Brutto Sozial Glück

Die Wachstums-Ideologie „des Westens“ kriselt.

Nicht nur, weil sie die Ökosysteme der Welt nachhaltig zerstört. Sondern weil neue westliche Visionen sind nicht mehr erkennbar sind.

Die Unzufriedenen im Westen haben deshalb den Glauben an das „Gute der Politik“ verloren. Sie wählen gemeingefährliche Populisten oder randalieren. Trotzdem halten immer noch alle Parteien des Westens am gesellschaftlichen Konsens des „Weiter so“ fest. Gestritten wird nur über die Verteilung des Wohlstandes und um die Grenzsicherung. Alles andere erscheint kindlich und naiv.

Hirnwäsche vor Konsumtempel in Bangkok. Bild: Jäger 2018

Sinnfreier Konsum

In Asien setzen einige Länder auf die völlig ideologiefreie Ver-Ameisung. Sie realisieren die flächendeckende Digitalisierung mit örtlich und zeitlich lückenlos konsumorientierter Medienbeschallung. Diese Illusion des individuellen, käuflichen, kleinen Glücks benötigt keinen übergeordneten Sinnzusammenhang.

Das Gewusel der Mega-Städte ist dort so organisiert, dass scheinbar jeder, in seiner maximalen Vernetzung mit unmittelbaren Chat-Partnern, tun kann, was er zu wollen glaubt. Trotz atemberaubender Umweltzerstörung und schreiender soziale Gegensätze, bleiben dort die KonsumentInnen (noch) erstaunlich friedlich. Vermutlich, weil sie, vor sich hin daddelnd, keine system-widersprüchliche Gedanken mehr fassen können. Aber auch in diesen modern-asiatischen Ameisengesellschaften laufen die Massen, wenn die Verunsichertung zu groß wird (genau wie im Westen) demagogisch-populistischen Egomanen hinterher. Gangster, die ihnen versprechen, was sie wollen. Und die ihnen Gegner aufzeigen, auf die sie ihre sinnentleert-aggressive Frustration lenken können. 

Konfuzianische Strenge

Möglicherweise China entwickelt gerade eine alternative Ideologie. Man versucht dort, den Raubtier-Kapitalismus in ein starres, regel- und ritualorientiertes Korsett einzubetten. Konfuzius, der wohl weltweit erfolgreichste Ideologie-Stifter, hatte erkannt, dass  ein Zusammenhalt durch zwanghafte Einhaltung von Ritualen gesichert wird. Nicht etwa durch (im Westen so wichtig genommene) Fakten oder Wahrheiten („weil etwas so ist“). Sondern durch ein Verhalten, das ausgeführt wird, „als ob“ etwas so sei. Deshalb ist es auch völlig unbedeutend, dass sich die den Kapitalismus  anführende Partei in China „kommunistisch“ nennt.

Die chinesische Variante der Ver-Ameisung  soll ethisch-wertvolles Verhalten durch lückenlose Überwachung und Kontrolle erzwingen. Und so die negativens individuellen Verhaltensweisen im Kapitalismus durch Strenge bändigen. Effektive ökonomische Entwicklung soll mit verhaltens-steuernden Werten gepaart werden, die keinen Widerspruch erlauben. Dieser zwangsorientierte, eiterhin natur-zerstörerisch-kapitalistische Neo-Konfuzianismus metastasiert in die chinesischen Nachbarländer und nach Afrika. Und er infiltriert (noch weitgehend) unbemerkt auch den Westen.   

An Werten orientierte Entwicklung

Ein kleines Land am Fuß des Himalaya scheint sich diesen Trends der Globalisierung zu widersetzen. Die Regierung von Bhutan verfolgt seit Jahrzehnten eine qualitative, nachhaltige, ressourcenschonende Entwicklungsstrategie. Sie orientiert sich an der Zufriedenheit und dem Gemeinwohl der Bevölkerung und verspricht, die Lebens-Qualität zu verbessern:

„What is GNH?“ Animiertes Video: www.youtube.com/watch?v=7Zqdqa4YNvI

Das Streben nach einem nationalen Brutto-Glücks-Produkt (GNH) soll Bhutans nachhaltige Entwicklung sichern, die Kultur erhalten, die Umwelt schützen und von Werten geleitet sein: von Frieden, Gewaltlosigkeit, Glück und Mitleid. Unter Verfolgung von Glück versteht man in Bhutan ein kollektives Unternehmen, das persönlich erfahren werden soll als psychologisches Wohlbefinden, Bildung, Zeit, kulturelle Vielfalt, ökologische Diversität, auf der Grundlage eines zufriedenstellenden Lebensstandards.(Beaglehole 2015)

Was ist Glück?

Was Glück „ist“ kann niemand umfassend definieren. Vor allem, weil das Hormon, das Glücks-Gefühle vermittelt (Dopamin), ausgeschüttet wird, „bevor“ ein angestrebtes Ziel erreicht wird: z.B. vor einem Orgasmus. Der Besitz von etwas Ersehntem dagegen löst (z.B. nach einem Kauf) ungute Gefühle aus, wie Langeweile oder ein schlechtes Gewissen. Folglich führt das ständige Suchen nach Glück zu Stress und Unzufriedenheit (Kim 2018). Wer unbedingt glücklicher werden wolle, habe (nach dieser Studie) rasch das Gefühl, dass ihm nicht genug Zeit für Aktivitäten zur Verfügung stehe, die zu seinem Ziel führen. Wer so verkrampft einem Glücks-Ziel hinterher rennt, gerät in eine Spirale des Scheiterns: Weil Anstrengungen nicht in den Zustand entrückter Seligkeit führen, muss verbissener gearbeitet werden. Aber wann soll man dann auch noch den vollgepackten Arbeits-Alltag bewältigen? Diese Gestressten, die ständig nach Erlösung und Erleuchtung streben, werden also beides nicht erreichen. „Immer mehr“ ihres Umhersuchens führt weder zu Gesundheit, noch zu Glück, und erst recht nicht zu Zufriedenheit.

Eigentlich wäre es einfach

Wenn sich Politik auf die Sicherung der Grundbedürfnisse, auf Bildung, Gerechtigkeit, Frieden und die Freiräume für persönliche Entwicklung konzentrieren würde. Wenn die Qualität der sozialen Gemeinschaft im Mittelpunkt stände und nicht das ressourcenzerstörende quantitative Wachstum toter Geld-Werte .

Bhutans Vorbild ist zumindest ein kleiner Denkanstoß die globale Ideologie des „Immer mehr“ durch etwas „Sinn-volles“ zu ersetzen.


Video: Tho Ha Vinh: Gross National Happiness – The Paradigm, 2017

Bevölkerungsdichte wirkt negativ, und Zusammensein mit Freunden positiv auf Lebenszufriedenheit. … Intelligentere Einzelpersonen erleben
allerdings bei häufiger Sozialisation eine geringere Lebenszufriedenheit … Li 2018

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Literatur

Autor: Helmut Jäger