Bewegtes oder starres Becken?

Jäger H.: Bewegtes Becken, TQJ 2015, 1:16-22

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Das Becken ist innen beweglich (Jäger)

Im Abstellraum meines Klassenzimmers verstaubte ein klappriges Skelett. In seiner Mitte hing etwas, das aussah wie eine am Boden durchgerostete Suppenkelle. Es konnte nur bewegt werden durch seinen nach oben reichenden Stil und die beiden Kugeln, die außerhalb des Bodenrandes mit Draht befestigt waren. In sich war es starr.

Dieses einfache Modell eines Beckens reicht völlig aus für die meisten Alltagsbewegungen.

In der Geburtshilfe dämmerte mir dann, dass das Becken eigentlich in sich beweglich sein müsste. Sonst wäre die Menschheit – vor Einführung des Kaiserschnitts – ausgestorben. Ich erlernte, wie ein kindlicher Körper durch ein Becken hindurch passt, und konnte ihn schließlich auch gut mit Händen greifen. Aber „in mir“ fühlte ich damals keine Beckenbeweglichkeit und empfand das auch nicht als Mangel.

Als ich dann irgendwann versuchte, mich von meiner Mitte aus zu bewegen, um mein Becken „wie auf Wasser“ schwimmen zu lassen, scheiterte ich kläglich. Und fragte mich warum. Möglicherweise krabbelte ich nicht lange genug als Vierfüßler. Stattdessen hing ich als Baby in einem (damals modernen) Fahrgestell, in dem ich mit den Beinchen strampeln und mich viel zu schnell fortbewegen konnte. Die Händchen griffen fröhlich in die Bücher- und Küchenregale, während die Hinterbeinchen schwächeln durften.

Das rächte sich: Ich musste später viel üben, um die Innenbeweglichkeit meines gealterten Beckens wiederzuentdecken.

Der Zusammenhang

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Bewegtes Gelenk: Knochenstangen, Muskeln, Schwerkraft, gedämpft durch Flüssigkeit und Scheiben, und gebremst durch Bänder, deren Entdehnung Schub entwickelt. (Jäger)

In lebenden Wesen existieren keine voneinander trennbaren Knochen, Muskeln, Nerven, Blutgefäße, Bindegewebsfasern, sondern nur trampolinähnliche Netzwerke, die sich aus sehr unterschiedlichen Strippen und eingewebten Biegeelementen zusammensetzen. Die beteiligten Struktur- und Bewegungselemente des Ganzen stehen unter Zug und sind in ihrer Funktion integriert (sogenannte Tensegrity). Isoliert betrachtet ergeben sie keinen Sinn der Funktion und der Wirkung. (Myers)

In Tensegrity-Gebilden werden Druck und Belastung gleichmäßig über alle beteiligten Elemente verteilt. Es sei denn, irgendwo gäbe es eine Blockade: Die würde dann zwangsläufig bei Überlastung Schäden nach sich ziehen.

Um diesen ganzen Bewegungsapparat zu verstehen, muss man oder frau ihn fühlend bewerten können. Und damit das gelingt, muss gespürt werden, was Sinneszellen, leise und leicht überhörbar, melden: vom Spannungszustand innerer Muskulatur, von den Körperrhythmen, von Wärme oder Schmerz und von Strukturen, die sich wechselseitig oder zeitgleich anspannen und entspannen.

Menschen sind aufrecht stehende Vierbeiner. Sie können mit Abstand besser laufen und werfen als andere große Affen. Beim Gehen wackeln sie nicht wie Schimpansen weit vorgebeugt mit dem Oberkörper. Und sie müssen sich auch nicht mühselig mit Hilfe langer Arme nach vorne schieben. Vielmehr konnten unsere Urahnen flott und ausdauernd durch die Savanne laufen und mit Steinen in der Hand Kleingetier erjagen.

