Die schwere Geburt der Keimtheorie

Vor zweihundert Jahren war es gefährlich, Ärzte aufzusuchen, wenn man gesund werden wollte. Selbst John Snow, der Chirurg, der entdeckte, dass Cholera durch Trinkwasser übertragen wird, verschlimmerte noch den Zustand seiner Patient*innen mit Aderlässen.

Sind die finsteren Zeiten der Medizin Geschichte?

Nicht ganz, denn auch die moderne Medizin wird bestimmt von einer Denkrichtung des 19. Jahrhunderts: von der so genannten Keimtheorie der Chemiker Louis Pasteur, Jacob Henle und Robert Koch:Henle-Koch-Postulate).

Ihr kriegerisches Krankheitskonzept beruhte auf der Vorstellung, dass Menschen solange gesund seien, bis sie von äußeren Feinden angegriffen würden. Infektionen, wie Tuberkulose, seien die Ursache (und nicht etwa die Folge) des Elends, in dem die Menschen der frühen industriellen Revolution lebten. Ihr einfaches Erklärungsmuster von Gut und Böse entsprach dem Zeitgeist: Auch in den Kriegen des Imperialismus mussten Feinde erkannt, isoliert, bekämpft und vernichtet werden. Mediziner kämpften also (Seite an Seite mit den Kolonial-offizieren) an einer anderen Front: gegen die Seuchen. Denn die bedrohten, wie die Schlafkrankheit, die Erträge aus den Kolonien. Die Entscheidungsträger der industriellen Revolution hatten dagegen kein Interesse an der Thematisierung von Umweltproblemen oder sozialen Zusammenhängen.

Deshalb sollten auch ihre Militärärzte Tuberkulose und Lepra bekämpften, und nicht nach den Hintergründen von Armuts-Erkrankungen forschen. Die damals bekannten alternativen Hypothesen der Entstehung von Krankheiten, wurden daher verdrängt und rasch vergessen:

Widerspenstige Heiden Das neue, kriegerische Krankheitskonzeptes stieß trotzdem bei einigen Wissenschaftler*innen und Medizinier*innen auf vorübergehend ernst zu nehmenden Widerstand, der bekämpft werden musste. Am effektivsten, in dem man in lächerlich machte.

Max von Pettenkofer

Max von Pettenkofer wurde 1847 zum Professor für Chemie in München berufen. Er beobachtete, dass Infektionserkrankungen wie Cholera und Typhus in Stadtteilen mit feucht-moderigem Boden entstanden. Also in Elendsquartieren, in denen Abwasser und Fäkalien nicht abfließen konnten und das Trinkwasser gefährdeten. Mit großer Zähigkeit gelang es ihm die Politik in München für den Bau einer flächendeckenden Kanalisation zu bewegen. Auf seine Initiative schuf die Universität München den Lehrstuhl Hygiene und berief ihn dafür als ersten Professor. Unter seiner Leitung zählte München dann bis zum Ende des 19. Jahrhunderts zu den saubersten Städten Europas.

Als Robert Koch 1884 den Cholera-Erreger isolierte, blieb Pettenkofer skeptisch. Er glaubt nicht, dass dieser Keim die alleinige Ursache von Epidemien sei. Auch bei der großen Cholera-Epidemie 1892 in Hamburg, die der Keimtheorie zum endgültigen Durchbruch verhalf, zweifelte Pettenkofer an Kochs Theorie. Denn sie erklärte für Pettenkofer nicht schlüssig, warum nur bestimmte Stadtteile stark betroffen waren. Er vermutete vielmehr, dass Krankheiten durch komplexe Wirkungs-Zusammenhänge hervorgerufen würden. Die Gefährlichkeit von Keimen könne sich, seiner Meinung nach, durch Umweltbedingungen verändern. Und die Zufuhr bösartiger Keime allein, müsse bei körperlich gesunden Menschen nicht zwangsläufig zur Erkrankung führen. Also entschloss er sich zu einem Selbstversuch, und trank 1892 (im Alter von 74 Jahren) eine Bouillon des Choleraerregers, die ihm aus Hamburg zugeschickt worden war. Anschließend beschrieb er akribisch seine körperlichen Reaktionen: den geringen Durchfall und das Unwohl, das ihn nicht daran hinderte sein tägliches Viertel Rotwein zu genießen. Er fühlte sich darin bestätigt, dass die Krankheitserreger im Prinzip zunächst relativ harmlos seien. Im Rahmen von Umweltverschmutzung mit Fäkalien etc., führten sie aber zu etwas Bösartigem, das durch Gär- und Faulprozesse Giftstoffe (Miasmen) erzeuge, die bei körperlich geschwächten Personen zu den Krankheiten führten.

