Einzelfaktor oder Zusammenhang?

„Wer rettet den Westen?“ Der Spiegel Nr. 17 / 2018

Spengler
Spenglers „Untergang des Abendlandes“ 1918, ISBN 9783730604533, Neuauflage 2017

Was macht die westliche „Wertegemeinschaft“ aus?

Das Christentum kann es nicht sein. Denn dessen Wurzeln reichen weit nach Osten. Und zwischen Japan und Russland liegen nur ein paar See-Meilen.

Die Klammer zwischen Europa und Amerika bildet eher die protestantische Ethik des Kapitalismus (Weber 1905). Sie steckt aber als moralische Begründung der Wachstumsideologie zunehmend in der Krise, weil der Wohlstand „auch im Westen“ gefährdet ist, moralfrei-irrationale Narzisten die Macht übernehmen, die Umwelt abschmiert und manchmal auch Recht (wie in Afrin) beliebig ausgelegt wird.

In China stattdessen verbindet sich der Kapitalismus gerade mit der alten, starren Ethik des Konfuzianismus. Entsteht dort ein neuer moralischer Überbau, während er im Westen wegbricht?

Westliche und östliche Sicht auf das Gleiche.

Die Kulturen im Osten und im Westen sind zwar sehr eng verwoben, aber sie unterschieden sich (vor der Globalisierung) in ihren philosophischen Herangehensweisen tatsächlich in einem wesentlichen Aspekt , der u.a. in der Medizingeschichte deutlich wird:

Aus westlicher Sicht: Den Körper studieren, indem man ihn zerlegt.

vesalius
Andreas Vesalius (1514-1564). Der Mensch besteht aus Einzelteilen. Ist deren Summe ein Mensch? Bild: Wiki Commons

Die Benennung der betrachteten Einzelteile verschafft Klarheit, denn das eine (z.B. ein Muskel) kann so von anderem  (Faszien, Blutgefäßen, Nerven, Knochen) abgelöst werden. Allerdings geht dabei zwangsläufig der Funktionszusammenhang verloren. Aber SpezialistInnen (des Gehirns, der Knochen, der Leber oder der Immunzellen) können natürlich bei lebenden Personen, das reparieren, was sie (oder ihrer Lehrer) zuvor am totem Gewebe ausprobiert hatten.

Damit Probleme gelöst oder beseitigt werden, müssen die ExpertInnen mit einer Diagnose das Normale von dem Krankhaften trennen. Ein Kunstgriff, der mit einem Widerspruch verbunden ist, der kaum beachtet wird: ein Mensch, der untersucht wird, lebt, Präparate von Krebszellen, Laborwerte, Röntgenbilder, dagegen sind starr und tot. Die Diagnose gründet sich auf toten Erkenntnissen, von denen man annimmt, dass sie nützlich sind bei Interventionen in komplexe, lebende, dynamisch-unvorhersehbare Zusammenhänge.

In der Realität gibt es nämlich keine Muskeln, Nerven, Gefäße, Faszien oder Knochen sondern ungetrennt lebenden Elemente, die miteinander zu Funktionseinheiten verwoben sind: Jede Zelle ist z.B. von feinen Fibrillen durchwebt, die über Kontaktstellen zu Nachbarzellen führen. Und alle Zellen sind mit allen anderen in einem gigantischen Informations- und Bewegungssystem verbunden. Bewegungsapparat, Gehirn, Darmbakterien, Stoffwechsel sind durch zahllose Rückkopplungen miteinander verschaltet und schwingen sich aufeinander ein. Körperzellen und das Gewimmel der sie umgebenden Bakterien kommunizieren miteinander nicht wie Sender und Empfänger, sondern in Überlagerungen quanten-physikalischer Wellen.

Aus östlicher Sicht: Beziehungen und Zusammenhänge wahrnehmen.

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Neijing Tu: Die Karte des inneren Glanzes (in Stein gemeißelt von Liu Cheng-yin 1886). Ein anschauliches Modell der Wirkzusammenhänge und Rückkopplungen physiologischer und psychologischer Körperstrukturen.

Während die europäischen Anatomen in der Renaissance Leichen zerschnitten, versuchte man in China, Leben als ein Wirksystem von Psyche, Körper und umgebender Umwelt zu betrachten: Beziehungen, Austausch, Selbstorganisation und Veränderungsdynamikstanden dort im Zentrum des Interesses.

Das Lebende musste an nicht zerstückelten Objekten studiert werden, und das Wahrnehmbare konnte nur ein Teil weit größerer Wirk-Zusammenhänge sein.

Für die östliche Betrachtung der Welt war ein Einzelfaktor, eine Zelle, ein Organ so bedeutungslos wie eine gewöhnliche Person in einem großen Staatswesen. Wichtig war nur, wie etwas reibungslos in einem größeren Ganzen gesund miteinander zusammenarbeiten konnte. Man stellte sich den Menschen ähnlich wie ein bäuerliches Reich vor, das blüht und gedeiht, weil es vor Kriegen, Armut, Hunger und sozialen Wirren bewahrt wird. Eine Skizze dieser Philosophie, die vermied etwas von etwas anderem zu trennen, ist das Neijing Tu:

Der Versuch einer symbolischen Repräsentation des menschlichen Körpers und geistiger Kräfte, die im Inneren und Äußeren wirken. Möglicherweise stammt es aus dem 15. Jahrhundert, oder es ist ggf. noch älter. Das uns heute erhaltene Bild wurde 1886 im Tempel der Weißen Wolke in Peking in Stein gemeißelt.

Das Neijing Tu versucht holzschnittartig ein lebendes Systeme zu beschreiben, das sich ständig umbaut, anpasst und selbst erneuert. Dabei geht es weniger um eine „westliche“ Wahrheitssuche, wie es „tatsächlich“ ist. Vielmehr wird Nützlichkeit angestrebt, um durch Symbole Hinweise zu geben, wie die Fluss -und Veränderungsdynamik im Menschen durch Übungen und punktuelle Anregungen günstig beeinflusst werden könne. Bei der Betrachtungsweise des Neijing Tu gleichen Störungen nicht unveränderlichen Problemen, sondern Blockaden die Funktionsabläufe behindern, die in einem Gesamtorganismus eingebettet sind.

Diese Vorstellungen teilten auch antike griechische Gesundheits-Philosophen, die ebenfalls eher an dem Erhalt gesunden Lebens interessiert waren, als an der Reparatur von Problemen.

West und Ost sind sich also oft weniger fremd, als es den Anschein hat.

Gute Medizin braucht deshalb (gegründet auf Empathie und Ethik) beides

  • die „westliche“ Kompetenz, das Wissen um tote Details, Daten und Laborwerte und
  • die „östliche“ Kompetenz, des Weitblicks auf Beziehungen, Systeme, Wirkgefüge und Zusammenhänge.

Am besten abwechselnd und sich sinnvoll ergänzend.

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Autor: Helmut Jäger