Dazu befähigte sie und uns unter anderem die perfekte Konstruktion des Beckens und des Schultergürtels. Laufen ist leichtfüßiges, der Schwerkraft entgegenwirkendes, parallel zur Erde ausgerichtetes Springen und Hüpfen, bei dem idealerweise, ähnlich wie bei Kängurus, Bewegungsenergie dazu benutzt wird, elastische Strukturen aufzuladen und wieder zu entspannen. Beim Werfen dagegen werden die Bewegungsenergie und die Schwerkraft in vertikal wirkende Kraft verwandelt, wobei sich die Faszienzüge vom Boden bis zu den Händen aufdehnen. Genial am Werfen ist, dass die Muskelkraft im Prinzip nur dazu benötigt wird, Gelenke und Fasern maximal in die dem Wurf entgegengesetzte Richtung aufzuziehen. Dazu muss beim Gehen oder Laufen der Bewegungsrhythmus der Diagonaldynamik genau im richtigen Moment in die Passmotorik des Werfens übergehen (Kirschmann, Liberman, Roach, Weywar).

Die Koordination von Laufen und Werfen beruht nicht nur auf den Fähigkeiten des Beckens, Lasten aufzunehmen und mit dem Boden zu verbinden, und der Schulter, sich weit nach hinten räkeln zu können. Sie ist zudem eine Hochintelligenzleistung, zu der Affen nicht fähig sind. Befehle des Gehirns an den Bewegungsapparat wären aufgrund der trügerischen Meldungen der Sinnesorgane viel zu langsam. Stattdessen muss das Gehirn Meldungen der inneren und äußeren Sinne, Vergangenheitserfahrungen und Zukunftsvisionen zeitgleich parallel miteinander abgleichen. Damit entsteht eine „Fühl-Körper-Bewusstheit“, die nicht nur Nervenimpulse, sondern auch die viel schneller geleiteten Spannungszustände der Sehnenfasern einbezieht.

In diesen Gesamtschwingungsmodus rutschen dann die automatisch ablaufenden antrainierten Bewegungsmuster wie von selbst und genau passend hinein. Wer auf Bewegung reagiert und schnell wirft, kommt immer zu spät. Werfen muss im Bewegungsfluss des Ziels und des Werfenden geschehen: nicht schnell, sondern sofort. Und das geschieht nur, wenn das Gehirn zulässt, dass das Becken und die Schulter das tun, was sie gut können.

Becken und Geschlecht

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Männlicher und weiblicher Schambogen (Jäger)

Das männliche Becken mit einem spitzeren Schambogenwinkel befähigte unsere Steinzeiturgroßväter dazu, tagelang Antilopenherden zu verfolgen, um schließlich ermüdet-kranke Tiere mit einem Wurf zu erledigen. Das weibliche, breiter ausladende Becken eignet sich dagegen besonders für differenzierte Innenbewegungen, die Lasten aufnehmen und sie wieder abgeben.

Bei Frauen liegen die Sexualorgane geschützt und verborgen im Becken, beim Mann imponieren sie nach außen. Schamanen aller menschlichen Kulturen maßen diesem scheinbar zufälligen anatomischen Unterschied große Bedeutung bei.

Das Ziel ihrer urzeitlichen Rituale war Machtausübung in sozialen und in Umwelt-Beziehungen: Die Beeinflussung und Beherrschung des Verborgenen. Die mächtigste Energie der damaligen Menschen, die sie von Neandertalern unterschied, war Eros, die starke Aufteilung männlicher und weiblicher Rollen. Sie vermittelten, was getan werden musste, um „als Held“ oder „Schönheit“ begehrt zu werden. Sex (Bedürfnisbefriedung) war nur erreichbar, wenn zuvor viel geleistet und das Leben riskiert worden war. Daher bringt Eros viel Sehnsucht und Verlangen mit sich und eher wenig Sex. Die Macht von Eros wurzelt aber in der Sexualfunktion, und die liegt im Becken. In allen frühen menschlichen Kulturen ging es deshalb darum, die mächtige Urkraft der Sexualität zu beeinflussen und für Machtausübung nützlich zu kanalisieren.

