Ganzkörperbewegung: Optimales Training nach Verletzung?

Verletzung
Zögerliches Gehen (Bild: J. Falkenberg)

Bei Unfällen werden nicht nur körperliche Strukturen verletzt.

Geschädigtes Gewebe schmerzt. Der Schrecken des Erlebnisses kann die Funktionen von Organen, Muskeln und Immunsystem nachhaltig stören. Und vielleicht sind auch Einschränkungen der Beweglichkeit absehbar, die nur schwer verkraftet werden.

Es reicht also nicht aus, sich nach Verletzungen auf die gestörten Teilfunktionen zu konzentrieren.

Diese Erkenntnis ist nicht neu. Nach dem ersten Weltkrieg hatte Dr. Thun-Hohenstein bei verletzten Pferden herausgefunden, dass diese schneller gesunden, wenn sie in ihren natürlichen Gangarten trainiert werden: im Schritt, Galopp und Trab. In seiner rhythmischen Bewegungstherapie für Kriegsversehrte bezog er deshalb alle Körperfunktion ein (Weywar 1996). Er wollte das Gefühl für den ganzen Körper verbessern und Selbstvertrauen stärken.

Das macht Sinn, denn wir sind gleichermaßen Läufer und Werfer (Kirschmann 2013, Lieberman 2009, Roach 2013, Springer 2013, Young 2009). Beides sind Hochintelligenzleistungen, zu denen andere Tiere nicht fähig sind.

Beim Laufen wirken wir leichtfüßig springend oder hüpfend der Schwerkraft entgegen. Dabei wird Bewegungsenergie benutzt, um elastische Strukturen aufzuladen und wieder zu entspannen. Beim Werfen wird die Schwerkraft genutzt, um die Faszienzüge vom Fuß bis zum Arm aufzudehnen, und um diese Spannung genau im entscheidenden Augenblick vorschnellen zu lassen. Das geschieht aber nicht gleichzeitig: Die Bewegungsrhythmus der Diagonaldynamik des Laufens muss genau im richtigen Moment in die Passmotorik des Werfens übergehen.

Wenn bei aufeinander abgestimmten Diagonal- und Passbewegungen der Extremitäten beide Großhirnhälften genau  zusammenwirken, entsteht Bewegungsfluss, Eleganz und Gewandtheit.

Bei körperlich und psychisch traumatisierten Menschen ist die Bewegungskoordination gestört. Deshalb muss ebenso das Gehirn, und nicht nur ein eingeschränkte Teilfunktion, trainiert werden. Am besten durch einen rhythmischen Bewegungsfluß. Deshalb hat sich z.B. bei der Abheilung psychischer Traumen die Harmonisierung von Augenbewegungen als heilsam erwiesen (Zimmermann 2007, Richardson 2010).

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Literatur

  • Kirschmann E: Das Zeitalter der Werfer. Eigenverlag. Bezug: www.werfer.de. ISBN 3-00-004783-2
  • Lieberman DE et al.: Foot strike patterns and collision forces in habitually barefoot versus shoe runners. Nature 2009 463:531-535
  • Osten P: Keine Wohltat, sondern Arbeit für verkrüppelte Krieger. Die medizinische Versorgung von Kriegsversehrten im Ersten Weltkrieg. Deutsches Ärzteblatt 2014, 111(42):A 1790-94
  • Roach NT et al.: Elastic energy storage in the shoulder and the evolution of high-speed throwing in Homo, Nature 2013, 498:483–486
  • Richardson J et al.: Psychiatric problems in medically evacuated service members, Lancet 2010, 375:257-8
  • Springer M: Unsere sportlichen Urahnen: Die ersten Menschen waren gut gebaute Athleten. Spektrum der Wissenschaft 19.072013, S. 20
  • Weywar, Alois: Gehen-Laufen-Werfen. Die angeborene Fortbewegung des Menschen nach Dr. Max Thun Hohenstein. Institut für Sportwissenschaft Salzburg 1996. ISBN 3-901709-02-9 2013
  • Young RW: The ontogeny of throwing and striking. Human Ontogenetics 2009, 3(1):19-31
  • Zimmermann P, Biesold KH, Barre K, Lanczik M. Long-term course of post-traumatic stress disorder in German soldiers – effects of inpatient EMDR therapy and specific trauma characteristics in patients with non-combat-related PTSD. Military Medicine 2007; 172(5):456-460

Autor: Helmut Jäger