Hirnschaden durch Sport?

Ein Fünftel der akuten Verletzungen beim Fußball betreffen den Kopf

„Das Champions-League-Finale 2018 entschied der Spieler Ramos offenbar durch K.o.“ (an Liverpools Torwart Loris Karius, 24, der nach einer Gehirnerschütterung vorübergehend das räumliche Sehen verlor), SZ 06.06.2018

Die Schäden der Hirnstruktur durch Kopfbälle oder andere Erschütterungen des Schädels fallen bei Frauen deutlich intensiver aus als bei Männern. In einer radiologischen Untersuchung fanden sich bei Frauen größere und intensiver betroffene Areale geschädigter weißer Substanz, in der die Leitungsbahnen des Gehirns verlaufen: Diese Befunde waren bei Sportlerinnen fünfmal so häufig ausgeprägt als bei ihren männlichen Kollegen. (Rubin 2018)

„Jiri Pavlenka ist nach einem schweren Zusammenprall glimpflich davongekommen … er hat sich nur eine Gehirnerschütterung zugezogen … in zwei Wochen wird er wieder im Tor stehen.“ csa 03.09.2018

Auch bei Männern ist das Risiko nicht klein: Bei 202 verstorbenen „Football“-Spielern wurde bei 177 (87%) hirnorganische Veränderungen (Enzephalopathie) nachgewiesen. (Mez 2017)

The Independent 31.07.2018
Erschütternd: Die Gehirne von Fußballspielerinnen sind bei Kopfbällen gefährdeter. Mikroskopische Gewebestörungen mit Behinderungen des normalen Blutflusses kommen bei Frauen fünfmal häufiger vor (frei übersetzt). The Independent 31.07.2018

 

Gehirn

Das weiche Nervengewebe des Gehirns ist vor Verletzungen gut geschützt. Es schwimmt, durch Aufhänge-Fäden stoß-gedämpft, in einer soliden Hülle. Erst wenn der Schädel zerbrochen wird, zerreißt auch das Nervengewebe. In den USA soll das zwei- bis drei-millionen-mal pro Jahr vorkommen: meist durch Verkehrsunfälle, Stürze oder Gewaltereignisse. (Vassilis 2015)

Aber das Nervengewebe kann auch geschädigt werden, wenn der Kopf immer wieder mittelschweren Schlägen ausgesetzt wird. So sollen z.B. beim American Football etwa dreißig  Gehirnerschütterungen pro eintausend Spiele und Spieler auftreten. (Lewis 2016)

Die Institutionen, die Milliarden von Dollars oder Euros mit potentiell risikoreichen Sportarten umsetzen, hören Diskussionen über Gesundheitsschäden nicht gern. Der Arzt Bennet Omalu, dem der Hollywood-Film Concussion 2015 ein Denkmal setzte, geriet deshalb auch in Schwierigkeiten, als er sich mit der mächtigen American Football League angelegte. (Gulland 2016).

Boxen

I try to catch them right on the tip of his nose, because
I try to punch the bone into the brain.
Mice Tyson

Wiederholte, leichte Gehirnerschütterungen bewirken Folgekrankheiten. Das war bei Boxern schon seit vielen Jahrzehnten vermutet worden. Denn Profi-Boxer litten mit zunehmendem Alter häufiger an Hirnerkrankungen, wie u.a. der ehemalige Schwergewichts-Weltmeister Muhammed Ali.

1969 wurde in England eine Zufallsauswahl von 244 pensionierten Boxern untersucht: Bei 37 (17%) von ihnen fanden sich chronische, traumatisch verursachte Hirnschäden. (Rudd 2016)

„Ex-Profi Boxer Eduard Gutknecht braucht sein Leben lang Pflege … Im November 2016 war er mit schwersten Kopfverletzungen kollabiert … die rechte Gehirnhälfte war komplett beschädigt. Dazu kamen mehrere Schlaganfälle im Bereich des ganzen Gehirns. … Selbst heute macht er nur wenig Fortschritte …“ Sport Informations Dienst, 18.04.2017

Kick-Boxen ist noch riskanter: über einen Zeitraum von fünfzehn Jahren waren 390 Verletzungen pro 1.000 Kampf-Begegnungen beobachtet worden, davon etwa ein Drittel am Kopf  (Lystad 2015).

Kurzfristig heilen die Folgen solcher Schlag-Einwirkungen meist relativ gut aus. „Leichtere“ oder begrenzte  Veränderungen können auch im Gehirn von anderen gesunden Zellen kurzfristig relativ gut aufgefangen oder auch repariert werden.

Langfristig aber führen sie, wenn sie immer wieder auftreten, zu Hirnerkrankungen.

Muhammed Ali : „Ich hasste jede Minute des Trainings. Aber ich sagte mir: Hör nicht auf. Leide jetzt und lebe den Rest deines Lebens als Champion!“

Chronisch Traumatische Encephalopathie (CTE)

Chronische Hirnfunktionsstörungen, die durch Gewalteinwirkung entstehen, können im Rahmen von Langzeitbeobachtungen entdeckt werden (CTE oder Dementia pugilistica).