Schamanen orteten weltweit die dafür entscheidenden Energiezentren etwa da, wo die weiblichen Sexualorgane im Becken ruhen, und nicht etwa im Darm oder in den männlichen Sexualorganen. Schamanen in Mexiko vermuteten zum Beispiel, dass Frauen direkter mit der „Matrix“, dem Energienetz, das alles mit allem verknüpfe, verbunden seien. Männer müssten daher wesentlich härter trainieren, um sich eine Beziehung zum „Deep Mind“ zu erarbeiten: zur reinen, klaren, punktgenauen, unmittelbar und widerstandslos wirkenden Intension. Frauen „hätten die Verbindung zwar, aber wüssten es oft nicht“. (Castaneda)

Ähnliche Auffassungen finden sich weltweit in den Ritualen heute noch steinzeitlich lebender Stämme und in den Religionen, die schamanistische Praktiken integrierten, wie Voodoo, Sufi, Tantra, tibetanischer Buddhismus, Daoismus (Ishinpō u. a.). Das Becken war und ist für erlebnisorientierte steinzeitliche Heiler und Zauberer und auch für heutige philosophische Mystiker ein Ort der Lebenskraft, die pulsiert und alles andere durchströmt.

Bei Untersuchungen, ob sich männliche und weibliche Top-Level-Kämpfer und Kämpferinnen im Karate unterschiedlich verhalten, fand man unter anderem heraus, dass Frauen eher treten und Männer eher schlagen. (Tsolakis, Tabben). Das hat etwas damit zu tun, dass Männer und Frauen unterschiedlich gebaut sind. Das knöcherne weibliche Becken mit breiterem Schambogenwinkel eignet sich besser zum Aufnehmen von Last und zum Tragen. Frauen sind von ihrem Bewegungsapparat stabiler vertikal ausgerichtet und in der Bewegungsfähigkeit weniger eingeschränkt als Männer. Die sind dagegen eher ausdauernde (horizontal bewegte) Läufer und vor allem Werfer, das heißt sie können die Dynamik des Schultergelenkes besonders gut nutzen. Vielleicht spielen aber auch psychologische Gründe eine Rolle: Bei Tritten bleiben Gegner eher auf Distanz und die Brust ist geschützter.

Becken und Gehirn

Zum archaisch-schamanistischen Erfühlen des Beckens passen auch moderne wissenschaftliche Beobachtungen. Denn das Becken ist in einer ganz besonderen Weise durch Nerven versorgt, die es – anders als den weitgehend selbstständigen Darm – direkt mit dem Gehirn verbinden. Der Prozess der störungsfreien Verbindung dieser beiden Organe erfordert eine enge Mutter-Kind-Bindung in den ersten Lebensmonaten und Jahren. (Jäger) In diesem Zeitraum wachsen Nervenbahnen vom Stammhirn in die Beckenregion und werden durch eine Schutzschicht ummantelt. Erst wenn das geschehen ist, werden Kinder trocken. Bis sie dann so komplexe Funktionen wie einen Orgasmus beherrschen, vergehen noch viele Jahre.

Die bis ins Becken reichenden Fasern, die über den Vagus-Nerv verlaufen, haben im Wesentlichen eine beruhigende Funktion. Sie vermitteln, dass sowohl „sich nicht bewegen“ als auch „aktiv sein“ lustvoll sein können. Beides ist Grundlage für befriedigende, spielerisch-leichte Sexualität. Und ohne diese beruhigende Funktion entstünde Stress: Stillhalten als Krampf und Aktivität als Blockade. (Porges)

