Entspannte Bewegung reicht aus!

“In der Jugend ruinieren wir unsere Gesundheit, um unseres Kontos willen; im Alter plündern wir unser Konto, um unsere Gesundheit wieder aufzupäppeln.” Gerd von Kuhnhardt, ehemaliger Leistungs-Sportler im Fünf-Kampf.

Weiter so! Bis das Knie komplett kaputt ist. (08.09.2016, www.kreiszeitung.de)

Zu wenig Bewegung schadet.
Zuviel Sport schadet auch.

Die verspielte Kindheit ist kurz. Schon im Jugend-Sport wird für „höher“, „schneller“ und  „weiter“  trainiert. Damit die jungen Erwachsenen dann eselhaft hinteren den Illusionen hinterherrennen, die vor ihrer Nase baumeln: Medaillen, Geld und Karriere.

Bis dann die Gelenke, verschlissen oder gar geschreddert sind. Oder bis die Psyche und Körper (erschüttert oder ausgebrannt) eine radikale Änderung des Lebensweges erzwingen.

Dann ist die Zeit reif für Kuraufenthalte, mit Wellness, Achtsamkeitsübungen, Biodanza, Muskelentspannung nach Jacobsen und Schnupperkursen  für QiGong, Yoga, Feldenkrais, Taiji und vielen anderen Nettigkeiten, die das Interesse für die Bedürfnisse des Körpers wecken sollen.

Gehen (ohne Übungscharakter) bewirkt positive Effekte und verdrängt negative Stimmungsschwankungen. .. Emotionen scheinen verkörpert zu sein. Miller 2016

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DPA, 21.11.2016

Man kann sich auch bewegen, ohne es zu müssen.

Man kann, in welcher Lebensphase auch immer, fließende Bewegungen geschehen lassen. So, dass sich dabei das Alltagsdenken verliert. Und die körperlichen und geistigen Verkrampfungen des Alltags nachlassen: Spazierengehen, Wandern, Schwimmen, Paddeln oder Räkeln auf einer Waldwiese und den Wolken hinterherschauen. Einfache, absichtslose Bewegungen (ohne Übungscharakter) verändern die Stimmungslage positiv, selbst dann, wenn man das davor bezweifelt hat (Miller 2016)

Es ist nachgewiesen, dass körperliche Aktivität die Risiken für unterschiedliche Krebs-, Herz-Kreislauf-, Stoffwechsel-Erkrankungen und für Schlag deutlich gesenkt kann, schon mit einem relativ geringen, aber regelmäßigen Bewegungsaufwand. (Kyu 2016)

In vielen Studien wurde überprüft, dass die Förderung der „Achtsamkeit für sich selbst“ stressbedingte oder depressive Krankheitserscheinungen günstig beeinflussen kann. Entsprechende Kurse („Mindful Self-Compassion (MSC) “ oder zu „Mindful Based Compassion Living (MBCL)“, sollen das Selbstgefühl stärken und dazu beitragen, für sich selbst zu sorgen. Sie bestehen aus Achtsamkeitsübungen, Selbsterfahrung, Emotionsübungen und Stressmanagement, sind einfach zu standardisieren und wirken (so wird berichtet) günstig (Van Gordon 2015).

Der gleiche Nebeneffekt dürfte allerdings bei allen qualifizierten gymnastischen Übungen oder entspannenden Kampfsport-Trainings auftreten und ist nicht spezifisch für eine (aus kommerziellen Gründen geschützte) Markten-Methode.

Schon einfache Gesundheitskurse, senken unabhängig vom Methoden-Mix, das Risiko älterer Menschen zu stürzen. Sie verbessern die Aufmerksamkeitsfähigkeit, die Herzleistung und das Atemvolumen. Wichtig, und daher qualitätsabhängig, bei Präventionskursen ist nur, dass die Belastungen weder zu hoch noch zu niedrig gewählt (Robertson 2015), und die Hirnleistungen im Zusammenhang komplexer Bewegungsausführungen trainiert werden (Manley 2014, Yao 2013). Sanftes, konzentriertes Übungen kann so sogar wirksam den Bedarf nach Medikamente senken (Naci 2013).

