Die Geburt des Ich

Non fui, non sum, non curo.
Ich war nicht, bin nicht, kümmere mich nicht.
Altrömische Inschrift (Zitat: Epikur?)

Jedes Tier konstruiert sein „Ich“

Einige Philosophen (u.a. Emanuele Coccia)  behaupten, auch Pflanzen besäßen eine gewisse Art von Referenz-„Ich“.

Alle mehr oder weniger primitiven „Ichs“ bilden Bezugspunkte für eingehende und ausgehende Informationen. Das ist notwendig, um „gut oder schlecht“ für das eigene Überleben zu unterscheiden. Das „Ich“ hilft bei der Abwägung des Risikos und des Nutzens von Handlungen, die individuelle Bedürfnisse befriedigen sollen. „Ich“- Konstruktionen werden durch aktive, Energie verbrauchende Prozesse erzeugt, die durch äußere Einwirkungen, wie Narkose oder Unterkühlung, leicht unterbrochen werden können.

Die Evolution sondert Prozesse mit unnötiger Energieverschwendung radikal aus. Also müssen die jeweiligen Ich-Varianten extrem wichtig sein. Vermutlich, weil sie dazu zwingen, die elementaren Bedarfe des selbst-erschaffenen „Ichs“ zu beachten: uva. unverletzt zu bleiben.

Das menschliche Ich

„Ich will …“ Bild: Jäger, Weidenhof 2016

Typisch für die komplexere menschliche „Ich“-Konstruktion (im limbischen System und in Teilen der vorderen Hirnrinde) ist die „Illusion des freien Willens“. Wir glauben z.B. die Verursacher unserer Bewegung zu sein. Aber selbst dieses Gefühl kann leicht getäuscht werden, wenn der der Bewegungsimpuls von außen erzeugt wird (Llinas 2009). Im Alltag, außerhalb solcher Experimente, ist dagegen die „Ich“-Konstruktion ein unverzichtbarer Teil der Berechnung und Gestaltung komplexer Bewegungen (Wolpert 2012)

In größeren sozialen Gruppen erschwert eine starke Ich-Konstruktion stabile Beziehungsnetzwerke. Daher ist die De-Konstruktion des Ich die Voraussetzung für das Gruppenüberleben, das auf einem „Wir“ beruht, das jedem „Ich“ übergeordnet ist.

Die Konstruktion des Nicht-Ich

Ich bin nicht. Wir sind. Desmond Tutu

Die ersten Homo-sapiens Menschen waren nicht unbedingt intelligenter als andere (z.B. die Neandertaler), aber sie waren „zu Liebe fähig“ (Maturana). Sie zeichnen sich durch starke Paarbindungen aus (Eros). Und betreuten intensiv Kinder, Schwangere, Gebärende und Wöchnerinnen, und sie unterstützten sich in ihren Stämmen gegenseitig ohne direkten Familienbezug.

Die ersten Homo-sapiens Menschen waren nicht unbedingt intelligenter als andere (z.B. die Neandertaler), aber sie waren „zu Liebe fähig“ (Maturana). Sie zeichnen sich durch starke Paarbindungen aus (Eros). Und betreuten intensiv Kinder, Schwangere, Gebärende und Wöchnerinnen, und sie unterstützten sich in ihren Stämmen gegenseitig ohne direkten Familienbezug.

Die menschliche Fähigkeit zur Konstruktion eines „Nicht-Ich“ kann sehr mächtig sein: man kann z.B. den Tod zu akzeptieren, um jemanden anderen leben zu lassen.