Kinder lernen in den ersten Lebensjahren, Beckenmuskeln rhythmisch zeitgleich oder sich abwechselnd anzuspannen und loszulassen. Die Veränderung von Spannung und Entspannung der Beckeninnenorgane verläuft weitgehend unbemerkt. Zum Beispiel wird die Harnblase bei entspannter Muskulatur stetig aufgefüllt, während ihr Verschluss dafür sorgt, dass kein Urin unbemerkt entweichen kann. Beim Wasserlassen lässt die Muskulatur des Blasenbodens los und die Blasenmuskulatur zieht sich zusammen. Dieses Wechselspiel zwischen Anspannung und Entspannung gilt in ganz ähnlicher Weise für die Funktion der Gebärmutter während des Menstruationszyklus, der Schwangerschaft (Verschluss des Muttermundes und Entspannung der Haltemuskeln) und der Geburt (Loslassen des Muttermundes und zugleich Anspannung durch Wehen). Beim Mann sind es die Füllungszustände in den Samenblasen und in der Prostata, bei denen Spannung und Entspannung durch Entleerung sich abwechseln. Die dafür nötigen Steuervorgänge sind sehr komplex, beziehen zahlreiche Hirnfunktionen und Hormone mit ein und sind deshalb sehr störanfällig.

Konflikte im Becken

Sinnliche Wahrnehmung, das Empfinden von Energiefluss und die physischen Funktionalität des Beckens sind sehr eng miteinander verwoben und daher für auch Störungen leicht anfällig. Wenn Menschen lieben entstehen Gefühle und Empfinden in einer Verkörperung, bei der insbesondere das Becken und seien Innenorgane von entscheidender Bedeutung sind. Das Erleben beglückender Sexualität kann dann auch im Bewegungsalltag entspannte Beckenbewegungen begünstigen. Umgekehrt können Andererseits können Missbrauch, Traumatisierung, Zwangsvorstellungen, Versagens-Ängste und Stress zu Blockaden im Beckenbereich führen und die Beckenbeweglichkeit behindern oder erstarren lassen.

Die Vorstellungen, die im Gehirn aus zuvor abgespeicherten Körpererfahrungen und Gefühlen entstehen, gehen den Beckenbewegungen voraus. Sie sorgen für passende (oder unpassende) Muskel-Sehnen-Knochen-Blutgefäß-Einstellungen, die wiederum die Bereitstellungsenergie bestimmen, die der eigentlichen Bewegung vorausgeht.

Das „Bewusstsein“ braucht viel zu lange, um ein Ich zu erzeugen und das, was da geschieht, zu bewerten. Wenn es in komplexen Bewegungszusammenhängen denkend und scheinbar steuernd herumfummelt, blockiert das Becken, wie so oft bei modern-sitzend-gestressten Menschen. Was der Beckenfunktion vorausläuft, ist Intension, eine Vorstellung, die einen sehr konkreten Raum der Möglichkeiten eröffnet (zum Beispiel „Sex!“). Das Becken stimmt dem freudig zu und bereitet sich voller Energie darauf vor und dann geschieht es auch.

Psychosozialer Stress und sexuelle Störungen können leicht zu „Konflikten im kleinen Becken“ führen: zu vielgestaltigen Krankheitsbildern wie häufiger Harndrang, chronische Reizungen (Prostatitis, Urethritis), Schmerzen, Rhythmus- und Hormonstörungen, Endometriose und vielen andern psychosomatisch beeinflussten Leiden.

Das Gehirn erzeugt also besser keine Befehle, was das Becken tun soll. Therapeutische Anweisungen, wie „entspann dich, lass die Hüfte los, sink in die Mitte, …“ sind zwar gut gemeint, aber eher verspannungsförderlich. Denn die Fähigkeit, die Hüftregion (das Kua) zu öffnen, hat etwas mit Gelassenheit, Selbstvertrauen und der Erfahrung befriedigender Sexualität zu tun. Wenn die Psyche entspannt, kann es das Becken vielleicht auch. Und geht es dem Becken gut, strahlt das zurück auf die Stimmung, die im Gehirn erzeugt wird.

Beckenmechanik

Die Elemente, aus denen das Becken aufgebaut ist, sind nicht voneinander isoliert: Muskeln-Sehnen-Knochen bilden im Becken kontinuierliche Übergänge, bei denen alle Zellen durch innere Kollagenfasern (Zytoskelette) miteinander verwebt sind. Knöchern-biegsame Elemente dienen Halt und Beschleunigung. Fasern nehmen Druck, Zug und Fliehkräfte auf, speichern durch Streckung Bewegungsenergie und bremsen Bewegung ab. Die Innenbänder des Beckens gehören zu den stärksten des Körpers. Die Kontraktion von Muskeln dient der Faszienaufdehnung und dem Erzeugen von gerichtetem Schub, während andere Muskelfasern gerade entspannen.

