Alles und Nichts.

„Warum ist überhaupt etwas und nicht vielmehr Nichts?“
Ludger Lütkehaus

„Herr Je das Nichts ist bodenlos!“ (Hans Arp)

Texte formulieren, Zeichnen und Auf-Schreiben sind meine Formen des Begreifens.

Cheshire-Cat
Die Grinse-Katze (Cheshire-Cat in „Alice im Wunderland“): Sie verschwindet. Ihr Grinsen aber bleibt. Was ist dieses Grinsen (der Katzen-Geist) ohne die Katze?

Ich muss Gedanken, Worte, Zusammenhänge und Begriffe erst in Handarbeit formen, um sie wirklich berühren und halten zu können. Erst über die Hand nehmen sie, wie ein behauenes Figürchen, für mich Formen an, und können dann erst geschliffen werden.

Der folgende Text über „Alles und Nichts“ entstand 2004.

Damals wollte ich (wie viele in ihrem Mittelalter) wissen, wer „Ich“ bin.

Mich faszinierte die Antwort des Zen-Buddhisten Suzuki:

„Ich bin nicht. Na und!“

und auch die des Vedanta-Lehrers Sankara:

„Die Welt ist Schein!“

Warum war „Ich“ (körperlich deutlich spürbar) trotzdem?

Offenbar war dieses „Ich“ mehr als der Teil von mir, der gerade versuchte, über das Nichts nachzudenken.

Also stand ich (nach dem Niederschreiben) von dem Sitzkissen auf, und begann mich intensiver für das (wortlose) Spüren des ganzen Körper und seine Beziehungen zu interessieren:

„Lass dich. Werde. Wirke.“
Eckhart von Hochheim (1260-1328 n.u.Z)

Die Beschäftigung mit dem Nichts führte noch zu etwas Zweitem: zu Neugier. Ich wollte herausfinden, warum „Nichts wirkt„:

Also die Welt der Systemwirkungen, Beziehungen und Wechselwirkungen besser verstehen und daraus praktische Konsequenzen für die Medizin ableiten.

ochse
Die Geschichte vom Ochsen. (Kakuan, 12. Jhh, Wiki-Commons: Ox-herding pictures). (1.) Der Ochse (das Selbst) ist nicht sichtbar. (2.) Das „Ich“ entdeckt Spuren des „Selbst“. (3.) Ich und Selbst finden sich. (4.) Das innere Team ist mit sich versöhnt. (5.) Ich=Selbst=Körper (6.) Alles betrachten (über „Ich-Selbst-Körper“ hinaus). (7.) Nichts (8.) Alles ohne „Ich-Selbst“. (9.) Gelassen tätig sein.

Alles ist möglich. Nichts ist auch möglich.

Die Ausgangsfragen: Ist Sein und Nichts dasselbe? Oder begrenzt das eine das andere?

Physiker erklären uns, dass es ein eindeutiges „Nichts“ nicht geben könne. Selbst in einem absoluten Vakuum, aus dem alles (auch die Strahlung) entfernt sei, entstünden weiterhin fröhlich-virtuelle Paare aus Teilchen und Anti-Teichen, die sich gleich wieder zerstörten und so ins (nur scheinbare) Nichts zurückfielen. Vielleicht, so sagen sie, sei unsere Welt aus so einer Quantenfluktuation entstanden, bei der zufällig einige Pünktchen nicht durch Anti-Pünktchen ausgelöscht worden seien.

alles und nichts
Oben: Alles oder Nichts. Unten: Alles und Nichts in dynamischer Beziehung.

Sicher sei alles (was wir erleben) mit Allem verbunden und in Systemen verwoben. Scharfe Trennungen und eindeutige Grenzen existieren deshalb nur in unseren Begriffen. Die Realität des sich ausdehnenden Universums sei ungetrennt.

Wir erkennen aber nur das, was vor uns erscheint, und nicht das, was uns und alles andere durchströmen mag. So wie ein Fisch nur einen anderen Fisch erkennen kann, nicht aber das Wasser, in dem er schwimmt, und dass ihn zugleich in seinen Organen überwiegend ausmacht.

