Eberhard Gockel und die Geburt der Epidemiologie

Die Aufgabe des Arztes ist es, Krankheit zu erkennen,
und die der Politik, sie zu beseitigen. Rudolf Virchow, 1821-1902

Die Epidemiologie untersucht Verbreitung, Ursachen und Folgen von Krankheits-Ereignissen in bestimmten Bevölkerungsgruppen.

Als erster Epidemiologe gilt der Londoner Arzt  John Snow. Er vermutete 1854, dass Cholera durch Trinkwasser verbreitet würde, und konnte in London eine „Cholera-Pumpe“ identifizieren und versiegeln lassen. Danach ebbte die Epidemie ab.

Aber bereits 150 Jahre vor ihm war es dem Stadt-Physikus Eberhard Gockel in Ulm gelungen, durch sorgfältige Studien die Ursache einer anderen  wichtigen Seuche nachzuweisen.

Bleivergiftung

Über das Süßen von saurem Wein mit Bleiweiß
und den großen Schaden für die, die ihn trinken. (Eberhard Gockel, 1697)

Eberhard Gockel enträtselte, warum Ulmer Bürger periodisch an „Bauchgrimmen“ (Colica pictonum) litten:

Sie waren mit Bleiweiß vergiftet worden. (Eisinger 1982)

eberhard gockel
Eberhardus Gockelius. (Bildquelle: Eisinger)

 

Die erste Hygiene-Verordnung Europas

Gockel wies durch seine systematisch-statistischen Aufzeichnungen nach, dass die Fallzahlen von Colica pictonum mit der Entwicklung des Weinpreises zusammenzuhängen schienen. Um die Verkaufszahlen zu steigern, schien in Jahren schlechter Weinernte saurer Wein mit einem „Nervengift“ versüßt worden zu sein. Nach Besuchen in den Weinbergen vermutete Gockel, dass es sich um Bleiweiß handele.

Bleiweiß schmeckt süß und konserviert. Deshalb wurde es damals häufig von den Winzern genutzt. In verdächtigen Weinproben konnte Gockel mittels Schwefelsäure eindeutig Blei nachweisen. Anschließend testete er seine Vermutung bei gesunden Mönchen, die sonst keinen Wein tranken. Nachdem er sie gebeten hatte, reichlich blei-versüßten Wein zu trinken,  traten bei ihnen tatsächlich die typischen Anzeichen des Bauchgrimmens auf.

Aufgrund seiner Dokumentationen und Analysen gelang es Gockel die politischen Autoritäten zu überzeugen, dass das Verbleien von Wein in Ulm verboten werden sollte. (Eisinger 1982)

Blei-Vergiftungen gibt es bis heute

Verseuchungen mit Blei sind für die kindliche Hirnentwicklung hochgefährlich. Sie kommen insbesondere in Bergbau- oder Schürf-Regionen vor, meist in Entwicklungsländern. So starben z.B. in einem Vorort Dakars (Senegal) zahlreiche Kinder (WHO: Lead Exposure in African Children). Aber auch auch Städte in Industrieländern wie den USA sind weiterhin betroffen.

Es gäbe also gute Gründe, die gegenüber der Infektiologie vernachlässigte Umwelt-Epidemiologie ernst zu nehmen, und sich  ihres erfolgreichen Begründers zu erinnern.

Mehr 

Literatur

Autor: Helmut Jäger

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