Ist Krieg männlich?

 This is a man’s world
But it wouldn’t be nothing
Without a woman or a girl
James Brown 1966

gender Jemen 1998
Liebeswerte Krieger (Jemen 1998)

Terrorgruppen rekrutieren überwiegend Männer, die, zu Hause frustriert und chancenlos, in Bürgerkriegen morden und vergewaltigen dürfen. Droht deshalb dort eine Welle der Gewalt, wo weitaus mehr Männer als Frauen aufwachsen? Was werden die vielen jungen Männer in  Asien u.a. tun, die keine Chance mehr haben, eine Partnerin zu finden?

Einige Wissenschaftler nehmen an, Männer seien grundsätzlich risikobereiter als Frauen. Nach ihrer These „der männlichen Krieger“ (Male-Warrior-Hypothesis, Van Vugt 2010) seien Männer eher gruppenorientiert. Sie neigten dazu, ihre Identität in Konkurrenz zu anderen Gruppen zu suchen, von denen sie sich abgrenzen. Daher müssten bei Auseinandersetzungen „der einen“ gegen „die anderen“ Outfit, Uniformen, Signale (Fahnen, Banner, Plakate), Parolen und Gegröle etc. stimmen. Alle gewaltbereiten Gruppen, die sich für ihre jeweiligen Gegner definieren, seien sich im Prinzip in ihren männlich dominierten Verhaltensmustern sehr ähnlich. Die Guten müssten nur klar von den Bösen unterscheidbar sein, damit die „richtige“ Bierflasche nicht auf dem „falschen“ Kopf landet.

Frauen sollen gemäß der These stärker auf die interpersonellen Beziehungen innerhalb ihrer Gruppen bezogen seien. Dafür spreche, dass schon weibliche Schimpansen sich eher um den inneren Gruppenfrieden kümmern, während die männlichen Exemplare dazu neigen die Mitglieder der Nachbargruppe zu bedrohen oder auch zu erschlagen. Allerdings stehen uns entwicklungsgeschichtlich die vergleichbar friedlicheren Bonobos (die Zwerg-Schimpansen) näher. Und die sind hauptsächlich an Sex interessiert, und ihre weiblichen Gruppenmitglieder sind offenbar besonders fähig, friedensstiftend zu handeln (De Waal 2005). Das lässt hoffen.

Frauen gehen mit Konflikten körperlich anders um als Männer.

Weibliche Top-Level-Karateka treten z.B. häufiger als männliche Kämpfer und diese schlagen lieber zu (Tsolakis 2012, Tabben 2014). Das hat etwas damit zu tun, dass Männer und Frauen unterschiedlich gebaut sind. Das knöcherne weibliche Becken mit seinem breiteren Schambogenwinkel eignet sich besser zum Aufnehmen von Lasten. Frauen sind von ihrem Bewegungsapparat stabil gebaut und in den Verbindungen der Beckenknochen beweglicher als Männer. Die wiederum sind die besseren Dauerläufer und Werfer (Roach 2013, Young 2009). Außerdem macht es Sinn, wenn Frauen, die grober Kraft leichter unterliegen können, mehr auf Bewegungsintelligenz zu setzen und ihre Gegner auf Distanz zu halten. Daraus sind sogar eigene Stilrichtungen des Kämpfens erwachsen, u.a. Wing Tsun, das von einer Frau stammen soll, die sich (erfolgreich) gegen brutale Machos zur Wehr setzten musste.

Wenn die Vermutung „der männlichen Krieger“ zuträfe, müsste sich die Gesellschaft intensiver als bisher um die frühkindliche Entwicklung von Jungs kümmern, damit diese nicht in pubertären Gangs zu Gefahrenpotentialen für die Gesellschaft werden. Männerspezifisch günstig wären Kraft- und Bewegungstrainings als Teamsport, Gemeinschaftshobbys oder Gruppenaktivitäten. Es wäre günstig den Heranwachsenden eine Identifizierung mit einem größeren sozialen Verbund zu ermöglichen: „Mein Verein, mein Dorf, mein Glaube, mein Life-Style, unsere Gemeinschaft …!“. Solidarität und Mitgefühl für eine Gruppe weit über den Rahmen des engen familiären Zusammenhaltes hinaus, sollten wesentlich stärker gefördert werden. Gleichzeitig müsste das Risiko von Gemeinschafts-Irrsinn eingedämmt werden („Wir die Auserwählten! Wir die allein Guten!“) Zu starke Identifizierungen mit Idealen würden sonst für „andere“ sehr unangenehm werden. Besonders dann, wenn Alkohol oder Drogen den Kopf vernebeln, oder wieder einmal jemand zu einem Kampf aufruft, bei dem alle Mittel recht sein sollen.