Das scheinbare „Nichts“ könnte deshalb als Beziehung beschrieben werden, in die „Etwas“ eingebettet sein muss, um existieren zu können.

Sein oder / und Nicht-Sein?

Das Universum hält sich an klare Regeln, und niemand scheint es zu manipulieren. Die Natur handelt gesetz-mäßig. Allerdings könnten die Naturgesetze auch zufällig entstanden sein. In einem anderen Universum mögen völlig andere Naturkonstanten gelten.

In diesem Universum aber, ist es eine grundlegende Erkenntnis, dass  die Unordnung, der Grad des Chaos unserer Systeme (die so genannte Entropie) zunimmt. Deshalb verbrauchen (relativ) abgeschlossene Systeme immer Energie, und können sie niemals erschaffen.

Unser Raum scheint sich, gleich einem aufgepusteten Luftballon, auszudehnen, und alles was darin ist, verteilt sich immer feiner. Die Gesamtenergie des Universums verringert sich, um uns herum wird es kälter und bewegungsärmer.

Solche Gesetzmäßigkeiten müssen wir hinnehmen, ob wir wollen oder nicht. Selbst dann, wenn wir nicht verstehen, warum es sie gibt. Gegen die Naturgesetze zu handeln, wäre eine sinnlose Energieverschwendung.

 „Alles ist Eins.“ und  „Alles fließt.“
Heraklit und LaoTse vor etwa 2.500 Jahren.

Der Zoo subatomarer Teilchen verwandelt sich ineinander oder in (scheinbares) Nichts. Bewusstes und unbewusstes Denken, Körper, Umwelt und sozial-gesellschaftliche Bezüge gehen ineinander über. Alles Leben mit seinen Genen, Zellen, Bakterien entsteht und vergeht in vernetzten, sich wandelnden und ineinander verschachtelten Ökosystemen. Es wächst und erschafft sich immer wieder von innen heraus neu (Autopoiese). Zugleich ist Leben Beziehung, Austausch und Wechselwirkung mit anderen lebenden Systemen.

Nichts
Der leere (nur in sich bewegte) Kreis. Das Symbol für das ursprünglich Ungetrennte.

Sein ist selten.

Alles was wir sehen, erfahren und messen, wirkt über sehr große Entfernungen hinweg aufeinander ein. Dabei ist „das Sein“ in dem „umgebenden Nichts“ sehr dünn und großräumig verteilt. Im Vergleich zur Unendlichkeit des „Nichts“ besteht „das Sein“ aus extrem seltenen Ereignissen, obwohl unsere Sinnesorgane, die nur auf das Sein reagieren, uns ohne Hilfsmittel das Gegenteil vermitteln.

Könnten wir einen Atomkern auf die Größe einer Kirsche aufpusten, wäre die „verschmierte“ Hülle der Elektronenwelle etwa so groß wie ein Fußballfeld. Dazwischen erstreckte sich „Nichts“.

Auch der Atomkern bestünde fast vollständig aus Leere. Wäre die glühende Sonne so klein wie ein Fußball, tanzte die Erde als Stecknadelkopf in etwa fünfzehn Metern Entfernung im Geflimmer ihres Feuers. Jupiter kreiste als Nuss in achtzig Meter Entfernung, und Saturn wäre etwas kleiner und doppelt so weit entfernt. Der nächste brennende Fußball (Proxima Centauri) läge, von Hamburg aus gesehen, irgendwo in der Wüste Saudi Arabiens.

Dazwischen: Nichts.

Durch diesen leeren Raum braucht Licht acht Minuten von der Sonne bis zur Erde, sechs Stunden bis zum Pluto, vier Jahre bis zu Proxima Centauri und 75.000 Jahre quer durch das Gewimmel von einhundert Millionen Sonnen unserer Milchstraße. Die „letzte“ der über 100 Millionen Milchstraßen, sehen wir etwa in 13-14 Milliarden Jahren Entfernung in der Vergangenheit: Ist es vielleicht unsere eigene?

