Gute Nachrichten aus Afghanistan!

Today’s world is traveling in some strange direction. You see that the world is going toward destruction and violence. And the specialty of violence is to create hatred among people and to create fear. I am a believer in nonviolence and I say that no peace or tranquility will descend upon the people of the world until nonviolence is practiced, because nonviolence is love and it stirs courage in people. Khan Abdul Ghaffar Khan

Kabul
Kabul 2015 (Bild: Wardak)

Es ist zum Verzweifeln! Oder?

Über Afghanistan wird nichts Gutes berichtet. Die meisten Nachrichten drehen sich um Krieg, Selbstmordanschläge, Terrorüberfälle, Korruption, Unterdrückung,  Misshandlung von Frauen, Opium- und Waffenschmuggel, Bomben-Geschäfte, oder handeln von hoffnungslosen Menschen, die vor dem Elend zu uns fliehen (und manchmal anschließend zurückgeführt werden).

Außerdem schaffen es viele der wirklich schlechten Nachrichten erst gar nicht in die Medien, wie z.B. die Details der Intrigen der Interventionsmächte, deren widerstreitende strategische Interessen den Konflikt befördern, und die für „nachhaltige Kriegsverbrechen“ (u.a. mit strahlender Bomben-Munition) verantwortlich sind:

 

 

Die kulturelle Bedeutung Afghanistans ist vor dem Hintergrund der Schreckensnachrichten längst vergessen.

Dabei hat  Afghanistans Geschichte alle Kulturen in Europa, China und Indien entscheidend mitgeprägt.

Denn über das Drehkreuz der Handelsrouten in der Landschaft Baktriens, im Nord-Osten Afghanistans, wurden über Jahrtausende nicht nur Waren, sondern vor allem auch Ideen ausgetauscht.

Cybele Baktrien
Der Heiland (Soter) als Sohn der großen Mutter, Ai-Khanoum, Baktrien, 200 v.u.Z.

Vor über 3.000 Jahren entwickelte sich in Baktrien die erste erfolgreiche, monotheistische Religion. Mit Zarathustras Einheitsgott Ahura Mazda konnte ein riesiger Viel-Völkerstaat geeint werden. So wirksam, dass dort über dreihundert Jahre die unterschiedlichsten Ethnien, Sprachgruppen, Kulturen und Glaubensrichtungen relativ konfliktarm (d.h. ohne Bürgerkriege) zusammenleben konnten.

Vielleicht wäre aus dieser (mir ziemlich friedfertig erscheinenden)Ethik des Guten“ sogar eine bis heute dominierende Weltreligion erwachsen (Holland 2015), wenn es nicht den Invasionsheeren unter Alexander „dem Großen“  gelungen wäre, die alte Muttergottesreligion (Kybele, Isis) mit ihren unterschiedlichen Varianten von Erlöser oder Sonnenkind) wieder zu reaktivieren.

Und wären etwas später nicht griechisch-baktrische Großkönige zum indischen Buddhismus konvertiert, und hätten sie nicht intensiv (u.a.) in Richtung Europa missioniert, hätte das Mahayana-Konzept „der Nächstenliebe“ nicht eine der Grundlagen des Christentums bilden können.

Weitgehend unbekannt ist auch, dass die Philosophie der Gewaltfreiheit im Islam (Klußmann 2016) aus Afghanistan stammt. Möglicherweise deshalb, weil dort die Gedanken Zarathustras und des Gandhara-Buddhismus, spätere Lebenslehren beeinflussen konnten:

Mawlawi e Balchi, genannt Rumi (13. Jahrhundert), der den „Pfad der Liebe lehrte“:

„Sei Sonne! Sonst bleibst du Fledermaus!“

Khan Abdul Ghaffar Khan, ein Freund Ghandis, der für gewaltlose Sozialreformen wirkte:

Wenn du wissen willst, wie zivilisiert eine Kultur ist,
schau darauf, wie sie die Frauen behandeln!“.

Wo ist nun die gute Nachricht?

Afghanische Medizinische Texte
Fachbücher in den Landessprachen für Krankenschwestern, Hebammen, Ärztinnen und Ärzte. Von 2010-2016 mit bescheidener deutscher Unterstützung, die nun definitiv ausgelaufen ist.

Viele Afghanen engagieren sich leidenschaftlich für eine friedliche Entwicklung ihres Landes.

Diejenigen von ihnen, die in Deutschland leben, oder die sich mit der deutschen Kultur verbunden fühlen, oder Deutsche, die Entwicklungen in Afghanistan unterstützen wollen, treffen sich einmal jährlich auf der

Hamburger Afghanistanwoche  (2017: 14.-18. August)

Dort wird über Projekte berichtet, wie diese

Übersetzungen medizinischer Fachbücher für die lokale Ausbildung (insb. auch weiblicher) Fachkräfte.

Dewanbegi-Klinik (Pashto, Dari): Qualitätsgesicherte medizinische Erstversorgung und Vorbeugung (Video-Rundgang)

Kennzeichnend für solche Initiativen ist ein Bemühen um Nachhaltigkeit: Die Projekte wurden von Afghanen für Afghanen angestoßen, und sie haben zum Ziel, durch relativ bescheidene Maßnahmen lokale Entwicklungen anzuregen. Betroffene sollen ermutigt werden, sich nicht ihrem Schicksal zu ergeben (oder als Ärzte ins Ausland zu fliehen), sondern vor Ort zu handeln.

Solche Versuche sollten (eigentlich) intensiv unterstützt werden. Ausländische Finanzhilfe fließt aber meist in die klassische „Entwicklungs“-Zusammenarbeit oder Nothilfe, deren Dynamiken von außen nach Afghanistan einwirken. Oder in geo-strategische Strategien, wie die militärische Vernichtung immer neuer Gegner (die manchmal – wie die Taliban – zuvor im Rahmen militärischer Förderprogramme erschaffen wurden). Oder in wirtschaftliche Interventionen, oder in polizeiliche Abschottungsmaßnahmen, die Flucht oder Opiumhandel verhindern sollen.

All diese Projekte fallen oft in sich zusammen, sobald die ausländischen Militärs oder Projekt-Manager das Land wieder verlassen.

Der Sozialwissenschaftler Ivan Illich (s. Paquot 2017) forderte schon vor einem halben Jahrhundert externe „Hilfe“ und „Entwicklung“ (und natürlich erst recht militärische Interventionen) durch ein intensives „Verstehen und Verständnis“ zu ersetzen: damit Gesundungsprozesse, die eindeutig von innen erwachsen, geschützt und wirksam begleitet werden können.

Warum wird so wenig über positive, lokale Initiativen berichtet?

Wäre es nicht endlich an der Zeit, friedvolle, lokale Entwicklungen unterstützend zu begleiten, statt immer größere Bomben auf Afghanistan zu werfen?

Mehr

Kriegsfolgen

Indo-eurasische Kultur

Literatur

Artikel: H. Jäger

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