Esoterik: Wie viel Glaube ist gesund?

 „Vertraue und glaube! Es hilft, es heilt die göttliche Kraft!“ Bruno Gröning

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Das Grab von Bruno Gröning, Dillenburg im November 2015 (Bild: Jäger)

Esoterik wirkt!

Das Wort „esoterisch“ (gr.) bedeutet „dem inneren Bereich zugehörig sein.“

Dort befinden sich die Eingeweihten von Geheimlehren, deren religiös-mystischen Riten, Ideen und Gebräuche nur den engen Vertrauten der „Meister/in“ zugänglich sind.

Heilversprechen esoterischer Systeme entfalten Wirkungen, wenn Heiler/innen und Kranke gleichermaßen fest daran glauben. Denn mit dem Sicherheitsgefühl steigt die Wahrscheinlichkeit, dass es nach der Durchführung eines Rituals tatsächlich besser oder sogar wieder „gut werden“ wird.

Für die Gläubigen, die psychisch oder körperlich leiden, ist es meist unwichtig, „wie es funktioniert“. Hauptsache, es wirkt und beseitigt das Problem. Das Gesamtkonzept eines Heilsystems muss sich stimmig anfühlen und Vertrauen erwecken. Die Details werden gern den weiblichen und männlichen Experten, Schamanen, Priestern, Ärzten, Mystikern und Wissen-Schaft-Lern überlassen. Diese kommunizieren untereinander in Zeichen und Symbolen, deren Verständnis Jahrzehnte intensiven Trainings erfordert. Ihre nach außen strahlende Gewissheit erweckt belastbares Vertrauen, und erzeugt das Gefühl, in einem zwar undurchschaubaren, aber perfekten Erklärungssystem gut aufgehoben zu sein. Diese starken Kommunikations-Effekte beeinflussen die Hirn- und Körper-Chemie messbar und nachhaltig. So kann auch reines „Nichts“ erstaunliche Wirkungen auslösen, wenn es nur in einer bedeutungsvollen und einprägenden Art und Weise verabreicht wird (Schamistische Heilung)

Ohne Sicherheit: keine Heilung.

Menschen die leiden, erfahren die Wirklichkeit als verwirrend, undurchschaubar, unendlich komplex und wenig beeinflussbar. Sie fühlen sich hilflos. Und sehnen sich nach Expert-Innen, die ihnen sehr einfache Modelle aufzeigen, die ihrem Leiden einen „besonderen“ Diagnose-Namen verleihen, und die ihnen dann auch einen („äußeren“) Feind aufzeigen, der erfolgreich bekämpft werden kann.

Deshalb suchen sie, besonders in „hoffnungslosen“ Situationen, Esoteriker auf, die aus unendlichen Zahl möglicher Zusammenhänge eines Übels, die wenigen Faktor herauspicken, die zu ihrem Erklärungsmodell passen. Erstaunlicherweise finden sie fast immer genau das, wonach sie suchen:

Wer als Werkzeug nur einen Hammer hat,
sieht in jedem Problem einen Nagel.“ Paul Watzlawik

Ist dann die Ursache des Leidens geklärt, folgt die punktgenaue Anwendung des Heil-Konzeptes. Die esoterische, therapeutische Intervention soll in der Regel sehr spezifisch und präzise erscheinen, damit sie umso stärkere diffus-nicht-spezifische Systemwirkungen auslösen kann. Esoteriker wehren sich deshalb vehement gegen Unterstellungen, ihre Mittel oder Rituale wirkten gar nicht punktgenau oder hätten irgendetwas mit dem „Placebo-Effekt“ zu tun.

Entsteht nach ihrer Anwendung ein gewünschter Effekt, ist damit bewiesen, dass das Heilkonzept wirksam war. Misserfolge verweisen dagegen auf eine noch mangelhafte Durchführung, auf Anwenderfehler oder auf eine „Anfangs-Verschlimmerung“, die Gutes verheißt und hoffen lässt. Esoterische Anwendungen müssen daher solange durchgeführt werden, bis es doch zu einem Erfolg kommt, oder aber die Nutzer wegbleiben. Wirklich negative Rückmeldungen, die das ganze System gefährden würden, kann es bei ihnen nicht geben.

Rituale vermitteln Sicherheit

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Grab Bruno Grönings mit frischen Devotionalien als Zeichen von Frömmigkeit, Hingabe, Ehrfurcht, Dankbarkeit …

Damit es sicher wieder so wird, wie es vorher einmal war, müssen sehr konkrete Handlungen und ausgeklügelte Rituale durchgeführt werden, die deutlich erlebt und erinnert werden können. Die Wege zum Heil sind daher oft bitter, mühsam und schmerzhaft.

Esoterisches Heilen wird oft zusätzlich mit der Auslösung einer Trance kombiniert. Denn in diesem Geisteszustand, bei dem Logik und kritisches Ich-Denken abgeschaltet sind, richten sich Geist und Körper, wie in einem Sog, genau auf ein Ziel aus. Sobald dies geschehen ist, können die Betroffenen gelenkt und geleitet werden. Schmerzpatientinn/en erfahren dabei tatsächlich oft eine Linderung.

