Freiheit und Wille?

Oder nur Gene, Meme und Mone?

Was alle Lebenden beschäftigt und in Bewegung hält ist das Streben nach Daseyn. Mit dem Daseyn, wenn es ihnen gesichert ist, wissen sie nichts anzufangen. Die Welt als Wille und Vorstellung, Artur Schopenhauer, 1819

Wir möchten so gerne tun, was wir wollen.

Aber wissen wir „eigentlich“, was wir „wirklich“ wollen?
Oder wollen wir nur das, was wir sollen?

Das meiste, was uns zur Handlung drängt, bleibt unbewusst.

Darwin beschrieb als erster die blinden Triebkräfte der Evolution, deren einziger Zweck zu sein scheint, möglichste viele Kopien herzustellen. Oder die Originale so zu verändern, dass lawinenartig noch mehr Kopien entstehen. Darwin wurde von den Gottes-Gläubigen heftig widersprochen, weil sie in seiner scheinbar „sinnlosen Welt“ keinen Platz mehr für ihren Schöpfer sahen. Die Evolution bewies zwar nicht, dass es keinen Allwissenden gibt. Aber bei Anwendung des philosophischen Radiermessers (Occam) war Er (oder Sie) für die Erklärung der Entstehung der Arten absolut entbehrlich geworden.

Seither hat sich das Prinzip der Evolutionstheorie als Modell der Entwicklung des Lebens vielfach bewährt, auch wenn sich bestimmte Aspekte, wie der „Sozialdarwinismus“ u.a., als gefährlicher Unsinn erwiesen. Vor dreißig Jahren provozierte dann Dawkins mit der These, dass wir nichts weiter seien, als die Überlebensmaschinen unserer Gene. Damit vereinfachte er die komplexen Zusammenhänge von Ökosystemen gewaltig, so als seien winzige Informations-Schnipsel das Entscheidende, was das Leben ausmacht.

Diese holzschnittartige Grobzeichnung, verdeutlichte in schonungsloser Weise, wie absichtslos, wertfrei und zufallsabhängig Entwicklungen geschehen. Z.B. besitzt die Libelle den genialsten Flugapparat, der aber vom Aussterben bedroht ist, während die Gensequenz, die die vergleichsweise primitivere Flügelmechanik der Stubenfliege kodiert, wesentlich erfolgreicher kopiert wird.

Gene nur ein Aspekt der vielfältigen Beziehungen lebender Systeme

Prägung durch Genetik und Beziehung. Bild: Jäger 2015

Menschen besitzen doppelt so viel Gene wie ein Regenwurm, aber viermal weniger als der stumpfe Lungenfisch. Vom Schimpansen unterscheiden wir uns auch nicht so sehr durch die Gen-Stücke, die Eiweiße kodieren, sondern eher durch die Art des riesigen Datenmülls in den Informationssträngen, den bisher noch keiner richtig versteht. Gene gleichen den Tasten eines Klaviers mit dem sehr unterschiedliche Musik gespielt werden kann. Der Kontext, in denen Gene an- und abgeschaltet werden, scheint ebenso bedeutend zu sein wie die Information selbst. (Rose, Systembiologie).

Die Vorstellung vom Gen lässt an etwas Statisches denken wie eine CD mit Daten. Die Realität von Selbstorganisation in Zellen, Lebewesen und Gesellschaften wird jedoch durch dynamische Fließgleichgewichte bestimmt. Am Anfang des Lebens war nicht das Wort oder das Gen. Es kam in der Evolution erst später ins Spiel, als es bereits Zellen gab, die bereit waren, es zu empfangen. Ob Gene aktiviert werden oder nicht, entscheidet sich bereits im Mutterleib (Epigenetik). Ein Großteil des menschlichen Genoms befindet sich außerhalb des Körpers (Mikrobiom) und die Miniorgane im Inneren unserer Zellen (Mitochondrien), mit denen wir Sauerstoff verarbeiten, sind ehemalige Bakterien mit einer eigenen Erbmasse (Endosymbiose). „Wir“ sind also viele in unserer Zellkolonie.

