Krieg den Keimen

„Lasst uns etwas ausrotten!“: Die imperiale Kriegsführung der Medizin

Die kriegerische Wortwahl frühen Infektiologen entsprach dem Zeitgeist des Imperialismus. „Seuchen“ mussten bekämpft und ausgerottet werden, weil sie die Kolonialtruppen bedrohten, und die Erträge der Plantagen gefährdeten.

An sozialen oder psychologischen Zusammenhängen, oder an einem friedlichen Gedeihen von Ökosystemen war man nicht interessiert. Ebenso wenig an Menschenrechten oder an nicht-infektiösen Leiden, die sich durch Lebensumstände, Kriege oder Umweltzerstörung verschlimmerten.

Gorgas
William Gorgas überwacht die Arbeiten am Panamakanal. Bild: Randall: A History of Global Health. JHU 2016, s. 21

Der erste General der Ausrottungsprogramme

William Gorgas gelang es in den 30iger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, zuerst Havanna und dann auch die Panama-Kanalzone von Gelbfieber zu befreien. Seine Gegner waren die Aedesmücken. Lebensbedingungen, Wohlergehen und Bürgerrechte der Menschen, in deren Umwelt die Mücke brütete, liessen ihn gleichgültig. Militätisch planend, rücksichtslos und mit brachialer Gewalt sanierte er Elendsquartiere, versprüht Tonnen von Kersosin und setzte Zwangs- und Quarantänemaßnahmen durch.

Mit dieser Strategie war er sehr erfolgreich: die Gelbfiebererkrankungen wurden tatsächlich verdrängt. (Packard 2016) Allerdings lebten die Menschen anschließend weder besser noch gesünder. Aber immerhin verstarben sie nicht mehr an Gelbfieberviren. Sehr lange hielten die Erfolge nicht an. Denn die Aedesmücken konnte sich im Rahmen der Verstädterung weltweit immer weiter verbreiten, und sie übertragen heute  u.v.a. Dengue- und Zikaviren. Gelbfieberviren kommen nur deshalb nicht mehr so häufig vor, weil sie aus tierischen Reservoiren in Regenwaldgebieten stammen, und die werden immer weiter abgeholzt.

Lomdine Files
Lomidine Files: „An Anthropolgy of Colonial Unreason“ Lachenal G., JHU Press 2017

Andere „Generäle“ der Keim-Theorie versuchten mit ähnlich „gewaltigen“ Methoden die Schafkrankheit auszurotten, indem sie zwangsweise vorbeugende Medikamente verabreichten. (Lachenal 2017). Allerdings scheiterten sie damit jämmerlich. Dann wurde das Pestizid DDT erfunden, und man glaubte nun endlich die ganz große Seuche Malaria vernichten zu können. Die Weltgesundheitsorganisation erklärte sie zu ihrem Hauptgegner und lies weltweit viele Tonnen des neuen Giftes versprühen.

Dieses Ausrottungsziel scheiterte ebenfalls, dafür entwickelten sich ungeahnte, um ein vielfaches gravierendere Umweltschäden durch DDT (Carlson, Der stumme Frühling, 1962). DDT wurde daraufhin DDT (vorübergehend) geächtet, wird aber inzwischen wieder weltweit im Rahmen der Malaria-Bekämpfung genutzt (erneut mit dem Segen der WHO).

Desinfektion
Desinfektionssoldat mit Offizier. Bild: Randall: A History of Global Health. JHU 2016, s. 21

Ein Beispiel für unumkehrbare bleibende Folgen des Einsatzes eines Pestizides  zur Schädlingsbekämpfung ereignete sich auf den französischen Antillen. Dort wurde Chlordécone, organische Chlorverbindung, versprüht. Sie weist östrogenartige Eigenschaften auf und wird biologisch nicht oder kaum abgebaut. Zwischen 1981 bis 1993 wurde Chlordécone (gemeinsam mit der toxischen Ammoniumverbindung Paraquat) in großen Mengen eingesetzt, um einen Bananenschädling zu bekämpfen, obwohl seit 1979 bekannt war, dass Chlordecone Krebs auslösen kann. Für das französchen Festland wurde deshalb 1990 der Chlordécone-Gebrauch verboten. Erst zwei Jahre später auch auf den Inseln, wo es aber weiterhin lange Zeit illegal weiter genutzt wurde. 1999 wurde erstmals über eine hundertfach über dem oberen Grenzwert liegende Konzentrationen von Chlordecone im Grundwasser berichtet. Bei Untersuchungen im Jahr 2005 wies 99% des Trinkwassers hohe Schadstoffkonzentrationen auf. Chlordécone gelangt (oder abgebaut zu werden) in die Nahrungskette, findet sich heute  in hohen Konzentrationen in Gemüse und Nutztieren. Der ökologische Schaden ist unumkehrbar und die Halbwertzeit von Chlordécone beträgt 60-100 Jahre. (BEH 2011)

