Der Ursprung der Kampfkunst

Die Lebenskunst hat mit der Fechtkunst mehr Ähnlichkeit als mit der Tanzkunst. Denn man muss auf unerwartete Ausfälle gefasst sein und unerschütterlich fest stehen. Marcus Aurelius, Unterhaltungen mit sich selbst (nach Schulz 1799)

Die Geburt des Krieges.

Tiere kämpfen in direkter Konfrontation: um Nahrung, Status oder Sex. Hochentwickelte Affen begannen dann vor vielleicht vier Millionen Jahre damit, harmlose Artgenossen in der Nachbarschaft anzugreifen und auszurotten:

Die ersten Vormenschen, die in die Savannen vertrieben worden waren, konnten noch viel geschickter mit Steinen und Stöcken zuschlagen. Besonders die Homo-erectus-Menschen nutzten sehr wirksame Distanzwaffen, die sie sicher auch für Auseinandersetzungen mit rivalisierenden Horden nutzten.

Noch besser bewaffnet, klimatisch optimal angepasst, körperlich stärker und mindestens gleich intelligent, hätten die Neandertaler eigentlich den Homo-Sapiens-Menschen überlegen sein müssen. Aber die waren vermutlich zu organisierter Kriegsführung fähig:

Ihre starken Sozialbindungen erlaubten es ihnen Stämme zu bilden. Homo sapiens Gemeinschaften mussten nicht mehr (wie die Neandertaler) in kleinen Familiengruppen jagen. Stattdessen konnten ihre Männertrupps die Lager für lange Zeit verlassen, um Raubzüge zu unternehmen. Die Krieger würden sicher (beutebeladen) zurückkehren. Denn sie erwartete soziale Anerkennung, Liebe und Sex. Und dafür dankten und opfern sie ihren „Göttinnen der Liebe und zugleich des Krieges„: Diana, Artemis, Inanna oder Ishtar  .

Damit die Abenteuer der hinausziehenden Helden erfolgreich verliefen, mussten Geister, Dämonen, Gegner und Beutetiere durch Trance-Rituale, Besessenheits-Kulte und Kriegstänze beschworen und gebannt werden:

Diese schamanistischen Stilisierungen von Jagd, Kampf und Krieg betonten (neben Imponiergehabe)

  • stabil-robuste, aufrechte, erdverbundene Körperstrukturen (häufig durch stampfende oder hüpfende Bewegungen symbolisiert),
  • Ganzkörperbewegungen mit großer Becken- und Schulterelastizität, und
  • eine klare Intension. So als sei der Tänzer bedingungslos mit einem Geschehen verbunden, und sauge es in seine Vision hinein.

Einige Wissenschaftler halten diese Fähigkeiten (die Übertragung von Kraft durch struktur-stabile, aufrechte, dehnende Ganzkörperbewegungen und die Ausbildung einer scharfen Intension) für menschentypische Kern-Phänomene (Young, Roy, Llinas)

Deshalb verwundert es nicht, wenn sie auch die Grundlagen bilden für viele klassische und moderne Bewegungssysteme.

Krieg als Kunst?  

Der Krieg ist der Vater aller Dinge. Heraklit

Die möglicherweise erste Theorie des Krieges, die bis heute in viele andere Lebensbereiche Bereiche transzendiert werden kann, schrieben vor 2.500 Jahren der chinesische General Sunzi und sein Urenkel Sun Bin: „Die Kunst des Krieges„. Erst zweitausenddreihundert Jahre später erschien der zweite Klassiker der Kriegskunst von Carl von Clausewitz, der ebenfalls bis heute an Militärakademien und in Unternehmensführungen geschätzt wird.

Beiden, und ähnlichen Kriegs-Philosophen, war gemeinsam, dass sie das soziale Phänomen Krieg sehr rational nüchtern analysierten. Daher sind ihre Texte ebenso nützlich für alle, die Kriege verhindern wollen.

