Elektroschrott: „Welcome to Sodom“

Agbogbloshi
Zukunft des Blauen Planeten? „Welcome to Sodom – Dein Smartphone ist schon hier!“ (Bild: BNI 2012)

Alle reden über Digitalisierung. Wer redet über den Elektroschrott?

Infografik zu eWaste

In Ghana werden jährlich über 13.000 t Elektroschrott durch den informellen Sektor
weiterverarbeitet, häufig in Accra im Stadtteil Agbogbloshi. Seit 2009 sind die gesundheitlichen Folgen für die betroffene Bevölkerung durch Untersuchungen des Gesundheitsministeriums und des Tropeninstitutes Hamburg (BNI) belegt.

Elektroschrott in Agbogbloshie
Verbrennung von Elektroschrott in Agbogbloshie (Accra. Ghana). Bilder: BNI

Die Ergebnisse dieser Untersuchung lösten 2010 ein kleines Press-Echo aus:

Experten schätzen in einer Studie des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP), dass der weltweite Elektronikschrottberg jedes Jahr um 40 Millionen Tonnen anschwillt. Und damit zwei- bis dreimal so schnell wächst wie jeder andere sortenreine Müllberg. Für eine fachgerechte Entsorgung oder Aufbereitung fehlen in den hoch entwickelten Herstellerländern schon jetzt die Kapazitäten. Die Organisation Basel Action Network (BAN) geht davon aus, dass 80 Prozent aller Geräte, die in den USA recycelt werden müssten, direkt nach Übersee verschifft werden. Nach China, Indien und in die schwach entwickelten Länder West- und Südafrikas. Genaue Zahlen kennt niemand. … Peter Carstens (GEO) , 17.08.2010

2011 sollte dann im Rahmen einer studentisch-wissenschaftlichen Arbeit geklärt werden, welche Institutionen, an einer Lösung des Problems mitwirken könnten.

Elektroschrott in Agbogbloshie
Agbogbloshie (Accra. Ghana): Untersuchungen der Betroffenen durch Gesundheitsministerium und Tropeninstitut Hamburg. Bilder: Thorsten Feldt, Julius Fobil

Zusammenfassung des gesundheitlichen Problems, Irina Klein, BNI 2011:

Bei der Zerlegung der Geräte werden meist ineffiziente und gefährliche Recycling-techniken angewandt, um bestimmte Rohstoffe wie Kupfer, Stahl oder Aluminium zu extrahieren. Diese werden teilweise mit bloßen Händen, mithilfe von Steinen oder durch offene Verbrennung der Geräte und Kabel, gewonnen. Wertvolle Metalle, wie Gold Silber und Palladium gehen durch die einfachen Recycling-techniken größtenteils verloren. In Gebieten, in denen diese Schrottverarbeitung praktiziert wird, wurde eine hohe Belastung durch Metalle sowie andere toxische und persistente Schadstoffe in Luft und Boden festgestellt. In Agbogbloshie, einem Außenbezirk der Hauptstadt Ghanas, befindet sich die größte Schrotthalde des Landes. Es wurden unterschiedliche Studien zur Messung der Schadstoffbelastung durchgeführt. Eine Untersuchung ergab eine Belastung der Böden mit Kupfer, Blei, Zink und Zinn, die 100 mal höher als die Grundbelastung war. Bei Arbeitern auf der Schrotthalde wurden u.a. erhöhte Blei-, Eisen- und Antimonkonzentrationen im Urin im Vergleich zu Referenzgruppen festgestellt. Die Belastung der Schrottzerleger durch Metalle und andere Schadstoffe kann schwere gesundheitlichen Erkrankungen zur Folge haben. Beispie sind Entwicklungsstörungen im Gehirn von Kindern, Fehlfunktionen der Nieren, Lungenkrebs, und endokrine Störungen. Es existieren diverse gesetzliche Regelungen, die den Import von gebrauchten Elektrogeräten und Elektroaltgeräten reduzieren sollen, allerdings gibt es viele Hürden, die eine Umsetzung dieser Regelungen erschweren.

