BAMF und Frauenrechte

Rechtsmedizinische Befunderhebung bei Frauen ohne Grund?

Das bayrische BAMF hat afrikanische Frauen, die in Deutschland um Asyl nachsuchen, rechtsmedizinisch untersuchen lassen. Es sollte geklärt werden, ob bei diesen Frauen eine Genitalverstümmelung vorliege. In einer Veröffentlichung von 153 Untersuchungen wird behauptet, dass eine genitale Befunderhebung „möglicherweise“ zum Schutz von Mädchen vor Genitalverstümmelungen im Heimat beitragen könne, wenn „unverstümmelten Mädchen genau aufgrund dessen Asyl gewährt würde“ (Zinka 2018). Dieses Argument rechtfertigt die Untersuchungen (auch im Nachhinein) nicht, denn auch eine bereits erfolgte genitale Verletzung schützt nicht davor, nochmals verstümmelt zu werden.

„Drohende Verstümmelung“ ist, wie „drohende Vergewaltigung“ oder „drohende Zwangsverheiratung“, in jedem Fall (ob bereits genital verletzt oder nicht) ein Asylgrund. Folglich sind für die betroffenen Frauen belastende „rechtsmedizinische Untersuchungen“ – in jedem Fall – sinnlos.

FGM & Recht
Zinka: Rechtsmedizin 2018

Bei Frauen, die nach Deutschland geflohen sind, besteht eine erhöhte Wahrscheinlichkeit, dass sie im Herkunftsland oder auf der Flucht genitale Gewalt erfahren haben. Werden diese Frauen zu einer medizinischen Untersuchung einer tabu-besetzten Körperregion genötigt, könnten sie dadurch re-traumatisiert werden. Besonders dann, wenn die Untersucher*innen nicht sachgerecht beraten können. Dafür spricht, dass die Autor*innen der Studie berichteten, dass bei 18 der untersuchten Frauen die Klitoris entfernt worden sei („Klitoridektomie“). Das spricht für ihre anatomische Unkenntnis. Denn die Klitoris ist ein großes Organ, das sich hinter die knöchernen Strukturen des Schambogenwinkels erstreckt, und dessen Entfernung zum Verbluten der Betroffenen führen müsste. Folglich kann bei allen Frauen, die einen Verstümmelungseingriff überlebt haben, eine Klitorisrekonstruktion durchgeführt werden, sofern sie das möchten. (Foldès 2006, 2013)

Foldés
Pierre Foldès: Chirurgie der Genitalverstümmelung, Doin, Paris 2013

Könnte ein Mädchen von Verstümmelung bedroht sein, muss dafür gesorgt werden, dass ihr Recht auf Unversehrtheit in Deutschland nicht verletzt wird: Durch Gewährung von Asyl, Beratung der Erziehungsberechtigten, ggf. Einschaltung des Jugendamtes bei V.a. Kindeswohlgefährdung und Verhinderung eines „Verstümmelungs-Tourismus“ in Mittelmeerländer.

Ist eine Verstümmelung erfolgt, müssen die betroffenen Frauen beraten werden, wie durch relativ einfache Operationen (Deinfibulation) erreicht werden kann, dass sie beim Sex keine Schmerzen empfinden, und natürliche Schwangerschaften und normale Geburten (ohne Kaiserschnitt) erleben können. Solche (relativ preiswerten) Eingriffe sind Bestandteil einer minimalen gesundheitlichen Grundversorgung.

Darüber hinaus sollten alle Frauen nach FGM aufgeklärt werden, dass in Deutschland mindestens an zwei Kliniken in Berlin und Aachen plastische Operationen zur Rekonstruktion der Klitoris angeboten und regelhaft durchgeführt werden.

Es ist zweifelhaft, ob Rechtsmediziner*innen, die sich eher mit der Spurensicherung bei Verstorbenen beschäftigen, zu kultursensibel-sexualkundlichen und gynäkologisch-fachlichen Beratungen in der Lage sind.

Folglich sollte das BAMF

  • „rechtsmedizinsche“ Unersuchungen „zur Feststellung einer Genitalverstümmelung“ ersatzlos streichen.
  • Frauen durch geeignete Materialien auf Beratungsstellen, Hebammen und Praxen von Frauenärzt*innen verweisen, wo sie sachkundig informiert und weiter unterstützt werden können.

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Literatur:

Artikel: H. Jäger