Wie viel Entspannung verträgt ein Mensch?

Perfekte Entspannung ist tödlich.

Menschen bestehen aus Zellen, die über Seilzüge miteinander vernetzt sind.  Nerven, Gefäße reichen bis dicht an die Zellen heran, und Bindegewebsfasern verbinden sie miteinander (Myers 2014). Im  Zellinneren knüpfen feine Fibrillen an die Zuglinien der äußeren Fasern an und bilden ein fein-gewebtes Zytoskelett.

Alle Fasern und inneren Verbindungsstränge sind durch Zug und Druck aufgespannt. Damit entsteht eine elastische, verformbare und anpassungsfähige Gesamtstruktur. Diese so genannte Tensegrity-Strukturen werden durch die Schwerkraft geprägt und geformt.

Und wenn die Schwerelosigkeit wegfällt?

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Über den Wolken, muss die Freiheit wohl … (H. Jäger)

Aufenthalte im All führen, je länger sie andauern, zu Degenerationen des Bewegungsapparates (Ritzmann 2014). Muskeln, Bindegewebe und Knochensubstanzen werden abgebaut. Dabei sind vor allem die Strukturen betroffen, die auf der Erde der Schwerkraft entgegen wirken: insb. die Muskeln-Bindegewebe-Knochen am Rücken und Rumpf. Da Nerven und Muskeln Rückkopplungsschleifen bilden, verkümmern die Programme der Bewegungssteuerung gleich mit. Ebenso wie der Gleichgewichtssinn im Ohr und die inneren Sinne, die in der Schwerelosigkeit nur wenig beansprucht werden: die so genannte Propriozeption: u.a. Druck, Zug, Gelenkstellung. Nach der Landung fällt es den Astronauten dann schwer sich zu bewegen. Für die Wiederherstellung der ursprünglichen Kondition benötigen sie lange und intensive Trainings. Manche Schäden bleiben.

Darüberhinaus kollabieren in der Schwerelosigkeit die Fibrillen der Immunzellen. Diese Einzelgänger außerhalb von Zellverbänden wandern mit dem Blutstrom und dringen aktiv ins Gewebe ein. Dazu nutzen sie ihre durch Schwerkraft beeinflusste Zytoskelette, um sich an die Stellen zu bewegen, an denen sie gebraucht werden. Nicht nur die Fortbewegung wird durch den Wegfall der Erdanziehungskraft gestört, sondern auch die Fähigkeit Signale auszusenden und zu empfangen. Und auch die Funktion, Erreger aufzunehmen und für andere Zellen aufzubereiten. (Paulsen 2014, Adrian 2013, Woods 2003). Solche Veränderungen der Immunfunktion sind selbst nach einem relativ kurzen Space-Shuttle-Flug messbar (Crucian 2012)

Der Erdling Mensch ist ohne die Belastung der Schwerkraft nicht lange überlebensfähig (Ulrich 2007-2014).

Das stellt die Planer von Marsflügen vor große Herausforderungen. Sie müssten Raumschiffe konstruieren, die künstlich Schwerkraft erzeugen, und sich ausgeklügelte Trainingssysteme ausdenken (Ritzmann 2014). Vielleicht scheitern sie trotzdem.

Für die meisten von uns, die nicht ins All fliegen werden, könnte das ziemlich belanglos sein. Wenn nicht das gleiche Prinzip, wenn auch weniger dramatisch, auf der Erde zuträfe:

Bei Menschen, die über einen langen Zeitraum in weichen Krankenhausbetten liegen, werden die Zellen des Bewegungsapparates kaum noch durch die Schwerkraft gefordert. Stillgelegtes (z.B. eingegipstes) Gewebe kann keine Funktion erfüllen und wird radikal abgebaut. Nicht benutzte Muskeln, Bindegewebe und Knochensubstanzen verkümmern, und auch die Immunreaktion verschlechtert sich.

Zu allem Überfluss nimmt damit auch die Hirnleistung ab, weil weniger Bewegungsprogramme trainiert werden.

Es spricht also viel dafür, sich zu räkeln und dabei die Schwerkraft zu genießen:
Das hält das Gehirn fit und Krankheiten fern.

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Literatur

Autor: Helmut Jäger