Frühe Beziehung (Bonding: 1/2)

Innige Beziehung (Jäger 2015)

Menschen sind geprägt durch Beziehung

Der Zeitraum vor, während und nach der Geburt bestimmt die menschliche Entwicklung bis ins Erwachsenenalter.

Die Geburt verwandelt die un-getrennte Einheit aus Fetus und Schwangerer in ein gemeinsames Leben zweier selbstständiger Wesen (Symbiose).

So, als entstünde aus einem Klang eine Resonanz zweier Instrumente.

Beim Kind  sorgt die Dehnung der Lungen für eine schlagartige Umstellung des Kreislaufsystems. Sein Gehirn beginnt, durchflutet von Noradrenalin, Informationen aufzusaugen wie ein Schwamm. Nerven, Bewegungsapparat und innere Regulations-Kreise beginnen sich in ständiger Rückkopplung auszuformen. Die Zell-Rhythmen differenzieren sich, und mit ihnen entwickeln sich Darmfunktion und Immunsystem.

Auch die Mutter erlebt eine drastische Umstellungsphase: die Östrogen-, Progesteron- und Cortisol-Spiegel fallen ab,  und die Adaptation an das Leben ohne Schwangerschaft verändert das Gehirn und die Immunfunktion (Hillerer 2011, 2012, Kim 2016, Haima 2016).

Beide Beziehungspartner, die sich jetzt aufeinander einstellen müssen, sind anfangs instabil, verletzlich und schutzbedürftig.

Was ist Beziehung?

Weil du „Eins“ verstanden hast, glaubst du auch „Zwei“ zu verstehen?.
Denn: 1 + 1 = 2.
Aber hast du auch „und“ verstanden? Sufi

Beziehungsgefüge können nicht durch einzel-faktoren-orientiertes Denken (in der Tradition von Descartes) verstanden werden. Mütter und Kinder sind keine biologischen Roboter, bei denen ein bestimmtes Hormon oder ein Nerv, wie in einem Uhrwerk, eine genau definierte Reaktion hervorruft.

Vielmehr sind beide atmende (lat. spirituelle) Wesen, die sich einzigartig in Interaktionen innerer Bewegungen und äußerer Einflüsse entwickeln. (Trevarthen 2016) Die Biologie ihrer Systeme wird von dynamischen Wechselwirkungen bestimmt, die sich miteinander in Resonanz verbinden.

Teilaspekte, wie die Oxytocin-Wirkung oder die Myelinisierung des Vagusnerven, oder die Entwicklung von Darmfunktion, des  Mikrobioms oder des Immunsystems können aus didaktischen Gründen gesondert dargestellt werden. Einen Sinn ergeben sie aber erst bei einer integrierenden Betrachtung eines Gesamtzusammenhanges, in dem sie durch Beziehungen und Wechselwirkungen und Streueffekte miteinander verbunden sind.

Der Prozess der Bindung zwischen Mutter und Kind erschließt sich also nicht allein aus der Anhäufung immer größerer Mengen wissenschaftlich-experimentell gewonnener Informationen. Um ihn zu verstehen, ist es zugleich nötig, ihn sinnlich als Wachstum und Veränderung zu erleben.

So wie die Vermessung der Einzelbestandteile eines Instrumentes ein Klang-Erleben nicht ersetzen kann. Besonders wenn sich aus den Stimmen mehrerer Instrumente gemeinsame Schwingungen ergeben, die sich beeinflussen und verstärken.

Oxytocin

Das von Nerven hergestellte Signal-Molekül Oxytocin besteht aus neun Aminosäuren. Es wird überwiegend im Mittelhirn im Nucleus supra-opticus und im Nucleus para-ventricularis hergestellt und über die Nervenenden in der Neuro-Hypophyse freigesetzt (López-Ramirez 2014). Oxytocin soll vor etwa 700 Millionen Jahren aus einer Variante des Vasopressins hervorgegangen sein. Beide Moleküle sind beteiligt an der Homöostase, der Energiebalance, dem  Flüssigkeitshaushalt (Pruimboom 2016), den Funktionen der Sexualität und Reproduktion, der Laktation, der Rückbildung des Uterus, und an der Neuro-Modulation sozialen Wahrnehmung und Verhaltens. (Feldman 2016, Levine 2007).