Seine Miasma-These wurde von den modernen Keimtheoretikern verlacht. Hinsichtlich der Cholera behielt er allerdings (in wesentlichen Aspekten) Recht. Er unterschätzte zwar die Bedeutung des Lebensraums der Cholera-Bakterien im Wasser, aber der von ihm vermutete Zusammenhang der Entstehung der Cholera-Krankheit war korrekt (Morabia 2007).

Cholera-Bakterien sind ursprünglich normale Bestandteile gesunder Ökosysteme im Brackwasser tropischer Küstenregionen. Sie leben dort in kleinen Krebsen und sind hervorragend an diesen Wirt angepasst. Die Verwandlung in einen Infektionserreger vollzieht sich bei ihnen durch Veränderungen des Säuregehaltes des Wassers und seiner Anreicherung mit Fäkalien und Schmutzteilchen. Werden leicht veränderte Bakterien dieser Art geschluckt, überleben nur die, die in der Lage sind, eine Schleimschicht um ihren Bakterienverband herum zu erzeugen. Werden diese „hyper-infektiösen“ Schleimverbände wieder mit Trinkwasser aufgenommen, eröffnet sich den inzwischen sehr untypischen Bakterien die Chance einer neuen ökologischen Nische, indem sie sich an die Darmwände anheften und so starke Durchfälle erzeugen. Aber auch die harmloseren (nicht-schleimbildenden Varianten) der Cholerabakterien haben eine evolutionäre Chance, wenn kein Abwasser getrunken wird. Sie können sie sich der Wirtsflora anpassen und sind dann unauffällige Teile der Darmflora kerngesunder Menschen.

Die Bekämpfungsstrategien der Keimtheorie gegen Cholera (Trinkwasserbrunnen , Antibiotika) allein können daher die immer wieder ausbrechenden Cholera-Epidemien nicht verhindern. Denn die ökologischen und sozialen Zusammenhänge der Cholera-Krankheitsentstehung sind komplex: Reyburn 2011.

Hätte man Pettenkofer am Ende des 19. Jahrhunderts ernst genommen, wäre die Bedeutung der Seuchen-bekämpfung relativiert worden. Man hätte sich stattdessen mehr Gedanken gemacht, wie ökologisch nachhaltiges und menschenwürdiges Leben gefördert werden könnte.

Antoine Béchamp

„Ich bin der Vorgänger von Pasteur, exakt so wie der Bestohlene der Vorläufer eines glücklichen und dreisten Diebes ist, der ihn verhöhnt und beleidigt“ („Je suis le précurseur de Pasteur, exactement comme le volé est le précurseur de la fortune du voleur heureux et insolent qui le nargue et le calomnie“). Brief vom Mai 1900 von Antoine Béchamp (Quelle: Nonclercq 1982)

Der Chemiker Antoine Béchamp entdeckte 1850 (~15 Jahre vor Louis Pasteur) „kleine Körperchen“ außerhalb von Zellen. Er nannte sie Mikrozyma. Damit müsste er, als Entdecker der Keime, eigentlich als Vater der Bakteriologie gelten. Sein jüngerer Chemie-Kollege Pasteur experimentierte damals noch an der These der Krankheitsentstehung durch Vergärung herum. Aber er blieb erfolglos. Zunächst hielt er Béchamps Entdeckung lebender Wesen außerhalb der Zellen für Unsinn. Schließlich aber kopierte er die Kleinlebewesen-Idee von Béchamp, und gab sie als seine eigene aus. Béchamp war zwar der etablierte Gelehrte, aber Pasteur hatte die bessere Beziehungen zu den Mächtigen seiner Zeit. Folglich verlief der Plagiat-Streit für den älteren Forscher Béchamp nicht erfolgreich. (Hume 1942, Nonclercq 1982)

Béchamp stellte sich Bakterien als im Organismus und auch in den Zellen lebende Wesen vor. Zellen und die Miniwesen seinen miteinander verwoben und könnten in unterschiedlichen Erscheinungsformen auftreten (Pleomorphismus). Ginge es einem Organismus schlecht, würden die Miniwesen außer Kontrolle geraten.

Die „Mikrozymen“ seien also nicht Ursache, sondern Folge eines Krankheitsprozesses. Ginge es dem Organismus gut, lebte sein Ökosystem (mit verschiedenen Beteiligten) friedlich zusammen. Gerieten die Zellen und Organe dagegen in eine Krise, könnten sich die Miniwesen vermehren und sorgten für die weitere Verschlechterung des Krankheitsbildes.