Der Raum, der überwiegend aus einem riesigen, sich dehnenden, beschreibbaren „Nichts“ bestehe, sei zerbeult, und er verforme sich, erzählen uns die Physiker.

Warum konzentrierten wir uns dann bei dem Versuch, die Welt zu verstehen, auf das messbare „Sein“? Wenn es doch gegenüber dem „Nichts“ (der „dunklen Energie“, der „Quintessenz“, dem „Unsagbaren“) eine so seltene Ausnahme darstellt?

Was könnte „das Nichts“ sein?

Die technischen Entwicklungssprünge der Menschheit hingen häufig mit der Beschäftigung mit dem „Nichts“ zusammen. Wenn man plötzlich damit begann, zu versuchen, etwas Leeres nutzbar zu machen. Zum Beispiel, indem man Massives aushöhlte und dünnwandige Gefäße forme, oder Netze knüpfte, oder Tücher webte, oder Speichen-räder baute, schließlich mit der Null die Mathematik revolutionierte und dann auch Maschinen konstruierte, die das Nichts (das Vakuum) nutzen konnten.

Im 17. Jahrhundert ging Spinoza einer genial einfachen, etwa zweitausendfünfhundert Jahre alten Vermutung nach: Alles (Materie, Strahlung, Gott, Natur, Geist, Körper) sei nichts anderes als eine Anregung einer Grundsubstanz, die wir nicht wahrnehmen könnten, und die alles durchdringe und zugleich sei.

„ Gott ist das absolut unendliche Sein, alles was ist, in sich oder in einem anderen. Gott sei die Substanz, die Natur. Diese Substanz muss ewig sein, einfach, unteilbar, vollkommen. Sie muss sich selbst erschaffen haben und ist weder schön noch hässlich, weder geordnet noch verwirrt.“ Spinoza

Die Eleganz seines Denkens entstand aus einer Not, die ihn zu konzentrierter Hand-Arbeit zwang. Er schliff optische Gläser, in einem so gleichmäßigen Rhythmus, dass sich offenbar unnötige Gedankenverrenkungen verloren. (s. Occams Rasiermesser)

fünf elemente
Die Quintessenz des Aristoteles. Die Beziehung zwischen den Erscheinungen.

Seine Theorie wurde nicht nur als ketzerisch, sondern auch bis heute als paradox empfunden: schließlich könne aus „Nichts“ nichts kommen („Ex nihilo nihil fit“).

Hume, ein Philosoph der gleichen Zeitperiode, entdeckte jedoch, dass auch die Annahme, dass eine Wirkung eine Ursache haben muss (Kausalität), nichts anderes sei, als ein Erklärungsmuster. Kraft und Notwendigkeit (Ursache und Wirkung) seien Attribute der Art, wie wir Objekte vorstellen, nicht Attribute der vorgestellten Gegenstände selbst. Also seien sie etwas innerlich Gefühltes und nicht etwas äußerlich Gegebenes.

Heute scheint die Physik vor allem drei Varianten zu erwägen (Riess 2016):

Der Raum an sich sei energiegeladen und erzeuge ständig virtuelle Teilchen. Seine Vakuumenergie (oder seine kosmologische Konstante) sei unendlich und unveränderbar.

Es gäbe eine Quintessenz, wie schon die antiken Griechen vermuteten. Ein Kraftfeld, das den ganzen Kosmos durchzöge, das plötzlich entstand („Big Bang“), und vielleicht irgendwann zerreiße („Big Rip“) oder in sich zusammenfalle („Big Crunch“)

Dunkle, unklare Energieformen (die das Universum aufbliesen) gäbe es gar nicht. Sondern wir vermuteten sie nur, weil wir die Gesetze der Gravitation noch nicht verstünden.

Was ist Alles?

Das ursprüngliche Universum sei, nach der heute allgemein für richtig gehaltenen Theorie, unmittelbar nach seiner Geburt, etwa so groß gewesen wie eine Pampelmuse. Diese Ur-Pampelmuse soll alles enthalten haben, was wir heute sehen, haben und sind.

