Frühe Beziehung (Bonding: 2/2)

Frühe Beziehung (Bonding: 1/2)

Sicherheit und Vertrauen (Jäger, Benin 1995)

„Eltern werden“ ist eine einschneidende Erfahrung.

Bevor jemand zu einem Vater oder einer Mutter wird, bewertet ein langjährig erworbenes „Ich“, ob etwas, was gerade geschieht, „gut oder schlecht für mich“ sei. Diese „Ich-Konstruktion“ löst sich nun in einer innigen Beziehung auf und wird zu „Wir“. Kein Lebewesen kann das so gut wie ein Mensch. (Pereira 2016, Numan 2016).

Der Nerven-Botenstoff Oxytozin spielt bei den Veränderungs-Prozesse des Gehirns, die zu einer dieser Verwandlung des „Ich“ führen, eine tragende Rolle. Es wirkt zugleich beruhigend, strukturierend und unterstützend. Die noch unsichere  Kommunikation zwischen Kind und Mutter wird unter dem Einfluss von Oxytozin stabilisiert. (Kim 2016).

In dem mütterliches Schutzraum enger Bindung eingehüllt, können beim Kind Hirn-Verbindungen ausreifen, die die Grundlage bilden für viel späteres Verhaltens-Einstellungen: Empathie, Vertrauen, Kooperation, Uneigennützigkeit, Selbstgewissheit, Sinn. Je früher die dafür nötigen Rück-Kopplungs-Schleifen angeregt werden, desto wirksamer können sie anschließend durch liebevolle Erziehung geprägt werden (Numan  2016).

Die Verhaltensmuster der Mutter-Kind Bindung werden unter Oxytocin-Einfluss synchronisiert (Stolzenberg 2016), besonders dann, wenn die Mütter durch die sie umgebenden Sozialstrukturen ausreichend gestützt wurden (Hrdy 2016), weil sie dann sensibler auf kindliche Äußerungen reagieren kann (Feldman 2016).

Bei Frauen mit niedrigem Oxytocin-Spiegel besteht ein höheres Risiko, nach der Geburt an Depression zu erkranken (Brummelte 2016).

Die Entwicklung der Bindungsfähigkeit

Die Ausdifferenzierung der Gehirnstrukturen beginnt in der achten Schwangerschaftswoche. Ihr folgen verschiedene Phasen der Proliferation und der Beginn der Nerven-Ummantelung ab der 28. Schwangerschaftswoche (Myelinisierung).  Bereits ab der 16. Schwangerschaftswoche werden Kinder durch die Moleküle  der Amnion-Flüssigkeit angeregt und beginnen den Geschmacks- und später auch des Geruchssinn auszubilden (Underwood 2016).

Der störanfällige Prozess der Hirnfaltung beginnt langsam ab der 24.Schwangerschaftswoche und vervollständigt sich ab der 32. Schwangerschaftswoche bis zur Geburt.

Von der 16. Schwangerschaftswoche bis zum sechsten Monat nach der Gurt wird 50% der angelegten Hirnsubstanz wieder abgebaut  (so genannte Apoptosis: Regression und genetisch gesteuerter Zelltod). Alle Zellen, die keine Synapsen ausbilden konnten, weil sie unbenutzt blieben, werden dabei zerstört. Nur das, was verwendet und in neuronale Bahnen einbezogen wird, bleibt. Erfahren, Erleben und Benutzen sind daher im Zeitraum vor und unmittelbar nach der Geburt für die Hirnentwicklung von essentieller Bedeutung. (Hrubý 2013, Stilles 2010)

Während der Schwangerschaft durchläuft das fetale Gehirn eine enorme Entwicklung mit Migration, Proliferations-Umbau und Differenzierung der Gehirnzellen und Ausbildung von wichtigen Nervenbahnen und Rückkopplungs-Schleifen. Diese Phase ist sehr störanfällig. Deshalb scheint das Entstehen psychiatrischer Erkrankungen wie Autismus, ADHS, Asperger oder Alzheimer u.v.a. mit schädigenden Einflüssen auf den Neokortex in der Schwangerschaft in Zusammenhang zu stehen (Young 2015).

