was die PatientInnen „eigentlich“ wollen, sich aber noch nicht einzugestehen wagen. Und das, was sie deshalb sicher tun werden, und wie sie dabei in eine beabsichtigte Richtung beeinflusst werden können.

Heilritual

Moderne Algorithmen können aus eingefütterten Daten genaue Diagnosen ableiten, und weitere Labordiagnostik und ergänzende Untersuchungen anregen. Sie verwandeln verwirrend-komplexe Zusammenhänge durch ihre Benennung (die Diagnose) in etwas Einfacheres: in komplizierte Probleme, die von spezialisierten Experten leicht gelöst werden können.

Sobald  ein Problem eingegrenzt und benannt wurde, kann es mit einer standardisierten und überprüfbaren Intervention anvisiert, getroffen und beseitigt werden. Dazu können Algorithmen genormte Therapiepläne erstellen, die auf aktuellen Leitlinien, überprüfbarer Evidenz oder wirtschaftlicher Vorgaben beruhen.

… technology has the potential to transform medicine and the healthcare system. Mc Kinsey & Company 2015

Die wachsende Bürokratie im Medizinsystem, die vielfältigen Dokumentationen, Abrechnungen, Arztbrief-Schreibungen und das Ausfüllen der Formulare der Qualitäts-Sicherung können durch Algorithmen weitgehend automatisiert werden. Auch die Anwendung bildgebender Verfahren wird durch Algorithmen und „smarte“ Technik immer einfacher und bedienerfreundlicher. Bereits heute können einfache Hilfskräfte mit hoch-komplizierten Geräten rein kommerziell motivierte Spielereien wie „Baby-fernsehen“ (3D-Ultraschall in der Schwangerschaft) durchführen.

Für die Patientenaufklärung sind direkte Gespräche nicht mehr zwingend erforderlich. Denn sie kann auf der Basis großer Datenbanken über Webportale, Downloads von Aufklärungsformularen, Avatare oder Call Center erfolgen. Mit immer besserer Verfügbarkeit der Medikamente durch Internet-Versand verliert schließlich auch die Beratung in den Apotheken an Bedeutung.

Selbst im Bereich des ärztlichen Handwerks werden Maschinen immer leistungsfähiger: auf der Basis hochauflösender 3D-Bildgebung und ausgefeilter Rechner werden in naher Zukunft Operations-Roboter in vielen Bereichen in der Lage sein, genormte Eingriffe durchzuführen. (Alpert 2017)

Für die Programmierung und Steuerung dieser modernen Medizin- und Informationstechnik werden Informatiker, Ingenieure, Physiker, Mathematiker und Biologen benötigt; und für ihre praktische Anwendung, Wartung und Bedienung hochspezialisierte, technisch ausgebildete Asissteninn/en und Hilfskräfte.

Gebraucht werden ggf. auch PsychologInnen, um die PatientInnen mit der Technik zu versöhnen. Damit sie in dem notwendigen Maß an dem mitwirken, was ihnen der Therapieplan vorschreibt (so genannte Compliance).

Immer weniger nachfragt werden

  • umfassende Kenntnisse, die es Nicht-Spezialisierten ermöglichen, Zusammenhänge zu überschauen, und
  • typisch menschliche Kompetenzen, wie Emotion und Empathie. Medizin

Die elektronische Medizin-Vision

Informatik-Konzerne  (wie u.a. Google) arbeiten intensiv an einer Medizin-Zukunft, die so aussehen könnte:

  • Gesundheits-Apps“ erheben personenbezogene Daten zur Überwachung vieler Lebens-, Verhaltens- und Konsumfunktionen.
  • Möglicherweise deutet dabei ein Marker auf eine noch unbemerkte bestehende oder künftige Funktionsstörung hin. Oder jemand fühlt sich (scheinbar ohne Grund) „irgendwie“ diffus „unwohl“.
  • Dann veranlassen automatisierte Diagnose-Apps die Erhebung weiterer personenbezogener Daten, z.B. durch ergänzende Labortests, Fragebögen oder bildgebende Verfahren.
  • Anschließend vergleichen hoch-komplexe, „intelligente“ Algorithmen die gewonnen Datenmengen mit dem gesamten Repertoire existierenden Wissens, mit allen verfügbaren Leitlinien, den neuesten Studien und natürlich auch mit den Vorgaben der Interessen beteiligter Unternehmen.
  • Wenn dann die passende Diagnose feststeht, wird ein Therapieplan erstellt, und ggf. auch gleich der Versand von Medikamenten veranlasst.
  • Wenn dieser Ablauf den Konsumentinnen der Gesundheitsprodukte zu unpersönlich erscheint, werden sie an beratende hochspezialisierte Call-Center vermittelt, oder an lokale Büros der Krankenkassen o.ä., in denen ihnen kommunikativ geschulte Gesundheits-Sachbearbeiter/innen erläutern werden, was aufgrund der schriftlich fixierten Experten-Empfehlungen zu tun ist.