Für die Entwicklung von Leben scheinen Zusammenhänge, Kontext und Wechselwirkungen aller Zellstrukturen und ihrer Umgebung ebenso wichtig oder gar bedeutender als Gene. Maturana beschrieb, wie Lebewesen sich selbst in ihren Wachstumsstrukturen immer wieder neu erzeugen und erschaffen (Autopoiese), und dabei mit anderen kommunizieren und kooperieren. Das „Prinzip der Durchsetzung des Stärkeren“ (survival of the fittest), spielt in der Evolution keine wesentliche Rolle, stattdessen scheinen wir „miteinander Zusammenlebende in einer kooperierenden Welt“ zu sein (Margulis). In der Natur scheinen Beziehungen und gegenseitiger Nutzen wichtiger zu sein als Kampf und Konkurrenz: in dem Bakterien- und Zellgewimmel, dass uns selbst ausmacht.

Wir sind bestimmt von inneren und äußeren Genen, wurden epigenetisch in der Schwangerschaft, im Bonding und während des Stillens geprägt, kulturell angepasst, schulisch indoktriniert und Medien beeinflusst nur wenig, und manchmal auch gar keinen, Handlungsspielraum.

Meme?

Nicht der Sänger schenkt dem Lied das Leben, sondern das Lied vielmehr schenkt Leben dem Sänger. Mihály Babits

In Anlehnung an das Gen, die Grundeinheit zellulärer Information, wurden später Meme definiert (Blackmore). Diese „Gedankenwesen“, oder wissenschaftlich korrekter „kognitiven Schemata“, führen ein scheinbares Eigenleben und infizieren ihre Trägerstrukturen: die Gehirne.

Die Tastaturen aller deutschen PC’s sind mit einem Mem verseucht: „QWERTZ“. Diese Buchstabensequenz wurde mit dem Beginn der Konstruktion von Schreibmaschinen eingeführt, um die Schreibgeschwindigkeit von Sekretärinnen an die der damals noch trägen Maschinen anzupassen. Heute widerspricht Qwertz jeder Logik einer sinnvollen Tastenanordnung, aber es ist so fest etabliert, dass niemand es beseitigen könnte, selbst auf den virtuellen Tastaturen der Smartphones nicht. Die einzige blinde Triebkraft für ein Mem sei, wie beim Gen, in möglich viele Kopien verbreitet zu werden: als Religion, Wissenstheorie, Medienbotschaft, Mode, Ideologie, Gerücht, Trend, Schlager usw.

Manche kulturellen Überzeugungen, hielten sich so über tausende von Jahren, wie der Glaube an den Nutzen von Genitalbeschneidungen, und andere vorübergehend auch sehr erfolgreiche, wie Epikurs Glückphilosophie, verschwanden vorübergehend völlig und flackerten dann nur hier und da in Bruchstücken noch mal auf. In dem Jahrhundert nach Darwin wurde die Bedeutung der Genetik für die Verbreitung menschlicher Phänomene überschätzt. Kulturelle Errungenschaften verbreiten sich ungleich schneller. Das Auftauchen, die Ausdehnung und der Niedergang von Völkerschaften wie den Kelten oder den Franken haben mit Sprache, Kultur und Religion zu tun, und nur (wenn überhaupt) sekundär mit der Verbreitung eines Genpools.

Mone?

Der Mathematiker Mérö erweiterte das Konzept evolutionärer Reproduktionen noch um die Mone. Darunter versteht er „Wirtschaftswesen“. Auch das, Genen und Memen vergleichbare, Kapital strebe danach, in möglichst vielen Kopien vermehrt zu werden. Es erschaffe sich dazu die notwendige Hardware: die Unternehmen, Maschinen, Arbeiter etc. Und damit ließe es unendlich viele Waren und Dienstleistungen produzieren, die letztlich einem einzigen blinden Zweck dienen: mehr Kapital anhäufen (Shareholder Value).

Gene, Meme und Mone beschreiben Replikatoren von Information, die emotions- und sinnlos vermehrt werden, indem sie sich von Informationssträngen, wie Zellen, Hirnen, Konzernen multiplizieren lassen. Über die Produktion immer neuer Kopien hinaus haben sie kein Interesse an ihren Trägerstrukturen. Schimpansen sterben, sobald sie zu alt sind, um sich zu reproduzieren, und Menschen werden nur deshalb älter, weil Großmütter zur Übertragung kultureller Meme erforderlich waren, und das menschliche Gen sonst keine Verbreitungschance gehabt hätte (Gruppenselektion). Lebensglück im Sinne der Gene hieße, Attraktivität zu besitzen für die richtige Partnerwahl, imponierendes Rollenverhalten präsentieren zu können, Potenz zu haben und die Fähigkeit Kinder zu zeugen, zu gebären und aufzuziehen. Damit hätte „die Hülle um das Gen herum“ ihren Zweck erfüllt und könnte abtreten.

