Ist Lachen gesund? (1/2)

Ja, manchmal.

Elektro-Lachen
Lach-Zwang durch Stromschlag. Duchenne 1862

Viele Studien (von 1946 bis 2013) scheinen zu belegen, dass Lachen gesundheits-förderlich sei, obwohl es auch negative Auswirkungen gäbe (Ferner 2013).

Es käme eben darauf an, welche Form des Lachens betrachtet würde:

  • heiter-humorvoll-fröhlich-schmunzelndes,
  • unwillkürliches (herausgekitzeltes),
  • oder bösartiges-verletzendes Lachen.

Lachend angreifen.

Schimpansen verlachen ihre Rivalen, wenn diese einen Schaden erleiden. Möglicherweise signalisieren sie damit den anderen Affen, dass sich ein gefährlicher Bedrohungszustand aufgelöst habe. Und das nun (nach Ärger, Angst oder Wut) wieder Sicherheit und Ruhe eingekehrt sei.

Menschen können darüber hinaus andere lächerlich machen, sie „in den Dreck ziehen“, als schwachsinnig verhöhnen, oder sie durch die Auslösung eines allgemeinen Gelächters ins Mark treffen. Lachen wird so zur wirksamen Waffe, die soziale Beziehungsgeflechte zerreißt, und Gegner vernichtet:

Das Gelächter, das mit dem Menschen aus dem Nebel der Antike auftaucht, scheint einen Dolch in der Hand zu halten. Es gibt in der Literatur der Antike über das Lachen so viele Beispiele für brutalen Triumph, Verachtung und Fußtritte gegen den Besiegten, dass wir annehmen dürfen, dass das ursprüngliche Lachen ausschließlich aggressiv gewesen ist« Koestler 1966.

Wer von allen ausgelacht „sein Gesicht verliert“, dem bleibt manchmal nur noch der „ehrenvolle Selbstmord“.

Das Lachen (ist) eine grausame Waffe, die bösen Schaden stiften kann, wenn sie unverdientermaßen einen Wehrlosen trifft; ein Kind auszulachen ist ein Verbrechen! Lorenz 1963

Bösartiges Lachen löst primitive Aggressions-Programme des  Stammhirns aus. Und es unterdrückt zugleich die Fähigkeit, sich selbst zu beruhigen und mit anderen nutzbringend zu kommunizieren.

Da sich Stress aber langfristig negativ auf das Immunsystem und Herz-Kreislauffunktionen auswirkt (Bot 2017), ist aggressives Lachen vermutlich nicht nur für das Opfer un-gesund.

Andere lächerlich machen

Den Mächtigen oder Verbohrt-Festgefahrenen dient das „Lächerlich-Machen“ von Ideen oder Personen als eine wirksame Abwehr von Un-Sicherheit. Als eine Stressprophylaxe, die davor bewahrt, eigene Vorurteile hinterfragen zu müssen. Neue oder ungewöhnliche Ideen oder kluge Argumente, die die eigene Position destabilisieren könnten fehlen, werden so einfach beseitigt werden, ohne sich damit auseinandersetzen zu müssen.

Für die Schwachen und Kreativen dagegen bleiben die bösen Witze hinter vorgehaltener Hand, die scharfen Zungen in kabarettistischen Kellern oder Spottlieder oft die einzig verbleibenden Mittel, um den Allmächtigen, die sie unterdrücken, „eins auszuwischen“.

Flüsterwitz 1934/35: „Das bisherige Strafgesetzbuch ist zu kompliziert und erscheint überflüssig. Es soll ein neues in Kraft gesetzt werden, das nur aus folgenden drei Paragraphen besteht: §1: Wer etwas unternimmt oder unterlässt, wird bestraft. §2: Die Höhe der Strafe richtet sich nach dem gesunden Volksempfinden. §3: Was gesundes Volksempfinden ist, bestimmt der zuständige Gauleiter.“

Kitzeln: Krokodile lachen nicht.

lachender Affe
Lachender Affe. Bild: SZ 19.02.2017

Affen aber schon, wenn man sie kitzelt.