Das Ergebnis dieser Befragung war angesichts der Größe des Problems ernüchternd:

2016 wurde dann das gleiche Problem erneut im Rahmen einer Doktorarbeit analysiert, deren Autor dann zu alten Schlussfolgerungen kommt:

… eine geeignete Kombination aus Gesetzgebung, Infrastrukturverbesserung und lokaler und international er Zusammenarbeit in Verbindung mit Maßnahmen zur Regulation und Integration des informellen Recyklingsektors die Umwelt – und Gesundheitsrisiken und den Verlust Seltener Erden bei der Elektroschrott-aufbereitung in Ghana auf ein Mindestmaß reduzieren kann“ Nartey KV, Bonn 2016
Ghana Elektroschrott
Verbrennung von Elektroschrott in Agbogbloshie (Accra. Ghana). Bilder: BNI (Irina Klein)
Schließlich beschreibt 2017 Thorsten Feldt, der 2009 im Rahmen des Tropeninstitutes Hamburg auf das Problem verwiesen hatte, den gleichen Zusammenhang noch einmal:

Die Entsorgung von Elektroschrott in Entwicklungs- und Schwellenländern ist ein zunehmendes Gesundheitsproblem. Die Elektroschrotthalde in Agbogbloshie, einem Stadtteil von Ghanas Hauptstadt Accra, ist eine der größten in Afrika und weltweit. Dort werden die Geräte unter einfachsten Bedingungen ausgeschlachtet und die Reste offen verbrannt, um Metalle von unbrauchbaren Plastikmaterialien zu trennen. Dabei wird ein gefährlicher Giftcocktail freigesetzt, der zahlreiche Schwermetalle, zum Beispiel Blei, Quecksilber und Kadmium sowie organische Toxine, zum Beispiel Dioxine und Furane, enthält.

Viele dieser Toxine konnten in Proben der Arbeiter in zum Teil bedrohlich hohen Konzentrationen nachgewiesen werden. Vor allem für Kinder sind bei einer solchen Exposition erhebliche Gesundheits- und Entwicklungsstörungen zu erwarten. Stärkere Kontrollen der Transportwege zur Verhinderung von illegalen Elektroschrottexporten und die Einführung von umweltfreundlicheren und zugleich wirtschaftlicheren Recyclingmethoden sind erforderlich, um die Lebensbedingungen in Agbogbloshie und anderen Elektroschrotthalden zu verbessern.  Thorsten Feldt, Flug u Reisemed 2017; 24(04): 185-189

2018 wird auch aus Nigeria berichtet, dass sich an dem rasant zunehmenden weltweiten Umweltproblem auch in anderen Ländern wenig geändert:

Europa exportiert illegal Elektroschrott. Schmuggler verschiffen tausende Tonnen E-Schrott nach Nigeria. Giftiger Exportschlager: Europa verschifft jedes Jahr 60.000 Tonnen an Elektrogeräten nach Nigeria – ein Viertel davon ist Schrott.

Der Großteil des illegalen Frachtguts kommt in gebrauchten Autos in den Häfen an, wie Forscher nun berichten. Ganz oben auf der Schmuggelliste stehen kaputte Fernseher und Kühlschränke, die meistens falsch oder einfach gar nicht deklariert sind. Für die Schrotthändler ergeben sich daraus jedoch keine Konsequenzen. Sinexx 20.04.2018

Was könnte (außer zu verzweifeln) getan werden?

Diejenigen, die „Informatik für alle!“ fordern (Zeit 27.02.2018), sollten an Gesetzen arbeiten, um entstehenden Schrott sachgerecht zu recyceln, z.B. durch Rücknahmepflicht des Herstellers. Und sie sollten den Export von Elektroschrott verbieten und illegal Exportiertes zur Entsorgung zurückholen.

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Artikel: H. Jäger