Mediale Eintagsfliegen

Menschen verursachte Katastrophen sind nur kurz interessant.

Wieder einmal flimmern Schreckensbilder aus Brasiien über die Bildschirme. Passend zum Amtsbeginn des „brasilianischen Trump“ Jair Bolsonaro, der angekündigt hat, den Regenwald abholzen zu wollen.

Dieses Mal starben in der Region Minas Gerais über 300 Menschen (FAZ 28.01.2018), und wieder wurde das Ökosystem einer Flusslandschaft zerstört.

Allerdings ist jetzt ein deutsches Milliarden-Unternehmen beteiligt (Handelsblatt 28.01.2018): Der TÜV Süd, der natürlich alle Schuld von sich weist. In der Vergangenheit habe es keine Probleme gegeben, die letzte Kontrolle am 26.09.2019 sei ohne Beanstandungen verlaufen, und niemand habe daher mit dieser völlig überraschenden Katastrophe rechnen können.

„Obwohl wir nicht verstehen, wie etwas funktioniert, können wir sicher sein, dass es funktioniert!“ aus einem Imagefilm des TÜV Süd, zitiert in der SZ vom 29.01.2019 (Seite 2)

„Ein sehr unglückliches, hoch-unwahrscheinliches Ereignis, ein „Schwarzer Schwan„, den wir zutiefst bedauern und uns entschuldigen. Aber wir sind unschuldig, denn niemand kann solche Dinge vorhersagen. Graphik aus Nassim Nicholas Taleb: Skin in the Game. Hidden Assymetries in daily life Allen Lane 2018, Seite 243

Die 2. Katastrophe in nur drei Jahren

Erst 2015 hatte sich in Brasilien eine ähnliche Umweltkatastrophe am Rio Doce ereignet (Welt 26.11.2015). Es war die bis dahin größte Öko-Katastrophe Brasiliens, mit nachhaltig bleibenden Schäden für Menschen, Tiere und Pflanzen: Arte 2017.

Hatten die Prüfer des TÜV Süd aus dem 2015-Desaster gelernt, oder aus dem ganz ähnlichen Giftunfall in Ungarn 2010?

Augen zu und durch

Das für die (damals links-liberale) Regierung peinliche Rio-Doce-Thema wurde umgehend durch Wichtigeres verdrängt: Die Eröffnung der Olympiade 2016. Das globale Event brachte Brasilien kurzfristig wieder positive Schlagzeilen. Die Umweltfolgen am Rio-Doce wurden schlagartig und bleibend verdrängt. Und auch für die Kollateralschäden der Olympiade (die verrottenden, nutzlos-teuren Betonburgen) interessierte sich kaum noch jemand. (SZ 18.02.2017)

Wie lange wird sich die neue Minas-Gerais-Katastrophe wohl in den Medien halten?

Aufblitzen, weghuschen und verschwinden.

Ein besonders interessantes Beispiel für den Umgang der Mainstream-Massenmedien mit menschlich verursachten Katastrophen stammt aus Peru:

Am 24. Mai 2016 poppte plötzlich die Meldung auf, dass die peruanische Regierung den Notstand wegen einer Umweltkatastrophe ausgerufen habe.

Der Tagesschau waren damals die Ereignisse in der Amazonas-Region Madre de Dios einige Sekunden wert. Und die Zeitungen berichteten auf ihren zweiten und oder dritten Seiten (Zeit, 27.05.16).

100.000 bis 375.000 Hektar Tropenwaldfläche seien durch illegale Goldsucher vergiftet und zerstört worden. Jährlich seien von ihnen 40 Tonnen Quecksilber in die Flüsse eingeleitet worden, und mindestens 50.000 Menschen seien an akuten Quecksilber-Vergiftungen erkrankt.

Die Schreckensnachricht sorgte kurz für Aufregung. Sie bliebt folgenlos, denn so schnell wie die Geschichte aufgetaucht war, verschwand sie auch wieder. Nur wenige fragten nach einem Jahr noch einmal nach: CNN 2017.

Und heute ist alles wieder gut:

Madre de Dios : Ein Paradies der Biodiversität .. Heimat endloser Wälder, gewundener Flüsse und einer üppigen Tierwelt. Es ist ein Naturschutzgebiet und Zufluchtsort für bedrohte Arten, wie den Mähnenwolf und den Sumpfhirsch. Diese Region ist auch die Heimat indigener Gemeinschaften, die den Ökotourismus in Regionen mit einer der reichsten Biodiversität der Welt fördern. .. Peru-Travel 2019

Warum schaffte es die Goldschürf-Story 2016 eigentlich in die Schlagzielen?