Oxytocin spielt auch eine Rolle bei der Regulation anderer Hormone (u.a.: endogene Opiate, ACTH, Substanz P (Neuropeptid / Schmerzrezeption), Dopamins, Serotonin, Vasopressin, Cholecystokinin (Peptidhormon im Darm und Gehirn), Prolaktin, Estradiol, Leptin (Neuroprotein / Appetitregulation). Unter der Vermittlung von Oxytocin reifen Nervenverbindungen aus, die für einen gleichmäßigen synchronisierten Rhythmus der  Aktivitäten der Neuro-Sekretion und für eine plastische Anpassung der Hirnregionen sorgen. (Miani 2016)

Im Gehirn sind beteiligt: die orbitofrontalen und prefrontalen Cortices, der Mandelkern (Amygdala / Gefahrenerkennung), der Hippocampus (Gedächtnis-Konsolidierung), die mediale praeoptische Region, die Stria terminalis, Hippocampus (Gedächtnis), der Nucleus accumbens (Dopamin / Belohnungssystem) und die dopamin-abhängigen Fasern zur ventralen tegmentalen Region.

Sicherheit und Vertrauen (Jäger, Gombe, Tansania 1985)

Grundbaustein sozialen Verhaltens

Das Besondere der Säugetier-Evolution ist die Qualität der auf Kommunikation gegründeten Elternschaft (Royle 2014). Um ernähren, schützen und versorgen zu können, sind u.a. Oxytocin-Signale nötig. Oxytocin fördert (bereits unmittelbar nach der Geburt) die Synchronisierung des Verhaltens zwischen Mutter und Kind. Und bildet so die Grundlage für die soziale Organisation und die emotionale Entwicklung. (Feldman 2016).

Bei etablierter Bindung an ein Neugeborenes weisen Eltern einen höheren Oxytocin-Spiegel auf, der durch die Interaktion mit dem Kind noch weiter steigt. Damit werden im Mittelhirn neuronale Verbindungen verstärkt, die Angst dämpfen und emphatische Reaktionen fördern. Kortikale Bereiche, die zu negativen Reaktionen auf kindliches Schreien führen würden, werden gedämpft. Bei niedrigen Oxytocin-Spiegeln sind die Fähigkeiten, aggressions-arme soziale Beziehungen einzugehen und Belastungen aushalten, deutlich vermindert (Dulac 2014).

Oxytocin wird bei Klein-Säugetieren ausgeschüttet, wenn ihre Säuglinge Laute von sich geben. Mama hört dann das in dieser Situation Wesentliche und kann selektiv das Geschnatter anderer Nervenzellen dämpfen (Shen 2015). Oxytocin hilft, die Reizüberflutung einzugrenzen, um sich auf essentielle, soziale Beziehung konzentrieren zu können. U.v.a. auch durch die Anregung der Kiemenbogennerven (u.a. Trigeminus, Facialis, Vagus). Diese aktivieren uva. in Ruhe die Innenohr-Muskulatur, die die Frequenz der wahrgenommenen Luftschwingungen einschränken: So erscheinen nur die Laute der engsten Artgenossen bedeutsam zu sein, und dadurch werden Herz- und Atemfunktionen weiter beruhigt. (Borg 1989, Porges 2014)

Das resultierende Verhalten der Mutter erhöht auch beim Kind den Oxytocin-Spiegel, und begünstigt dort die Ausreifung der Funktion des frontalen Kortex des Mittelhirn und der Vagus-Funktion des Stammhirns. (Rilling 2014)

Andere Neuro-Hormone, wie Dopamin, aktivieren, oder dämpfen, wie Serotonin. Oxytocin-Moleküle begünstigen dagegen ruhige, angstfreie, besonnene, sorgsam-aufmerksame Tätigkeiten, unabhängig von einer direkten Befriedigung eigener Grundbedürfnisse. Die Rezeptoren für Oxytozin finden sich nicht nur im Gehirn und im Uterus, sondern nahezu in allen Körperorganen (u.a. auch im Herzen, den Nieren und im Pankreas). Dort bewirken sie an unterschiedlichen Zelltypen sehr verschiedene dämpfend-beruhigende, aktivierende und verbindend-modulierende Wirkungen (Vargas-Martinez 2014). Sie vermitteln u.a. auch Abwehrreaktionen gegenüber etwas Fremden, das außerhalb eines bestehenden Bindungs-Gefüges steht (Ne’eman 2016).

Die Rezeptoren von Oxytocin und Arginin-Vasopressin (AVP) sind sich in ihren Strukturen sehr ähnlich. In Tierversuchen wurden Wechselwirkungen zwischen ihnen nachgewiesen. Es ist sogar möglich, dass der Effekt der Förderung sozialer Kommunikation von Oxytocin auf einer Anregung des AVP V1A Rezeptor beruht, und nicht auf einer direkten Wirkung auf den Oxytocin-Rezeptor. (Song 2014,  Meyer-Lindenberg 2011)

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Weitere Artikel

Literatur

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Autor: Helmut Jäger