Artemesia: Nobelpreis für die TCM?

China
China (Unbekannter Künstler, 20. Jhh., Foto: Jäger)

Malaria-Heilmittel Artemesinin

2015 erhielt die chinesische Pharmakologin Youyou Tu den Nobelpreis für die Isolierung des  Wirkstoffes Artemesinin.

Artemisinin beseitigt u.a. die Erreger der gefährlichen Malaria tropica (Plasmodium falciparum) aus dem Blut. Das kann  lebensrettend sein. Normalerweise sind bei 95% der Malariapatienten innerhalb von zwei Tagen nach Beginn der Artemesininbehandlung keine Malariaerreger im Blut mehr nachweisbar.

An Malaria sterben jährlich 850.000 Menschen, besonders Kinder unter fünf Jahren. Die Zahl geeigneter Medikamente nimmt wegen zunehmender Resistenen ab. Daher war die Einführung die Markteinführung von Artemesinin ein Segen.

Allerdings führt Artemesinin ohne Kombination mit anderen Präparaten nicht zur Ausheilung der Malaria-Infektion. Außerdem kann der Wirkstoff wegen seiner kurzen Wirkungsdauer auch nicht zur Vorbeugung eingesetzt werden.

Pro Jahr werden laut WHO weit mehr als 360 Millionen Therapien auf Basis von Artemisinin durchgeführt, meist in Kombination mit anderen Wirkstoffen. Die Substanz ist mittlerweile so erfolgreich, dass es in vielen Regionen als Mittel der ersten Wahl zur Behandlung der Malaria gilt.

Artemesinin stammt aus der Pflanze Artemisia Annua, die im Deutschen als einjähriger Beifuß und im chinesischen als Qing hao gezeichnet wird. Sie wurde erstmals in einem über 2.000 Jahre alten Dokument erwähnt, das in den siebziger Jahren in dem Grab Mawangdui in Hunan gefunden wurde.

Damals kannte die chinesische Medizin etwa 240 Rezepturen, die bis zum 16. Jahrhundert auf etwa 60.000 Vorschriften anwuchsen. (Unschuld 2015)

Um 1960 begann in China eine intensive Suche nach effektiven Malariawirkstoffen, um Vietnam während des Krieges gegen die USA zu unterstützen.

Das Team um die Pharmakologin Youyou Tu wählte insbesondere Beifußpflanzen für ihre Tests aus, weil sie in alten Rezeptur-Handbücher zur Behandlung  von Krankheitserscheinungen wie „Sumpffieber“ empfohlen wurden, die der modernen Beschreibung der Malaria ähnelten.

Als es dann tatsächlich gelang, den Wirkstoff Artemesinin in reiner Form herzustellen, stand plötzlich ein Mittel zur Verfügung, dass selbst bei Resistenzen gegen andere Substanzen punktgenau wirksam eingesetzt werden konnte.

Alles was bei der Anwendung der traditionellen pflanzenmedizinischen Rezepturen eine wichtige Bedeutung hatte, wie die schamanistischen Rituale der Anwendung, die Beimischungen anderen Substanzen und die unterschiedlichen Aufbereitungsarten, wurde von Vouyou Tu zur Seite geschoben. Ihr und ihren Auftraggebern lag der reine spezifische Effekt am Herzen, und nicht die eher psychologischen Systemwirkungen.

Deshalb geht der Nobelpreis in diesem Fall sicher nicht an die „TCM„.

Artemesia annua
Artemesia annua (Bild: Wikipedia)

Ausgezeichnet wurde durch das Nobelkommitee vielmehr eine Strategie der westlichen Medizin. Ähnlich, wie es lange zuvor gelungen war, aus traditionellen Giften lateinamerikanischer Ureinwohner den reinen Malaria-Wirkstoff Quinin zu isolieren.

Dem Triumph der Isolierung folgt die Gefahr des Wirkungsverlustes

2008 wurde erstmals über Resistenzen gegen Artemesinin im westlichen Kambodscha berichtet (Noedl 2008). Dort hatten auch Resistenzen gegen andere Medikamente wie Chloroquin oder Sulfadoxin-Pyrimethamin einst ihren Ursprung und verbreiteten sich von dort weltweit.

Dann wurde 2009 für den Bereich der nordwestlichen Grenze Thailands, etwa 800 Kilometer von Westkambodscha entfernt, über Therapieversager der Kombination eines Artemesinin-Abkömmlings in Kombination mit Mefloquin beobachtet. (Carrara 2009). Und schließlich wurden dann ab 2012 Artmesininresistenzen auch in Afrika beobachtet. (WHO 2015)

Resistenzen entwickeln sich durch Selektion von wenigen Erregern, die eine ansonsten möglicherweise erfolgreiche Behandlung überleben und sich zu neuen Stämmen entwickeln. Das geschieht bei Malaria häufig, wenn nur eine Substanz, ggf. falsch dosiert, in der Behandlung angewendet wird. Oder wenn das eingesetzte Medikament von schlechter Qualität war oder gar gefälscht wurde. Oder wenn es missbräuchlich bei „Kopfschmerzen“ oder „Grippe“ eingenommen wurde.