„Ich“ und „Selbst“: Urform und Erweiterung. Nach Antonio Damasio

Ich-Losigkeit in einem starken Ich

Im ersten Drittel der Schwangerschaft gibt es nur die Mutter selbst. Sie spürt kein anderes Ich. Schwangerschaftstest und Ultraschallbilder erzeugen rationale Illusionen, dass etwas in ihr wachse, doch sie kann „andere“ noch nicht fühlen. Die hormonelle Umstellung und die Konflikte des Immunsystems mit embryonalen Fremdeiweißen, führen dazu, dass sich die Schwanger körperlich unwohl fühlt und erbricht. Sie fühlt sich aber weiterhin als Ganzes. Ihr Bauch ist eins und gehört ihr, und deshalb kann nur sie entscheiden, ob sie eine Fortführung der Schwangerschaft wünscht oder nicht. Würde in dieser Zeit die frühe Schwangerschaft absterben, würde die Frau trauern, weil etwas sehnlich gewünschtes wurde, nicht eintraf. Es wäre aber weniger ein körperlicher Verlust, als der einer vorgestellten oder erträumten Zukunftsperspektive.

Der Übergang: Das in sich verlorene „Ich“

Im zweiten Trimester der Schwangerschaft fühlt die Schwangere allmählich ein anderes Wesen, so als bewege sich eines ihrer Organe. Sie entwickelt mit dem, was in ihr wächst, einen neuen Rhythmus, der den Gesamtzusammenklang des Organismus beeinflusst. Das Selbst des Babys und der Mutter sind noch eins, wie in einem gemeinsamen Tanz. Eine Frau könnte diesem vereinten Selbst stundenlang zuhören: Augen geschlossen, eine Hand auf den Bauch gelegt, glücklich mit sich und abgewandt von der Umgebung. Sie lauscht nach innen und nimmt ein wortloses „Wir-Gefühl“ wahr. Frauen, die so in sich hinein spüren, erkennen frühzeitig, bevor Ärzte es mit ihren Maschinen nachweisen, wenn sich Gesundheitsprobleme ankündigen. Stirbt das Baby in dieser Zeit, schmerzt es brutal und intensiv, etwa so wie der Verlust eines Gliedes bei einem Unfall. Die betroffene Frau braucht danach Jahre, um sich psychisch zu erholen und zu stabilisieren.

Die Sehnsucht nach Trennung

Schließlich gegen Ende des dritten Trimesters wollen die Frauen ihren Körper wieder zurück erhalten. Sie sehnen sich nach einer Trennung. Möglicherweise entsteht auch umgekehrt in dem Baby ein Antrieb, die zunehmend beengt werdende Höhle verlassen zu können. In dieser Zeit beginnt das Baby mit ersten willkürlichen Bewegungen, wie der Ausstoßung von Fruchtwasser aus der Lunge.

Wenn das Baby scheinbar die Mutter nicht verlassen will, machen sich in der Schwangeren ungeduldige bis verhalten aggressive Gefühle breit. Das egoistische Selbst der Mutter erwacht neu, und äußert sich in Aktion der Selbstverteidigung. Das macht im Lichte der Evolution Sinn, denn eine Mutter ist für den Stamm viel wichtiger als ein Baby. Mütter bestehen in dieser Phase oft darauf, dass „alles getan wird, damit sie keine Schmerzen fühlt“, oder sie verlangt jetzt (!) einen Kaiserschnitt oder zumindest ein magische Kugeln, um das Baby irgendwie herauszubringen.

Der Übergang in Trance

Dann beginnt nach und nach, mit der Fürsorge einer liebevollen Hebamme, und dem Einfühlungsvermögen anderer fürsorglicher Menschen, die Arbeit der Geburt. Der vordere kontrollierende Teil des Gehirns wird gedämpft und archaischere, temporale Teile des Gehirns übernehmen die Führung. Die Gebärenden nehmen ihre Situation leichter an und wirkt auf den Fortschritt des Geschehens ein. In beginnenden Trancezuständen sind sie aufnahmebereit für beruhigende Sprache mit reicher Prosodie, Suggestion und vertrauenesbildenden Worten, mit eher weniger Informationsgehalt. Im Endstadium der Geburt übernehmen dann die automatischen Bewegungen und Faszien-dehnungen der Gebärmutter, des Beckens, der Wirbelsäule die Bewegungskoordination. Das Gehirn fällt ggf. in einen Zustand tiefer Trance, mit veränderter Schmerzwahrnehmung. In dieser Phase braucht sie dringend Personen, die ihr durch Gesten, Berührung und klaren Anweisungen in einfacher Sprache das Gefühl der Sicherheit vermitteln. In ähnlich tiefen Trancezuständen, z.B. wenn Schamanen von irgendeiner Göttin besessen sind, fehlt die Zeit und der Raum, ein „Ich“ zu konstruieren.