Vielleicht vor 3.000 Jahren begann man dann auch „Krieg zu spielen“: zum Beispiel als Schach oder Go. So konnten in Ruhe intellektuelle Fähigkeiten trainiert werden, um sich in realen Auseinandersetzungen klüger zu verhalten.

Kampf als Kunst?

pankration
Vasenmalerei 6. Jhh. v.u.Z. (Bild: Uni. Texas / Austin)

In „richtigen“ Kämpfen lernt man wenig: man überlebt, siegt oder wird erschlagen.

Zahllose Generation von Soldaten trainierten für die alles entscheidenden Minuten (zielorientiert)  Geschicklichkeit, Schnelligkeit und Kraft. Ihnen war jedes Mittel Recht, um ihre Feinde wirksam zu vernichten. Aber natürlich hatten sie auch Sparring-Partner, die ihre gemeinsamen Kriegs-Übungen möglichst unbeschadet überstehen sollten.

Folglich musste ein gebremstes Kampfverhalten entwickelt werden, „so als wolle man töten, tue es aber nicht“. In solchen Trainings unter Soldaten wurden Freiräume geschaffen, in denen man sich zwar sehr hart messen konnte, ohne sich aber dabei gleich langfristig kampfunfähig zu schlagen. In diesem spielerischen Training  junger Krieger unter Aufsicht kriegserfahrener, älterer Berater konnten sich Formen prozessorientierter Gewandtheit entwickeln. Schließlich wurde dann vor 2.800 Jahren in Griechenland mit dem olympischen Frieden Freiräume geschaffen, in denen das Kämpfen als Kunstform praktiziert wurde:

Pancration – Die Mutter aller Kampfkünste?

Pancration soll 648 v.u.Z. als oymische Disziplin zugelassen worden sein. Der Name bedeutet etwa „Alle (pan) Macht (kratos)“. Bei Pankration wurde nackt, ohne Waffen, in einer Art Free-Stile gekämpft. Das Brechen von Finger- oder Fußknochen war erlaubt, und tödliche Ausgänge kamen vor. Sowohl die Spartaner, als auch ihr Gegner Alexander „der Große“ schätzten Pankration nicht nur als Spiel, sondern auch als wirksam für den realen Kriegseinsatz. Folglich  waren viele Pankration-Krieger (mehr oder weniger freiwillig) in die Armee Alexanders eingegliedert worden.

Einer von ihnen soll Dioxippus  gewesen sein, der Olympia-Sieger von 336 v.u.Z. Wegen eines Konfliktes irgendwo in Persien sei er gezwungen worden, gegen einen der am besten trainierten Soldaten der Armee anzutreten. Dieser Kämpfer durfte in voller Bewaffnung und Ausrüstung erscheinen. Der nackte Dioxippus habe nur einen Stock besessen. Dennoch gewann er, vermutlich weil er grober Kraftanwendung intelligent und gewandt ausweichen konnte. Er soll sich anschließend geweigert haben, seinen Gegner zu töten. Das spricht dafür, dass Pankration-Kämpfer eher Körper-Künstler waren, als primitive Zuschläger.

Es ist nicht unwahrscheinlich, das Pankration, genau wie die Philosophie der fünf Elemente (WuXi) , nach Indien durchsickerte. Denn die Beziehungen der griechischen und indischen Großkönige waren eng.  Möglicherweise wurde u.a. Kalaripayattu griechisch beeinflusst:

Kalaripayattu – Die Mutter der asiatischen Kampfkünste.

Dieses Kampfsystem beruht wie Pankration auf den Prinzipen, grober Kraft auszuweichen, sich nicht treffen zu lassen, unmittelbar mit einem Geschehen verbunden zu sein, die Kraft des Gegners zu nutzen, und sie gegen ihn zu wenden:

Im 14. Jahrhundert n.u.Z. ließ der chinesische Großadmiral Zheng Hé auf seinem Weg nach Afrika Offiziere seiner Mannschaft in Kerala zurück, damit sie dort Kalaripayattu trainieren sollten.