Herausgekitzeltes Lachen scheint also etwas mit Intelligenz und sozialer Bindung zu tun zu haben.

Kitzeln aktiviert Schmerzrezeptoren. Ähnlich wie ein Juckreiz. Das ist eigentlich unangenehm, aber doch nicht so bedrohlich, wie ein Schmerz, der eine körperliche Verletzung signalisiert.

Kitzel-Spiele machen sogar Spaß, weil sie die soziale Bindung verstärken (Provine 2001): Weil Lachen die Gehirnrhythmen der Beteiligten synchronisiert , aggressive Grundeinstellungen dämpft und emotional beziehungsreiches Verhalten begünstigt.

Ein anderer Wissenschaftler glaubt, kitzelndes Lachen sei lange vor dem humorvollen, aber wahrscheinlich nach dem primitiv-aggressiven, Lachen entstanden: Als Folge des Abstillens, wenn die Mutter das Kind von ihrer Brust abweise. Diese Verweigerung müsse das Kind als negativ empfinden. Die Mutter aber würde die aufsteigende Aggression im Kind in etwas Schönes umdeuten, in eine andere Qualität inniger Beziehung:

lieb haben
Bild: H . Maturana

Ich habe dich lieb – aber lass mich in Ruhe!„.

So werde ein angedeuteter, innerer Konflikt explosionsartig im Gelächter neutralisiert. (Stollmann 2016)

Manchmal muss (!) man lachen.

Zum Beispiel auf bestimmten Karnevals-Sitzungen. Um solche, organisierten Lach-Veranstaltungen ertragen zu können, sind hohe Alkoholspiegel nötig, die das kontrollierende Frontalhirn ausschalten. Deshalb darf dort auch das „Tä-tä-tä“ nicht fehlen, weil sonst bei flachen Witzen der Lacheinsatz verpasst würde.

Es kann aber noch schlimmer kommen: Wenn ein mächtiger Chef schale Witze aufwärmt oder bösartige Zoten reißt, und man befürchten müsste, abserviert zu werden, wenn man (oder frau) nicht mit-lacht.

Psychisch-körperlichen Verkrampfungen dieser Sorte können eigentlich auf die Dauer nicht gesund sein. Trotzdem behaupten manche, es wirke sich auf körperliche und geistige Funktionen günstig aus, selbst dann zu lachen, wenn einem nicht zum Lachen zu Mute ist.

Denn schließlich würden beim Lachen Muskelgruppen aktiviert, deren Ausdruck mit einer depressiven Grundhaltung oder mit Wut nicht vereinbar ist.

Und so sorgen Lach-Therapien, Klinik-Clowns oder Lach-Yoga-Events  für positives Denken. Insbesondere dort, wo es sonst an Empathie und Kommunikation mangelt.

Das ist sicher gut fürs Geschäft. Aber sonst?

Mehr

Bewegen

Frühe Entwicklung

Menschliche Vettern

Links

Literatur

  • Duchenne GB: Mécanisme de la physionomie humane. Analyse electrophysique de l’expression des passions. Ve Jules Renouard, 1862
  • Higgins JP: Altitude and the heart: is going high safe for your cardiac patient. Am Heart J 2010, 159(1):25-32
  • Kop WJ et.al.: Effects of acute mental stress and exercise on inflammatory markers in patients with coronary heart disease and health controls. Am J Cardiology 2008, 101(6)767-77
  • Kop WJ et.al.:The role of immune system parameters in the relationship between depression and coronary artery disease Psychosom Med 2005, 67 (Suppl1):S37-41
  • Ferner RE: Laughter an Mirth. BMJ 2013, 347:f7274 (Volltext)
  • Miller M: The Effect of mirtthful laughter on the human cardiovascilar system. Med Hypotheses 2009, 73(5):636ff. – Video 2009 Video 2015
  • Provine R: Laughter: A Scientific Investigation. Pinguin 2001, Zusammenfassender Kommentar
  • Seiler B: Laughter helps blood vessels, 2005, Univ. of Maryland
  • Stollmann R: Groteske Aufklärung. Studien zur Natur und Kultur des Lachens 1997.  Interview

Autor: Helmut Jäger