Antibiotika-Resistenz

Antibiotika züchten Bakterien, die gegen sie resistent sind.

Pilze stellen sie her, um Mikro-Organismen fernzuhalten. Im Menschen richten sie sich nicht nur gegen gefährliche, sondern auch gegen nützliche und lebensnotwendige Bakterien.

Ihre Wirkung gleicht einem Bombenangriff auf ein Dorf, in dem Terroristen vermutet werden. Nach dem Beschuss werden, im günstigen Fall, die Mehrzahl der Feinde vernichtet sein. Allerdings wurde auch die orts-ständige Bevölkerung getroffen und bleibt, geschwächt oder verwirrt, und von einer friedlichen Normalität weit entfernt. Möglicherweise haben auch einige resistente Kämpfer überlebt, die künftigen Ärger verursachen könnten.

gefährliche Keime
„Allein in Europa infizieren sich jedes Jahr mehr als 2,5 Millionen Patienten mit multiresistenten „Superkeimen“, darunter dem  Krankenhauskeim MRSA oder den sogenannten ESBL-Bakterien, die sich mit dem Enzym Beta-Laktamase gegen die Antibiotika schützen. Beim Darmkeim Escherichia coli sind heute schon die Hälfte aller Proben gegen mindestens einen Wirkstoff immun.“ (Scinexx 24.10.2017). Bilder aus Meldungen von NDR, NTV, Zeit, Kurier

Nach der Anwendung eines Antibiotikums bleiben die Bakterien übrig, denen das Mittel nichts anhaben konnte.

Antibiotika gleichen daher einem Sieb, das bestimmte Keime festhält und andere passieren lässt. Jede Antibiotika-Anwendung bewirkt eine natürliche Selektion von Keimen, die gegen sie resistent sind. Die Widerstandsfähigkeit gegen ein Antibiotikum entsteht also nicht durch eine neue Mutation in einem Bakterium. Sie war vielmehr als genetische Variante schon vorher in vereinzelten Bakterien vorhanden, hatte sich dort aber bisher noch nicht als ein Überlebensvorteil erwiesen.

Resistente Bakterien sind zwar nicht aggressiver als andere. Aber sie können möglichen chemischen Angriffen viel besser widerstehen. Und sie können ihr genetisch gespeichertes Wissen zur Herstellung resistenz-vermittelnder Eiweiße auch an völlig artfremde Bakterien weitergeben.

Die Gelegenheit dazu ist  besonders groß in medizinischen Einrichtungen von Schwellenländern, in Laboren oder im Abwasser von Großstädten (RKI 2018), aber natürlich auch auf Intensivstationen in Deutschland (Schneider 2017, Atlas Resitenzentwicklung)

Von bakteriellen Infektionen, wie Gonorrhoe, Tuberkulose oder Haut- und Darmbakterien, die nicht mehr behandelt werden können, wird vorwiegend aus Armutsregionen berichtet. (Johnson 2017, Bantubani 2014, Sharma 2017, Shah 2017, WHO 2017)

Weil dort Antibiotika weitgehend frei von staatlichen Kontrollen  vermarktet werden, sind dort auch die Antibiotika-Konzentrationen in den Böden und im Abwasser hoch. Für Bakterien besteht in solchen belasteten Ökosystemen ein hoher Selektionsdruck, der zur Anzüchtung von „Superkeimen“ führt. (Jasovský 2016, STAT 2017, Changingmarkets 2017)

In Notsituationen sind Antibiotika unverzichtbar

Ohne Antibiotika würden schwere Infektionen, wie uva. Hirnhaut- oder Herz-Entzündungen,  tödlich verlaufen.

Vielleicht hätte mein Bruder mit einer rechtzeitigen Antibiotikatherapie überleben können. Man hielt sie aber 1960 nicht für nötig. Er starb mit sechszehn Jahren an einer aufsteigenden Lähmung (Guillan Barré Syndrom), die nach einer Durchfallerkrankung aufgetreten war. Damals vermutete man eine Infektion mit dem Kinderlähmungs-Virus, konnte es aber nicht nachweisen. Also könnte es sich auch um die Folge einer bakteriellen Infektion gehandelt haben (z.B. mit Campylobacter). Möglicherweise wären dann frühzeitige Antibiotikagaben hilfreich gewesen.

Oder auch nicht, denn bei manchen Darminfektionen (wie u.a. bei Cholera oder EHEC) bewirken Antibiotika einen besonders schnellen Mikroben-Zerfall, und damit eine rasche Freisetzung zahlreicher Giftstoffe, die zu einer gefährlichen Überreaktion des Immunsystems führen können.

Außerhalb von Notsituationen sind Antibiotika-Anwendungen gefährlich.

Antibiotikagaben beeinträchtigen die Zusammensetzung und die Funktion der natürlichen Flora (Mikrobiom). Zwar nimmt weltweit die Zahl der lebensbedrohlichen Infektionen ab. Aber gleichzeitig steigt die Zahl der Autoimmunstörungen, Nerven- und Hirnfunktionsstörungen (u.a. Autismus-Spektrum) und (jugendlicher) Diabetes Typ1. Ursächlich wird ein Zusammenhang mit einem gestörten Gleichgewicht zwischen Immunfunktion und der umgebenden mikrobiellen Flora vermutet. (Gérard 2016, Blaser 2017, Okada 2010). Vielleicht sogar bei der Entstehung von Krebs. (Dik 2017, Yin 2017)

Superbugs
Superbugs in der Versorgungskette. Publikation: Changingmarkets.org

Trotz der gut untersuchten Risiken nimmt der Konsum von Antibiotika weltweit zu.