In den kontaminierten Regionen leben etwa 80.000 Personen und 13.000 von ihnen führen sich über Nahrung und Wasser über 0,5µg/kg/Tag zu. (Franceinfo 19.12.2017)

Chlordecone wirkt schädlich auf Leber- und Nierenzellen, es hemmt die Spermaproduktion und führt zu Schwangerschaftskomplikationen und beeinflusst die Entwicklung der Ungeborenen. Die Substanz bindet u.a. in der Prostata an einem Rezeptor für Östrogene, über den verstärktes Zellwachstum und eventuell auch Malignität vermittelt wird. Ein Zusammenhang zwischen Schadstoffbelastungen und den im Vergleich zu anderen Ländern hohen Raten an Prostatakarzinomen auf den Antilleninseln wurde spätestens seit 2007 vermutet und in einer Studie untersucht. 40% der Proben von Milch stillender Mütter in den betroffenen Regionen sind mit Chlordécone belastet, was bereits zu messbaren Folgen führt (Saunders 2014). Das umgebende Meer sorgt bei den Inseln dafür, alle Störwirkungen von außen abgeschirmt und die Schadstoffbelastung über Generationen gleich bleiben wird (HAL 2017, Nedellec 2016)

Was hat die Welt-Gemeinschaft aus solchen Katastrophe gelernt?

Wenig, denn die Betroffenen wurden nicht entschädigt. Und ähnliche Bekämpfungsstrategien gehen nach dem glsichen Prinzip immer neuen Subsatanzen wie Glyphosat weiter. Dagegen werden Ansätze, wie man langfristig nachhaltig wirtschaften könnte, weiterhin nur selten verfolgt.

Bekämpfungsstrategien als Motor der Medikalisierung von Gesundheit.

Vor vierzig Jahren glaubten engagierte Ärztinnen und Ärzte, sie könnten die weltweiten Gesundheitsprobleme durch ein verbessertes Gesundheitssystem günstig beeinflussen. Polio war damals, wie Cholera, Krieg oder Hunger, nur ein Problem unter vielen anderen. Man glaubte allen Menschen wirksame Behandlungen in sehr einfacher Form zugänglich machen zu können. Diese Idee eines „Basis-Gesundheitswesens“ (Primary Health Care) löste weltweit eine Aufbruchsstimmung aus, die viele engagierte junge Menschen mit sich riss. U.a. auch mich.

Wir waren damals überzeugt, die Welt verändern zu können. Ich zog als begeisterter Gastarbeiter nach Tansania, weil sich dessen Regierung der PHC-Idee ganz verschrieben zu haben schien. Primary Health Care galt als offizielle Politik der internationalen Organisationen (Deklaration von Alma Ata 1978). Ein Jahrzehnt später wurde das Konzept dann noch erweitert um Empfehlungen zur Verhaltens- und Verhältnis-Prävention (Ottawa Charta 1986 zur Gesundheitsförderung).

Global Health Packard
Globale Medikalisierung statt globaler Gesundheit. Randall: A History of Global Health. JHU 2016

Wenige Jahrzehnte später fiel die Überprüfung unserer Arbeit in den so genannten „Gesundheits-Distrikten“ ernüchternd aus: Zwar hatten die Gesundheitsprodukte („Die Pillen“) tatsächlich die letzten Winkel der Erde erreicht. Jeder Dorf-Krämerladen, der Tabak, Toilettenpapier und Dosenfleisch verkauft, verhökert heute auch Antibiotika, Psychopharmaka und Schmerzmittel.

Gesundheit hängt aber nicht von (oft zweifelhaften) Produkten des Gesundheitsmarktes, sondern in erster Linie von sozialen Faktoren ab (Dolin 1997).

