Anti-fragil oder lebendig?

Jedes Wort ist ein Vorurteil.
Nietzsche

Begriffe sind manchmal hilfreich, um Zusammenhänge zu verstehen.

Ein schwarzer Schwan z.B.: Die Entdeckung eines schwarzen Exemplars in einer Welt, die bisher nur weiße Schwäne kannte, ist ein einprägsames Bild für seltene Ereignisse, die massive Auswirkungen mit sich bringen. Manchmal stürzt danach ein Weltbild ein. Der Blick in die Vergangenheit, in der es lange Zeit keine „schwarzen Schwäne“ gab, also keinen Börsencrash, keinen Totalschaden oder keinen plötzlichen Herztod, bietet aber keine Sicherheit für eine Zukunft ohne einen „schwarzen Schwan“.

Der Erfinder dieses anschaulichen Schwan-Bildes, der Finanz-Mathematiker Taleb, schob jetzt noch einen reichlich sperrigen Begriff nach: „Anti-fragil“ (Süddeutsche 15.03.2013). Er hat Recht, aber er hätte es nach meinem Empfinden auch bei dem Begriff „lebendig“ belassen können.

Taleb teilt die Welt ein in

  1. Fragiles, das bei zufälligen, chaotischen Einwirkungen zerbricht oder instabil aus der Balance fällt.
  2. Robustes, das weitgehend unbeeindruckt bleibt von dem, was außen geschieht, oder das aus inneren Kräften heraus wieder in seinen Gleichgewichtszustand zurückkehrt.
  3. „Anti-fragiles“, das im Chaos erblüht, wächst und gedeiht und von den unerwarteten seltenen Ereignissen profitiert. Wie etwa die Fische, die sich im reichlich komplexen Meer tummeln.

Alle drei Aspekte gehören zu lebenden Systemen. Ein Kleinkind zum Beispiel ist verletzlich und benötigte deshalb einen Schutzraum, in dem es wachsen und gedeihen kann. Seine Zellen erschaffen sich ständig neu (Autopoiesis) und kehren nach Störungen wie einer Infektion wieder in einen stabilen Zustand zurück (Resilienz). Es wächst, weil es belastet wird und ständig neues und herausforderndes erlebt, was es zuvor noch nicht gab („Anti-fragil“).

Der erste Aspekt der Fragilität ist auch für leblose Maschinen typisch. Er wird in unserer Art, die Welt wahrzunehmen, zunehmend überbetont. Das führt zu Fehlervermeidung, Sicherheitsdenken, vergangenheitsbezogenes Risikomanagement, Reperaturverhalten, Zertifizierungsgläubigkeit, Überversicherung und kleinkarierter Verbürokratisierung, Kontrolle von Einzelfaktoren, d.h. zu Verhaltensformen, die „schwarze Schwäne“ geradezu anzuziehen scheinen (Aus Fehlern lernen?).

Die Seiten des Lebens, die Taleb „anti-fragil“ nennt, treten in der modernen menschlichen Gesellschaft in den Hintergrund. Das ist gefährlich, denn die Evolution sortiert blind und erbarmungslos alles aus, was nicht „anti-fragil“ ist. Oder anders: alles was lebt ist oder war einmal „anti-fragil“, und wenn es diese Eigenschaft verliert, wird es in nicht allzu ferner Zukunft wegsterben.

Der Psychiater McGilchrist erklärt das Phänomen des Verlustes von Lebendigkeit („Anti-fragilität“), die zunehmende Beliebtheit von Tunnelblick und Absicherungsdenken mit einer wachsenden Dominanz der linken Gehirnhälfte. Diese kann besser mit einzelnen toten Begrifflichkeiten umgehen als die rechte Hirnhälfte, die eher dazu da ist, Zusammenhänge in Systemen und chaotische Dynamik zu verstehen.

Beide, Taleb und McGilchrist, sind überzeugt, dass die Menschheit zurzeit mit starrem Blick in den Rückspiegel und mit Vertrauen auf den Autopiloten und kurzfristige Gewinne geradewegs ins Chaos steuert. Dort angekommen, würde es unsere Überlebenschancen drastisch erhöhen, wenn noch etwas sehr lebendig „Anti-fragiles“ in uns wäre.

Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können.
Ich sage euch: ihr habt noch Chaos in euch!
Nietzsche

Nassim Nicholas Taleb

  • Der schwarze Schwan: Die Macht höchst unwahrscheinlicher Ereignisse. Hanser Wirtschaft 2008. (Original: The Black Swan: The Impact of the Highly Improbable); Der schwarze Schwan – Konsequenzen aus der Krise, dtv 2012
  • Antifragile things that gain from disorder, Random House 2012, Anti-Fragilität: Anleitung für eine Welt , die wir nicht verstehen, Knaus Verlag 2013
  • Links: Edgde.org, Wiki

Ian McGilchrist

Autor: Helmut Jäger