Exformation

Das Human Brain Project ist ein milliardenschweres EU Vorhaben, das das menschliche Gehirn nachbilden soll.

„SpiNNaker unterstützt detaillierte biologische Modelle des Kortex. Die Fähigkeit, große detaillierte neuronale Netzwerke schnell und mit geringem Stromverbrauch zu betreiben, wird die Robotikforschung vorantreiben und Studien über Lernen und Hirnstörungen erleichtern.“ HBP-News 12.07.2018

Denkfehler

In unserer Kultur wird die Bedeutung des menschlichen Nervensystems überschätzt. Es ist nur ein Teil vieler anderer, mit ihm verwobener Organ- und Bewegungsfunktionen. Alle an einem menschlichen Organismus beteiligten Zellen verbinden sich über Rückkopplungsschleifen. Nerven-, Immun-, Darm- und Bewegungszellen wechselwirken. Sie schwingen gemeinsam im Rhythmus der Dynamik, die sie umgibt, die sie beeinflusst und die sie bestimmt.

Typisch für menschliche Informationsverarbeitung sind Verkörperung und plastische Anpassung an immer neue Gegebenheiten.

Spiegelung im See (Bild: Jäger 2018)

Maschine „sind“

Auch die kompliziertesten Algorithmen und Rechner entwickeln sich nicht aus sich selbst. Sie verändern sich nicht kommunizierend, so wie ein Krabbelkind die Komplexität des Laufens erlernt. Stattdessen rosten und verschleißen sie. Und bleiben abhängig von denen, die sie hergestellten, programmieren, nutzen und warten.

Mensch „werden“

Ein Organismus erzeugt sich immer wieder neu, wird umbaut, wächst, gedeiht, entwickelt sich und passt sich an. Er kann daher aus sich selbst heraus schöpferisch und kreativ tätig sein, und Neues erschaffen.

Das Human Brain Project baut deshalb höchsten einen neuen Typ Hochleistungsrechner, der wie jede Maschine eingeschaltet, gewartet, gesteuert und ggf. irgendwann abgestellt wird.

Exformation

Maschinen können nichts aktiv vergessen. Datenverluste entstehen bei ihnen durch Schäden, oder weil ein Mensch oder ein Programm etwas löscht.

Die stetige Aussonderung der Masse von Datenmüll ist aber eine der wichtigsten Funktionen des menschlichen Gehirns. Die „Exformation“ liefert Aussage-Kraft, Bedeutung und Wert. In der Kommunikation ist es deshalb interessanter, auf das nicht gesagte (aber implizit enthaltene) Wissen zu achten, als auf das gesagte. Und das tun wir in der Regel auch.

Eine Aussage erhält dann „Tiefe“, wenn ihre Erzeugung und Interpretation die (gleichzeitige) Verarbeitung und Aussonderung sehr großer Datenmengen erforderten. D.h. wenn ein komplexer Zusammenhang verstanden und auf den Punkt gebracht wird. Und so alles Unnötige bei der Betrachtung eines Aspektes kurzzeitig vernachlässigt werden kann. Bei komplexen Systemen lohnt sich deshalb nicht nur der Blick auf das Ganze, sondern auch auf die Details. Denn dort verbergen sich interessante Strukturen, die neue Informationen liefern können.

Nur eigendynamisch-veränderliche Systeme besitzen „Tiefe“. Meist dann, wenn sie sich gerade soweit von ihrem chaotischen Gleichgewichtszustand entfernt haben, dass sie erkennbare Strukturen aufweisen, und doch vom Zustand der Gleichförmigkeit entfernt bleiben. In solchen Situationen enthalten sie wenige (aber wesentliche) Information, die sich von einem Hintergrund des formlosen Grundrauschens abheben.

Rechner „denken“ stumpf und fantasielos

Das menschliche Gehirn kann unendlich große Datenmengen gleichzeitig verarbeiten, alles Unwesentliche löschen und das Entscheidende so herauskristallisieren. Z.B. wenn eine Person im Gewühl einer Fußgängerzone nach vielen Jahren der Trennung wiedererkannt wird.

Wir lernen aus Erfahrung, die auf Handeln und Rückmeldungen beruht, unnötige oder unsinnige Informationen löscht und kreative neue Informationsmuster gestaltet.

Der Riesenrechner des Human Brain Projekt mag also unendlich viele Daten enthalten und zu analysieren versuchen. Körperlos und ohne die Fähigkeit zu kreativer Exformation wird er stroh-dumm bleiben.

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Autor: Helmut Jäger