Die Außenbewegungen des Beckens sind willkürlich relativ gut beeinflussbar. Das Becken ist aufgehängt in den großen Muskel- und Bindegewebssträngen, die von den Füßen über Rücken und Brust bis zum Kopf ziehen. Je besser diese Verbindungen in Ganzkörperbewegungen (bei Yoga, Qigong, Taijiquan, Feldenkrais, Alexander, Pilates …) trainiert werden, desto lockerer kann das Becken durch Außenbewegungen in die für seine Funktion optimalen Positionen rutschen. Es kann zum Beispiel seitlich oder nach vorne oder hinten gekippt, gebeugt oder gestreckt werden.

Die Innenbewegungen des Beckens sind dagegen der Willkür nur schwer zugänglich und deshalb auch weitgehend unbekannt. Um sie wahrzunehmen, muss die große äußere Muskulatur, die das Hüftgelenk fixiert, entspannt werden. Die Aufmerksamkeit muss in den Beckeninnenraum fließen, am besten bei bleibender Wahrnehmung des ganzen Körpers und des Atemflusses.

An den Innenbewegungen des Becken sind Knochen beteiligt: Steißbein (Os sacrum), die schwanzähnlichen Knöchelchen (Os coccygyum) und die beiden schaufelartigen Darmbeine (Os Ileum). Sie sind mit starken Bändern zu den Gelenken der Lendenwirbelsäule und zum Oberschenkelknochen verbunden. Weitere Bänder vertäuen die Knochen untereinander (Ligamentum sacrospinale und Ligamentum sacrotuberale).

Die Auslenkung der Fasern der Beckeninnengelenke macht zwar in der Regel nur wenige Millimeter aus. Ihre Dehnung kann aber eine erhebliche Schubwirkung entfalten. Dabei sind folgende, hier zunächst isoliert betrachtete Bewegungen möglich (Calais-Germain):

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Darmbein und Kreuzbeindrehungen (Jäger)

Mehr Platz im Beckeneingang schaffen:

  • Der untere Teil des Kreuzbeins nähert sich dem vorderen Beckengelenk („Symphyse“): sogenannte „Gegen-Nutation“ des Kreuzbeins.
  • Drehung des Darmbeinschaufeln nach hinten bei fixiertem Steißbein: sogenannte „Nutation“ der Darmbeine.
  • Der obere Anteil der Darmbeine kippt nach außen, der unterer nach innen: sogenannte Darmbeinabduktion.

Formveränderung des Beckens

  • Innendrehung (Rotation) der Darmbeine: Stauchung des vorderen Beckengelenkes („Symphyse“)
  • Außendrehung (Rotation) der Darmbeine: öffnende Dehnung des vorderen Beckengelenkes („Symphyse“)

Mehr Platz im Beckenausgang schaffen:

  • Der untere Teil des Kreuzbeins entfernt sich von der Symphyse: „Nutation des Kreuzbeins“
  • Drehung der Darmbeine bei fixiertem Steißbein: „Gegennutation“ der Darmbeine nach vorn. (hier müsste noch ein Hinweis auf die Richtung dazu)
  • Der obere Anteil der Darmbeine kippt nach innen, der untere nach außen: sogenannte Darmbeinadduktion.
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Öffnung des Beckeneingangs („Supination“), Grün: Öffnung des Beckenasusgangs („Pronation“) (Jäger)

Solche inneren Bewegungen erfolgen immer kombiniert und abhängig von der Position und Außenbewegung des Beckens. Die Verbindung der Möglichkeiten der Beckeninnenbewegungen führt im Prinzip zu einer Öffnung des Eingangsbereichs (sogenannte „Darmbein-Supination“).