Das Problem in Peru, auf das sich 2016 die scheinbar aktuellen Meldungen bezogen, war seit vielen Jahren bekannt. Die Umweltvergiftung durch Quecksilber, das bei der halblegalen Goldsuche im Regenwald genutzt wurde, wuchs sich zu einem massiven Öko- und Gesundheitsproblem aus. (Nature 2016, Bilder illegaler Goldsucher: juanfranco.com )

Jeder, der sich für diese Region interessierte, kannte die Dynamik der Katastrophe. Natürlich auch die Regierung, die den Zustand tolerierte:

Wie in fast allen Regenwaldregionen unterspülten auch in Peru „illegale“, geduldete Goldschürfer mit Wasserkanonen Uferböschungen. Dann versetzten sie den so gewonnenen, möglicherweise gold-haltigen Schlamm mit Quecksilber. Und das tun sie auch weiter so bis heute. Der im Wasser fein verteilte Goldstaub löst sich dann in einem Quecksilber-Amalgam, das anschließend verbrannt wird. Dabei wird reines Gold gewonnen.

Die mit Quecksilber versetzten Abwässer vergiften nicht nur die Schürfer und ihre Familien, sondern auch die Menschen, die weiter fluss-abwärts Fische fangen, und dort vielleicht versuchen, im Einklang mit der Natur zu überleben. (Thinkprogress 31.05.2016)

Die Amazonas Conservation Assoziation dokumentierte, wie seit etwa vierzig Jahren bis zu 30.000 illegale Bergarbeiter den Regenwald vernichten. Aber nur einige investigative Journalisten nahmen sich des Themas immer wieder an (2014: Washington Post , Taz).

Die verursachten  Zerstörungen in Peru sind so gewaltig, dass sie durch Aufnahmen aus dem Weltraum beobachtet werden können, z.B. durch NASA-Aufnahmen von 2003 und 2011.

Es mangelt auch nicht an sorgfältigen Studien, die die drastischen Gesundheitsfolgen der Schürfaktivitäten belegen. (Nature, 2012),  und die vor neuen gigantischen Vorhaben warnen (Nature 2018)

Bis 2016 war das aber keine Schlagzeilen wert, ähnliche wie bei den Katastrophen in anderen  lateinamerikanischen Regenwaldgebieten:  Stromgebiet des Orinoco, PhilippinenIndonesien, Süd-Afrika, Tansania, Kongo, Franz. Guiana u.v.a.

Woher kam also das plötzliche Medieninteresse?

Warum poppte die alltäglich Umweltzerstörung in Madre de Dios plötzlich weltweit in die Schlagzeilen?

In Peru herrschte damals Wahlkampf. Der bisherigen Regierung drohte ein Wahldebakels. Also rief sie in der betroffenen Amazonasregion den Notstand aus.

Denn die erfolgreiche Oppositions-Kandidatin Keiko Fujimori hatte versprochen, die rechtliche Situation der ärmlich-hausenden Schürfer deutlich zu verbessern. Sie wollte damit signalisieren, dass ihr die Anliegen der armen Bevölkerung am Herzen lägen. Die Gattin des bisherigen Präsidenten Nadine Herida nannte daraufhin den illegalen Goldabbau publikumswirksam ein „Drecksgeschäft, das mehr Geld bewegt als der Narco-Handel“ (TAZ 25.05.16).

Vor 2016 hatte die amtierende Regierung mehrmals versucht, die illegalen Mineros durch Polizeimaßnahmen „zu  bekämpfen“. Vergeblich, denn Menschen, die nichts zu verlieren und die Illusion des Reichstums vor Augen haben, kehren erfahrungsgemäß nach Vertreibungen wieder zurück. Fujimoris Konkurrent, der Investmentbanker Pablo Kuczynski, versprach den Raubbau zu professionalisieren und „legal“ betreiben lassen. Damit die Wirtschaft ordentlich angekurbelt werde, solle in den Bergbau und die Rohstoffexport intensiviert werden. Das klang weder umwelt- oder indianer-freundlich. Kuczynski, den Banker, interessierten auch eigentlich nur (wachsende) Zahlen. Deshalb wurde er gewählt: Weil ihm die sozial Ausgegrenzten eher zutrauen, hohe Wachstumsraten zu erzielen, als seiner Konkurrentin. Sein Wahlkampftrick hatte sich ausgezahlt, und die entscheidenden Stimmen für den Wahlsieg eingebracht.

Natürlich traf er anschließend keine Sachentscheidungen (wie „Illegale Gold-Mineros verhaften“, „Global-agierende Schürfunternehmen besser kontrollieren“, „Die Schätze an Öl und Mineralien unter dem Regenwald ruhen zu lassen“). Sondern, wie alle Politiker, traf er Verfahrensentscheidungen: Arbeitsgruppen und Kommission einsetzen, die prüfen sollen, wie man illegale Praktiken formalisieren könne (Kleinhenz 2017).

