Arzneimittelfälschungen

Die Medizinsysteme mancher Länder gefährden die Gesundheit.

In unkontrollierten, mit Medizinprodukten überschwemmten Märkten suchen  KonsumentInnen desorientiert nach schnellen Lösungen. Die Qualität der angepriesenen Produkte können sie meist nicht einschätzen. Vieles kann, insb. in Afrika oder Asien, minderwertig oder gefälscht sein, und oft werden auch qualitativ hochwertige Medikamente völlig unnötig geschluckt oder gespritzt.

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Zunahme der Arzneimittelfälschungen. Quelle Nayyar 2015

Schwemme gefährlicher Medizinprodukte

Die Gesamtmenge gehandelter Müll-Präparate kennt niemand. 2014 wurden in Afrika 113 Millionen gefälschte Antibiotika und Anti-Malaria-Medikamente beschlagnahmt (AFP 2014). Die  Verpackungen dieser „Fake drugs“ unterschieden sich  kaum von den Originalen. Sie stammen meist aus Süd-Ost-Asien stammen. So sollen 97% der gefälschten Pharmaprodukte in Nigeria u.a. in Indien, China (und Taiwan) hergestellt worden sein. Dort die Produktion der Fake drugs  von den Behörden offenbar toleriert, weil Abgaben gezahlt werden. (Euroaktiv 24.01.2017) Von 2012 bis 2016 seien in afrikanischen Häfen (laut Welthandelsorganisation) mehr als 750 Millionen Fake Drugs sichergestellt worden. Und eine Studienanalyse deutet in siebzehn Ländern auf einen deutlichen Anstieg des Verkaufs gefälschter Medikamente hin. (Nayyar 2015)




Harrich D, Harrich-Zandberg D: Pharma-Crime: Kopiert, gepanscht, verfälscht – Warum unsere Medikamente nicht mehr sicher sind. Heyne 2018

Qualitativ minderwertige Arzneimittel enthalten andere Inhaltsstoffe, als auf der Packung angegeben. Oder richtige Inhaltsstoffe zu hoch, oder zu niedrig dosiert. Oder Wirksubstanzen, die durch unsachgemäße Lagerung bereits zerfallen sind. Oder sie bestehen aus giftigen Abfallprodukten.

Beispiel: Fake-Drug-Epidemie im Kongo

Im Dezember 2014 wurde im Nordosten der Demokratischen Republik Kongo, im Distrikt Ituri, ein Ausbruch von Meningitis gemeldet. Über eintausend Patienten waren erkrankt, ein Drittel von ihnen jünger als fünf Jahre. Als Ursache vermutete man zunächst Meningitis-Infektionen, weil die Betroffenen Nackensteifigkeit aufwiesen, und behandelte die ersten Fälle mit Antibiotika. Genauere Untersuchungen deuteten dann aber auf eine Vergiftung hin: Nahezu alle Patienten waren (aus welchen Gründen auch immer) dem Beruhigungsmittel Diazepam® (ein Benzodiazepin) behandelt worden. Im Blut der Betroffenen fand man hohe Konzentrationen einer anderen Substanz: von Haloperidol. Die Tabletten, die Diazepam® enthalten sollten, waren offenbar gefälscht worden. Die Nachfrage nach Diazepam® war in der vom Bürgerkrieg betroffenen Region hoch, und die Tabletten waren frei in Kram-Läden verkauft worden.

Die Bevölkerung von der eigentlichen Gefahr gefälschter Arznei zu überzeugen, erwies sich als schwierig, denn Diagnosen „äußerer Angriffe“ durch Infektionserreger oder durch Hexerei erschienen den meisten Betroffenen als wesentlich nachvollziehbarer. (Peyraud 2017)

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Apotheke im verarmten Jemen. Bild: Jäger 2016

Das Gesundheitsrisiko durch schlechte Medizin

Das Geschäft mit der Medizin gehört zu den stabil und krisenfest wuchernden Wirtschaftszweigen, und vieles was in diesem Markt angeboten wird ist unnötig, von schlechter Qualität oder gefährlich.  Die Auswirkungen der Gesundheitswirtschaft auf die Gesundheit wurden noch nicht systematisch untersucht. Wirksamer und guter Hochleistungsmedizin steht in vielen Ländern ein gefährliches Geschäft mit Leidensdruck und Angst gegenüber. Die Suche nach Gesundheit führt dann zu Krankheit.

