Fit oder gesund?

Im antiken China verglich man den menschlichen Organismus mit dem Staatswesen. Dieses hielt man für gesund, wenn keine Revolution stattfand, Räuber abgewehrt wurden und reichliche Ernteerträge für Zufriedenheit bei der Bevölkerung sorgten. Gesundheit galt daher als flexibler Zustand, der es ermöglichte, sich den jeweiligen Situationen optimal und energiearm anzupassen. Der moderne Ausdruck dafür ist Resilienz, die Fähigkeit eines Systems nach einer Störung zu seinem Ursprungszustand zurückzukehren und weiterzuwachsen.

Um elastische Widerstandsfähigkeit zu bewirken empfahl die Denkrichtung der Daoisten „Nicht-Tun“ (Wuwei). Damit war etwas anderes gemeint als „Nichts-Tun“. Man verband mit Wuwei die Vorstellung eines Gärtners, der durch seine Anwesenheit und Einstellung, und nur mit möglichst wenigen Eingriffen, dafür sorgen solle, dass sein Garten möglichst von selbst erblühe. Eine Strategie, die heute in der ökologischen Landwirtschaft neu entdeckt und Permakultur genannt wird.

Die andere konfuzianische Ansicht, die bis heute Chinas Denken beherrscht, verlangte einen sorgfältig stutzenden und unkrautjätenden Gestalter einer ordentlichen Parklandschaft.

Die dritte, aus Indien importierte Sicht des Buddhismus und seiner chinesischen Variante Ch’an (Zen), betonte die innere Ruhe und das Gewahrsein dessen, wie es ist oder nicht ist, egal ob und wie der Garten zu wachsen scheint.

Aus allen drei Denkrichtungen erwuchsen Empfehlungen für Systeme der Gesunderhaltung, denen gemeinsam war, bloße Fitness für „barbarisch“ zu halten. Sie erinnerte zu sehr an die rauen, räuberischen Nomaden, die trotz der großen Mauer immer wieder in China einfielen.

Für die Vertreter dieser nachhaltigen Lebensphilosophien war es erschütternd zu sehen, dass Fitness der „Gesundheit“ offenbar immer dann deutlich überlegen war, wenn klare Ziele erreicht werden mussten. Zum Beispiel als der, für seine Armee aus Tonfiguren bekannte, Führer des primitivsten der fünf streitenden Königreiche die Macht an sich riss und das Kaiserreich China schuf. Wer diesem fitten Haudegen als „Gesundheitsapostel“ zu widersprechen wagte, wurde beseitigt, und ein großer Teil der damaligen Kultur gleich mit.

Wer Ziele erreichen will muss fit sein. Allerdings sterben Fitte häufiger als Gesunde.

Um fit zu werden „muss man es seinem Rücken zeigen“, d.h. ein Teil des Selbst muss einen andern, den „Schweinehund“ verdrängen. Für die Trance auf dem Laufband ist es oft nötig, sich zu überwinden oder sich mit Musik oder Bildern abzulenken. Der Kick entsteht, wenn die Notfallreserven aktiviert werden, wenn beim Marathon die Wand durchlaufen wird, und die Gefühle von Erschöpfung durch beglückende Hirnbotenstoffen beseitigt werden. Manchmal kommt es bei dieser Art des Trainings zu Kollateralschäden, z.B. an fehlbelasteten Knorpeln und Bändern, weil angesichts des Ziels das Gejammer einzelner Anteile keine Bedeutung haben darf. Höchstleistungen können anders nicht erreicht werden. „Erst kommt der Ball, und dann das Leben!“ D.h. für das das ersehnte Glückgefühl des Pokalsieges ist unbedeutend, ob auf dem Weg zum Tor das Knie schmerzt.

Für kurzfristige Erfolge ist zielorientiertes, geschicktes Handeln und Fitness scheinbar ohne Alternative.

Steht aber die Harmonie eines Prozesses im Vordergrund, muss das Verhalten möglichst balanciert und ausgeglichen sein, damit sich Flow, Ganzkörperbewegung und Gewandtheit entwickeln. Idealerweise verliert dabei das Ziel „den Berg zu besteigen“ an Bedeutung, während die Wahrnehmung für die Gerüche, das Rauschen und das Gezwitscher in der Bergwelt zunimmt und die Schritte langsamer werden, gemächlicher, rhythmischer und dadurch auf ganz andere Art effektiv: „Wer hoch hinauskommen will, muss langsam gehen.“

Bewegungen im Flow wirken sich nachhaltig günstig für die Entwicklung elastischer und flexibler Widerstandskraft aus. Und bei sorgfältigem Training entwickeln sich Fähigkeiten, die zu erstaunlichen Wirkungen führen, zum Beispiel bei bestimmten Kampfkünsten.

Wird „Gesundheit“ selbst, als das angeblich „wichtigste im Leben“, zum Ziel erklärt, können diese günstigen Effekte wieder verschwinden, oder es treten ganz andere Kollateralschäden auf. Um 1930 warnte der Psychoanalytiker Jung vor einer kritiklosen Nachahmung „chinesischer Yogaübungen“, da er befürchtete, psychisch verkrampfte Menschen könnten sich dabei noch mehr verkrampfen, als sie es ohnehin schon seien. Äffe man etwas nur gläubig nach, läge „das richtige Mittel in der Hand des falschen Mannes“.

Ein anderes Risiko gesundheitsbewusster Entspannungsübungen betrifft den Bewegungsapparat. Yoga, QiGong, Alexandertechnik, Feldenkrais, Pilates u.v.a. trainieren Aufmerksamkeit, Selbstwahrnehmung, Lösen unnötiger Spannung, natürliche Beweglichkeit, fließende Atmung und die Beruhigung des autonomen Nerven- und Immunsystems. „Entspannungsübungen“ sind aber häufig nicht sehr spannend, weshalb Jugendliche daran oft keinen Spaß haben. Spannung und Belastung sind aber erforderlich um Trainingseffekte zu erreichen. Zu schlaff ist für den Bewegungsapparat ebenso schädlich wie verkrampft.

Belastungstraining allein führt zu Fitness. Entspannungsmethoden allein dämpfen den Stress.

Es wäre also günstig, wenn neben der Yogamatte Nordic-Walking-Stöcke stünden und die Erfahrung von Alexandertechnik beim Rudern einfließen würde. Für Gesundheit gehört beides zusammen. Genauso wie der Spaß und die Pausen, in denen scheinbar gar nichts geschieht.

Philosoph Chuang Tzu schrieb um 350 v.u.Z., er ziehe es vor zu angeln und sich des Sees zu erfreuen, statt „zu pusten, … oder zu treten wie ein Bär oder sich zu strecken wie ein Vogel“. Er bevorzuge Gelassenheit. Da er aber nur das Dasein eines Lackbaumpächters fristete, nehme ich an, dass er die Steine für seine Gartenmauer selbst schleppen musste. Mit anderen Worten, er trainierte zwangsläufig und soll erstaunlich gesund und fit gewesen sein.

Autor: Helmut Jäger