Fußball: Religion? Sport? Geschäft?

„Krooser Gott, wir loben dich!“ … Es herrscht im Fußballhimmel ein Rotationsprinzip. … „Gott ist Kroos“,
aber Toni Kross ist gewiss nicht der letzte. Die Weltreligionen könnten davon einiges lernen. SZ 25.06.2018

Fußball-Spielen ist gesund.

Wenn Kinder kicken, toben sie sich deutlich knochen-schonender aus, als bei Handball oder Hockey. Und nebenbei lernen sie noch die Regeln von Gewaltfreiheit und Teamwork.

Deshalb geht es dort, wo die Jugendlichen in den Vorstädten, Flüchtlingslagern und Dörfern mit Bällen herum schiessen, friedlicher zu, als in Gegenden, wo sie mit Holzgewehren für den Krieg trainieren.

Man braucht eigentlich nichts weiter als einen Bolzplatz und eine Lederkugel. Ganz anderes als beim Golfen, Tennisspielen oder Segeln. Weil Spitzen-Fußballer oft aus einfachen Verhältnissen stammen, stecken sie mit ihrer eigenen Begeisterung viele andere an, die nur zuschauen.

So eignet sich das Spiel für den größten Teil der Bevölkerung als „schönste Nebensache“ der Welt: ein wunderbares Ablenkungsprogramm von den alltäglichen Sorgen und Nöten.

wir weinen
Die elf rennenden Helden symbolisieren eine Handlungsgemeinschaft, für die es lohnt „alles“ zu geben. Helden müssen gewinnen. Scheitern sie, werden sie verhöhnt, oder betrauert, wenn sie sich wirklich vollständig aufgeopfert haben. Nur eins dürfen sie nicht: schwächeln, sich schonen oder an ihre Gesundheit denken.

Fußball-Religion

„Balleluja! … Christen, Muslime und Juden, sie haben ihren Frieden mit der größten säkularen Religion der Welt gemacht. Viele fromme Fußballspieler zeigen jede Woche, dass man die vielen verschiedenen Arten des Glaubens verbinden kann. Der Fußballgott ist tolerant, wenn man ihn nicht reizt …

Kirchen wie Stadien füllen sich im Wochenrhythmus; wie der Kirchgänger das gebügelte Hemd nimmt, holt der Fan seine emblemgeschmückte Jeansjacke aus dem Schrank, sinnigerweise „Kutte“ genannt. Fan – das kommt vom lateinischen „fanaticus“ und bedeutet „von einer Gottheit in Entzückung, in Raserei versetzt“.

Der Fan bekennt sich zu seinem Verein und kennt seine Vereinshymne auswendig wie der Kirchgänger sein „Großer Gott wir loben dich“. Das Lehramt der Fifa hat die Regeln festgelegt, ein Dogmenwächter in Schwarz sorgt für ihre Einhaltung; Fans wie Spieler verfluchen ihn, und akzeptieren ihn doch. Der wahre Sündenbock sitzt auf der Trainerbank: Einmal im Jahr, am Jom Kippur-Tag, lud das Volk Israel einem Ziegenbock symbolisch alle Fehler, Versäumnisse und Sünden auf und jagte ihn mitsamt derselben in die Wüste. Im modernen Fußball hat sich das aufs schönste bewährt.“ SZ 14./15.01.2017

Durch Fußball in die kollektive Trance

Die elf Fußball-Profis handeln wie Krieger in einem hypnotischen Ausnahmezustand. Diese Trance-Logik unterscheidet sich deutlich von üblichem Denken, Fühlen und Handeln (Mérő 2002): Die Fähigkeit zu kritischer Analyse ist ebenso herabgesetzt wie die Schmerzschwelle, un-logisch-traumartige Zusammenhänge und optische oder akustische Illusionen werden eher akzeptiert, und es eröffnet sich ein Raum für Suggestion und Aufmerksamkeitslenkung. Ein Zustand, der es ermöglicht, deutlich überlegene Gegner wie Höhlenbären oder Mammuts zu besiegen.

Bei üblichen körperlichen Belastungen setzen wir etwa 2/3 unserer Kraft-Möglichkeiten ein, in einem deutlich effektiveren Bewegungsfluss (Flow) etwas mehr und in Notsituationen vielleicht 95%. Von Fußballprofis wird aber erwartet, dass sie 120% geben, also ihre letzten Notreserven mobilisieren. Marathon-Läufer beschreiben diesen Übergang in die Trance als „Durch-die-Wand-laufen“. Bei diesem zielgerichteten Geschehen verwandelt sich das „Ich“-Bewusstsein, und alle körperliche und psychische Energie wird der Zielerreichung untergeordnet. Moderner Sport (wie Ski-cross) sei eben „gefährlich, aber nicht lebensgefährlich. Sturzgefahr besteht immer … aber wichtiger ist es, sportlich für Aufsehen zu sorgen und ehrgeizige Ziele zu erreichen!“ (dpa 20.02.2018)

Die Profi-Spieler sind perfekt mit einem schnellen Bewegungsfluss verbunden, gelenkt von einer starken Intension (oder dem Geschrei des Trainers). All ihre Körperzellen sind einbezogen, und es gibt keinen Raum mehr für andere Gedanken, Überlegungen oder ziellos-spielerische Bewegungen. Alles ordnet sich dem Ziel unter und Kollateral-Schäden, wie gezerrte Bänder, kommen dabei eben vor.

