Ausspannen oder (anders) Anspannen?

carlo 2015
Entspannt, aufmerksam, bereit (Carlo 2015)

Kampf ist ein ungemein beliebtes Kommunikationsmuster. Kämpfen entspannt: Manchmal liegt der Gegner danach reglos am Boden. Für den Sieger hat es sich dann scheinbar gelohnt eigene Kollateralschäden in Kauf zu nehmen. Hauptsache, das Opfer hängt „ausgebrannt“ in den Seilen.

Niemand will sich gerne in der Verliererrolle wiederfinden. Also wird trainiert, was auch immer, um sich schneller, schlauer und kräftiger als andere durchschlagen zu können. Dem Training kann mit Genussmitteln oder auch mit Medikamenten nachgeholfen werden. Die zwangsläufigen Verschnaufpausen dienen der Ablenkung. Die Überbeanspruchung des eigenen Materials wird verdrängt. Dem Ausspannen bei Wellness, Fitness oder im Sofa vor der Flimmerkiste folgt dann der nächste Kampf, gegen was auch immer. Bis es irgendwann zum Kollaps kommt. Dann hilft weiteres Ausspannen auch nicht mehr weiter.

Das Spiel von „Gegen-an – Pause – Gegen-an“ und „Kollaps“ ist für alle Beteiligten, Sieger und Besiegte, auf die Dauer ungesund. Das liegt daran, dass dieses Verhalten aus unserer Reptilienvorgeschichte stammt. Wir sind aber intelligente Säugetiere. Und die zeichnen sich gegenüber Schlangen dadurch aus, dass sie kommunizieren.

Säugetiere können zum Beispiel ihre Bewegungsprogramme maximal aktivieren oder auch gar nichts-tun und sich jeweils dabei wohlfühlen und zutiefst beruhigt sein. Dann spielen oder kuscheln sie gerade.

Jagende Säugetiere sind Krokodilen an Schnelligkeit unterlegen, aber sie benutzen ein anderes effektiveres Bewegungsmuster. Zum Beispiel schlägt eine Katze nicht gegen eine Maus. Im Gegenteil, sie entspannt sich vor der Beute, d.h. sie wird angesichts der Maus eher ruhiger, lässt zunächst die Aufdehnung ihrer Sehnen zu, bevor sie zum Fangen vorschnellt.

Was dabei geschieht, verdeutlicht ein mechanisches Bild: Ein Boot, das über einen See gleitet. Die Segel des Bootes nehmen die Windenergie mühelos auf. Wäre das Boot dagegen im Hafen fest vertäut und würde mit vollen Segeln versuchen, gegen den Wind Widerstand zu leisten, würde der Mast brechen. Zum Einfangen oder Einsaugen der äußeren Energie gehört offenbar eine flexible Struktur: in sich stabil, aber sehr beweglich. Über die Segel wird die äußere Kraft in Richtung der Wirkung der Schwerkraft umgeleitet. Der Mast biegt sich, und der Kiel ruht tief im Wasser. Gleichzeitig wird die Ruderpinne mit klarer Intension geführt. Sie sorgt dafür, dass das Boot Fahrt aufnehmen kann. In diesem Bild kommt alle Kraft und Energie von außen: Wind, Wellen, Schwerkraft. Von innen ist die Intention erforderlich und eine kompetente Abstimmung der Struktur auf die jeweiligen Gegebenheiten der Situation.

Ein anderer Aspekt des gleichen Prinzips wird beim Speerwerfen deutlich. Auch hier wäre es nachteilig, mit dem Speer gegen etwas zu hauen, ihn z.B. vor sich in den Boden zu rammen. Damit er möglichst weit fliegt, wird er paradoxerweise vor dem Wurf in die der Zielrichtung entgegengesetzte Richtung bewegt. Damit werden alle Sehnen des Körpers maximal aufgedehnt. Diese Sehnenkraft muss nur noch, im rhythmisch richtigen Augenblick des Laufes, losgelassen werden. Die Energie aus Bewegung und Schwerkraft wurde in einer Dehnung gespeichert und anschließend in plötzlicher Entspannung wieder freigesetzt.

Ohne groß darüber nachzudenken, handelt jeder erfahrene Torwart spontan nach diesem Bewegungsprinzip. Vor dem Schuss des gegnerischen Spielers ist er hellwach. Er erfasst die Gesamtsituation aller Spieler vor ihm und spürt den Raum zur Seite und hinter sich: sprungbereit, aber ohne Verspannung mit unnötiger Haltekraft. Dann sucht er den Kontakt mit dem anfliegenden Ball. Würde er gegen den Ball schlagen, weil er seine Wucht fürchtete, würde der unkontrolliert zurück ins Spielfeld prallen. Ein anderer Spieler würde das zu einem Tor verwandeln. Stattdessen gibt er im Kontakt nach, d.h. er geht mit der Flugrichtung des Balles mit und begleitet ihn. Die Schwerkraft des Torwartes lenkt die Flugbahn um, bis der Ball bewegungslos, gut geborgen vor dem Bauch ruht. Jetzt kann er beliebig wieder ausgespielt werden.

Solche Bewegungsmuster sind nichts anderes als deutlich sichtbare Formen von Kommunikation. Bei vielen Arten von Kommunikation sind die äußere Bewegungen zwar nur in Mimik oder Körperhaltung erkennbar, manchmal, wie beim Telefonieren nur in der Stimmlage wahrnehmbar, oder sie fehlen völlig, wie beim Mailaustausch. Trotzdem sind die Grundmuster, wie kommuniziert wird, die gleichen: reptilienhaft zuschnappend oder umsichtig säugetier-intelligent.

Gelänge es im Management, im Büro, in der Familie, in der Politik oder beim Sport, die inneren Dinosaurier zu beruhigen, gäbe es keine Sieger und Besiegte mehr.

„Welche Ratschläge könnte ich beiden Parteien während ihres Konfliktes geben?“
Harvard-Konzept, Roger Fischer

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Autor: Helmut Jäger