Möglichkeiten vermehren

Die Zahl der Möglichkeiten gleicht einem Raum.

Jede Situation kann sich in ganz unterschiedliche Richtungen entwickeln. Manchmal ist die Zahl dieser Möglichkeiten unendlich groß, und dann wieder auf sehr wenige begrenzt:

Lola rennt (1998)

Die Möglichkeiten, wie die unmittelbare Zukunft in den nächsten wenigen Sekunden aussehen könnte, gleichen Wolken, die eine Situation umhüllen. Sie können sich ausdehnen oder, unter Druck, verdichten.

Erstaunlicherweise wird die Form dieser Möglichkeits-Nebel nicht nur durch die äußeren Geschehnisse bestimmt, sondern auch durch uns selbst.

Wir können z.B. den Raum der Möglichkeiten verengen und punktgenau etwas tun, das zu einer genau berechneten und möglichst alternativlosen Lösung führt. So als würde hochpräzise eine terroristische Stellung im Nahen Osten bombardiert.

Oder wir können stehen bleiben, uns umschauen, die unendliche Zahl der Beziehungen, Wirkungen,  Zusammenhänge wahrnehmen und zu verstehen versuchen. Und dann etwas tun, das Möglichkeiten vermehren könnte: z.B. so handeln, dass die Lebensqualität und die Chancen der Bevölkerungsgruppe verbessert werden, aus der der Terrorismus erwachsen ist.

möglichkeiten und grenzen
Möglichkeiten und Grenzen

Was sind Räume?

Unsere Realität entfaltet sich in viele Richtungen, oder Freiheitsgrade (Dimensionen), in die sich etwas bewegen kann.

Vier davon sind uns vertraut: Linien, Flächen, Körper und die Zeit. Diese Raum-Zeit ist nach der Relativitätstheorie verbeult und wird, je nachdem wo man sich in Bezug auf etwas anderes befindet, sehr unterschiedlich wahrgenommen.

Zwei weitere Dimensionen können wir uns noch mathematisch oder mystisch vorstellen: Das eine wäre das absolute, dimensionslos-unbewegliche „Nichts“. Das andere ein uneingeschränktes „Alles“. Da wir aber entweder von „Allem“ oder von „Nichts“ umspült und zugleich durchdrungen wären, wie Fische vom Wasser, bleiben sie für uns gleichermaßen un-begreif-lich.

Der Raum der Möglichkeiten

Eine andere, zunächst ausgedachte, Ausdehnung des Raumes bestünde aus allen Optionen, in die sich eine Situation von einem Augenblick auf den anderen verändern könnte.

Physikern erscheint das real, und sie rechnen auch damit: Fliegt z.B. ein Teilchen in einem Beschleuniger auf ein anders zu, können sie, bevor etwas geschieht, einen Nebel von Wahrscheinlichkeiten errechnen, deren Zahl nur durch die Gesetze und Prinzipien der Natur begrenzt sind. Sie sprechen dann von Wahrscheinlichkeitswellen, die sich genau so exakt beschreiben lassen, als gäbe es sie tatsächlich.

Von solchen physikalischen Experimenten abgeleitet, könnte man sich auch vorstellen, dass uns in unserem täglichen Leben eine imaginäre Zahl von Möglichkeiten umgäbe. Eine Art Gas-Atmosphäre, die alles enthielte, was in der Zukunft aus unserer Gegenwart erwachsen könnte.

Es ist entweder richtig, falsch, sinnlos oder imaginär.
G. Spencer-Brown

mond und wolke
Die Zahl der Möglichkeiten dehnt sich ins Unendliche. Und doch ist sie begrenzt: Der Mond wird nicht auf die Erde fallen.

Scheinbar nicht reale Vorstellungen der Wirklichkeit nutzen wir tatsächlich ununterbrochen, ohne dass sie uns bewusst wären:

Ein Tischtennisspieler, kann z.B. nicht wissen, wie der „angeschnittene“ Ball, der auf ihn zufliegt, sich genau dreht. Dazu sind seine Sinnes-Informationen zu langsam und lückenhaft, die Ballgeschwindigkeit zu groß und die Technik seines Gegners zu perfekt. Also „errechnet“ er, auf Grund seiner langen körperlich erworbenen Erfahrung, die Wahrscheinlichkeit aller Möglichkeiten, wie sich der Dreh-Spin des Balles auswirken könnte. Ohne darüber nachzudenken, denn das wäre viel zu langsam, wählt er spontan eine Handlungsdynamik, die flexibel zu vielem passt, was vielleicht eintrifft.