Dann beginnt nach und nach, mit der Fürsorge einer liebevollen Hebamme, und dem Einfühlungsvermögen anderer fürsorglicher Menschen, die Arbeit der Geburt. Der vordere kontrollierende Teil des Gehirns wird gedämpft und archaischere, temporale Teile des Gehirns übernehmen die Führung. Die Gebärenden nehmen ihre Situation leichter an und wirkt auf den Fortschritt des Geschehens ein. In beginnenden Trancezuständen sind sie aufnahmebereit für beruhigende Sprache mit reicher Prosodie, Suggestion und vertrauensbildenden Worten, mit eher weniger Informationsgehalt. Im Endstadium der Geburt übernehmen dann die automatischen Bewegungen und Faszien-Rreaktionen der Gebärmutter, des Beckens, der Wirbelsäule die Bewegungskoordination. Das Gehirn fällt ggf. in einen Zustand tiefer Trance, mit veränderter Schmerzwahrnehmung. In dieser Phase braucht sie dringend Personen, die ihr durch Gesten, Berührung und klaren Anweisungen in einfacher Sprache das Gefühl der Sicherheit vermitteln. In ähnlich tiefen Trancezuständen, z.B. wenn Schamanen von irgendeiner Göttin besessen sind, fehlt die Zeit und der Raum, ein „Ich“ zu konstruieren.

Wenn man der Mutter genügend Zeit lässt, frei zu reagieren, kann es einige Zeit brauchen, bevor sie mit dem Neuen persönlich in Kontakt kommen kann. Manchmal sehen die Frauen ihr Baby nur einige Sekunden an, ohne zu entscheiden, was sie als nächstes tun wollen.

Neugeborenes und Mutter weinen

Bis schließlich die (nach der Geburt) zweitwichtigste Phase des neuen Lebens beginnt:

Bonding: Die Erschaffung des „Wir“

Im Prozess des Bonding erfahren sowohl das Gehirn der Mutter als auch das des Babys dramatische Veränderungen. Wenn sich der Prozess ungestört entfalten kann, scheinen beide getrennte Persönlichkeiten zu sein, aber sie sind es nicht. Wenn das Baby Schmerzen empfindet, wird die Mutter sie auf die gleiche Weise empfinden. Sie fühlen sich „als wären sie eins“.

Geborgenheit. Bild: www.portraits-aus-hamburg.de

Die Konstruktion von „Ich und Selbst“

Es braucht weitere zwei Jahre, um stabile Gefühle zu entwickeln um traurig, glücklich, wütend sein zu können. Dazu muss es viele Erfahrungen machen, und aus den Erlebnissen seiner Vergangenheit Erinnerungsbilder konstruieren. Die es abgleicht mit seinen Vorstellungen, wie die Zukunft aussehen könnte. Wenn es dann etwas, das es haben will, bekommt oder nicht bekommt, freut sich das „Ich“, oder es ärgert sich, oder es ist traurig, überrascht, angeekelt oder wütend.

Und es dauert weitere zwei Jahre, um mit einer klaren frontalen Hirnaktivierung zu denken: die sogenannte „Theorie des Geistes“ (Theory of Mind: „Ich bin“, „Ein anderer ist“, „Ich denke, der andere denkt, dass ich denke, dass der andere denkt….“).