Zur Verwirklichung dieser Vision kaufte Google „DeepMind“. Den Programmierern dieses scheinbar vielschichtig „denkenden“ Rechen-Programms (Alpha-Go) war es zuvor gelungen, zwei der weltweit besten Go-Spieler zu besiegen. Obwohl das Go-Spiel weit mehr Handlungsstrategien und Möglichkeiten zulässt als Schach.

Nun soll der erfolgreiche Algorithmus für den Einsatz im Gesundheitswesen weiterentwickelt werden.

Um seine Kompetenzen auszutesten, schloss Google einen Vertrag mit drei Londoner Krankenhäuser ab. „DeepMind“ wurden die Daten von 1,6 Millionen Patientinn/en überlassen, um sie auf Anzeichen von Nierenschäden zu durchforsten.

Die englische Datenschutzbehörde wurde erst durch investigativen Journalismus auf diesen Test an Menschen aufmerksam, und urteilte im Juli 2017, dass die Gesundheitsinstitutionen mit ihrer Datenweitergabe ohne Patienten-Einwilligungen gegen geltendes Recht verstoßen hatten. Das Vorgehen von „DeepMind“ dagegen kritisierten sie nicht. (Shah 2017)

Giving Google our private NHS data is simply illegal (Die Übergabe der Patientendaten an Google war illegal) Guardian 09.07.2017

Davon unbeeindruckt wurden die Ergebnisse wissenschaftlich in Ruhe ausgewertet und im August 2017 auch publiziert (Connell 2017)

Trotz dieses relativ kleinen Rückschlages (für Google) lässt sich der Trend zur weiteren Digitalisierung des globalen Medizin-Geschäftes nicht aufhalten. (Lee 2018)

Maschinenarzt
Maschinenarzt in „natürlicher“ Umgebung

Für alles was Maschinen können, sind Ärzte/innen zu teuer.

Die ärztlichen Arbeitsplätze in Deutschland sind nicht akut gefährdet. Noch sind die im vergangen Jahrhundert erstarkten ärztlichen Standes-Strukturen fest etabliert. Und das ärztliche Image hat weiterhin bei Institutionen und Patientinnen große (oft irrationale) Bedeutung.

Die wirtschaftlichen und administrativen Arbeitsbedingungen der Ärzte werden sich aber deutlich verschlechtern, und der Arzt-Beruf wird so an Attraktivität verlieren:

Auf Ärzte/innen kommen immer mehr bürokratisch-organisatorische Aufgaben zu, die eigentlich Maschinen und Hilfskräfte wesentlich besser  erledigen könnten. Es werden zunehmend nur noch normierte Leistungen bezahlt werden, die ingenieur-technisch zu erbringen sind.  Auch das Interesse der Pharmakonzerne und Gerätehersteller an direkten ärztlichen Kontakten sinkt, da sie als Zwischenhändler verzichtbar sind, und sich das Marketing direkt an „mündige“ Endverbraucher richten kann.

Selbständige Ärzte/innen werden zunehmend unter ökonomischen Druck geraten, und der Konzentrationsprozess bei den Krankenhäusern wird zu einer Schrumpfung der Verfügbarkeit ärztlicher Arbeitsplätze führen. Gleichzeitig entsteht ein Überangebot an Gesundheits-Wissenschaftlerinnen, die an Fachhochschulen ausgebildet wurden, und die relativ kostengünstiger, hochspezialisierte Aufgaben übernehmen können, die bisher Ärztinnen und Ärzten vorbehalten waren.

Künstlicher Arztbedarf

Angesichts dieser Zwänge, suchen viele Ärzte und Ärztinnen nach dem Ausweg („sinn“-loser) Scheinlösungen, die ihnen helfen sollen, ihren ökonomischen Status zu erhalten:

Sie betreiben in-transparente Placebologie (genannt IGeL) und sorgen für die Wiederbelebung von Schamanismus und Scharlatanerie. Damit beschleunigen sie den Niedergang des Arztberufes, da Placebo-Anwendungen ärztlicher Ethik widersprechen. Das gilt auch für so genannte „Übertherapie“: eine verharmlosende Beschreibung unnötiger Behandlungen, oder die Praxis, Patient-Innen so zu behandeln, dass sie möglichst bald und oft wiederkommen.