Manchmal kann sich eine „Wolke der Möglichkeiten“ ungehindert ausdehnen: Dann ist die Zahl unserer Chancen fast unendlich groß, und nur durch die Naturgesetze begrenzt. Zum Beispiel könnte ein Nickerchen im Liegestuhl auf einer sonnen-durchstrahlten Terrasse zu Millionen von Ideen führen. Die könnten dann den anschließenden Handlungen einen neuen Impuls geben, der in der weiteren Entwicklung in eine ganz andere Richtung führte, als in die, die bis dahin so eindeutig vorbestimmt erschien.

Der Möglichkeits-Nebel könnte aber auch stark einengt und zusammendrückt werden: dann schrumpfte die Zahl der Wahlmöglichkeiten. Befänden wir uns z.B. in einem Tunnel, in dem uns ein Krokodil verfolgte, könnten von der Zahl unserer Handlungsoptionen nur noch sehr wenige übrig bleiben.

Wie lässt sich der Möglichkeits-Raum beeinflussen?

Es sind nicht die Dinge selbst, die uns beunruhigen,
sondern die Vorstellungen und Meinungen von den Dingen.
Epiktet (~ 50 -138 n.u.Z.)

Das, was in den vier Alltags-Dimensionen geschieht, können wir nur begrenzt bestimmen. Einen „freien Wille“ gibt es so wenig wie eine „wahre Kartoffel“ (Dörner 2004). Aber wir sind sehr wohl in der Lage, unsere Einstellungen zu einer bestimmten Situation zu verändern. Deshalb können wir uns, zu jeder beliebigen Gegebenheit so verhalten, dass sich die, manchmal sehr beschränkte, Zahl der Möglichkeiten, wie sich die Ereignisse entwickeln könnten, erhöhen kann, oder aber auf ein oder zwei reduziert.

Boxer tun das, wenn sie in Wechselschritten um ihre Gegner herumhüpfen. Sie eröffnen sich dadurch immer neue Möglichkeiten und verringern gleichzeitig die Chancen ihrer Partner. Intelligente Kampfsportler/innen schlagen deshalb nicht auf ihr Gegenüber ein. Damit würden sie nur ihre Kräfte völlig sinnlos bei geringen Chancen  verschwenden. Sie suchen auch nicht nach einzelnen Möglichkeiten, so als seien diese auf einer verschlungenen Kette aufgereiht. Stattdessen positionieren sie sich, dynamisch wechselnd, so, dass sich die Zahl sehr unterschiedlicher Möglichkeiten, die sich ihnen bieten, ständig vervielfacht und immer wieder neu gestaltet: Sie tanzen fünf-dimensional.

Den Raum der Möglichkeiten verengen: Probleme lösen oder Verschlimmbessern

Menschen sind Problemlöser. Hindernisse, die sich dem gewünschten Lauf in die Zukunft in den Weg stellen, werden möglichst präzise und punktgenau beseitigt. Dazu muss der Raum der Möglichkeiten eingeengt werden. Denn je exakter unsere Problem-Vernichtungs-Bomben treffen, desto weniger Kollateralschäden oder Streuwirkungen treten bei den Unbeteiligten  auf.

Und so kämpfen wir immer wieder gegen etwas: gegen politische Gegner, gegen Terrorismus und Kriminelle, gegen Krebs oder Burn out, gegen Schicksalsschläge, gegen Füchtlings-Wellen, gegen Ebola und andere Krankheitserreger, gegen die Verseuchung von Böden und Meeren und die Klimaerwärmung, gegen Arbeitslosigkeit oder Armut, gegen Einsamkeit oder Impotenz und vieles andere.

Gegen irgend-etwas, das plötzlich, völlig unerwartet und schicksalhaft auftaucht. Da müssen wir dann durch, mit dem sicheren Gefühl, dass wir es auch schaffen werden.

Wir gleichen dabei Ruderern in einem schmalen Renn-Boot, die mit dem Rücken nach vorn gerichtet, ständig nach hinten in eine vergangene Welt schauen, in der es keine Hindernisse gab. Und die dann völlig unerwartet an eine fest verankerte Boje scheppern und zu kentern drohen. Ihnen zuzurufen, dass sie sich vielleicht vorher hätten umschauen können, wohin sie fuhren, würde sie verhöhnen. Stattdessen müssen sie natürlich gerettet werden, wenn sie verletzt ins Wasser fallen.