Auch Meme wären letztlich nicht an ihren Datenträgern interessiert, solange sie nur weitergetragen werden. Für ein Mem könnte es z.B. gut sein, wenn viele in einem „heiligen Krieg“ für es sterben. Denn der blutige Aufwand rechnete sich dann in Form vieler neuer Mem-infizierter Menschen. Die wichtigen Meme verkünden uns, dass es ein Segen sei, möglichst viele Mem-Botschaften an zahllose Personen zu verschicken und wieder empfangen zu können. Missionare übertragen sehr eng begrenzte Mem-Geflechte, Gedanken-Konstruktionen, die sich möglichst wenig verändern sollen, weil sie wahr seien. Twitter dagegen ist eine der vielen Mem-Maschinen, die scheinbar selbstorganisiert ein weltumspannendes Gehirn mit die beliebigen Gedankenfetzen überschwemmen. Gemeinsam ist ihnen: „Wer die meisten Klick-Zahlen erreicht, ist der erfolgreichste“. Unglück im Sinne der Mem-Theorie würde bedeuten: alle Freunde/innen bei Facebook verloren zu haben und irgendwo einsam vor der Mem-Maschine Fernseher Trübsal zu blasen, weil „keine Schwein anruft“.

Mode, Trends, Mainstream und Medien sind heute wichtiger als Gene.

Es nicht mehr nötig, zehn Kinder zu zeugen, um „in“ zu sein. Aber noch bedeutsamer sind offenbar die Mone, um die sich heute alles zu drehen scheint: Erfolg, Glück und Lebensinhalt. Wer genug Mone besitzt, kann sich wie Berlusconi die nötigen Meme kaufen, und natürlich auch tolle Partner/innen, Gesundheit, Segelboote, Fernreisen, Sex, Erfolg, u.v.a. Eigentlich müssten Lottogewinner glücklicher sein, als der Rest der Menschheit, sind sie aber nicht.

Auch für Mone wäre es unwichtig, ob eine Firma überlebt oder nicht, ob Arbeiter entlassen werden, oder ob sie unter miserablen Arbeitsbedingungen in Billiglohnländern leiden, oder ob der, der ein Vermögen in heftigstem Stress zusammengeklaubt hat, schließlich im „Burn out“ zusammensackt. Hauptsache das Kapital hat sich vermehrt.

Gibt es Gene, Meme und Mone?

Von ihrer Umgebung abgelöst sind Nukleinsäuren, CD-Roms oder Münzen, nichts als tote Objekte ohne Funktion und Eigenleben: Nichts weiter als Symbole für verschiedene Arten von Kommunikationen und Beziehungen komplexer Systeme. Raster-Brillen, die es erlauben, eine Art der Wirklichkeit zu betrachten, in der nur hervorgehoben wird, was betrachtet werden soll.

Wissenschaftliche Erkenntnis braucht solche vereinfachenden, anschaulichen Modelle, die etwas Einzelnes herausgreifen (Reduktionismus). Aus vielen solchen Einzelbeobachtungen wird dann eine übergeordnete Theorie entwickelt, wie die Welt funktionieren könnte (Modellabhängiger Realismus). Wissenschaft endet aber dort, wo die Ideologie oder die Lehrmeinung beginnt, d.h. dort wo die Ergebnisse reduzierter Beobachtungen, und die davon abgeleiteten Theorien, mit der Realität selbst verwechselt werden.

Die anschaulichen Gene, Meme und Mone reichen für das Verstehen dieser Welt nicht aus. Leben, Kultur und Ökologie wachsen und verändern sich in komplexen und miteinander verwoben, vielgestaltigen Systemen, die sich gegenseitig beeinflussen.

Verengt sich unser persönlicher Gestaltungsraum immer mehr?