Studien in Tansania zeigen, dass Routinelabore 53% der untersuchten Blutausstriche als positiv testeten, während der Erreger lediglich bei zwei Prozent der untersuchten Proben tatsächlich vorlag. (Kahama-Maro 2011) Viele Menschen erhalten daher eine falsch positiv Malaria-Diagnose. Oder sie werden vielleicht in Endemie-Gebieten erst gar nicht untersucht, und gleich unnötig behandelt, nach dem Motto: „Viel hilft viel – sicherheitshalber – es schadet ja nichts“.

Die Arzneimittelmärkte werden in vielen Schwellen und Entwicklungsländern kaum und z.Z. nicht kontrolliert. Deshalb können auch korrekt hergestellte Medikamente, die schließlich in Krämerläden oder auf Markständen landen, durch die falsch Lagerung unbrauchbar oder vielleicht auch giftig geworden sein. Patienten in Ghana und Kamerun hatten bei einer Untersuchung nur eine Chance von etwa 60%, Malariamedikamente in guter Qualität zu erhalten. Und in Nigeria scheinen nur 36% verkauften Malariamedikamente dem internationalem Standard zu entsprechen (WHO 2011).

Gefälschte Malariamedikamente werden (u.a. in Indien und in China) sehr professionell hergestellt, so dass sie für Patienten kaum erkennbar sind. (Newton 2011). Bei über 1.400 zufällig und repräsentativ ausgewählten Medikamentenproben in sieben Ländern Südostasiens waren bei mindestens 35% die Inhaltsstoffe unterdosiert oder gar nicht vorhanden. Von 919 untersuchten Verpackungen stellten sich 46% als gefälscht heraus. In 21 Ländern im subsaharischen Afrika waren die Inhaltstoffe bei 35% der Verpackungen fehlerhaft. (Nayyar 2012)

Der Gesundheitsmarkt in Schwellen- und Entwicklungsländern ist eben häufig ein Krankheits-Markt. (Wilson 2012, Weisser 2008).

Was hat das mit „TCM“ zu tun?

Die Ursprünge der TCM, ein Methoden-Gemisch, das erst unter Mao so bezeichnet wurde, entstammen

  • aus einem philosophischen Konzept, das, ähnlich wie im antiken Griechenland darauf zielte, Menschen dabei zu helfen gesund zu bleiben,
  • aus schamanistischen Versöhnungsritualen mit den Geistern und Ahnen,
  • aus lindernd wirkenden Pflanzenextrakten.

Alle Behandlungen, die aus diesen drei Wurzeln entstanden, beruhten auf nicht-spezifischen oder systemischen Wirkungen. Und diese Effekte wurden bei der spezifischen Anwendung der Rein-Substanz Artemesinin bewusst vernächlässigt.

Das philosophische Grundkonzept des Heilens ist aber wichtig, weil bei der rein kommerziellen Vermarktung eines industriell gefertigten Medikamentes, die Behandlung  leicht ihren Beziehungs-Sinn verlieren kann. Geistlose „Waren-Medizin“ mit hoch-wirksamen Substanzen kann dann hoch-gefährlich sein.

Eigentlich müsste die Pharmakologie der ärztlichen Ethik dienen, und nicht umgekehrt. Wo das so ist, wächst das Interesse für die Lebensumstände der Patienten. Die Fragen, warum Malariaerreger übertragen werden, und wie Personen die besonders gefährdet, besonders geschützt werden können, gewinnen dann an Bedeutung. Artemesinin ist nur dann hochwirksam, wenn „ein Kind bereits in den Brunnen gefallen ist“. Effektiver wäre es natürlich darüber nachzudenken, wie es möglichst nicht hineinfällt.

Die schamanistische Heilung ist auch in gewisser Weise von Bedeutung. Sie versöhnt mit Tabus, die überschritten wurden, und sie lindert Stress als psychologische Ursache von Krankheit. Das kann hochwirksam sein: Deshalb heilt scheinbar „nichts“, wenn das Gefühl entsteht, dass es „gut werde“.

Diese so genannte „Placebo“-Wirkung kann als „Individuelle Gesundheitsleistung“ profitabel genutzt werden, wobei in Malaria-Gebieten auch sehr spezifisch wirksame Substanzen, selbst Artemesinin, kommerziell als „Pseudo-Placebos“ eingesetzt werden können, z.B. bei „unklarem Unwohlsein“.

Für das Auslösen heilsamer System-Effekte sind Täuschung oder Schein-Rituale völlig überflüssig, sofern eine optimale Arzt-Patienten-Beziehung besteht. Und die ist auch dann unverzichtbar, wenn hoch-spezifisch-wirksame Substanzen wie Artemesinin eingesetzt werden.

Die Idee, Artemesinin, dem Konzept der modernen Medizin entsprechend, als Rein-Substanz zu vermarkten, führte zwangsläufig zu Resistenz-Entwicklungen. Schon bald stellte sich heraus, dass eine Kombination von Wirkstoffen die Entstehung von Resistenzen wirkungsvoll verhindern kann. (Cui 2011). Und dann wurde klar, warum Malaria-Erreger über 2.000 Jahre lang keine Strategien gegen Beifuß-Anwendungen entwickeln konnten:

Weil Auszüge aus ganzen Pflanzen, also Molekülgemische aus spezifischen und nicht-spezifischen Wirkstoffen, angewendet wurden, und damit das Risiko für Resistenzentwicklungen sinkt. (Elfawal 2015)

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Literatur

Autor: Dr. Helmut Jäger