 Nervenzellen, die zu einer ungünstigen Zeitpunkt in ihrer Entwicklung gestört werden, könnten die Ausbildung einer ganzen Hirnregion behindern“. Hilgetag 2006

Direkt nach der Geburt müssen dann u.a. drei genetisch angelegte (und epigenetisch beeinflusste) Funktionskreisläufe ausreifen:

  • Die hormonale Verbindung zwischen Mittelhirn-Hypothalamus und den  Nebennieren.
  • Die Verbindung von Mittelhirn (über die basalen Vagus-Nerven-Kerne) zur Herz- und Lungenfunktion.
  • Die Rückkopplung zwischen Darm, Mikrobiom, Immunfunktion und Hypothalamus.

Die Prägung dieser Funktionen in den ersten Stunden nach der Geburt hat deshalb Auswirkungen auf die gesamte Entwicklung nach der Geburt bis zum Erwachsenenalter (Hrubý 2013).

Die Stabilisierung anfangs noch unreifer Nervenverbindungen erfolgt durch stetig wiederholende Nutzung, die zu neuronalen Proliferation, Ummantelung der Nerven (Myelinisierung) und Synapsen-Verbindungen führt.

Die dabei eingeschlagenen Wege, die immer wieder genutzt werden, stabilisieren sich, so als würde ein Wanderer wiederholt durch neuen Schnee stapfen und eine feste Spur hinterlassen, die selbst nach dem Fallen von Neuschnee noch sichtbar bleibt.

Das Kind beruhigt sich im frühzeitigen Haut-zu-Haut Kontakt durch den Geruch und die Herzgeräusche der Mutter, und es nimmt über Haut und die Vormilch der Mutter die Bakterien des mütterlichen Mikrobioms auf. Damit stabilisieren sich die physiologischen Umstellungsprozesse und die lebensnotwendigen Anpassungen von Atmung und Kreislauffunktion beim Kind und zugleich bei der Mutter (Saxton 2015).

Frühe Bindung fördert hirn-physiologische Umbauprozesse bei Mutter und Kind. (Moore 2012, Jonas 2016).

Etwa fünfzehn Minuten nach der Geburt beginnt das Kind spontan mit Bewegungen, bei denen es auf der Brust der Mutter sucht. Innerhalb der ersten Stunde nach der Geburt gelingt ihm auch das Saugen. Und mit  der Vor-Milch nimmt es dann die Darmbakterien der Mutter in sich auf. (Hrubý 2013)

Das Neugeborenen-Gehirn wird mit Noradrenalin-Konzentration durchflutet um die lebenswichtigen Hirnfunktionen zu aktivieren. Während der Geburt war es für das Kind noch wichtig, unter Druck und bei Gefahr „still zu sein “. Dieser „Tauchreflex“ reifer Neugeborener (Stillhalten und Herzrhythmus drosseln) wird durch die Aktivität des hinteren Anteils des Vagus-Nerven vermittelt. Nach der Geburt ist es nötig auf Belastungen mit Aktivierung zu reagieren. Das Aktivierungssystem wird durch Noradrenalin-Durchflutung des Gehirns und durch sympathische Nervenknoten bewirkt.

Erst danach kann es auch an der Brust der Mutter „still genießen“.

Neugeborene können sich noch nicht selbst beruhigen.

„Sich selbst beruhigen“ erfordert (u.a. neben Oxytozin) die Ummantelung des vorderen Kerns des Vagusnerven (Nucleus ambiguus) erforderlich (Park 2014, Hoyer 2014, Porges 2012, Jäger 2016).

Auch die Entwicklung einer beruhigenden Immunfunktion erfordert Zeit, u.a. für die Prägung der Immunzellen durch rückkoppelnde Kommunikation  mit dem (über die Mutter vererbten) Mikrobiom (Thayer 2011, Tracey 2009).