Das hängt davon ab, was wir unter einem Ich verstehen, das in einem Raum handeln will. Manchen Physikern erscheint die Welt als gigantischer Austausch von Informationspartikeln (Zeilinger) Das Bewusstsein könnte Teil eines dynamischen Beziehungstanzes von Subjekten und Objekten sein, die es alleine nicht gibt. (Noë). Hirnprozesse dienen nahezu ausschließlich der Erzeugung komplexer Bewegungsaktivität (Wolpert). Auch Denken in Worten scheint nichts anderes zu sein als schwache (stumme) Aktivierung von Kehlkopfmuskulatur-Programmen. Leben erscheint bei immer genauerer Betrachtung als Schwingung, z.B. der des Hirns u.v.a., die in Schwingungen mit anderem verbunden ist. (Buzsaki). Hirnforschung hat sich längst in Beziehungsforschung verwandelt, die motorische und informationsverarbeitende Zellen beobachten, die das Umgebende spiegeln und mit ihm in Wechselwirkung treten (Fuchs). „Wir“ existieren bewusst gar nicht, weil das Bewusstsein immer Sekundenbruchteile hinter dem Geschehen herhinkt. Das „Jetzt“-Gefühl, des Bewusstseins bedeutet nur, dass es eine sehr persönliche Konstruktion der Vergangenheit gibt, die oft trügt, z.B. wenn gesagt wird „ICH habe das gewollt, was ICH gerade getan habe“.

Die Aufgabe des Hirns ist aber nicht das Jetzt, sondern vorherzusagen, wie es sein wird. Offenbar erfährt das Geflimmer im Hirn nicht etwas und handelt dann. Auf etwas zu reagieren wäre viel zu langsam und meist zu spät. Passend zur Zukunftsvorhersage scheint es umgekehrt so zu sein, dass erst ein Sog entsteht, etwas tun zu wollen (predictive imperative). Dann erweitert sich der Sog in ein passendes Bewegungsprogramm, durch dessen Aktivierung anschließend ein weitgehend automatisches Bewegungsmuster abläuft (Llinás). Das Bewusstsein beobachtet solche Prozesse, die geschehen, und behauptet anschließend sein Regisseur gewesen zu sein.

Sind wir also tatsächlich nur Sklaven äußerer Einflüsse?

Treiben wir, wie herrenlose Schiffe, im Sog eines ziellosenn Stroms herumgeschubst von Wellen, Regen  und Wind?

Die evolutionären Triebkräfte scheinen uns ja etwas Freiheit zu lassen. Sie besteht darin, die jeweils richtige Auswahl zu treffen, die es erlaubt, weitere Kopien zu erstellen, von was auch immer. Wir können tun und lassen was wir wollen, solange wir uns vermehren, einen guten Eindruck machen und dabei auch noch Geld verdienen. Andere behaupten, genau das sei unfrei und predigen seit 3.000 Jahren radikale Askese und Weltentsagung (Mahavira): ein besonders erfolgreiches Mem.

Gibt es also doch keine Alternative zu Genen, Memen und Monen?

Der Mensch wird ganz er selbst, wenn er sich aufgibt. Viktor Frankl

Viktor Frankl hatte in größter Unfreiheit, im KZ, den „Sinn“ entdeckt. Darunter verstand er Verknüpfungen und Beziehungen mit etwas anderem, Lebewesen, Prozessen, Aufgaben, denen ebenso große Bedeutung beigemessen wird, wie dem Ich selbst. Diese Vorstellung unterscheidet sich von der des statischen Mems, weil dabei Veränderung und Wachstum betont werden. Die Freiheit des Menschen entstünde, nach Frankl, in der verbindenden Auflösung des Ichs in sinnvollem Tun.

Die Vorstellung vom Sinn passt gut zur Intension, dem nicht-bewussten Sog des Gestaltungswillens, den Hirn- und Bewegungsforscher beobachten und Menschen spüren, wenn sie sich im Flow befinden. Wenn Intension geschieht, entsteht Bewegung, und wenn diese auch noch sinnvoll ist, erweitert sich die Zahl der Möglichkeiten. So als würden Segel am Wind ausgerichtet und das Ruder angelegt: Plötzlich kommt Fahrt auf.

Freiheit ist nicht, sie wird.

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oder nichts als Information?

Autor: Helmut Jäger