Der Raum, den es vorher nicht gab, dehne sich seither aus.

Was hat die Ur-Fluktuation des Nichts angeregt? Und warum gibt es uns überhaupt, wenn sich virtuelle Teilchen, die aus dem Nichts entstehen, doch immer wieder auslöschen. Wo sind unsere Anti-Teilchen geblieben?

Geburt der Dynamik
Die Geburt der Dynamik (Big Bang): Die Schlange, die sich selbst frisst, teilt das Universum. Schmuck aus Armenien.

Es finden sich keine Spuren, die uns darauf hinweisen könnten, dass seither irgendetwas auf die natürliche Entwicklung der Dinge Einfluss genommen haben könnte. In unserer strikt gesetzlich geregelten Welt, gab und gibt es keine Wunder.

Physiker diskutieren zurzeit zwei große Theorien, wie Alles aufgebaut sein könnte:

Die eine stammt letztlich von griechischen Naturphilosophen, die sich vorstellten, alles bestünde aus Kügelchen, die sich immer neu mischen, um ständig Neuem Gestalt zu verleihen (Demokrit). Die Masse des Alls (Strahlung, Quintessenz, Materie etc.) bliebe konstant, sei unbegrenzt und unvergänglich. Das All bestehe nur aus winzigsten Teilchen, die in unendlicher Bewegung seien und eine grenzenlose Zahl von Welten hervorbrächten, die entstünden und vergingen. Nichts gehe zugrunde – alle Kügelchen seien in ständiger Verwandlung. Wenn wir die kleinsten Einheiten „Energiepäckchen“ oder „Quanten“ nennen, bleibt dieses antike Weltbild aktuell, auch wenn der Materialismus („Alles ist Materie“) seit Einsteins Energieformel mausetot ist. Zahlreiche Physiker nehmen trotzdem an, alles, auch Raum und Zeit, seien „körnig“ oder „gequantelt“. Was aber soll dann zwischen den Quanten-Körnchen sein?

Die konkurrierende Alternative zur „Tropfentheorie der Zeit“ ist die String Theorie: Ihr zufolge soll in einem Prozesscharakter der Wirklichkeit, Werden (Veränderung) diskontinuierlich geschehen. Nach der String Theorie wirbele alles in vielen (mindestens elf) Dimensionen: Die Welt schwinge. Dieser Gedanke, eines rhythmisch klingenden, „musikalischen“ Universums, stammt ursprünglich von Pythagoras. Er stellte sich das Universum als einen Klangkörper für Musik vor, nach Harmonie strebend und so mathematisch und künstlerisch erfahrbar. Aber: Welche Saiten sollen da erklingen?

Beide Theorierichtungen machten bereits vor 2.600 Jahren die Götter in Europa und China arbeitslos. Geister als extern auf natürliches Wachsen einwirkende Instanzen waren überflüssig geworden. Epikur nannte die Götter, wenn es sie denn gäbe, „glückselig, unver­gänglich und an den Menschen nicht interessiert“. Während Konfuzius erklärte, es sei völlig belanglos, ob sie real existierten, solange man sich nur so moralisch gut verhielte, als ob es sie gäbe.

Für den Alltag aber waren (und sind) die „gottlosen“ Theorien zu wenig anschaulich und „hoffnungslos“ gefährlich. Sie konnten sich trotz zahlreicher philosophischer Bemühungen als praktische Lebenslehren gegenüber Religionen nie durchsetzen.

The devil, who plays a big part – has tricked his way into my heart – by the mere insistence of his non-existence – which really is devilish smart! Limerick mit teuflischem Existenz-Beweis

Was ist Energie?

Alles was wir kennen, besteht entweder aus Materie oder Energie. Und seit Einstein müssen wir annehmen, dass Materie nur eine Energieform sei. Was aber soll Energie sein?