Überprüfbar sinn-volle, systemisch-wirkende „Individuelle Gesundheitsleistungen“, erfordern oft keine ärztliche Kompetenz, da sie von HeilpraktikerInnen, Hebammen, PhysiotherapeutInnen, Krankenschwestern oder Pflegern u.a. wesentlich preiswerter angeboten werden können.

Neue Arztrolle

Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker!

Die Standardphrase am Ende der Reklame-Spots, die zum Kauf von Pillen anregen, weist in eine interessante Richtung. Offenbar braucht die Industrie Ärzte und Apotheker nur noch für die rechtliche Absicherung, nicht aber für die Vermarktung ihrer Produkte. Es reicht also, wenn die Ärzte/innen erklären, warum das, was gekauft wurde, auch wirkt, und damit das Risiko für die Nebenwirkungen übernehmen.

Vielleicht sollten Ärzte/innen diese Aufforderung des Marktes ernst nehmen, und wieder zu  „unbestechlichen “ BeraterInnen (Mezis) werden. 

Ursprünglich waren Ärzte Gesundheits-Philosophen:

Einen menschlichen Körper oder einen Staat zu verwalten, schien ihnen auf den gleichen Prinzipien zu beruhen. Medizin bedeutete für sie „Nachsinnen“ (lat. meditatio), um die „die Mitte (lat. medias) zu finden“. Sie wollten den Zusammenhang erkennen, in dem Gesundheit und Krankheit entstehen können, und diesen durch vernünftiges Handeln beeinflussen.

Die magische Kunst der Diagnose und des Behandelns (Kneebone 2017) überließen diese frühen Mediziner daher noch den weiblichen und männlichen Schamanen und Kräutersammlern.

Dafür beherrschten frühe ÄrztInnen Kommunikations-Kompetenz.

Die seit 2.500 Jahren praktizierte Gesundheitsberatung kann durch Maschinen und Algorithmen nicht ersetzt werden. Denn die sortieren nur einzelne Details und Faktoren in großen Mengen wirrer Daten. Menschen dagegen können wie Quanten-Computer Milliarden von Bits gleichzeitig verarbeiten und so Zusammenhänge und Beziehungen verstehen. Sie können Ressourcen zu entdecken und wachsen lassen, und Möglichkeiten erkennen und nutzen.

Maschinen handeln in die Zukunft mit Programmen, die aus der Vergangenheit stammen.

Rechner spulen das ab, was in sie eingefüttert wurde. Sie projizieren Vergangenes in die Zukunft. Menschen dagegen können innovativ, kreativ und erfinderisch denken und handeln. Und sie können so Entwicklungen auf ganz neu Weisen günstig beeinflussen.

Wenn also Ärztinnen und Ärzte in der Rolle des Problemlösers an Bedeutung verlieren, könnten sie zunehmend ihre Rolle als Begleiter und Berater wieder entdecken.

Sie könnten dabei helfen, Kompetenzen für das Selberlösen von Problemen zu entwickeln, um neue Wege einzuschlagen und Herausforderungen zu bewältigen. Und sie könnten dabei mitzuhelfen, dass der Bedarf der von ihnen Beratenen nach weiteren Leistungen des Gesundheitsmarktes deutlich sinkt (weil sie gesunden).

Medizin ist eben nicht nur ein lukratives Geschäft mit Techniken, die Problem lösen, sondern ebenso Berührung, Beziehung, Kunst und Magie (Verghese 2011, Panda 2006, Kneebone 2017, Rosenkranz 2015).

Allgemein-medizinische Versorgung

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Video-Vorträge

Literatur

  • Alpert JS: Digital Medicine: „O Brave new world“ Amjmed 2017, 130(3)243-244
  • Connell A: Service evaluation of the implementation of a digitally-enabled care pathway for the recognition and management of acute kidney injury. F1000-Research, 30.06.2017 eCollection.
  • Kneebone R: The art of medicine. Performing magic, performing medicine. Lancet 2017, 389:28-29
  • Lee SI et al.: A machine learning approach to integrate big data for precision medicine in acute myeloid leukemia. Nat Commun. 2018 Jan 3;9(1):42. doi: 10.1038/s41467-017-02465-5.
  • Panda SC, Medicine: Science or Art?,  Mens Sana Monogr. 2006 4(1): 127–138
  • Shah H: The Deep Mind debacle demands dialogue on data. Nature, 2017, 547:259

Überdiagnose

Autor: H. Jäger

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