Sie erinnern an römische Gladiatoren, aber sie sollen nicht (wie Tennisspieler oder Rennfahrer) einzeln siegen, sondern sich ideal im Team einfügen und sich in einer widerspruchslosen Gruppen-Trance gemeinsam für den Ruhm aufopfern.

Die Fans, die im Geist mit rennen, ohne irgendetwas zu tun, werden von diesem psychischen Ausnahmezustand angesteckt. Sie fiebern, stöhnen und jubeln mit, und verlieren sich ebenso im starken Gemeinschaftsgefühl. Glücklich grölend zeigen sie, wie sie mit dem großen Ganzen verbunden sind, durch Trikots, Mützen, Symbole, Fahnen, Wappen, die von den anderen, den Gegnern, unterscheiden. Die Auswahl der Gemeinschaft ist zufällig und spielt für die Art des Gefühls keine Rolle: Wer in Japan geboren wurde, wird für die Mannschaft dieses Landes zittern, ein Bremer Werder anfeuern, und ein Profi-Spieler aus Ghana wird sich in Deutschland für den Verein begeistern, der ihn bezahlt.

Außer den Helden hat Fußball aber noch ganz andere Rollen zu bieten: den kreativen Coach, der als einziger Neues erdenken darf und seine Gruppe spirituell lenkt (solange er damit Erfolg hat). Oder den Medizinmann, der die Knochen solange auf Hochleistung trimmt, bis der Held mit definitiv geschredderten Gelenken ausgesondert wird. Oder den Richter und seine Linienpolizisten, die das Ordnungssystem symbolisieren. Oder Medienpriester, die Segen verteilen oder in die Hölle verdammen. Oder die PartnerInnen, die die Helden nach ihrem Sieg mit Sex belohnen, oder sie nach ihren Niederlagen beweinen und trösten. Oder die großen Wirtschaftsbosse, die die Fäden in der Hand halten, und die Menschen kaufen und verkaufen.

Das alles (und noch viel mehr) macht die hypnotische Wirkung von Fußball aus, die bewirkt, dass ganze Völker in einen Ausnahmezustand verfallen.

Ist es nicht schön, wenn wildfremde Menschen sich miteinander freuen und feiern, und Kriege vorübergehend nicht mit Waffen, sondern symbolisch auf dem Spielfeld ausgetragen werden? Ist diese Art von Massenwahn nicht nützlich und friedvoll? Besonders, wenn Bier und Hochprozentiges die verbliebenen Reste der Großhirn-Kontrollen völlig beseitigen?

Wenn alle Menschen Fußballspielen würden, gäbe es keine Kriege. 
Aber es spielt nicht jeder Fußball. Sepp Blatter (FIFA Präsident, 2006)

Wer sich in Zeiten des Weltfußballs nicht als Nicht-Fußball-Fan outet, ist nicht normal.

Weil die Droge Fußball so wirksam von der Realität ablenkt und Massen zusammenhält, werden immer größere Stadien in Beton gegossen (Beispiel: Mercedes-Benz Stadium in Atlanta /USA). Politiker*innen, die offenbaren würden, sie glaubten nicht an den Fußball-Gott, hätten keine Wahlchancen. Deshalb sind ihnen auch nach der Wahl die Schaukämpfe der Spitzenprofis so wichtig, und die Investitionen in die Bewegungsförderung von Kleinkindern relativ gleichgültig.

Außerdem ist Fußball mittlerweile ein ernstzunehmender Wirtschaftszweig, weshalb Hamburg tatsächlich leidet, wenn sein HSV absteigen muss. Die 18 Vereine der Fußball-Bundesliga geben über 800 Millionen Euro für ihr Profi-Personal aus. Allein der Verein Bayern München setzt jährlich mehr als 500 Mill. € um. Alles zusammengenommen steht in Deutschland für den Fußball wesentlich mehr Geld zur Verfügung als für die wissenschaftlichen Forschungsinstitutionen der Leibnitzgemeinschaft, deren über 17.000 Mitarbeiter mit einem Gesamtetat von 1,5 Mrd. € zurechtkommen müssen, im Vergleich zum Fußball-Weltverband FIFA mit einem Ertragsbudget von 5,7 Mrd UD $ für 2015-2018.

Die „schmutzigen Geschäfte“ mit diesen unproduktiv verschleuderten Milliarden wurden bereits 2012 beschrieben, aber wirkliche Veränderungen sind nicht in Sicht, weil zu viele davon profitieren. (Kistner 2012).