Der „Materie-Begriff“ ist anschaulich, weil wir glauben, ihn „begreifen“ zu können. Genauer betrachtet sind aber all die kleinen, Teilchen, die wir beobachten, gar keine „Gegenstände“, sondern Wellen, die sich nur für uns scheinbar so verhalten, als seien sie Teilchen.

Materie kann deshalb als eine Ansammlung unvorstellbar schnell drehender Wirbel beschrieben werben. Die kleinsten Wirbeln können wir mit großem Aufwand isolieren und geben ihnen Namen wie Quark oder Photon. Aber was da wirbelt, wissen wir nicht. Das was sie ausmacht, ist ihre Bewegung in Beziehung zu allem anderem. Und diese Fähigkeit zu Bewegungsdynamik nennen wir Energie. „Sie“ kann Arbeit leisten und wird daran gemessen (in Joule (Nm): Kraft x Weg).

Also müssen wir akzeptieren, dass es so etwas wie Energie gibt, ohne zu wissen woher sie stammt: Denn wir spüren sie, verbrennen uns die Finger und setzen sie in Bomben oder Kraftwerken frei.

Trennung ist eine Hilfskonstruktion.

Wenn es in unserer Realität also keine scharfe Trennung geben kann, und Alles (und auch „das Nichts“) in Beziehungen zueinander stehen: Warum trennen wir dann?

Offenbar tun wir es mit jedem Wort, das wir aussprechen. Wir haben gelernt, in Begriffen zu denken, Übergänge in Gedanken abzuschneiden und Dinge oder Ereignisse in Kategorien zu packen.

Denn es verschafft uns Klarheit:

Es hilft uns ein Modell der Welt zu konstruieren, in dem wir die Dinge wie in einem Puppenhaus sortieren und verändern können.

Tiere sind Blitz und Donner hilflos ausgeliefert, unsere Steinzeit-Vorfahren dagegen waren es nicht mehr. Denn sie hatten ein Modell konstruiert mit einem gewaltigen Gott auf einem Streitwagen am Himmel, den man (in der Logik des Modells) beeinflussen und besänftigen konnte. So beruhigt konnten sie im Gegensatz zu Hasen und Antilopen bei Gewitter rationaler (ohne Angst und Panik) handeln.

Möglicherweise steht deshalb die Trennung am Beginn der Kultur. Begriffe wie „Hand“ und „Stein“ waren ursprünglich vielleicht nur Teile eines Befehls: Etwas (die Hand) solle etwas anderes, ein Objekt bearbeiten. Dazu war es unwichtig zu definieren, wo denn (genau) eine Hand anfangen soll und wo sie aufhört? Und es war auch nicht mehr wichtig, ein Objekt als etwas mit dem Subjekt verbundenes zu betrachten. (s. Noe).

Ohne die Fähigkeit zu trennen, lebten Menschen noch wie die Gorillas, wunderbar in ihre Umwelt integriert, kulturlos und ohne zivilisatorische Höchstleistungen.

Zwar sind Menschen zur Liebe fähige Tiere, aber der trennenden Anschauung der Welt wohnte ebenfalls ein entscheidender evolutionärer Vorteil inne. Trennendes Bewusstsein war schnell, innovativ, aggressiv, „bösartig“, räuberisch, „männlich“ und zielführend.

Wir können eben mit zwei jeweils darauf spezialisierten Gehirnhälften beides: „Alles“ zugleich wahrnehmen, leben und sein, und „Alles“ in Begriffe und tote Einzelteile zerlegen. Und das ist auch gut so. Irre wird es nur, wenn das „Klar getrennte“ für „das Wahre“ gehalten wird, denn

„Das Weiß eines Steines liegt nicht im Stein, sondern im Betrachter“ (Mo Tse).

und

„Die Dinge sind nicht ausgedehnt oder fest. Wir sehen Ihre Ausgedehntheit und fühlen ihre Festigkeit … Das Sein ist Wahr-genommen-werden“. (Berkeley)

und

„Der Mensch kennt weder Sonne noch Erde, sondern immer nur ein Auge, das die Sonne sieht und eine Hand, die die Erde fühlt.“ (Kant)

oder (weniger bier-ernst):