Manchmal werden auch in einer Gruppe Gleichgesinnter gemeinsame Gefühlszustände erzeugt, oder religiöse Weisheiten, Wahrheiten oder Praktiken ausgetauscht, die zu einem unmittelbar-erleuchtenden Verständnis führen sollen.

Allen unterschiedlichen, esoterisch-schamanistischen Ritualen ist gemeinsam, dass sie nur dann wirken können, wenn man sich auf sie einlässt. Kritisches Denken, Nachfragen oder rationale Informationsverarbeitung, die das System hinterfragen, würde das persönliche Erleben der unbewussten und körperlichen Auswirkungen eines Rituals stören oder gar verhindern. Es wird deshalb in der Regel freundlich, aber bestimmt, dafür gesorgt, dass Un-gläubige fernbleiben und den doer die Heiler/in meiden.

Der Esoterik Markt boomt

Die Nachfrage nach dieser Art des „alternativen Heilens“ ist groß:

Das alles u.v.a. auf der Messe „Spiritualität und Heilen 2016“ angeboten: … alternative Heilweisen, sanfte Medizin, Geistiges Heilen, … ganzheitliche Lebensberatung, Handanalysen, … Astrologie, Aura-Analysen, Energie-behandlungen, Schamanismus, Magnetschmuck, Matrix-Quantenheilung, energetische Symbole, …

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Sichere Wege zur Erleuchtung! Auch zu Gesundung? Und zu Zufriedenheit?

Esoterik ist ein lohnendes Geschäft. Aber hinter vielen Glaubens-Systemen des Esoterik-Marktes steckt oft auch ein interessanter Kerngedanke, der selbst Nicht-gläubige zum Denken anregen könnte, oder von diesen zumindest tolerierend akzeptiert werden kann.

Denn esoterische Insider-Praktiken können sich aus jeder Form menschlicher Erfahrung und Wissens-Suche entwickeln. Etwa so wie Viren, die auch nur Bruchstücke viel größerer Informationssysteme sind, und die doch alles, was für sie empfänglich ist, überschwemmen.

Esoterik kann aus Natur- oder Geisteswissenschaften, Religionen, Ideologien, Überlieferungen, Bewegungs-Methoden und Lebens-Praktiken erwachsen. Esoterik (z.B. Astrologie) und Naturwissenschaft (z.B. Astronomie) besetzen nur unterschiedliche Seiten eines gleichen Spektrums. Zwischen ihren „reinen“ Lehren tummeln endlos viele  Vermischungs-Formen. Und manchmal finden sich sogar Gemeinsamkeiten, wenn der Direktor des Albert Einstein-Institutes in Hannover (Danzmann) zur gleichen Erkenntnis gelangt, wie der Gründer der vielleicht ersten esoterischen Sekte (Pythagoras) :

Das Universum klingt„.

„Zu Risiken und Nebenwirkungen …“ 

Sektiererisches Klammern an einfache Welt-Erklärungs-Konstruktionen kann hochgefährlich sein (Barth 2006). Das gilt besonders für die Mischung aus Trance („Verbundenheit spüren„) und Dogma („Wahrheit sehen„):

Okkultismus im „3. Reich.

Im Prinzip können alle esoterischen Rituale oder Praktiken abhängig machen, ausbeuten, in die Irre führen und ver-schlimm-bessern.

Erscheint das, was geschieht, den Nutzer/innen in-transparent und undurchschaubar, sind auch die Gefahren in der Regel hoch. Werden dagegen Lernprozesse angeregt, die zu einem besseren Selbstbewusstsein und Selbst-Management führen, sinken die Risiken der Anwendung

Trotz allem ist sicher: Glaube und Vertrauen sind heilsam

Gläubige Menschen, die ein Grundvertrauen in sich spüren, haben deutlich höhere Heilungschancen, unabhängig davon, an was sie glauben. U.v.a. sinkt bei religiösen Menschen das Risiko, depressive Erkrankungen zu entwickeln. (Miller 2013).

Warum also sollten Ärzte/innen ein starkes Sicherheitsempfinden hinterfragen und damit stören? Insbesondere bei Menschen, die gerade schreckliche Belastungen durchstehen?

Sicherheitsgefühle, die durch Täuschung oder Betrug erzeugt werden (Placebo und Pseudo-Placebo) sind im besten Fall langfristig wertlos. Denn sie verhindern Lern- und Veränderungs-Prozesse.

Werden Rituale dagegen in einer offenen und transparenten Arzt-Patientenbeziehung angewandt, können sie sehr nützlich sein. Sie unterstützen, sich selbst zu helfen. Genesung ist dann nicht mehr das Ergebnis einer undurchschaubaren Behandlung, sondern ein Veränderungsprozess, der zu einem anderen selbst-bestimmteren Leben führen kann.

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Literatur

  • Barth, Claudia (2006): Über alles in der Welt – Esoterik und Leitkultur. Eine Einführung in die Kritik irrationaler Welterklärungen. Aschaffenburg: Alibri-Verl.
  • Miller L et al: Neuroanatomical Correlates of Religiosity and Spirituality: A Study in Adults at High and Low Familial Risk for Depression. JAMA Psychiatry. 2013 Dec 25:1-8
  • Wootton D: Bad Medicine: Doctors Doing Harm Since Hippocrates, Oxford University Press 2006

Autor Helmut Jäger