Entspannen oder Loslassen?

carlo 2015
Entspannt, aufmerksam und bereit (Carlo 2015)

Entspannung ist nicht immer gut. Wenn auf Kampf oder Flucht der ohnmächtige Zusammenbruch folgt, geraten die Rhythmen vieler Körpersysteme gewaltig durcheinander. Krankheiten treten deshalb oft in der Pause der Erschöpfung auf und nicht, wenn die Belastung im Stress am größten ist.

Ein aufgeblasener Luftballon, von einer Nadel angepickt, entspannt  von außen nach innen: Er zerreißt mit einem lauten Knall. Aber es geht auch umgekehrt: von innen nach außen:

Bei einer Rosenknospe zum Beispiel. Wenn es im Frühjahr soweit ist, bewirken die wärmenden Sonnenstrahlen, dass sich die Festigkeit in ihrem Zentrum löst und die Blütenblätter nach außen drängen. Die Struktur öffnet sich, bereit zur Kommunikation mit der Umwelt und zugleich elastisch und anpassungsfähig.

Der vollkommenen Entspannung im Kollaps fehlt jede Energie. Der „Burn out“ des Anderen ist daher das Ziel der Kämpfe, bei denen es darum geht, schneller und kräftiger als der Gegner zuzuschlagen, um seinen Widerstand zu brechen, um ihn zu Boden zu werfen. Dem Verlierer hilft weitere Entspannung nicht weiter. Eher wird dann noch einmal nach getreten.

Dagegen kann sich eine Struktur elastisch aufladen, wenn sich unnötige Anspannung löst. Dann entsteht Energie. Wie bei einem Sportbogen. Innere Verspannung kann nachlassen, verkrampfte Haltung kann sich verlieren, und eine Situation, kann, so wie sie ist, angenommen werden. Dann passt sich ein Schwimmer ohne Widerstand dem Fluss an, in dem er treibt, und schaut nach den Möglichkeiten, die sich ihm gerade bieten.

Sich in eine Struktur entspannen, gerade dann, wenn es gefährlich wird, widerspricht den spontanen Reflexen des Zuschlagens oder Weglaufens. Es ist nicht einfach, die Stille im Auge eines Orkans zu finden und sich nicht von ihm nicht mitwirbeln zu lassen. Das erfordert mit der Erfahrung anwachsendes Selbstvertrauen.

Takuan Sōhō (Japan, 1573-1645) in einem Brief an einen Schwertkämpfer: „Wenn aber in dem Augenblick, da Ihr das Schwert seht, welches Euch treffen will, Euer Geist nicht von ihm festgehalten wird und Ihr im Rhythmus des heransausenden Schwertes bleibt; wenn Ihr nicht daran denkt, Euren Gegner zu treffen, und wenn keine Gedanken und Urteile bleiben; wenn in dem Augenblick, da Ihr das heransausende Schwert seht, Euer Geist nicht im geringsten festgehalten wird und Ihr augenblicklich handelt .. so wird das Schwert, das Euch niederstrecken sollte, Euer werden.

Der ehemalige Weltmeister in Kung-Fu-Free-Style Peter Ralston prägte dafür den Begriff „mühelose Stärke“. Der Psychologe Marshall Rosenberg nannte das gleiche Prinzip „Gewaltfreie Kommunikation“.

Der wesentliche Effekt von beidem ist die Überraschung. Auf Aggression und Stress in verbaler oder körperlicher Konfrontation wird eine gewalttätige Gegenkraft oder die Flucht erwartet, nicht aber Gelöstheit und Ruhe. Der Angreifer ist verblüfft, dass sein Gegenüber offenbar kein Interesse hat, ihn zu vernichten, aber auch nicht flieht und auch nicht zum Gegenangriff übergeht. Aus solcher Verwunderung kann Kommunikation entstehen. Aus Gegnern können Partnern werden.

Bis das „mühelos und leicht“ gelingt, ist geduldiges Üben nötig: im Leben, im Kampfsport, im Management.

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  • Peter Ralston: The Principles of Effortless Power, North Atlantic Books 1989
  • Marshall B. Rosenberg: Gewaltfreie Kommunikation. Junfermann, Paderborn 2010

 

Autor: Helmut Jäger