As Bradley is said to have said – If I think that I’m lying in bed – with a girl that I feel – and can touch – is it real? – or just going on in my head? Limerick mit neurologischer Erklärung des Sex

Wir erahnen in einem bestimmten Marmorfigürchen nur deshalb „einen Löwen“, weil in uns bereits ein Löwenbild ruht. Wir glauben, es seien die Musikinstrumente, die ertönten, dabei sind es sind unsere Reaktionen auf nur Luftschwingungen, die erst in uns in Musik umgewandelt werden müssen. Wenn wir also von Dingen oder Ereignissen reden, meinen wir meist eine selbst gewählte Auswahl von Empfindungen, die wir selbst erzeugt haben.

Hypothesen, wie die Welt funktionieren könnte, können nie als wahr erwiesen werden. Popper

Die einzig wirklich absolute Wahrheit in dieser verrückten Natur ist deshalb die, dass sie innerhalb unseres Erkenntnishorizont niemals erfahren werden kann.

essigkoster
Die Essigkoster. Das Gleiche (das Leben) erscheint dem einen (Konfuzius) sauer, dem anderen (Buddha) bitter, und dem dritten (LaoTse) angenehm (en.wikipedia.org)

Sicher wissen wir nichts.

Keine Wahrheit ist Gewissheit. Welterklärungen, die heute die größten Anhängerschaft um sich sammeln, haben nur gemeinsam, dass sie irgendeine Form von Unterscheidung überbetonen: Leiden und Nicht-Leiden, Seele und Körper, Ich und Andere, Gott und Nicht-Gott und vor allem Gut und Böse. Diese Trennung in nützliche Wahrheit (das Gute) und Bedrohung oder Feindseligkeit (das Böse) befriedigt Geborgenheits-Sehnsüchte und vertreibt Unsicherheit.

In der ungetrennten Realität sind wir aber nur ein winziger, sich selbst und das äußere spiegelnder, Teil von etwas, das in zahllosen Richtungen schwingt. Ein poetisches Kunstwerk, in dem wir (was immer wir sein mögen) als Dichter, Maler und Musiker wirken können: künstlerisch schaffend, mitklingend und nach Harmonien suchend.

„… ich kreise um Gott, den uralten Turm und ich kreise Jahrtausende lang – ich weiß noch nicht, bin ich ein Falke, ein Sturm oder ein großer Gesang …“ (Rilke)

Wir könnten also „… die Begriffe fröhlich zerschlagen und die Welt ständig neu erfinden.“ (Nietzsche), und unser zivilisatorisch überspanntes entspanntes Denken so etwas beruhigen und angenehmer leben:

„..Wer hinsichtlich der natürlichen Güter oder Übel keine bestimmte Überzeugung hegt, der meidet oder verfolgt nichts mit Eifer, weshalb er Ruhe hat. …

Unsere wesentliche Krankheit ist das vorschnelle Urteil, der dogmatische Glaube! …

Jedes Urteil erzeugt ein Gegenurteil, unendliche Argumentationsketten und jeder Beweis setzt etwas voraus, was noch zu beweisen bleibt. Deshalb halte dich an die Erscheinungen, lebe undogmatisch nach der alltäglichen Lebenserfahrung, darin wir gänzlich untätig sein können.“ (Sextus Empirikus).

„Zur Hölle mit der Todesangst“ (Ludger Lütkehaus)

Bei allem Nicht-Wissen ist es tröstlich, dass Vergangenheit (und selbst Gegenwart) nur Geschichten sind, die wir uns immer neu und dabei stets verändert erzählen müssen. Das Fabulieren selbst, und auch der Glaube an die Wahrheit unserer Erzählungen, sind aktive, zukunftsorientierte und Energie verbrauchende Prozesse.

Alles Lebende ist aber (wenn es wahrgenommen wird) bereits unwiederbringlich und unabänderlich verstorben.

Himmelblau und rosenrot sind die schönsten Farben.
Öfters ist man plötzlich tot, und solche Leute starben. von Scheffel

Was sich nicht neu erschafft, ist nicht.