Dieser Effekt spiegelt in den sehr sorgfältigen Untersuchungen zu den subjektiven und ökonomischen Auswirkungen der Alexander-Technik (Hollinghurst 2008, Little 2008).

Beispiel Yoga

Die  Auswirkungen von Yoga sind gut untersucht, besonders hinsichtlich der  Regulierung der Atmungsfunktion und der davon abgeleiteten stress-reduzierend-psychologischen Wirkungen (Streeter 2012).

Sucht man in den zahlreichen Studien, die nachweisen sollen, dass „Yoga“ also tatsächlich „gut tut“, findet man sicher die Antwort, nach der man sucht: „Selbstverständlich fördert Yoga die Gesundheit!“ (Klatte 2016).

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Buddha in Kampf-Kunst-Schule (Bild: Jäger 2016)

Yoga kann aber, ähnlich wie Taiji, nicht definiert werden, weil es in zahllosen Varianten und anwender-lehrer-bezogen sehr unterschiedlich praktiziert wird. Deshalb fordern die Autoren der jeweiligen Studien auch regelhaft „weitere, besser standardisierte Studien“. So wird „Yoga“ dann (studienfreundlicher) zertifiziert-eingeengt auf Techniken, die philosophiefrei und kreativitätslos von jedem Lehrer bei allen Schülern unterrichtet werden. Die Dynamik (u.a. bei Kundalini) oder die Spiritualität (u.a. bei Pranayama) wird dafür ausgeklammert.

Damit geht ein wesentlicher Aspekt des Yoga verloren, da diese Übungen ursprünglich gar nicht zu „Gesundheit“, führen sollten, sondern zu einem „Eins-werden mit Allem oder Nichts“. Gesundheit ist im ursprünglichen Yoga nur ein Nebeneffekt einer umfassenden Körper-Geist-Philosophie. Mit anderen Worten: „Körperbezogenes Yoga ohne Philosophie“ ist kein Yoga, sondern höchstens eine intelligentere Form typisch europäischer Gymnastik, wie Pilates, QiBall o.ä. Warum nennt man es dann noch Yoga?

Wenn aber europäisch-zertifizierte Yoga-Gymnastik nützlich wirkt, muss sie (wie alles was wirksam ist) im Umkehrschluss auch schaden können. Und so ist es auch (Dangers_of_Yoga , Cramer 2013). Ähnliche Effekte sind auch bei Taiji dokumentiert (Yang 2015, Cochrane 2014).

Sogar scheinbar „Gar Nichts“ kann in Kursen wirksam sein

Die Art einer konzentrierten Kommunikation kann zu starken, systemischen Effekten führen. Dieser Effekt begleitet jede Behandlung, und ist oft wesentlich stärker ausgeprägt als das Resultat einer spezifisch-punktgenauen Intervention (Benedetti 2013, 2014).

Entscheidend für diese Möglichkeit der heilsamen Selbstbeeinflussung, die uns allen innewohnt, ist das Vertrauen, „dass es gut werde“. So kann eine positive Erwartungshaltung wirksam Schmerzen senken, und die Überzeugung, dass „es schlecht werde“, Schmerzen verstärken. „Positives Denken“ (ohne entspannende Bewegung) nützt allerdings nichts: Denn die dem Effekt zugrundeliegenden Hirnfunktionen laufen unbewusst ab. Sie sind einem „verkopften, wortreichen“ Großhirn-Gequassele nicht zugänglich.

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Fühlender Körper

Für leichtes entspannendes Training kann es also nützlich sein, daran zu glauben, dass es wirke. Denn die Vorstellungen, die sich aus dem genutzten Modell ergeben, können zur Harmonisierung von Bewegungen beitragen. Das Vertrauen der Schüler-Innen (zu sich selbst) hängt bei solchen Kursen von der Überzeugungskraft und Ausstrahlung der Lehrer-Innen. Diese sollten von der Sinnhaftigkeit ihrer Methode überzeugt sein, denn sonst würden sie (unbewusst) durch Mimik, Sprachmodulation oder Körperhaltung vermitteln, dass sie etwas vortäuschten. Und das zerstörte den Effekt.