Kein Land dieser Erde ist mehr in der Lage, den gesamten Umfang der umlaufenden Arzneimittel zu kontrollieren

Schlechte Medizin bedroht aber besonders ärmere Länder: Denn dort verschimmeln in wackeligen Krämerläden am Ende der Welt Psychopharmaka und Antibiotika zwischen Coca-Cola-Flaschen, Zigarettenpackungen und Dosenfleisch. Die Pillen werden dort, je nach Kaufkraft der Kunden, stückweise abgegeben. Ob sie dann gefälscht sind oder nicht, verändert nur das Risiko des Schadens, den sie anrichten. Ein Nutzen geht von ihnen aber nur sehr selten aus. 

Die Verbraucher, die wegen ihrer Lebens- oder Gesundheitsprobleme Pharmaprodukte und medizinische Dienstleistungen einkaufen, können die Qualität nicht beurteilen.

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Fake Drug. Quelle: U.S. Food & Drug Administration

Die Herstellung von Fake Drugs ist nicht eindeutig illegal.

Arzneimittelfälschungen sind, im Gegensatz zur Herstellung gefälschter Banknoten, kein internationaler Straftatbestand (Newton 2014).

Eine Resolution des Europarates von 2010, die die Herstellung und den Verkauf von gefälschten Medikamenten untersagt, wurde bisher nur von wenigen Staaten unterzeichnet. Auch Deutschland die Resolution bis heute nicht ratifiziert.

Das liegt u.a. daran, dass ein Straftatbestand so schwierig zu definieren wäre: Denn als „counterfeit drug“ (gefälschtes Medikament) würde auch ein qualitativ hochwertiges Produkt gelten, das im Widerspruch zu einer registrierten Trademark verkauft wird, als ein Generikum, dessen Verkauf die Profite des Originalherstellers mindert. (Buckley 2013)

Generika (die den richtigen Inhaltstoff ohne Markennamen verkaufen) sind aber für viele Menschen in ärmeren Ländern die einzige Möglichkeit, um an qualifiziert-gute Medizin heranzukommen.

Weil also Wirtschaftsinteressen gefährdet sein könnten, ist die Definition „gefälschter Medikamente“ nach internationalem Recht offenbar nicht einfach (siehe SSFFC, WHO 2017). Bisher hatte die WHO vor allem Sorge die Herstellungsrechte von Firmen zu sichern, und fürchtet, sich durch schärfere Kontrollen zu sehr in den freien Handel einzumischen. (Burci 2013)

Sie setzt stattdessen auf Programme, die die Qualität der Medikamente verbessern sollten.

Bildungs-Initiativen, die Patienten aufklären könnten, wie sie sich so verhalten können, dass sie nur möglichst wenige Medikamente konsumieren müssen, sind dagegen weitgehend unbekannt.

Pharma-Shopping und Medikamente online

Online Apotheken sollen in Deutschland bereits einen Marktanteil von über fünf Prozent halten. Sie können staatliche Vorgaben und Kontrollen bei der Beschaffung ihrer Produkte leichter umgehen. Darüber hinaus ist es möglich sich die Chemie direkt aus dem „dunklen Netz“ (Dark-Net) zu besorgen.

Die Online-Beschaffung von Pharma-Produkten ist gefährlich, weil sie ein höheres Risiko gefälschter oder minderwertiger Medikamente mit sich bringt. Und das das meiste, was online-gekauft wird und dann geschluckt wird ist oft völlig unnötig oder falsch dosiert.

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Autor: Helmut Jäger