Die Situation heute ist deutlich schlimmer als früher. Warum berichten die Massenmedien nicht mehr darüber? (Beispiel: 2018 anläßlich des Besuches des Papstes in Madre de Dios?)

„Unsere Flüsse sind schmutzig und trocken und die Pflanzen und Fische sterben .. Wir brauchen die Hilfe des Papstes. Ich möchte, dass er und der Präsident sehen, dass es wirklich noch indigene Völker gibt .. und ich möchte, dass sie wissen, dass wir kein Wasser haben.“ Guadalupe Tayori, eine Mutter von vier Kindern vor dem Papstbesuch in der Goldgräberstadt Puerto Maldonado in der Provinz Madre de Dios (Miami Herald 17.01.2018)

Wozu verkürzte Meldungen, wenn sie Hintergründe verbergen?  

Der Sinn von Schlagzeilen ist die Erzeugung von Aufgeregtheit.

Wenn etwas Ungewöhnliches geschieht, muss das Alarmsystem der Medien-Konsumentinn*en zunächst durch eine Dramatik getriggert werden. Denn wer durch Angst verunsichert ist, giert nach Information und konsumiert.

Theoretisch könnte Angst Neugier anregen, um Zusammenhänge zu verstehen. Oder Lernprozesse, wie solche Fehler künftig vermieden werden können. Oder Fragen, wer für die Schäden verantwortlich ist und haften wird. Oder was (konsumierende oder handelnde) „wir“, damit zu tun haben könnten.

Denkprozesse anzustoßen ist für die meisten Massen-Medien nicht sexy.

Denn Katastrophen-Meldungen gleichen ekligen Gärblasen in einem Teich, an dem man eigentlich nur seine Ruhe haben und baden will, ohne ständig darüber nachzudenken, ob hier „etwas faul ist“ oder „was hier stinkt“ .

Es stinkt. Müllmann in Laos. (Bild: Jäger 2018)

Medien helfen deshalb den Verängstigten (nach dem Konsum ihrer Produkte) wieder zurück in die Verdrängung.

Der Katastrophemeldung folgt deshalb zuerst ein Spendenaufruf für die, die ihr Gewissen beruhigen wollen. Und dann rasch die nächste Medien-Ablenkung: Events, Spaß und Spiele. Bis dann die Zeit wieder ist für die nächste (ganz andere) Aufregung.

 „Du musst sie erst in die Hölle bringen, bevor sie in den Himmel wollen!“
Rat eines Missionars in Süd-Tansania 1985

Mücken und Elefanten
McCandless: Mücken zu Elefanten machen
Making Mountains out of Molehills

Virtuelle Seuchen

Der Graphiker McCandless nannte die Dynamik der Angst-Stories in den amerikanischen Medien „Maulwurfshügel zu Bergen machen!“.

In den USA kommen z.B. jedes Jahr die „Killer-Wespen“ angeflogen, so wie in Deutschland in jedem Frühjahr die Zecken durch die Medien krabbeln und im Frühherbst die Grippe-Viren durch die Redaktionszimmer sausen.

Infektionsmeldungen sind bei den meisten Medien-Konzernen beliebter als Umweltkatastrophen, weil die erzeugten Ängste gleich wieder durch ein Produkt genommen werden können

Demgegenüber fehlt bei menschen-verursachten Umwelt-Katstrophen das glückliche Ende: z.B: bei den Top 10 der am meisten verdreckten Orte der Erde, und den vielen anderen Regionen der Welt in denen die Probleme auch nicht geringer sind Nigerdelta (Öl), Bangladesch (Arsen), Ferghana-Tal (Öl und Schwermetalle) “ uva. …

Investigativer Journalismus

Natürlich gibt es noch Journalisten, die das Denken verändern wollen. Allerdings machen sich sich oft unbeliebt und verdienen wenig. Außerdem sind ihre Geschichten meist zu komplex, und verwischen das klare „Schwarz / Weiß“ in Grauschattierungen.

Denn die Katastrophe scheint zwar weit entfernt zu sein, aber wir sind beteiligt, wenn an Bodenschätzen reiche Länder arm bleiben, und ihr Lebensraum immer mehr verdreckt. (Beispiel:SZ 2016)

US-Hedge Fond Gramercy fordert von Peru 1,6 Mrd US $ für die Schuldentilgung,Zeit 03.06.2016

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Weitere Artikel

… Man kann das Wetter verfluchen, seine eigene Rolle im Klimawandel ignorieren , die Behörden beschimpfen und auf öffentliches Geld hoffen. Man könnte aber auch die Freiheit des siedelnden Menschen infrage stellen – da sie immer öfter im Zusammenhang steht mit Katastrophen, die sich als Zivilisationskatastrophen erweisen. Hausgemacht.“ Gerhard Matzig „Die böse Erde“ (SZ 07.06.2016)

Autor: Helmut Jäger