Die Verlagerung des Gewichtes auf einen Fuß, Innen- und Außenrotation, Wegstrecken (Abduktion) und Heranführen (Adduktion) des Beines, Beugung in der Kniekehle und Hüftdrehung spiegeln sich in Auslenkungen der Innenbewegungen, die für einen elastischen Druckausgleich sorgen. Bei Verspannungen der Innengelenke ist es möglich, ihre Beweglichkeit durch Massagen, Wärme und sanften Schub auf den oberen Rand der Darmbeine und auf das Steißbein zu lösen.

Das, was bei einem Skelettmodell als Loch erscheint, wird bei einem lebenden Becken von einer trampolinartigen Faszien- und Muskelschicht erfüllt. Sie sieht von oben betrachtet becherförmig aus und besteht vereinfacht aus drei Komponenten. Im seitlichen Bereich ziehen starke und tief unter der Gesäßmuskulatur liegende Muskeln vom Rand des Kreuzbeines und von der vorderen Öffnung des Darmbeines zum oberen Höcker des Oberschenkels. Im Wesentlichen öffnen sie die Hüfte und sorgen für Drehung (Rotation) nach außen.

Die untere Öffnung wird verschlossen von einer Muskelmembran, die vom Steißbein zum Unterrand der vorderen Darmbeinöffnung zieht. Sie lässt eine Lücke für den Durchtritt der Harnröhre, bei Frauen der Vagina und für den Darm. Sie enthält einen starken Muskelstrang, der den Darm nach hinten ziehen kann (Levator ani Muskel).

Eine dritte Muskelschicht bedeckt den Bereich der Faszienlücke im Schambogenwinkel dreiecksförmig und hilft beim Verschluss der durchtretenden Körperöffnungen. Die Funktionalität der Beckeninnenmuskulatur ist bei Männern deutlich stabiler, weil bei ihnen nur die Harnröhre und der Darm durchtreten müssen. Senkungsprobleme sind daher bei Männern Raritäten, während sie im Alter bei Frauen relativ häufig vorkommen.

Beckenbeweglichkeit und Geburtsvorgang

Die menschentypische Fähigkeit zu intensiver sozialer Kommunikation erfordert ein sehr großes Gehirn. Babys werden deshalb, im Vergleich zu anderen Säugetieren, sehr früh geboren, weil sonst ihr relativ großer Kopf das Becken nicht mehr passieren könnte. Das ist (auf natürlichem Weg) nur möglich bei Nutzung der Beckeninnengelenke. Die Dynamik der inneren Bewegung entsteht nicht nur durch Anspannung und Schwerkraft, sondern ebenso durch Loslassen. Die Entspannung („die Türöffnung“) muss immer einem Druckaufbau („durch die Tür treten“) vorausgehen.

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Darmbeine, Lendenwirbelsäule und Ileo-lumbale Haltebänder. Sie sind nicht zum Halten geeignet und schmerzen leicht bei fehlerhaftem Anheben aus der Lendenwirbelsäule. Bei schwangeren Frauen bereiten sie Beschwerden, sobald durch Auflockerung die Innenbeweglichkeit des Beckens zunimmt (Jäger)

Gegen Ende der Schwangerschaft senkt sich der kindliche Kopf ins Becken, während sich die Beckeninnengelenke lockern. Beides ist beschwerlich und oft auch mit Rückenschmerzen verbunden. Kippbewegungen des Beckens nach vorn-hinten, nach rechts und links und kreisende Bewegungen (liegende Acht) können diesen langsamen Prozess des „Einfädelns“ des kindlichen Kopfes erleichtern.

