Neuerfindung des Menschen

Mehr ist nicht!
Unsere Wirtschaft muss ständig wachsen. Seit einer Ewigkeit halten rechte wie linke Politiker daran fest. Es ist an der Zeit, damit aufzuhören! Die Zeit 20.08.2015

Nachhaltiges Wachstum
Nachhaltiges Wachstum. Bild: Weidenhof

Human health in dire straits if urgent actions are not made to protect the environment!
UN Report Global Environment, 13.03.2019


Wollen wir noch ein paar Jahrhunderte auf diesem Planeten leben?

Dann müssten wir mit ressourcen-verbrauchendem Wachstum aufhören. Und stattdessen nachhaltig handeln. (Fuller 2018, Horton 2018)

Krankheiten, die durch Umweltverschmutzung verursacht wurden, waren 2015 für schätzungsweise neun Millionen vorzeitige Todesfälle verantwortlich – 16% der Todesfälle weltweit – dreimal mehr als durch AIDS, Tuberkulose und Malaria zusammen und 15 mal mehr als durch alle Kriege und andere Formen der Gewalt. The Lancet Commision 2017 – „Pollution, health and the planet: time for decicive action“ (Lancet 03.02.2018)

Siebzig Jahre nach Kenneth Boulding zeigt u.a. die Soziologin Eileen Crist erneut eindringlich, dass sich das menschlich-egoistische Denken (spätestens jetzt) radikal ändern müsste:

Die Erde befindet sich am Beginn eines Massenaussterbens und eines Umbruchs des Klimawandels. Sie riskiert eine planetarische Verschiebung in Bedingungen, die für ein komplexes Leben äußerst herausfordernd, wenn nicht sogar katastrophal sein werden. Obwohl die Verantwortung für die gegenwärtige Negativ-Dynamik ungleich verteilt ist, sind die übergreifenden Treiber ein rascher Anstieg der menschlichen Bevölkerung, des Verbrauchs von Nahrungsmitteln, Wasser, Energie und Materialien und infrastruktureller Eingriffe in die natürliche Welt. Da die „Trends von mehr“ an all diesen Fronten weiter zunehmen, verschärft sich die ökologische Krise. Da der menschliche Expansionismus das Massensterben nicht-menschlichen Lebens verursacht und sowohl die ökologische als auch die gesellschaftliche Stabilität bedroht, warum steuert die Menschheit nicht darauf hin, ihren Expansionismus zu begrenzen und umzukehren? sinngemäß übersetzt aus Eileen Crist, Science, 2018

Warum ändert sich das menschliche Verhalten trotzdem nicht?

Auch in Deutschland wagt keine Partei, die Forderung des „Wissenschaftlichen Beirates der Bundesregierung – Globale Umweltveränderungen“ ernst zu nehmen: „Transformation binnen kürzester Zeit“. Man scheint höchstens zu „Nachhaltigem Wachstum“ bereit zu sein. Nebel-Begriffe wie dieser machen zwar keinen Sinn, aber sie scheinen die Wähler*innen irgendwie abzulenken und zu beruhigen.

Krankheitserreger, die sich grenzenlos auf Kosten ihres Wirtes vermehren und ihn vergiften, sterben mit ihm. Oder sie passen sich ihm an. Bei Menschen wird das nicht anders sein (Kolberg 2015).

Allerdings sind wir die ersten Lebewesen, die solche Zusammenhänge bewusst begreifen können. Und damit böte sich uns eine reale Chance der Evolution ein Schippchen zu schlagen. Dazu müsst sich aber unser Verhalten grundsätzlich verändern. Nach dem Umschwung von den Jäger zu den Ackerbauern müsste die Menschheit eine zweite Bewusstseinsrevolution durchmachen. Andernfalls wird es sie in absehbarer Zeit nicht mehr geben.

Die Antwort liegt in der tieferen Ursache der ökologischen Krise: ein allgegenwärtiges Weltbild, das den „Trend von mehr“ mit einem Gütesiegel der Unvermeidlichkeit und Legitimität erfüllt. Diese Weltanschauung schätzt den Menschen als eine bemerkenswerte Einheit, die allen anderen Lebensformen überlegen ist und das Recht hat, sie und ihre Lebensräume zu nutzen. Das Glaubenssystem von Überlegenheit und Anspruch – oder menschlicher Überlegenheit – manifestiert sich in einer Reihe von anthropozentrischen Alltagsannahmen, sprachlichen Konstrukten, institutionellen Regimen und alltäglichen Handlungen von Einzelpersonen, Gruppen, Nationalstaaten und Unternehmen. … Die allumfassende Manifestation des Glaubenssystems der menschlichen Vorherrschaft ist genau das, was es als Weltanschauung ausmacht. sinngemäß übersetzt aus. Eileen Crist, Science, 2018

Wenn alles bleiben soll, wie es ist, muss sich alles ändern. (Lampedusa)

Weltweit ist sich eine ganz große Koalition aller Parteien einig: Man brauche unbedingt „Mehr“: Verbrauch, Export, Ablenkung, Finanzmittel, Erfolg, Kapital, Konsum, Macht ….  Gestritten wird nur über die Art, wie der Ertrag gesichert, geschützt und gerecht verteilt werden soll.

Alles andere klänge verdächtig nach „Weniger“. Und es gefährdete die kurzfristige Aussicht auf ein „angenehmes Leben“ (solange es noch gut geht):

Bert Brecht (1928): Die Ballade vom angenehmen Leben. Da preist man uns das Leben großer Geister – Das lebt mit einem Buch und nichts im Magen – In einer Hütte, daran Ratten nagen – Mir bleibe man vom Leib mit solchem Kleister! Das simple Leben lebe, wer da mag! – Ich habe (unter uns) genug davon. – Kein Vögelchen von hier bis Babylon – Vertrüge diese Kost nur einen Tag. – Was hilft da Freiheit? Es ist nicht bequem. – Nur wer im Wohlstand lebt, lebt angenehm.

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Literatur

Autor: Helmut Jäger