Diese für die Entwicklung zum Erwachsenen bleibend wichtigen Funktionen entwickeln sich dadurch, dass sie immer wieder genutzt werden. Die selbständigen Steuerungsfunktionen von Herz, Lunge und Immunsystem reifen so durch den sozialen Kontext der Bindung aus. (McEwen 2010)

Die Entwicklung des Kindes zum Erwachsenen

Die Erfahrungen der ersten neun Monate in der Gebärmutter sind entscheidend für die Entwicklung von Krankheiten im späteren Erwachsenenleben: Diabetes, mangelnde Stress-Resistenz, Adipositas, neurodegenerative Erkrankungen u.a. (Faa 2014). Nach der so genannten „Two-Hit“-Hypothese schränken fetale oder früh-kindliche Fehl-Programmierungen des Gehirns seine Flexibilität ein, spätere Belastungen gesund zu überstehen. Funktionelle Störungen der späteren Hirnentwicklung und – koordination können sich aus vielen schädigenden Einflüssen ergeben, die jeweils allein für sich genommen, “relativ” harmlos gewesen wären: mütterlich-erlebter Stress, Suchtmittel, Medikamente, Fehlernährung, Umweltgifte, Aktivierung des Immunsystems (auto-immun oder infektiös), Mangelversorgung durch die Plazenta.

Noch störanfälliger als die Hardware-Entwicklung des fetalen und frühkindlichen Gehirns in Form von Zellen, Strukturen, Verbindungen und Molekülen ist das Einschwingen des Hirn-Körper-Systems auf Rhythmen, Beziehungs- und Resonanzmuster, die die spätere „psychologische“ Wirkung dieses Organs und seiner Verbindungen ausmachen. Die störungsfreie Ausbildung von Hochfrequenz-Oszillationen des Hirns ist als Rhythmus-Geber und „Uhr” von entscheidender Bedeutung für das Entstehen von Bewusstsein, emotionaler Verarbeitung von Sinneseindrücken und vieles andere.

Die Oszillationen und Koordination der Gehirnzellen kann leicht gestört werden (Buzsáki 2012, 2014).

Probleme der frühen Mutter-Kind Bindung wirken sich nachteilig auf die psychosoziale Entwicklung des Kindes aus. Häufige Trennung, erheblicher Stress der Mutter oder Depression oder Isolation) können zu lebenslang wirkenden epigenetischen Veränderungen des Phänotyps und damit zu Krankheitsentwicklung führen. (Laceya 2014, Marshall 2014) .

Beziehung
Beziehungsreiche Beratung (Simbav 2015)

Umgekehrt sorgt liebevolle Versorgung in einem entscheidenden Zeitfenster nach der Geburt zu einer späteren Verbesserung der Stress-Verarbeitung und der intellektuellen Leistungsfähigkeit. (Drury 2016)

Die Beziehung schützen

Stress, Vernachlässigung, Informationsüberflutung, Fehl-oder Mangelernährung, Umweltgifte, Feinstaub- oder Nikotin-Exposition, Geräusch-Überlastung u.v.a. können die nötige Ausreifung der sozialen Kompetenz in entscheidenden Entwicklungsphasen stören. Leichtfertige, unnötige Eingriffe in die dynamischen Zusammenhänge u.a. der Oxytocin-Wirkungen sind riskant und im Detail nicht vorhersagbar (Shen 2015, Kumsta 2013, Odent 2013, Gu 2016).

Und Schädigungen, die in der sensiblen Phase der Hirnentwicklung erfolgen, können sich noch Jahrzehnte später als chronische Erkrankungen bemerkbar machen. (Barabasi 2011, Gibbs 2014, Benedetti 2014, Gura 2014, Tamburini 2016)

Die Qualität der frühen Bindung hat nachhaltige Auswirkungen.

Während der Phase der frühen Bindung sollten Störungen unterbleiben (Bergmann 2014).

Denn sie dauert nur wenigen Stunden bis Tage und hat Auswirkungen auf die Entwicklung des ganzen folgenden Lebens.

„The nine months of intrauterine development and the first three years of postnatal life are appearing to be extremely critical for making connections among neurons and among neuronal and glial cells that will shape a lifetime of experience.” (Faa 2014).

Mehr

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Autor: Helmut Jäger