Das Elend unklarer Begriffe

Seit der Erfindung von Worten streiten Menschen über ihre Bedeutung.

Und das umso heftiger, je mehr anschauliche Bilder in modern-eindeutige Begriffe gegossen werden. Dann scheint das Ausgesprochene das „wahre“ Abbild der Realität zu sein, und sich vom Unwahren klar zu unterscheiden.

Wann immer wir aufhören mit uns in Worten zu sprechen,
so ist die Welt so, wie sie sein sollte. Castaneda

Bisher wurde allerdings in der Physik noch nicht beobachtet, dass etwas „ist“. Dort sieht man nur Bewegungen und Beziehungen, die „werden“, und dabei Spuren hinterlassen.

Fischreusen und Worte
Bild: Büttner (BNI), Myanmar 2001

Was „ist“ … ein Stein, eine Pflanze, ein Tier?

Sind alle Dinge, die sinnlich wahrgenommen werden, nichts als Geschichten, die jemand erzählt? Sind Worte wie „Liebe“, „Emotion“, „Gefühl“, „Eros“ oder „Sex“ nichts anderes als abstrakte Begriffe, die von Biologen oder Geisteswissenschaftlern beliebig interpretiert werden?  Und was sind „Bewusstsein“, „Unbewusstes“, „Glaube“, „Erleuchtung“, „Tod“, „Gott“, „Natur“: Phänomene oder Traumbilder oder Tatsachen? Und was könnten (ganz objektiv) Recht, Demokratie, Diktatur, Freiheit, Quark, dunkle Materie, Energie? oder irgendeine Ideologie, die mit der Silbe „-ismus“ endet oder mit der Silbe „Anti-“ beginnt?

Fragen sind wichtiger als Antworten …

Alles Gesagte ist von jemandem gesagt. F. Varela
Tun ist Erkennen, und Erkennen ist Tun. H. Maturana
.

… Jede Begriffsbildung ist ein aktiver und willkürlicher Akt.

Wäre es, statt zu antworten, was etwas „sei“, nicht viel interessanter zu fragen, wer sich  einen bestimmten Begriff ausgedacht hat, und was er damit bezwecken wollte?

Ein gesprochenes und dann aufgeschriebenes Wortes greift etwas aus einer unendlichen Vielfalt heraus und unterscheidet es so von anderem. Mit dem Prozess der Trennung konnte das symbolische Denken und damit der rasante Fortschritt der Menscheit beginnen:

Ein gesprochenes und dann aufgeschriebenes Wortes greift etwas aus einer unendlichen Vielfalt heraus und unterscheidet es so von anderem. Mit dem Prozess der Trennung konnte das symbolische Denken und damit der rasante Fortschritt der Menschheit beginnen: Zuerst musste man „an einem Himmel oberhalb einer Erde eine Sonne, viele Sterne und einen Mond“ voneinander unterscheiden, bevor man sie miteinander vergleichen könnte.

Die erste mathematische Anweisung: „Triff eine Unterscheidung! Nenne sie die erste Unterscheidung. Nenne den Raum, in dem sie getroffen wird, den Raum, der durch sie geteilt oder gespalten wird.“ J.S. Brown (Mathematiker), Laws of Form, 1969

Im Alltag erweisen sich begriffliche Trennungen als sehr praktisch.

Sie erlauben, dass jemand (z.B. ein Junge) handelt und das Objekt so bewegt, wie es für ihn nützlich ist: z.B. mit dem Ball ein Tor schießt. Bei genauerem Hinsehen sind aber Bälle, Steine oder Igel gleichermaßen vorübergehende Erscheinungen, die sich mit der Zeit verändern, mit den Zusammenhängen, in denen sie sich befinden.

Jeder Betrachter, nimmt das, was ein Begriff bezeichnen soll, in seiner Veränderlichkeit anders wahr, und setzt es mit anderen Aspekten seiner Selbst in Beziehung. Käme man solchen Dingen sub-atomar nahe oder wären sie kosmisch weit entfernt, verlören die trennen Begriffe, die sie aus ihrer Umgebung hervorgehoben haben, völlig an Bedeutung.

Hesse Traum

Ein Wort kann vieles bedeuten

Mit der Aussprache eines Wortes sind (nach Schulz von Thun) mindestens vier Aspekte verbunden: Sach-Inhalt, Beziehung, Selbstoffenbarung und Appell.

Sprache nur ist ein Aspekt von Beziehungen, in denen das Ausgesprochene gemeinsam mit wortlosen Sprachen erklingt (Sprachmelodie, Lautstärke, Betonung, Rhythmus und Klang, Körperausdruck, Mimik, Gestik …). Und selbst das Aufgeschriebene sagt oft zwischen Zeilen (oder durch das, was nicht gesagt wurde) mehr aus, als es Wort zu Wort Übertragungen maschineller Übersetzungsprogramme vermuten lassen.

Jedes Wort ist ein Missverständnis. Nietzsche

Es ist wichtig (u.a. vor Verhandlungen) die Begriffe zu klären

Nur wenn klar ist, was eigentlich (!) gemeint ist, wenn ein anderer ein Wort verwendet, kann der Begriffszusammenhang mit den eigenen Überlegungen und Gefühlen in Bezug gesetzt werden.

Wie anderen chinesischen Philosophen war Konfuzius vor 2.500 Jahren die Relativität der Begriffe deutlich bewusst. Er war nicht an der Wahrheit („wie es wirklich ist“) interessiert, sondern an einer Ordnung, die familiäre und staatliche Beziehungen regeln sollte. Daher empfahl er Rituale so auszuführen, als ob (as though) es höhere Wirkkräfte gäbe, die das verlangten. (Littlejohn 2007)

Trotzdem, oder gerade deshalb, verwies er auf die Notwendigkeit, eindeutig zu vereinbaren, was mit den jeweiligen (willkürlichen) Begriffen gemeint sei.

Und damit hat er bis heute Recht:

Konfuzius
Die Worte richtig stellen

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Literatur

Autor: Helmut Jäger

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