Solche Zusammenhänge waren für die, die über die Mittel entschieden, zu komplex. Die Primary Health Care Programme hatten gezeigt, dass eigentlich nachhaltig-gesunde Regional-Entwicklungen zur Verbesserung der Lebensqualität aller Bereiche der Gesellschaft nötig wären, inklusive Ernährung, Bildung, Frauenförderung, sozialem Frieden, Gerechtigkeit, Kultur und Ökonomie. Das aber war nicht umsetzbar. Es wäre zu teuer geworden, hätte Integration und Koordination vieler Interventionsansätze erfordert, und es hätte vor allem nicht zu kurzfristige messbaren Resultaten geführt.

Im engen Horizont der Politik und der Marktinteressen waren und sind langfristige Ziele zur Verbesserung der Lebensqualität nicht „sexy“. Erfolge müssen während einer Amtsperiode erkennbar sein und sich in Bilanzen belegen lassen. Und die Wahrnehmung ganzer sozialer Systeme in ihrer Dynamik überfordert die meisten, die sich damit beschäftigen müssten.

Diejenigen, die über die Mittel verfügen, brauchen stattdessen kleinere Probleme, die mit einer klaren Intervention in einem sehr engen Zeitraum ab-rechenbar erreicht werden können.

Daher war das Ende von Primary Health Care nach nur wenigen Jahren absehbar. Im Rahmen ökonomischer Sanierungsprogramme wurde der teure Personalüberhang in staatlichen Gesundheitseinrichtungen abgebaut und das Wachstum der Medizin als Marktwirtschaft begünstigt. Der öffentliche Bereich konzentriert sich seit Ende des letzten Jahrhunderts auf Einzelziele zur Beseitigung bestimmter Krankheiten, die sich aus taktischen Gründen anbieten, und die gegenüber den Geber-Zentralen in Berichten, Statistiken und Dokumenten abgerechnet werden konnten.

Der Basisgesundheit folgte die Ausrottung

Die sogenannten Eradikationsprogramme knüpften an dem Erfolg der Pockenausrottung (1966-1986) an. Das Pockenvirus lebt heute nur noch tiefgekühlt in einigen militärisch kontrollierten Laboren. Hoffentlich wird es von dort nie in falsche Hände gelangen.

Malaria Control Tennessee
Malaria and its Control in the Tennessee Valley, Univ. Michigan 1941

Als alle Bemühungen die Malaria durch intensiven Einsatz von DDT und anderen Pestiziden auszurotten, gescheitert waren, verlegte man sich nicht etwa auf die Verfolgung nachweislich erfolgreicher gemeinde- und behandlungs-bezogene Konzepte, wie 1941 in Tennessee USA, sondern suchte sich ein anders Ausrottungsziel, die Pocken.

Dieses Virus wird ohne Zwischenwirt von Mensch zu Mensch übertragen, und daher erschien seine Vernichtung durch eine Impfung und Isolationsmassnahmen von Kranken realistisch (Pocken-Eradication).

Malaria-Bekämpfungsstrategien wurden vorübergehend weniger intensiv verfolgt, die Überträgermücken zogen sich aber aus anderen Gründen (Verstädterung, Umweltverschmutzung, Abholzung) immer mehr zurück. Die Blut-Parasiten entwickelten aber immer häufiger Resistenzen gegen die gegen sie eingesetzten Kriegsmittel (weiterhin DDT und andere Pestizide) und gegen Chemotherapeutika. Deshalb wird bis heute immer wieder nach neuen Waffen und militärischen Kriegszügen gerufen, und zugleich die Verbesserung der allgemeinen Lebensbedingen vernachlässigt. (Guardian 01.02.2018)

Der ehemalige US-Präsident Jimmy Carter zweigte, dass es durchaus möglich ist, ein relativ kleines Ausrottungsziel auszuwählen (den Guinea-Wurm in Westafrika) und dabei auch ziemlich erfolgreich zu sein (Jimmy Carter Center).

Anderseits zeigte eine Untersuchung eines anderen Ausrottungsprogramms bei einem relativ einfach eingrenzbaren Infektionskrankheit (Trachom), dass diese auch in einer Nachbarprovinz ohne Interventionsprogramm verschwand, weil sich in beiden beobachteten Provinzen die allgemeinen Lebensbedingungen verbessert hatten (Dolin 1997)

Die amerikanischen und Europäischen Entwicklungsprogramme (während der Präsidentschaft von Bill Clinton) beglückten Afrika, Asien und Lateinamerika mit massiven Familienplanungs-programmen, bei dem vor allem langwirkende Produkte wie  u.a Depo-Provera DMPA zum Einsatz kamen, die die Frauen selber nicht kontrollieren konnten, und die ggf. zu ernsten Nebenwirkungen führten.