Real ist nicht das, was sich entwickelt hat. Nur die Möglichkeiten sind es, wie sich etwas entwickeln könnte.

Mondlicht
Man steigt nicht zweimal in den gleichen Fluss (Heraklit)

 Mehr

Bücher (die für mich nützlich waren)

  • Höck W.: Herr Je, das Nichts ist bodenlos. Unsinn in Poesie und Prosa. Ehrenwirt Verlag, München 1968 (neu 1982)
  • Lütkehaus Ludwig: „Warum ist überhaupt etwas und nicht vielmehr Nichts?“. Gerd Haffmanns Verlag, Frankfurt 2003
  • Genz H: Die Entdeckung des Nichts. Leere und Fülle im Universum, Carl Hanser 1994, Rororo 2002. Neuere Ausgabe: Nichts als Nichts. Die Physik des Vakuums, Wiley-Verlag 2004

Aufgrund aktueller Wissenschaft z.Z. als ziemlich sicher angenommene Sichtweisen:

Ungesicherte Alternativ-Sichtweisen

Zitierte Denker und Bücher

  • Aristoteles 384-322 v. Chr., Erfinder der Zweiteilung und Lieblingsphilosoph des Christentums. A. zu Alexander: „Sorge für die Griechen wie für Freunde und Verwandte und gebrauche die Barbaren wie Haustiere oder Nutzpflanzen.“
  • Arp Hans:  1886-1966
  • Bauer Joachim: Warum ich fühle, was du fühlst – intuitive Kommunikation und das Geheimnis der Spiegelneurone. Hof
  • Berkeley George, 1684-1753, Bischof von Cloyne (Irland)
  • Bohr Niels, 1885-1962, dänischer Physiker
  • Buddha („Erleuchteter“, „Erwachter“) Ehrentitel für Siddharta Gautama 450-370 v. Chr. in Nordindien.
  • Capra Ritjof, Physiker und Philosoph: Das Tao der Pyhsik
  • Dawkins Richard, *1941: Vertreter des Neo-darwinismus
  • Demokritos von Abdera (Thrakien), 460-370 v. Chr., Materialist: Alles Sein besteht aus Atomen, kleinsten unteilbaren Einheiten. Nur das Leere und Volle existiert, keine Schöpfung aus Nichts, kein Gott
  • Eckhart von Hohenheim: Bischof von Köln, 1260-1327
  • Einstein Albert, 1879-1955, Physiker und Vater der allgemeinen und spezielle Relativitätstheorie: Raum-Zeit, Verwandlung von Materie in Energie und umgekehrt, Gravitation als Phänomen der Raumkrümmung u.a.
  • Epiktet, 55-135: Stoischer Philosoph und Sklave, Amor fati = Das Schicksal lieben
  • Epikur: 342-271 v. Chr., Gartenphilosoph des Glücks, auf der Basis des Denkens Demokrits Materialist, Skeptiker, Genießer und Schöpfer der Philosophie des Glücks. Ratschlag: Verberge dein Leben: Dissimule ta vie
  • Fechner Gustav Theodor: 1801-1887 idealistische Identitätslehre, Panpsychismus, wonach das Geistige das An-sich dessen ist, was von außen als materiell erscheint
  • Genesis: Joh.1,1-27: Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. Dasselbe war im Anfang bei Gott. Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist.
  • Gorgias aus Leontini (Sizilien), um 380-375 v. Chr., sophistischer Philosoph
  • Greene Brian: Das elegante Universum (Siedler, 2000), Der Stoff aus dem der Kosmos ist (Siedler, 2004)
  • Heraklit: Herakleitos von Ephesos, 540-480 v. Chr., „der Dunkle“, Monist, denn die Mannigfaltigkeit der Dinge und Geschehnisse ist nur Ausdruck einer Welteinheit, und Pantheist, denn diese Einheit, das Weltfeuer, ist zugleich die Gottheit