Während der Geburt verändert das Becken seine Gestalt. Die Verformung durch den Zug der Rückenmuskeln auf das Kreuzbein („Nutation“, „Gegennutation“) und die Stellung des Oberschenkels (Abduktion, Adduktion, Innen- und Außenrotation) kann von der Frau bewusst gesteuert werden. In der Eröffnungsperiode der Geburt, wenn der Muttermund noch weitgehend geschlossen ist, können Frauen sehr aktiv durch Positionswechsel und Beckenbewegungen das Tiefertreten des Kopfes in den Beckeneingang unterstützen. Sie können spazieren gehen, sich während der Wehe vom Partner gehalten „fallenlassen“, die Beine in unterschiedliche Richtungen horizontal und vertikal verdrehen oder Treppen steigen, ausruhen und sich zwischendurch durch Gespräche ablenken.

Rutscht der Kopf dann in die mittlere Beckenebene, wird die äußere Beweglichkeit eingeschränkt. Die Konzentration auf die innere Entwicklung nimmt zu. Der mentale Zustand kann sich dabei deutlich verändern: Eine „Bewusstheit“, die bisher glaubte, alles unter Kontrolle zu haben, weicht einer klaren, zielgerichteten Intension, die nichts mehr steuert, sondern stattdessen den automatisch laufenden physiologischen Vorgang möglichst günstig beeinflusst. Dieser scheinbare Kontrollverlust kann Angst und Widerstand auslösen, insbesondere bei Frauen, die sonst alles gern „im Griff“ haben, oder die der Automatik nicht trauen können, weil sie früher verletzt oder missbraucht wurden.

In der letzten Phase der Geburt (Austreibungsperiode) muss der kindliche Kopf im Becken der Frau eine Drehung vollziehen. Das Kind tritt mit dem Längsdurchmesser des Kopfes in das Becken ein und kommt mit dem Hinterkopf über den Damm hervor. Damit das möglich ist, muss sich der knöcherne Beckenausgang erweitern, und das ist nur möglich, wenn sich zugleich der Beckeneingang, der jetzt über dem Kopf liegt, schließt. Idealerweise hat das Beckeninnere dabei Bewegungsfreiheit und ist so ausgerichtet, dass die Schwerkraft gleichgerichtet (synergistisch) wirken kann. Ein Tiefertreten des Kindes durch den Zug der Schwerkraft und den Schub der sich zusammenziehenden Gebärmutter dehnt die Haltebänder des Beckens auf, deren anschließende Ent-Dehnung das Kind weitervorwärtstreiben.

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Hüftgelenk: Kapsel und starke Bänder (Jäger)

Schließlich wird die Innenmuskulatur des Beckens so weit wie möglich nach hinten und außen weggezogen, um den Durchtritt durch die muskuläre vordere Lücke zu erleichtern. Dieser Prozess der Aufdehnung der Gewebeplatte des Beckenbodens dauert einige Zeit, und überstürztes Antreiben der Gebärenden („Pressen!“) kann leicht zu Verletzungen führen.

Beckenbewegung in der Übungspraxis

Viele Zusammenhänge, die bei der Geburt beobachtet werden können, haben auch für Qigong und Taijiquan Bedeutung: Die Abfolge von Intension – Bereitstellungsenergie (Atem) – Bewegung. Und natürlich auch das Loslassen, um Beckeninnenbewegungen zu ermöglichen. Oder die Wirkung der Schwerkraft, die Bänder aufdehnt, in denen Bewegungsenergie gespeichert werden kann. Und auch das Zurückziehen der Beckenmuskulatur nach hinten und außen („Anus einziehen“). Und schließlich das Öffnen der Hüftgelenksregion in Synchronisierung mit der Schulter.

Bevor mit dem Becken etwas „gemacht“ wird, und sei es „zu entspannen“, wäre es gut, etwas zu erleben. Ganz ohne Zutun. Zu lauschen, ob es sich gut oder unangenehm anfühlt. Spüren, was die Sinneszellen melden, und es vielleicht aus einem Stand langsam schaukelnd in Bewegung gleiten zu lassen.

Anstrengungen, Beckenbewegungen richtig-korrekt und zielorientiert-geschickt auszuführen, können leicht zu Verspannungen führen. Deshalb ist mentales Loslassen so wichtig: weniger wollen und mehr bei dem sein, was ist. Wenn es gelingt, den ganzen Körper zu fühlen, kann sich das Becken leichter entspannt in einen Zusammenhang einfügen. Damit ordnet sich Bewegung in einen Gesamtkontext und das Risiko für überspannte Fokussierungen sinkt.