Diese sogenannten vertikalen Programme, die Keime, Armut oder Bevölkerungswachstum bekämpfen sollten) hatten und haben einen wertvollen indirekten Effekt: jemand musste die Mittel (die Munition) der Eradikation herstellen (die Pharmaprodukte), und das sicherte Arbeitsplätze in den Geberländern. Diese Logik deckte sich insbesondere mit den Interessen privater, wirtschaftlich orientierter Geber wie „Bill & Milinda Gates“, die heute einen großen Teil der Mittel für weltweite Gesundheitsprogramme vergeben. Die Basis-Gesundheitshelfer wurden umgeschult zu Teams, die durch die Dörfer zogen und impften.

Pockenausrottung
Die Ausrottung der Pocken. Bild: Randall: A Hstory of Global Health. JHU 2016, s. 168

Nach der anfänglichen Euphorie über den Erfolg der Ausrottung einer Krankheit nach der anderen, folgten mit den Lepra- und Tuberkulose-Eradikation-Versuchen die ersten Ernüchterungen. Solche Bakterien waren, wie viele andere auch, nicht ausrottbar, und Neuerkrankungen gibt es immer wieder. Ob und wie häufig hängt vor allem von sozialen Faktoren ab, und die Frage der frühen Behandlung hat, wie schon in den alten PHC-Zeiten bekannt war, etwas mit Bildung, Frauenrechten, Ernährung und vielem anderen zu tun.

Lepra und Tuberkulose sind Probleme, bei denen ein funktionierendes Distrikt-Gesundheitswesen mitwirken muss, die es aber allein niemals in den Griff bekommen kann. Zudem wurden ja die Gesundheitssysteme insgesamt kaum noch gefördert und bröckelten vor sich hin. Es wurde daher still um die Ausrottung „schwieriger Seuchen“, wie u.a. auch der Schlafkrankheit. Wo keine kurzfristigen Erfolge oder ökonomische Vorteile winken, schmelzen erfahrungsgemäß die Budgetposten ab.

Man konzentrierte sich stattdessen lieber mit aller Kraft auf die Polioausrottung, weil hier ein wirksamer Impfstoff zur Verfügung stand. Diese Infektion sollte bis spätestens 2005 endgültig beseitigt sein. Aber irgendwie klappt es nicht.

Integrieren und entwickeln statt bekämpfen

Die Notwendigkeit der Integration von Eradikations-Programmen in regionale Entwicklungs-Anstrengungen wurde in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder vernachlässigt (Habib 2017) . U.a. auch bei den Epidemien von Cholera (Haiti 2010), Ebola und Zika.

Solange Menschen aber in Krisengebieten in absoluter Armut leben, werden Epidemien von Infektionserregern, die sich über das Wasser, über Moskitos oder von Mensch zu Mensch ausbreiten, immer wieder ausbrechen können.

Hoffnung durch bessere Verfügbarkeit von Cholera-Impfstoff !
Aber besonders für Kriegsgebiete wie den Jemen gilt: Hätten alle Menschen Zugang zu sauberem Trinkwasser, gäbe es keine Cholera mehr.“ Science 09.02.2018

Mehr

Literatur

  • BEH (Bulletin épidémiologique hebdomadaire), 2011: Chlordécone aux Antilles : bilan actualisé des risques sanitaires – Chlordecone in the French West Indies: updated assessment of health risks (Französisch, Zusammenfassungen in Englisch) Aktionsplan des Gesundheitsminsteriums
  • Coat S et al (2010):  Organochlorine pollution in tropical rivers (Guadeloupe): Role of ecological factors in food web bioaccumulation Environmental Pollution 2011, 159(6):1692-1701, doi:10.1016/j.envpol.2011.02.036
  • Dolin PJ: Reduction of trachoma in a sub-Saharan village in absence of a disease control programme, Lancet 1997; 349:1511-12
  • Guldner L et al (2010): Pesticide exposure of pregnant women in Guadeloupe: ability of a food frequency questionnaire to estimate blood concentration of chlordecone. Environ Res. 2010 110(2):146-51
  • Multigner L et.al. (2010): Chlordecone exposure and risk of prostate cancer. J Clin Oncology 2010, 28 (21): 3457-62
  • Reiner E et al (2010): Advances in the Analysis of Persistent Halogenated Organic Compounds, LC·GC Europe 23 (2010) 60−70

Artikel: Helmut Jäger