Man findet dann Störungen der Ausschüttung von Hormonen der Hirnanhangdrüse, Fehlfunktionen der Hirntätigkeit, Gedächtnisverluste, Konzentrationsschwächen, Depressionen, Apathie, Verlust der Selbstbeherrschung, Parkinson-Erkrankungen und Demenz. (Baugh 2012)

Zellulären Veränderungen, die solchen unterschiedlichen Krankheitserscheinungen zugrunde liegen, können erst nach dem Tod durch Gewebeuntersuchungen diagnostiziert werden. Ähnlich wie bei Alzheimer-Erkrankungen, zeigen sich u.a. Eiweißablagerungen und Anzeichen lokaler Immun-Übererregbarkeit. Neben dem vermehrter Zelltod werden auch langanhaltnede Störungen der inneren Stabilität der Zellen vermutet (d.h. Funktionsstörungen der Zell-Innen-Skelette, Piccolo 2016)

Langfristig werden, bei immer wieder auftretenden „kleinen“ Traumen, giftige Abbauprodukte abgestorbener Zellen als nicht-typische Eiweiße eingelagert. (veränderte Tau-Proteine , Vassilis 2015)

Bei Untersuchungen der Gehirne verstorbener, ehemals professioneller Boxer wurden solche Veränderung in 20-50% der Fälle gefunden. (Jordan 2000, Seifert 2015). Eine Behandlung ist bei solchen chronischen Gehirn-Umbauprozessen nicht möglich.

Führt das Wissen um CTE zu Konsequenzen?

Eigentlich müsste sich der Leistungssport ändern. Heranwachsende müssten geschützt werden, damit Hirn- und Bewegungsfunktionen ungestört ausreifen und sich elastisch und flexibel entwickeln können.

Für Jugendliche (insbesondere für Mädchen) sollte bei Bewegungstrainings, wie beim Fußball, Handball, Kampfsport u.ä., der Spiel-Spaß wesentlich mehr im Vordergrund stehen. Jugendliche würden so ein gesundes Körpergefühl zu entwickeln, das sie davor bewahrte, bei einem Kopfball oder beim Auffangen von Schlägen zu hohe Risiken einzugehen.

Die Gesellschaft verlangt aber heute von Jugendlichen das Gegenteil: Medien, Fans, Vereine, Sponsoren und Geschäftemachern erzwingen eine strikte Leistungsorientierung, bis die Gelenke nachgeben und die Knochen brechen.

Christoph Kramer wird sich nicht an das ganze WM Finale 2014 erinnern können, aber er ist ein Held: „Im Prinzip war das schon ein Wahnsinn, dass der überhaupt noch weitergespielt hat.“ Stefan Hertl, Mannschaftsarzt von Borussia Mönchengladbach.

Helden werden bejubelt, wenn sie siegen, betrauert, wenn sie sterben, und verhöhnt, wenn sie nur an sich selbst denken. Für Fußball-Helden kommt „immer zuerst der Ball, und erst dann das Leben“.

Verletzungen und Langzeitschäden könnten aber sogar im Hochleistungssport an Bedeutung verlieren, wenn

  • geeignetere an natürliche Bewegungen angepasstere Trainingsmethoden gewählt würden, und
  • Spieler/innen nach vorhergehender Schädigungen sich ohne Zeitdruck erholen und regenerieren könnten (Arnason 2004, 2008, Engebretsen 2010)

Filme

Höher, schneller, weiter

Sinnvolle, entspannte Bewegung

Literatur

  • Arnason A: Physical Fitness. Injuries an Team Performance in Soccer. Medicine and Science in Sport and Excercise 2004, 279-284.
  • Arnason A: Prevention of hamstring strains in elite soccer: an intervention study. Scand J Med Sci Sports. 2008 Feb;18(1):40-8. Epub 2007 Mar 12. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/17355322
  • Baugh CM et al.:Chronic traumatic encephalopathy: neurodegeneration following repetitive concussive and subconcussive brain trauma. Brain Imaging Behav.2012 Jun;6(2):244-54
  • Engebretsen AH: Prevention of injuries among male soccer players: a prospective, randomized intervention study targeting players with previous injuries or reduced function. ww.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/18390492
  • Gulland A: Concussion: doctor who took on the might of American football hits the big screen. BMJ 06.01.2016; 352 
  • Jordan BD. Chronic traumatic brain injury associated with boxing. Semin Neurol.2000; 20(2):179-85.
  • Lewis P: Should we ban boxing: No. BMJ 30.01.2016, 352:i389
  • Lystad RP: Injuries to Professional and Amateur Kickboxing Contestants. A 15-Year Retrospective Cohort Study, The Orthopaedic Journal of Sports Medicine, 2015, 3(11), 2325967115612416
  • Mez J et al: Clinicopathological Evaluation of Chronic Traumatic Encephalopathy in Players of American Footbal JAMA. 2017;318(4):360-370
  • Piccolo St: Die Mechanik der Zelle, SpdW 2015, Seite 22-27
  • Rubin D et al. MRI-defined White Matter Microstructural Alteration Associated with Soccer Heading is More Extensive in Women than Men. Radiology 31.07.2018
  • Seifert T et al: Determining brain fitness to fight: Has the time come? Phys Sportsmed. 2015 Nov; 43(4):395-402
  • Vassilis E et al: Brain Neurotrauma: Molecular, Neuropsychological, and Rehabilitation Aspects.Chapter 47: The Problem of Neurodegeneration in Cumulative Sports Concussions, 2015 by Taylor & Francis Group, LLC
  • Wiki: Chronic traumatic Enzephalopathy Dementia pugilistica

Autor: Helmut Jäger