Gruppensport und gemeinsame Aktivitäten entwickeln Solidargemeinschaften. Kampfsportarten dagegen bieten Jungs die Möglichkeit, Aggressionspotentiale zu kanalisieren. Die direkte Gewaltanwendung wird dort aus dem Training in einen Vorstellungsraum verbannt. Die jungen Sporter lernen ihr volles Aktivitätspotential („wie in einem echten Kampf“) zu nutzen, während sie mit Partnern und Partnerinnen trainieren, die sie respektieren und wertschätzen. Bewegungsarten wie Aikido, Taiji, Judo, Boxen, Taekwando, Ringen, Wing Tsun u.v.a. sind daher für Jungs vielleicht ebenso wichtig wie Mannschaftssport: Sie lassen Schnelligkeit und Kraft zu, entwicklen aber zugleich den friedlichen Umgang mit Energie.

Natürlich haben Männer, abgesehen von ihren kriegerischen Kompetenzen, viele andere herausragende Qualitäten in Musik, Kunst, Wissenschaft u.v.a.. Sie können sehr liebevoll sein und sich auch anmutig und fließend bewegen. Besonders dann, wenn sie aus kämpferischer Zielorientiertheit des Siegen-Wollens („besser, schneller, höher, weiter“) herausfinden und Gewandtheit und Bewegungsfluss entwickeln. Dann sind sie schön, und das gefällt Frauen, und Männern, die Männer mögen: Ein guter Grund für Gewalt-Machos, ihr Verhalten zu modifizieren.

Und Mädchen und Frauen?

Ihre Stärke, gemäß der These der „männlichen Krieger“, läge darin, inner-gesellschaftliche und inner-persönliche Verhältnisse so zu beeinflussen, dass Aggressionsentladungen nach innen und außen an Bedeutung verlieren. Ein Soldatin, die in einer männlich dominierten Armeen überleben muss, wird allerdings nur wenig verändern. Und Armeen mit hohem Frauenanteil müssen auch nicht zwangsläufig friedfertiger werden, solange sich die Frauen durch latent aggressiv-männliche Hierarchien durchbeißen müssen. Aber vielleicht könnten sie solche Strukturen langsam, aber nachhaltig beeinflussen.

Viele Frauen an entscheidenden Stellungen einer Gesellschaft (oder auch einer Armee) könnten dafür sorgen, dass sich innerhalb der Gemeinschaft weniger Konflikte aufstauten. Dann könnte die Wahrscheinlichkeit, Gewalt nach außen zu tragen, abnehmen. Die These des „männlichen Kriegers“ ist also ein gutes Argument für die Quotenregelung.

Mehr

 Literatur:

  1. De Waal, 2005: Our inner ape. New York, NY: Riverhead Books.
  2. Mc Donald M, 2012: Evolution and the psychology of intergroup conflict: the male warrior hypothesis, Phil Trans R Soc 2012, 367:670-679
  3. Roach NT et al., 2013: Elastic energy storage in the shoulder and the evolution of high-speed throwing in Homo, Nature 2013, 498:483–486
  4. Tabben M et al, 2014: Time-motion, tactical and technical analysis in top level karatekas according to gender, match outcome and weight categories. Journal of Sports Sciences 2014, http://dx.doi.org/10.1080/02640414.2014.965192
  5. Tsolakis, C et al., 2014: Acute effects of two different warm-up protocols on flexibility and lower limb explosive performance in male and female high level athletes. Journal of Sports Science and Medicine, 2012 11(4), 669–675.
  6. Van Vugt M, 2007: Gender Differences in Cooperation and Competition: The Male-Warrior Hypothesis Psychological Science, 2007, 18: 19-23
  7. Van Vugt, 2010:Sydney Symposium 2010: The Male Warrior Hypothesis, Web-Site
  8. Young RW, 2009: The ontogeny of throwing and striking. Human Ontogenetics 2009, 3(1):19-31

Autor: Helmut Jäger

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