In Deutschland werden sechszehn Tagesdosen pro 1.000 Versicherte und Tag verordnet. (Germap 2017). In acht Ländern Asiens, Afrikas und Lateinamerikas wurden in einer mehrjährigen Studie bei etwa 1,3 Mill. Beobachtungs-Tagen bei Kindern 17.000 Antibiotika-Gaben gezählt. Das entsprach einer Häufigkeit von fünf Antibiotika-Dosen pro Kind pro Jahr, meist für  Durchfall- oder Atemwegserkrankungen, bei denen die Antibiotika-Anwendungen meist unnötig waren. (Rogawski 2017)

„Darüber hinaus werden die Medikamente auch als ein Mittel zur Leistungssteigerung verstanden: Ein Viertel möchte ein Rezept, um aus beruflichen Gründen schnell wieder fit zu sein.“ (SZ 22.07. u. 06.12.2017)

Der Phyrrus-Sieg über Heliobacter pylori.

Die Ausrottung des „halb-bösen“ Keims Heliobacter pylori, der mit Homo sapiens seit hundert-tausenden von Jahren zusammenlebte, hatte in den USA (wie beabsichtigt) zu einem Rückgang von Magenkarziomfällen geführt. Dafür nahmen die Erkrankungszahlen von Refluxösophagitis, und damit verbunden von Speiseröhrenkrebs, zu. Der angerichtete Schaden der Helicobacter-Beseitigung ist möglicherweise größer als der Nutzen (Blaser 2017). Daher sei es  dringend nötig, intelligenter und strikter mit diesen mikrobiellen Waffensystemen umzugehen  (Jasovský 2016OECD 2016, Blaser 2018)

antibiotikaverbrauch
Germap 2015 (Version 02.06.2017): Warum verbrauchen Belgier dreimal soviel Antibiotika wie ihre niederländischen Nachbarn? Gibt es dafür rationale oder nur kommerzielle Gründe?

Anders mit Antibiotika umgehen

Resistenzen gegen neue Antibiotika werden manchmal schon nach ein oder zwei Jahre nach der Markt- Einführung nachgewiesen. Pharmahersteller verlieren daher zunehmend das Interesse an der immer aufwändigeren Suche nach neuen Antibiotika.

Die WHO bittet deshalb die Pharmaindustrie, in die Forschung nach neuen Antibiotika zu investieren (WHO 2017). Aber die WHO-Experinn/en wissen natürlich, dass selbst die modernsten Antibiotika, wie Teixobactin (Nature 2015) oder Malacidine (Sinexx 2018), das Resistenzproblem grundsätzlich nicht lösen können. Denn jedes neue Super-Antibiotikum, das 99% der Zielbakterien abtötet, wird das eine Prozent der Bakterien heraus-selektionieren, die bereits zufällig gegen das Neue resistent sind.

Wesentlich hoffnungsvoller stimmt, dass es in den Niederlande gelungen ist, den   Antibiotikaverbrauch von 2007-2015 um 60% zu senken.

Der niederländische „Antimicrobial resistance action“-Plan konzentrierte sich vor allem auf eine  Reduzierung des Antibiotikaeinsatzes in der Landwirtschaft. Dabei seien „klare ‚top-down‘ Entscheidungen“ von einer „starken ‚bottom-up‘ Bewegung der Umsetzung“ begleitet worden. Und  zusätzlich habe die intensivere Aufklärung der Bevölkerung die Nachfrage nach Antibiotika-Therapien gesenkt. (Sheldon 2016).

Auch Frankreich und Deutschland versuchen sich mit Aufklärungs-Kampagnen, die meist nur Insider erreichen (Saam 2017).

„Experten“ sind nicht seit „gestern“ besorgt.

Sie sollten seit vielen Jahrzehnten wissen, dass sie eigentlich hinsichtlich des Antibiotikakonsums radikal umdenken müssten.

Warum tun sie es nicht?

Eine globale Antwort auf diese komplexe Gesundheitsgefahr erfordert das Engagement einer breiten Palette von Akteuren, Regierungen, Behörden und der Öffentlichkeit bis hin zu Experten in den Bereichen Gesundheit, Ernährung, Umwelt, Wirtschaft, Handel und Industrie. …. Häufig wird von „Krieg gegen Superbugs“ oder „Kampf gegen Antibiotika-Resistenz“ gesprochen. Diese Schuldzuweisung ist irreführend. Der Einsatz von Antibiotika selektiert Bakterien, die gegen die Medikamente resistent sind. Ursächlich entsteht aber der Antibiotikaresistenz beim Menschen durch den starken Druck, infolge von Missbrauch und unnötige Nutzung von Antibiotika. (Mendelson 2017, sinngemäß übersetzt)

Mehr

Abgesang auf Keimtheorie

Das Mikrobiom und die Immunentwicklung des Neugeborenen

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Literatur und Links

Antibiotika Overkill
Blazer M: Antibiotika Overkill, Herder 2017

Autor: Helmut Jäger