Ähnlich wie Pettenkofers Thesen passten auch die von Béchamp nicht zum damaligen Zeitgeist. Wäre man seinen Vorstellungen gefolgt, hätte man sich intensiver mit der inneren Ökologie von Organismen und Zellen beschäftigen müssen. Es hätten nicht über 100 Jahre verstreichen müssen, bis Biologen erkannten, dass viele seiner Gedanken in eine richtige Richtung wiesen. Hätte man sein Thesen nicht ins Lächerliche gezogen, wäre die Komplexität des Zusammenlebens zwischen Zellen und Mitochondrien und zwischen Körperfunktionen und menschlichem Mikrobiom / Virom früher erforscht worden.

Vermutlich wäre auch die Frage, warum Menschen krank werden (Pathogenese), weniger überbetont worden gegenüber Forschungen, warum Menschen trotz widriger Umstände gesund bleiben (Salutogenese).

Streit unter Geschwistern

Bis heute bekämpfen sich die Anhänger der Keimtheorie und der Homöopathie: ideologisch und leidenschaftlich. Und das, obwohl der Grundgedanke der Homöopathie (Gleiches heilt Gleiches – similia similibus curentur) die theoretische Basis des Impfens bildet.

Der wesentliche Unterschied zwischen beiden Medizin-Ideologien war und bleibt der Stellenwert, den sie medizinischen Interventionen beimessen. Die Keimtheorie begründete die Anlage ihres wachsenden Waffenarsenals, weil damit immer neue lebende Gegner (u.a. auch Krebszellen) spezifisch abgewehrt oder vernichtet werden können. Hahnemann hatte dagegen (ohne dass es ihm und seinen Anhänger*innen bewusst wurde) den spezifischen Effekt seiner Medikamente auf absolut Null reduziert. Damit gelang es ihm absolut nebenwirkungsfreie Arzneimittel zu erzeugen. Denn wo nichts ist, kann auch nichts schaden. Das war z.B. bei der Cholerabehandlung in der Mitte des 19. Jahrhunderts sehr hilfreich, weil die klassische Medizin die Infektionskrankheit durch Aderlässe (und andere Foltern) verschlimmbesserte, und zusätzlich die Sterblichkeit erhöhte, weil die Betroffenen nichts trinken sollten. Die spätere Keimtheorie nahm bei der Anwendung ihrer spezifischen Hochleistungswaffen (wie Antibiotika) Kollateralschäden bewusst in Kauf. Die Nachfolger Hahnemanns, die sich dagegen empörten, nutzten (ohne es zu wissen oder gar so zu benennen), den reinen Systemeffekt der Arzt-Patient-Beziehung destilliert. Bei der Keimtheorie dagegen war (und ist) die zwischen-menschliche Beziehung weniger wichtig, weil ja die spezifische Chemikalie wirkt.

Vor dem Hintergrund des heutigen systembiologischen Wissens sind beide Ideologien gleichermaßen veraltet und museal.

Was wissen wir heute mehr?

Die kriegerische Keimtheorie wurde im 20. Jahrhundert auf viele andere medizinische Gebiete ausgedehnt. Immer geht es darum, durch eine Diagnose einen Feind zu erkennen und ihn dann zu bekämpfen. Das nutzt sowohl den medizinischen Armeen, als auch den Waffenherstellern.

Die auf der Keimtheorie basierenden wissenschaftliche Erkenntnissen der Infektiologie oder der Krebsbehandlung sind nicht falsch, sie zeigen aber nur einen Teilaspekt eines wesentlich größeren komplexeren Zusammenhangs. Manchmal kann eine wirksame Erreger-Bekämpfung Leben retten, zum Beispiel bei der Behandlung einer Malaria.

Vor über dreißig Jahren war ich sehr froh über geeignete Waffen zu verfügen, die das Problem sofort beseitigen konnten. Trotzdem irritierte mich eine Frage, die glücklich geheilte afrikanische Patient*innen immer wieder stellten: „Warum bin ich (!) an Malaria erkrankt? Die Mücke sticht doch jeden hier.“ Eine Antwort hatte ich nicht, aber ich spürte: die Frage war nicht dumm.

Krankheit wird durch komplexe Wechselwirkungen vieler Einfluss-Faktoren verursacht. Pettenkofer, Béchamp und (ohne es zu wissen) auch Hahnemanns Nachfolger waren Vorläufer dieser Erkenntnis. Sie entspricht im Grunde den Gedanken der ersten Medizinphilosophen: Man sollte möglichst das Leben und die Lebensverhältnisse so gestalten, dass man die Produkte der Schamanen und der Kräuterapotheken nicht kaufen muss.

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Literatur

Artikel: H. Jäger