Gut gemeinte Intervention – katastrophale Folge

 “Community policy on the environment […] shall be based on the precautionary principle”. Article 174, Amsterdam Treaty of the European Union.

Das Vorsorgeprinzip ist ein nach internationalem Recht akzeptierter Teil des Entscheidungsprozesses bei Interventionen, die Auswirkungen auf die Umwelt haben könnten (Martuzzi 2007, Goldstein 2001). Wie u.a. in der Entwicklungszusammenarbeit, in dem mindestens 143 Milliarden US$ pro Jahr umgesetzt werden (Weitzenegger 2017).

Nach dem Vorsorgeprinzip sollte in unüberschaubar komplexen Situationen aufmerksam abgewartet werden. Oder man sollte, falls es zwingend notwendig erscheint, nur sehr vorsichtig, experimentierend und kontrolliert handeln. Denn nur dann wäre es möglich, rechtzeitig umzusteuern, sobald erste Gefahrenanzeichen auftauchen.

In der Entwicklungszusammenarbeit scheint es aber (wie in der Medizin) gerade unter dem Gesichtspunkt der Vorsorge geboten sein, „sofort und radikal“ zu handeln, und dabei Störungen und „geringe“ Nebenwirkungen in Kauf zu nehmen. „Entwicklung“ scheint (ähnlich wie „Gesundheit“) grundsätzlich so positiv besetzt zu sein, dass die Wege, um sie zu erreichen, nicht hinterfragt werden.

Wird daher ein Problem in der Entwicklungszusammenarbeit (oder in der Medizin) durch eine Diagnose benannt, werden umgehend die Vorteile seiner zielorientierten Beseitigung erwogen. Dabei spielen nicht nur wissenschaftliche Kriterien eine Rolle, sondern vieles andere auch: Interessen, Vorgaben, vorhandene kapazitäten, Marktzwänge, Expertenmeinungen, ….

Wenn die mit einer wirtschaftlich vertretbaren Intervention verbundenen Risiken klein und kalkulierbar zu sein scheinen, wird das Vorsorgeprinzip dann häufig in sein Gegenteil zu verwandelt.

Der schleichende Tod
Video: Arsen der schleichende Tod. ZDF planet e. 02.10.2016

In dem „gerade aus Gründen der Vorsorge“ spezifische Interventionen empfohlen, genehmigt und umgesetzt werden. Die Langzeitfolgen solcher Maßnahmen sind dann oft unbekannt (Beispiel: Freisetzung gentechnisch veränderter Überträger-Mücken oder experimentelle Impfungen Schwangerer zur Bekämpfung der Zika-Infektionen).

Man schließt dabei aus dem Fehlen des Wissens zu unbekannten Wirkungen, übereilt auf ein Fehlen von Risiken. Erfahrungsgemäß kommt es so bei der optimistischen Umkehr des Vorsorgeprinzips („Eingriff aus Vorsorge-Gründen!“) immer wieder zu unangenehmen Überraschungen, weil lebend-komplexe System-Zusammenhänge fälschlicherweise für einfach und berechenbar gehalten wurden.

 „There are some things which are impossible to know,
but it is impossible to know these things.” Murphy’s law

Arsenvergiftung in Bangladesch

„I sometimes examined more than 1,000 patients in a day …
But … nobody wanted to believe it. They ignored me.“
Prof. K.C Saha. Erstbeschreiber der Arsenvergiftung in Bangladeh, 1982

Die Arsenkatastrophe in Bangladesch verursachten Maßnahmen der Entwicklungszusammenarbeit. Sie sind un-umkehrbar (Atkin 2006, Löwenberg 2016).

Die kurz- und langfristigen Wirkungen und Folgen dieser relativ einfach erscheinenden Intervention in komplexe Zusammenhänge wurden über Jahrzehnte ausgiebig und detailliert erforscht und publiziert. Kurzfristigen Erfolgen stehen nun im Ergebnis unvergleichlich größere langfristige Schäden gegenüber, und alle bisherigen Interventionen zur (neuen) Problemlösung erwiesen sich als unbefriedigend oder extrem teuer.

Die Beschäftigung mit dem Zusammenhang führt unweigerlich zu der Frage, was in der Entwicklungszusammenarbeit angesichts dieses unübersehbar massiven Problemzusammenhangs anders gemacht werden könnte?

Und wie verhindert werden kann, dass das gleiche Problem sich in vielen anderen Weltregionen langsam nach ähnlichen Gesetzmäßigkeiten entwickeln wird.

Vollständiger Artikel und Literatur:

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Autor: Helmut Jäger