  • Homer: Als Schöpfer seiner Werke ist H. (700 v.Chr) umstritten, vielleicht war er oder auch andere nur Sammler und Dichter wie die Gebrüder Grimm. Zwischen Ilias und Odysee liegen Generationen der Sprachtechnik, hinsichtlich der weit zurückliegenden historischen Hintergrundereignisse vielleicht noch größere Zeitabstände.
  • Hume David 1711-1776, englischer Philosoph  des Skeptizismus und Empirismus
  • Iphigenie die Tochter Agamemnons wurde auf Wunsch der verärgerten Jagdgöttin Artemis für Wind für die auslaufende Flotte geopfert
  • Jaynes J.: Der Ursprung des Bewusstseins, Rowohlt, Science Sachbuch, Reinbek,1993.
  • Kant Imanuel: 1724-1804, Begründer des Kritizismus: Synthese von Rationalismus, Empirismus und Skeptizismus
  • Konfuzius, Kong Fu Zi, K’ung-fu-tzu (Meister Kong) oder Kong Qiu, (551 bis 479 v. Chr.), chinesischer Philosoph, Begründer des Konfuzianismus und eine der einflussreichsten Persönlichkeiten in der Geschichte Chinas.
  • Kopernikus Nicolaus, 1473-1543, Theologe und Astronom
  • Kratylos, Lehrer Platons, Anhänger der Philosophie Heraklits. Nach K. kann man noch nicht einmal in denselben Fluss steigen, da er keinen Moment sich gleich bleibt.
  • Lao-tse (~570-490 v. Chr.?), chinesischer Philosoph  dessen Existenz historisch nicht gesichert ist. Möglicherweise ein Denker, der Werke eines älteren legendären Weisen weitergab: Wu-Chi (Nichts) oder Tao wandelt sich in Yin und Yang. Empfehlung: „Wu-Wei“ (Nicht-Handeln)
  • Marcus Aurelius: römischer Philosoph (Stoiker) und Kaiser, 161-180 n.Chr.
  • Mo Tse, chin. Philosoph, etwa 500-400 v. Chr
  • Nietzsche Friedrich Wilhelm, 1844 – 1979, Philosoph
  • Noe Alva: Out of our heads
  • Occams Rasiermesser: „Entia non sunt multiplicanda praeter necessitatem
  • Platon: 428-347 v. Chr., der Erfinder der Ideen, der Ideale und des Jenseits
  • Popper Karl, 1902-1994, Vater des kritisc hen Realismus, Wissenchafts- und Methodentheorie
  • Pyrrhon von Elis, Skeptiker, 360-272 v. Chr
  • Pythagoras.*570 v. Chr: Mathematiker, Mystiker, Sektengründer
  • Rilke Rainer Maria: Dichter, 1875-1926
  • Santayana Georg *1893, pragmatischer Philosoph
  • Schmitz Hermann, *1928, Philosophieprofessor in Kiel
  • Schopenhauer, Albert: 1788-1860, der Buddha aus Frankfurt
  • Schrödinger Erwin, 1987-1961: Atomphysiker
  • Schweitzer, Albert (1875-1959): Arzt und Mensch: „Humanist“
  • Seneca, 4-65 n. Chr, Lehrer Neros, Stoiker
  • Sextus Empirikus, Arzt in Athen, Skeptiker etwa 2.200 vor heute
  • Spinoza Baruch (1632-1677), Optiker und Philosoph in Holland
  • Suzuki Shunryu: Zen Mind; Beginner’s Mind, Weatherhill, 1970
  • Upanishaden: Teil der mystisch-philosophischen Veden 400-200 v.Chr
  • Watzlawick Paul: Konstruktivist, Psychotherapeut, *1921
  • Whitehead Andrew N., 1861-1947
  • Wittgenstein Ludwig, 1889-1951, Philosoph und Sprachwissenschaftler: „Kampf gegen die Verwirrung unseres Verständnisses durch die Sprache”
  • Zeilinger Anton: Einsteins Schleier. Die neue Welt der Quantenphysik, Beck 2003

Autor: Helmut Jäger