Fußball ist ein zu dickes Geschäft, dass man nicht selbst zerstört. Es herrscht ein Abhängigkeitsverhältnis, …, wenn das blöde Doping-Thema aufkommt. Frey A., FAZ 12.06.2016

Völlig schmerzfrei: Der Medikamentenmissbrauch im Fußball nimmt immer drastischer Formen an. M. Brendler, FAZ 12.06.2016

Kollateralschäden

Alle Hochleistungssportarten gefährden die Gesundheit, und die von ihnen verursachten Schäden nehmen zu (Spiegel 2017). Die Athlet*innen werden immer jünger, und erleiden deshalb früher und nachhaltigere körperliche Störungen: durch Doping,  Gehirnerschütterungen oder Gelenkverschleiß (Driban 2017) u.a.

Intensives Fußballspiel im Wachstumsalter kann die Entwicklung einer O-Bein-Stellung (Genu varum), die mit einem erhöhten Risiko einer Kniegelenksarthrose einhergeht, begünstigen. Thaller 2018

Kinder werden schon früh als Ausnahmetalente gedrillt. „Das Ziel“ soll ihnen wichtiger erscheinen, als die unmittelbaren Rückmeldungen ihrer Gelenke. Der Spaß am Spiel wird ihnen ausgetrieben, und durch den Zwang ersetzt, siegen zu müssen um einen häßlichen Blechtopf in Händen zu halten. Das geht dann solange gut, bis sie irgendwann nach mehreren Operationen als körperliche Wracks enden.

Nochmal kräftig eins auf die Nuss: Gehirnerschütterungen lassen sich im Profisport wohl kaum vermeiden. G. Rüschemeyer, Faz 12.06.2016

„Das Champions-League-Finale 2018 entschied der Spieler Ramos offenbar durch K.o.“ (an Liverpools Torwart Loris Karius, 24, der nach einer Gehirnerschütterung vorübergehend das räumliche Sehen verlor) SZ 06.06.2018

Menschen in Massen-Trance können gefährlich werden

fußball wahn
Zerknitterte Helden, aggressiv, selbstlos, unerschrocken, die alles geben, und dabei sicher nicht an Kreuzband oder Meniskus denken.

Die Schlachten, die nach dem Spiel zwischen „Fans“ und „Hooligans“, in den Innenstädten mit Bierflaschen und Stöcken ausgetragen werden, müssen durch massive Polizeiaufgebote begrenzt werden.

Meist beginnt es mit einem Zustand (feucht-)fröhlicher Gemeinschafts-Seeligkeit, in der sich regelbezogenes, kritisches Denken und die Fähigkeit zur Kontrolle auflösen. Und dann greift irgendeine Menge aus nichtigem Anlass an oder rennt panisch davon.

Trotz dieses Gefährdungspotentials wenden alle Staaten immens hohe Summen auf, um ihre jeweiligen Fußball-Begeisterten zu kontrollieren. Denn die Einheitsgefühle der Fußball-Nation verdecken die sozialen Gegensätze und Konflikte. Das Schöne, Spannende, Emotionale, Verbindende ist entscheidend, und das Hässliche muss in Kauf genommen werden:

„Marseille war für 12 Stunden verloren“. Die Zeit 12.06.2016 , 
Warum die Randale nicht im TV gezeigt wurde“. FAZ 12.06.2016

Was sich gut anfühlt, schadet nicht.

Gewandt und pozess-orientiert mit Kindern oder Kumpels hinter einem Ball herzulaufen, trainiert den Kreislauf und schont die Gelenke. Und selber spielen macht Spaß.

Warum tun es nur so wenige?

Stefan Kießling hört auf seine Hüfte. Schluss nach 15 Jahren. Dass er in einigen Jahren wohl ein künstliches Hüftgelenk brauchen wird ist Stefan Kießling bewusst. „Ich bin auf jeden Fall gefasst darauf“ sagt der Ex Nationalspieler. „Im Moment denke ich bewusst noch nicht darüber nach aber wenn die Schmerzen nach dem Karriereende nicht weniger werden, muss ich mir darüber Gedanken machen.“ .. Physisch war das zusätzliche Jahr ein Quälerei, meinem Körper habe ich damit sicherlich keinen Gefallen getan“ gesteht er insgesamt ist er im Rückblick super-stolz auf seine Karriere. Dpa 09.05.2018

Mehr

Literatur

  • Driban JB et al: Is participation in certain sports associated with knee osteoarthritis? J Athl Train 2017; 52:497-506
  • Kistner T.: Fifa-Mafia. Die schmutzigen Geschäfte mit dem Weltfußball
  • Mérő L: Die Grenzen der Vernunft, Reinbek bei Hamburg, 2002
  • Thaller PH et al: Bowlegs and intensive football training in children and adolescents – a systematic review and meta-analysis. Dtschl Arztebl Int 2018; 115:401-8

Autor: Helmut Jäger