FGM: Versorgung in Deutschland

Genitalverstümmelungen sind in Deutschland nicht meldepflichtig.

Es ist unbekannt, wie viele Frauen in Deutschland von genitalen Verstümmelungen (FGM) betroffen sind. Nach einer Untersuchung sollen „in Deutschland knapp 50.000 Frauen leben, die Opfer einer Genitalverstümmelung geworden sind. Nach Schätzungen sind zwischen 1.500 und 5.700 Mädchen, die in Deutschland leben, davon bedroht.“ (BMFSFJ 2017). Durch die Zuwanderung sei die Zahl der Mädchen und Frauen aus Ländern, in denen Genitalverstümmelung weit verbreitet ist, von Ende 2014 bis Mitte 2016 um 40 Prozent gestiegen. Die Zahl der Betroffenen in Deutschland habe sich seit 2014 um rund 30 Prozent erhöht.

Im Vergleich müssen in England Notfallbehandlungen, die auf einen Straftatbestand zurückgeführt werden, gemeldet werden. In diesem Zusammenhang wurden von April bis September 2014 etwa 1.700 genitale Verstümmelungen bei Mädchen registriert, davon allein im letzten Beobachtungs-Monat 467 Fälle. (BMJ 2014;349:g6302)

Tradition & Modern

Tradition und Moderne. Bild: www.portraits-aus-hamburg.de

Fall-Beispiele aus der Versorgung betroffener Frauen

Frauen, die genital verletzt wurden, fällt es schwer, sich zu öffnen. Bei niedergelassenen Ärzt*innen können Sie ihre Sorgen häufig nicht thematisieren, weil diesen nicht nur Kultur-Sensibilität und Sprachkenntnisse fehlen, sondern oft auch Interesse, Empathie, Zeit und auch anatomische Kenntnisse (s.u.).

Vollständiger Artikel:

Möglichkeiten operativer Rekonstruktion 

Bei jeder Frau, die genitale Verletzungen erfahren hat, kann unabhängig vom Schweregrad ein Rekonstruktions-Eingriff der Klitoris durchgeführt werden, falls sie das wünschen sollte. Bei traditionellen Verstümmelungen (FGM) oder bei Macheten-Verletzungen als Kriegsfolge wird das Organ der Klitoris zwar schwer beschädig, aber keinesfalls entfernt, da dies den Tod der Frau durch Verbluten zur Folge hätte. Also verfügt jede (noch lebende) Frau nach FGM über ein Klitoris-Restorgan, dessen Funktion durch eine Operation verbessert werden kann.

Die Anatomie der Klitoris (und die Funktion der mit ihr verbundenen Nerven-Netze) sind in Deutschland noch weitgehend unbekannt. Folglich sich auch viele Ärzt*innen nicht in der Lage, sachgerecht hinsichtlich rekonstruktiver Techniken beraten zu können.

Die Beratung zu den Hilfsmöglichkeiten muss die Betroffenen über Vor- und Nachteile aller verfügbaren Möglichkeiten sach- und kulturkompetent aufzuklären, damit sie eine eigene selbstbestimmte Entscheidung treffen können. Die Kompetenz der Beratung vor dem Eingriff ist wichtiger als der Eingriff selbst, da er sonst ein neues Trauma setzen kann oder zu Verschlimmbesserungen (Mißempfindungen) führt. Eine neutrale Patientenberatung darf nie auf nur eine Methode oder nur eine Klinik verweisen, sondern muss begründen, warum Empfehlungen ausgesprochen werden und welche Alternativen sich dazu anbieten.

In Deutschland bestehen zurzeit folgende Möglichkeiten

  • Nicht-operieren, weil die Frau nach guter Aufklärung auf den Eingriff verzichten will. 
  • Eröffnung der Scheide (so genannte De-Infundibulation). Dieser relativ einfache Eingriff kann im Prinzip nach guter Ausbildung in jeder gynäkologischen Abteilung durchgeführt werden. Zum Beispiel vor Geburten, um einen Kaiserschnitt oder Geburtsverletzungen zu vermeiden. Es wird dabei kein Narbengewebe (z.B. oberhalb des Klitorisstumpfes) entfernt.
  • Modifizierte Foldès-Methode der Klitoris-Rekonstruktion durch plastische Chirurgie (Desert Flower Center Berlin)
  • Schenklappenplastik zur Rekonstruktion der Labien und Klitoris-Rekonstruktion (Rekonstruktionszentrum Luisenhospital Aachen)
Schwanger & Flucht
Hoffnung im Container. Bild: www.portraits-aus-hamburg.de

OP-Techniken und Methoden

Die ersten Techniken der Klitoris-Rekonstruktion wurden von Dr. Foldès eingeführt. Mittlerweile operierte er mehr Patientinnen als andere Kolleg*innen (Lit. s.u.) Seine relative einfache Methode ist standardisiert und kann (nach einem Training in plastischer Chirurgie), auch in Ländern mit eingeschränkten Medizin-Niveaus durchgeführt werden, z.B. West-Afrika, wo Fòldes auch ausbildet. In diesen Ländern ist ein verwandtes Thema: Fisteln nach Geburtsverletzungen. Dr. Denis Mukwede, der 2018 den Friedensnobelpreis erhielt, weil er unter einfachsten Bedingungen betroffenen Frauen hilft, benötigt praktikable Methoden, wie sie Foldès oder das Addis Ababa Fistula Hospital entwickelt haben. Aufwendige kosmetische Korrekturen würden in diesen Ländern keinen Sinn machen.

Das Team des Desert Flower Center (DFC Waldfriede Berlin) legt Wert auf kultur- und sprachkompetente Beratungen vor der Operation. Viele von FGM betroffene Frauen wünschen keine Klitorisrekonstruktion (zur Verbesserung des sexuellen Empfindens), sondern wollen nach Beratung nur schmerzfreien Sex, oder sie haben Kinderwunsch. In diesem Fall wäre ein einfacherer Eingriff ausreichend. Die Klitorisrekonstruktions-Operation wird von einem plastischen Chirurgen durchgeführt. Sie beruht auf einer weiterentwickelten und modifizierten Methode nach Fòldes. Auf rein-ästhetische Schönheits-korrekturen wird verzichtet. Frauen werden nach OP einbestellt und nach ihren Erfahrungen befragt. Publikationen seien in Vorbereitung.

Das Rekonstruktionszentrum am Luisenhospital in Aachen praktiziert eine aufwendige Technik der plastischen Operation (Schwenk-lappen-Plastik), die von dem Operateur Dr. O’Dey publiziert wurde (s.u.).

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Literatur

Autor: Helmut Jäger