Möglicherweise wurden über diesen Kontakt Kernelemente der indischen Kampftechniken an die chinesische Kolonie auf den Philippinen weitergegeben (wo sie möglicherweise die Tradition des Eskrima beeinflussten). Auf dem chinesischen Festland gelangte sie dann in die chinesischen (buddhistischen und daoistischen) Klöster. Dort werden sie auf fruchtbaren Boden gefallen sein, da man sich aus Gründen der Mediation und der Körperertüchtigung bereits mit vielen Formen des Yoga und des QiGong beschäftigt hatte.

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Der Weg des Admirals Zheng Hé (Yamashita: Westwärts. Fredeking)

Kampf als Religion?

Die Griechen bezeichneten indische Asketen, die durch ihnen fremdartig erscheinende Verrenkungen der Erleuchtung näher kommen wollten, als Gymnaso-Philosophen. Da sie den Nutzen europäischer Gymnastik als Mittel zur Erlangung geistiger Gesundheit erkannt hatten, schienen  ihnen auch Indische Atem- und Dehnübungen plausibel zu sein. Und ähnlich wurden chinesische Bewegungsformen  zur Gesunderhaltung durch indische und europäische Ideen befruchtet.

Im Buddhismus verbanden sich dann erstmals religiöse Überlegungen mit einer Kampfkunst: u.a. Shaolin, s.a. Takuan Sōhō.

Gewaltanwendung als Praxis einer scheinbar gewaltlosen Religionsform ist weniger paradox als es scheint: Der Buddhismus erwuchs aus der indischen Kriegerkaste, und dort war die Bedeutung der Konzentration für einen erfolgreichen Kampf vertraut. Deshalb konnte, wenn es die Situation erforderte, das friedliche Training „Ich-loser“-Intention sehr wohl in realen Kriegen eingesetzt werden. Zum Beispiel im ersten großen buddhistisch-griechischen Krieg gegen die Ketzer-Dynastie des Pushyamitra Shunga (185–149 v.u.Z.), oder u.v.a. viel später im 2. Weltkrieg (s. Victoria 1997).

Auch andere mystische Religionen, die nach der direkt-unmittelbaren Erfahrung von „Allem“ suchten, integrierten (neben meditativen) auch körperliche Übungen, und manchmal eben auch Kampfkünste, u.a.:

Die Vorstellung, dass etwas „Geringes und Weiches“ (alte Männer oder junge Frauen) einem „Harten und Mächtigen“ (hochgerüsteten Kriegern) überlegen sein könnten, führte aus der Shaolin-Tradition zu Systemen effektiver Selbstverteidigung oder, daoistisch geprägt, zu Systemen umfassender Persönlichkeitsentwicklung.

Und heute?

Je mehr sich Kampftrainings durch strikte Regeln, Leitlinien, Choreographien und Ideologien zu Kunst-, Sport-, oder dogmatischen Glaubensformen entwickelten, desto weniger sind oder waren sie noch für reale Kampfsituationen geeignet (Aikido, Taiji, Bagua, Judo, Kyudo …). Dort fehlt den Übenden meist die Konfrontation und die Überprüfung in der realen Welt.

Mawangdui
Kolorierte Seidenmalerei, Mawangdui Grab Nr. 3 (China 163 v.u.Z.)

Daher ist nicht garantiert, dass ihre Bemühungen ihnen auch wirksam helfen, sich im Alltags entspannter zu bewegen oder zu zufriedeneren Persönlichkeiten zu werden.

Manchmal bewirkt Training auch Krampf. 

Umgekehrt ist körperlicher Drill, dessen Ziel es ist, „die Bösen“ (d.h. „die Anderen“) tatsächlich effektiver zu erschlagen (Systema, Kick Boxen, KravMaga, Karate uva.), (möglicherweise) nur (oder höchstens) zum „Aggressionsabbau im Studio“ nützlich.

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Wozu Kampfkunst?

Links

Literatur

Autor: Helmut Jäger

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