Nach der Geburt des kindlichen „Ich“ wächst auch das „Du“. Das Kind erkennt zunehmend eigenständig lebende „Andere“, die ebenso fühlen können „wie Ich“.

Das Kind versteht endlich wie Kasperle fühlt, dass der Räuber denkt, dass Gretel vermutet, dass der König etwas versteckt hat …

„Ich denke, dass Kasper denkt, dass der Räuber denkt …“ Bild: Jäger 2014

Nach dem Kasperle-Alter dauert es noch mindestens zwei Jahrzehnte bis die Mittel- und Großhirnregionen, die zu der Ich-Erzeugung unverzichtbar sind, werden durch intensive Wechselwirkungen mit anderen Gehirnen ausgereift sind.

Das „Ich“ nimmt immer klarere Formen an, je mehr es sich in der Wechselwirkung mit zahllosen Objekten und Personen erlebt. Wie eine Kerzenflamme entsteht der fließende Prozess der Erschaffung eines „Ich“ immer wieder neu. Wie die Bewegung tanzender Luft, die durch den brennenden Docht erhitzt wurde, und wieder erkaltet.

Das „Ich“ nimmt immer klarere Formen an, je mehr es sich in der Wechselwirkung mit zahllosen Objekten und Personen erlebt. Wie eine Kerzenflamme entsteht der fließende Prozess der Erschaffung eines „Ich“ immer wieder neu. Wie die Bewegung tanzender Luft, die durch den brennenden Docht erhitzt wurde, und wieder erkaltet.

Hirn und Körper werden ständig plastisch umgebaut.

Nichts bleibt wie es ist, auch nicht das „Ich“. Auch wenn es sich ständig Geschichten erzählt, wie es entstand und sich dann im Leben entwickelte. Manchmal fängt das „Ich“ an zu überlegen, wer „Es“ eigentlich sei. Und ob und wie „es“ enden (oder nie enden) wird.

Das Vergehen des Ich

Vielen scheint das „Ich“ ihr Wertvollste zu sein, dessen möglicher Verlust sie in Panik versetzt. Dabei besitzen sie es aber nicht, sondern müssen es immer wieder neu aktiv herstellen.

Was aber erst geschaffen werden muss, kann niemand wegnehmen:

Das schauerlichste Übel also, der Tod, geht uns nichts an; denn solange wir existieren, ist der Tod nicht da, und wenn der Tod da ist, existieren wir nicht mehr. Er geht also weder die Lebenden an noch die Toten; denn die einen geht er nicht an, und die anderen existieren nicht mehr. Die Menge freilich flieht bald den Tod als das ärgste der Übel, bald sucht sie ihn als Erholung von den Übeln im Leben. Der Weise dagegen lehnt weder das Leben ab noch fürchtet er das Nichtleben. Denn weder belästigt ihn das Leben, noch meint er, das Nichtleben sei ein Übel. Epikur: Brief an Menoikeus.

Wir sind nicht. Wir werden:

  • Eckhard: Lass dich, dass ist dein Bestes.
  • Epikur, Yang: Halte dich zurück, genieße das Leben, verlache den Tod.
  • Epiktet: Ändere die Einstellung- die Dinge kannst du nicht ändern.
  • Frankl: Handele sinnvoll.
  • Fromm: Sei tätig.
  • Fuchs: Nutze das Gehirn als Beziehungsorgan.
  • Guzzoni: Wohne (in dir und der Welt) und wandere.
  • Llinás: Konstruiere ein Ich, das nützlich ist.
  • Noé: Glaube nicht, das Ich sei von seinen Objekten getrennt.
  • Phyrron / Sextus: Halte dich mit Urteilen zurück. lebe undogmatisch.
  • Spinosa: Sieh, die Welt ist ewig, einfach, unteilbar, vollkommen.
  • Zhunagzi: Handele unbewegt, seelenlos und verbinde dich.

Sind wir …

Mehr

Literatur

Artikel: Helmut Jäger