An voraus-schauendem Problemlöseverhalten sind meist nur solche Ruderer interessiert, die schon einmal einen Schiffbruch überlebt haben. Deshalb sind die Herz-Gymnastik-Kurse voll von Herz-Kranken, aber nicht von Herz-Gesunden.

Der Vorteil der punktgenauen, karate-ähnlichen Problem-Vernichtungsstrategien ist, dass sie in absoluten Notfällen alternativlos erscheinen, weil die Dynamik der Katastrophen anders nicht bewältigt werden könne.

Ihr Nachteil ist, dass Druck immer Gegendruck erzeugt. Und dass sehr spezifische Interventionen immer mit unangenehmen Nebenwirkungen verbunden sind, die wegen der Dramatik der Lösung in Kauf genommen werden müssen. Häufig werden dann Probleme erzeugt, die es ohne die Problemlösungen nicht gegeben hätte.

Kriegsszenarien sind in der Politik wie in der Medizin sehr beliebt, weil sie kurzfristig wirksam und erfolgreich die jeweiligen „Problem-bären“ erschlagen. Damit danach alles so sein soll, wie es vorher war. So wie im Irak, Libyen oder Afghanistan. Dort waren bald nach den Interventionen die entscheidenden Köpfe gerollt. Und man fühlte sich darin bestätigt, etwas Gutes getan zu haben. Leider verkomplizierten und verschlechterten sich die Situationen anschließend dramatisch.

War das wirklich völlig überraschend und nicht vorhersehbar?

Nein. Denn in der Konzentration auf die Notlage schrumpfen die Möglichkeiten, und die Welt erscheint uns als Röhre. Diese verengte Sicht ist ungünstig. Denn gerade unter großer Belastung wäre es nötig, alle (zur Gewalt alternativen) Möglichkeiten wahrzunehmen, die sich bieten.

Den Raum der  Möglichkeiten weiten: Innehalten und sich orientieren

innehalten
Innehalten (svdf.de/archives/607)

Damit Chancen aber wahrgenommen werden können, muss die Situation, wie nun mal ist, und wie sie sich entwickelt, akzeptiert werden: „Genauso ist es eben!“ Und nicht etwa so, wie wir es gerne hätten, oder wie wir glauben und hoffen, dass es sein müsste.

Neue Möglichkeiten ergeben sich nur aus dem absoluten Jetzt, und nicht aus dem, was einmal war, und schon gar nicht, aus einer fantasierten Zukunft, die jetzt sicher nicht ist.

Um eine gegenwärtige Situation anzunehmen, muss man, und sei es für einen Augenblick, damit aufhören, etwas anzugreifen oder davor wegzulaufen. Das ist nicht einfach, wenn ein Krokodil hinter einem herrennt. Erstaunlicherweise erhöhen sich aber selbst dann schlagartig die Chancen zu überleben, wenn es gelingt, eine Milli-Sekunde innezuhalten und alle Möglichkeiten zu sehen. Nur dann kann die am besten geeignete ausgewählt werden.

Es ist tatsächlich möglich, in welcher Situation auch immer, den Fluss der Geschehnisse wahrzunehmen und sich mit ihnen zu verbinden. So wie sich ein Schiff an Wind und Wellen anschmiegt. Wenn das gelingt, eröffnen sich erstaunliche Gestaltungsräume.

Ein Segelboot fährt z.B. nicht gegen den Wind, sondern macht ihn sich zu nutze. Das Verfolgen günstiger Kurse erfordert deshalb nur einen geringen, aber präzise eingesetzten Energieaufwand an der Ruderpinne. Aus der Ruhe der Betrachtung, wie sich die Situation dann entwickelt, entsteht ein Sog. Gezogen werden folgt einer Sehnsucht nach einer sinnvollen Zukunft, wobei das äußere Geschehen dynamisch aufgenommen, begleitet und richtungsweisend beeinflusst wird.

Um den Raum der Möglichkeiten zu weiten, ist es nicht nötig etwas zu tun.

Man muss nur damit aufhören, ihn zu verengen.

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Autor: Helmut Jäger