Die Art der Bewegung ist wichtiger als die Methode

Bewegungs-Lehrer-Innen sollten so authentisch wie möglich vermitteln, was sie selbst an der Methode, die sie vorführen, begeistert. Dann haben sie die größten Chancen ihrer Schüler-Innen mit zuziehen. Und das tut diesen meist auch gut.

Es ist allerdings mit Risiken verbunden, wenn die Illusion vermittelt wird, dass „nur diese“ Zugangsweise zu Bewegung und Geist „die einzig wahre“ sei. Denn daraus würden sich langfristig negative Effekte ergeben: z.B. Verkrampfung, Verengung des Bewegungs-Spektrums, Abhängigkeit.

Entspannt bewegen

Bewegung

Kampfkunst

Überprüfung von Kursqualität

Literatur

  • Benedetti F: Placebo and the New Physiology of the Doctor-Patient Relationship. Phys Rev 2013, 93(3):1207-46
  • Benedetti F: Placebo effects: From the Neurobiological Paradigm to Translational Implications, Neuron 2014, 84: 623-637
  • Cochrane Database Syst Rev. (Hartley L): Tai chi for primary prevention of cardiovascular disease. 2014, www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/24715694
  • Cramer H: Adverse Events Associated with Yoga: A Systematic Review of Published Case Reports and Case Series PLOS ONE 2013, 8(10):e75515
  • GKV-Gesundheitskursevaluierung (basierend auf Kliche 2010): www.gkv-spitzenverband.de/krankenversicherung/praevention_selbsthilfe_beratung/praevention_und_betriebliche_gesundheitsfoerderung/evaluation/evaluation.jsp
  • Hollinghurst S, Sharp D, Ballard K, Barnett J, Beattie A, Evans M et al.: Randomised controlled trial of Alexander technique lessons, exercise, and massage (ATEAM) for chronic and recurrent back pain: economic evaluation. BMJ 2008;337:a2656
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  • Kaptchuk T: (2010) Placebos without Deception: A Randomized Controlled Trial in Irritable Bowel Syndrome. PLoS ONE 5(12): e15591
  • Kaptchuk T: The Web that has no weaver. Understanding Chinese Medicine. Neww York. McGrawHill 2000
  • Kaptchuk Web-Site: http://tedkaptchuk.com
  • Klatte R et al: Wirksamkeit von körperorientiertem Yoga bei psychischen Störungen. DÄ 2016 113(12)195-201. aerzteblatt.de/pdf.asp?id=175449
  • Kliche T: Gesundheitswirkungen von Prävention: Erprobung des Evaluationssystems der Krankenkassen im Individualansatz und erste Befunde aus 212 Gesundheitskursen, Gesundheitswesen 2010; 72: 1 – 6. Darauf basiert das Evaluierungssystem der GKV
  • Kuhnhardt G.
  • Kyu Physical activity and the rick of breast cancer, diabetes, schemic heart disand ischemic stroke events … BMJ2016; 354:i3857
  • Little P: Randomised controlled trial of Alexander technique lessons, exercise, and massage (ATEAM) for chronic and recurrent back pain, British Medical Journal 2008; 337:a884
  • Manley H, Dayan P, Diedrichsen J (2014) When Money Is Not Enough: Awareness, Success, and Variability in Motor Learning. PLoS ONE 9(1): e86580.
  • Miller JC et al: Walking Facilitates Positive Affect (Even When Expecting the Opposite). Emotion. 21.04.2016 [Epub ahead of print]
  • Robertson C: Effectiveness and economic evaluation of a nurse delivered home exercise programme to prevent falls. Controlled trial in multiple centres, BMJ 2001, 322:1–5
  • Streeter C: Effects of yoga on the autonomic nervous system, gamma-aminobutyric-acid, and allostasis in epilepsy, depression, and post-traumatic stress disorderC.C Medical Hypotheses 78 (2012) 571–579
  • Van Gordon W: Does mindfulness work? BMJ 2015, 351:h6919
  • Yang GL: Evidence Base of Clinical Studies on Tai Chi: A Bibliometric Analysis, PLOS ONE 2015, DOI:10.1371/journal.pone.0120655 March 16, 2015: 1-13
  • Yao W: Kinesthetic imagery training of forceful muscle contractions increases brain signal and muscle strength. Frontiers in Human Neuroscience, 2013, 7:561

Autor: Helmut Jäger

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