Zielorientiert und geschickt?

Um kurzfristig wichtige Ergebnisse zu erreichen …

zielgenau
Punktgenau! Tansania 1981 (H. Jäger)

reicht es völlig aus, wenige Muskeln sehr zielgenau zu aktivieren. Der Rest des Körpers kann in Bewegungslosigkeit verharren. Ein Unterarmmuskel, der den Zeigefinger verschiebt, ist genug, um den Maus-Cursor blitzartig zu versetzen. Und es braucht nur einen Ruck aus der Rückenmuskulatur, um eine Kiste anzuheben.

Das, was „jetzt schnell“ erreicht werden soll, steht im Vordergrund. Die Kürze der Zeit ist entscheidend. Die geschickte, blitzartige Bewegung eines Körperteils ist ideal für Notfälle.

Der erste Marathonläufer nach seiner Heldentat. Warum wohl?

“ ‚Freude!‘ rief Philippides. ‚Freude, wir haben gewonnen!‘. Noch in seinem letzten Atemzug hauchte er das Wort Freude.“  Lucian

Um Ziele schnell und effektiv erreichen zu können, muss man fit sein und intensiv trainieren. Man muss es „seinem Rücken zeigen“ und „den inneren Schweinehund besiegen“. Was gerade sonst so im Körper stattfindet (Schmerz? Herzrasen? Spannung?) ist bei geschickter Bewegung unwichtig.

Geistige und körperliche „Kollateralschäden“ werden, weil das Ziel das Mittel heiligt, in Kauf genommen oder weggedopt. Erst kommt der Sieg im Handballturnier, und anschließend erst die Bandage des Knies. In der entscheidenden Millisekunde vor dem Tor dürfen die Schmerzsignale aus den Gelenken keine Chance haben.

Ein großer Teil der Sportverletzungen hat psychologische Ursachen.

Körper und Psyche hängen eben miteinander zusammen. Mangelnde Aufmerksamkeit, Müdigkeit, Medikamente, Genussmittel, Drogen, Dopingmittel, Angst, Wut, Stress und vieles andere können die Feinabstimmung von Bewegungen ungünstig beeinflussen. Daraus entwickeln sich Störungen, Widersprüche, Blockaden, unnützer Energieverbrauch für verkrampfte Haltungsarbeit oder eine mangelnde Koordination der Bewegungsabläufe. Handlungsfehler treten auf, führen zu noch mehr Anstrengungen und noch mehr Stress und schließlich zu Verschleiß und Unfällen.

Auf der Suche nach einem schnellen „Kick“ oder in der krampfhaften Verfolgung eines Ziels werden hohe Risiken eingegangen. Aber die stressige Quälerei wird kurzfristig belohnt: durch Dopaminwellen, körpereigene Morphine und aufputschendes Adrenalin. Allerdings erleidenden einige der Gestressten einen Herzinfarkt, nachdem sie kurz zuvor beim Joggen waren, oder als sie nach dem Krafttraining an der Theke beim Bier saßen.

Leistungssport, ohne zu spüren und zu fühlen, was Körper und Geist gerade brauchen, ist eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für Orthopäden oder für Suchttherapeuten. Die müssen sich dann mit „extreme arousal seeking behavior“, Dopingschäden oder verschlissenen Knien herumschlagen. Sucht nach Extremsport ist nicht weniger gefährlich als harte Drogen. Selbst wenn gerade nicht gedopt wird. Bei „knochenhartem“ Training und maximalem Einsatz reißen eben manchmal die Sehnen oder brechen die Knochen. Auch die Hirnchemie und der Stoffwechsel verändern sich so, dass psychische und körperliche Krankheiten ausgelöst werden.

Extremsportler unterliegen Fehleinschätzungen, …

wenn sie glauben, stets nur „kontrollierte Risiken“ einzugehen.  Sie denken nicht sehr weit voraus.

Menschen mit ausgeprägtem Risikoverhalten fühlen sich aber in Gefahrensituationen paradoxerweise nicht nur wohl, sondern auch sicher und geborgen.

D.h. sie suchen Trancezustände auf. Trance ist besondere Art der Hirnaktivierung, die verbunden ist einer schlafwandlerischen Logik, in der rationale Gefahrensignale ausgeschaltet werden, und das Schmerzempfinden herabsetzt ist. Wölfe sind Trancemeister, wenn sie sich wider alle Logik auf einen viel gewaltigeren Elch stürzten, dessen Huf sie leicht töten könnte.

Befinden sich Menschen in Trance während sie sich in einer „Gefahrenzone“ befinden, dann geht es ihnen gut. Sie fühlen sich wohl in dem schwebenden Gefühl „quasi abheben zu können und Übermenschliches zu leisten“. Zurück im langweiligen Alltag, wächst die Sehnsucht, dieses Gefühl möglichst schnell wieder aufleben zu lassen. Das führt zu Abhängigkeit vom „Kick-Erleben“ und schließlich zur Sucht. Um die Sucht zu befriedigen, ist bald kein Aufwand und kein Risiko mehr zu groß. Es muss „immer höher, tiefer, weiter, öfter“ sein. Fehlt der Risiko-Kitzel, z.B. unfallbedingt in einer Zwangspause, treten „Entzugssymptome“ auf: Frustrationen, Stimmungstiefs und Aggressionen.

Gibt es eine effektive Alternative zu geschickter Bewegung?

Gewandte Bewegung ist wenig spektakulär. Zeit spielt dabei keine Rolle. Oft verliert sich das Zeitgefühl sogar, wenn sich der ganze Körper bewegt. Bewusstheit, Atmung, Muskeln und Sehnen sind dann miteinander verbunden. Die Bewegung fließt in einem Rhythmus. Und es entwickelt sich eine ganz andere Form von Trance: Das was gerade geschieht, wird intensiv erlebt, und das Ich-gefühl verliert sich in einem Zusammenhang. Bummeln im Wald bringt keine Medaille ein, aber es hilft dabei, zufrieden alt zu werden.

Es gibt kein Problem, dass man nicht erwandern könnte.
Johann Gottfied Seume

Höher, steiler, schärfer, schneller …

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Autor: Helmut Jäger