Sensibilitätstraining des Beckens ist wichtiger als Kontraktionsübungen, die Muskulatur stärken sollen. Zum Beispiel ist es möglich, wahrzunehmen, welche Auswirkungen die Veränderungen der Druckverhältnisse im Bauchraum während der Atmung haben. Bauchatmung (oder oft etwas ungewohnte) umgekehrte Bauchatmung sollten fließen. Werden sie bewusst gesteuert, verkrampfen sie.

Im Stehen kann sich Beckenbeweglichkeit entfalten, wenn bei spannungsarmer Aufrichtung Hüft- und Schultergelenke sich gleichermaßen lösen. Es ist dann angenehm mit dem Becken zu spielen: liegende Acht, Diagonalbewegungen, Rechts-Links-Bezugswechsel, Kippen, Kreisen, Innen- und Außenverdrehung eines Beines, Einbeinstand, Hocken, Entengang oder bewegtes Sitzen auf einem Gymnastikball.

Bei Partnerübungen oder mit dem Taiji-Stab (Bang) kann geübt werden, unter Belastung im Becken loszulassen, während die Hände tasten und fühlen. Und dann kann trainiert werden, wozu das Becken gebaut ist: Last aufnehmen und abgeben, Bewegungsenergie speichern und wieder hervorschnellen lassen.

Beim Üben lohnt es, genderspezifische Unterschiede wahrzunehmen. Frauen und Männer sind unterschiedlich gebaut. Sie fühlen und spüren anders in ihren Becken. Statt diese Gegebenheiten geschlechtsneutral zu ignorieren, können sie als Qualitäten wahrgenommen und genutzt werden.

Mehr

Literatur

  • Beckenanatomie: Anatomyzone
  • Calais-Germain B: Anatomie der Bewegung, Marix 2012; dies.: Das bewegte Becken, Elwin Staude 2013
  • Castaneda C: Magical Pases. Harper Collins 1998
  • Ishinpō u. a.: Übersetzung sexueller Praktiken aus der Tang- und Sui-Zeit  und Douglas Wile: Art of the Bedchamber: The Chinese Sexual Yoga Classics Including Women’s Solo Meditation Texts, 1992, Auszüge
  • Jäger H: Wie wichtig sind die ersten Lebenstage? 2013
  • Kirschmann: Das Zeitalter der Werfer, Eigenverlag 1999
  • Lieberman DE et al.: Foot strike patterns and collision forces in habitually barefoot versus shoe runners, in Nature 2009/463, Seite 531-535
  • Myers T: Anatomy Trains, Myofascial Meridians, Churchill Livingstone 2014
  • Porges St: The polyvagal perspective, in Biological Psychology 2007; 74, S. 116-143; ders.: Love: an emergent property of the mammalian autonomic system, in Psychoneuroendocrinology 1998; (23)8, S. 837-861; ders.: Social engagement and attachment: a phylogenetic perspective, in Annals of the New York Academy of Science 2003; 1008, S. 31-47; Website: http://stephenporges.com (z. T. auch auf Deutsch)
  • Roach et al.: Elastic energy storage in the shoulder and the evolution of high-speed throwing in Homo, in Nature 2013/498, Seite 483–486
  • Tsolakis C et al.: Acute effects of two different warm-up protocols on flexibility and lower limb explosive performance in male and female high level athletes, in Journal of Sports Science and Medicine, 2012 11(4), Seite 669–675
  • Tabben et al.: Time-motion, tactical and technical analysis in top level karatekas according to gender, match outcome and weight categories, in Journal of Sports Sciences 2014
  • Weywar A: Gehen-Laufen-Werfen. Die angeborene Fortbewegung des Menschen nach Dr. Max Thun Hohenstein, Institut für Sportwissenschaft Salzburg 1996

Autor: Helmut Jäger