Gesundheits-Angst: Eine stille Epidemie?

Die ständige Sorge um die Gesundheit ist auch eine Krankheit.
Plato um 400 v.u.Z.

Uns bedroht eine neue Krankheit.

In den Industrieländern soll sich die Gesundheits-Angst („Health Anxiety“) epidemisch ausbreiten (Tyrer, BMJ 2016). Dabei soll es sich um Zustände chronischer Ängste handeln, die durch medizinische Überinformation entstehen.

2007 sollen aufgrund einer sorgfältigen Erhebung in Australien 3,4 % der Menschen an „Health-Axiety“ gelitten haben. In einer anderen Studie in Englands wurden 2006 bei 12%  und 2010 schon bei 20 % der Patienten Gesundheits-Angst diagnostiziert. Darauf (so Tyrer) solle sich das Gesundheitssystem einstellen:

All patients with health anxiety should now be offered
the many established, effective, evidence based treatments. Tyrer 2016

Angst folgt Information, die nicht sinnvoll gedeutet werden kann.

le malade imaginaire
Jean B. Molière: Der eingebildete Kranke, Bild: Honoré Daumier, Quelle Wikipedia

Wenn in einem gewohnten Ablauf unerwartet etwas Ungewöhnliches geschieht, erscheint die Situation unsicher zu sein.

Zum Beispiel dann, wenn Signale oder Informationen auftauchen, die nicht eindeutig als „gefährlich“ oder „harmlos“ oder „nützlich“ oder „katastrophal“ eingeordnet werden können.

Wenn man dann nicht weiß, was am besten zu tun ist, wachsen Sorgen und Ängste.

Lässt sich die Information dann in einen sinnvollen Verständnis-Zusammenhang einfügen, verschwinden die Ängste wieder.

Das Leben ist ungewiss.

Vor 200 Jahren schrieb Moliere ein Theaterstück über einen „eingebildeten Kranken“. Er gestaltete die Person eines Mannes, der, völlig verunsichert, an sich immer neue Krankheitszeichen bemerkte.

Seither machen sich die vielen (scheinbar) Gesunden über sogenannte Hypochonder lustig, die immer neue Krankheiten erfinden, die es gar nicht gibt. Diese Menschen leiden allerdings tatsächlich, und entwickeln, weil Psyche und Körper untrennbar zusammen gehören, natürlich auch viele unterschiedliche, messbare Krankheitserscheinungen.

Dieser Krankheitsprozess der Verkörperung psychischer Probleme (das so genannte Somatisieren) wird seit hundert Jahren sorgfältig untersucht. Daher kennen Mediziner auch die vielen ernsten Krankheitsbilder sehr gut, die aus einer Verkörperlichung psychischer Probleme entstehen können, wie z.B. der Dermatozoenwahn u.v.a.

Das wirklich Neue an den modernen Begriffen „Health-Anxiety“ oder „Illness Anxiety Disorder„, ist deshalb nur, dass sie nun als „wirklich echte“ Krankheiten anerkannt werden. D.h. man kann sie nach eindeutigen Kriterien diagnostizieren, medizinisch behandeln, z.B. mit Verhaltenstherapie oder Psychopharmaka, und die Kosten dafür abrechnen:

Illness anxiety disorder is preoccupation with and fear of having or acquiring a serious disorder. Diagnosis is confirmed when fears and symptoms (if any) persist for 6 month despite reassurance after a thorough medical evaluation. Treatment includes establishing a consistent, supportive physician-patient relationship; cognitive-behavioral therapy and serotonin reuptake inhibitors may help. Merck Manual

hypochonder tom touché
Tom (www.taz.de/!t5180734): Hypochondrie

Das Medizinsystem löst auch effektiv (und lukrativ) Probleme, die ohne es gar nicht entstanden wären.

Gesundheits-Ängste werden durch den Gesundheitsmarkt ausgelöst, in dem immer neue Dienstleistungen oder Produkte angepriesen und verkauft werden. Zusätzlich werden die Klienten im Markt verunsichert durch Apparate und Apps, die Puls, Blutdruck und Atemrhythmus messen, und natürlich auch durch die Medien, Marketingbotschaften und das  konventionelle und soziale Web, wo über immer neue Informationen und über Gesundheits- und Krankheitszustände geschwatzt wird.

Welcher Weg führt aus dem Gesundheits-Dschungel?

Für viele Menschen wäre es gesünder, wenn sie weniger Gesundheitsprodukte kaufen würden. Und wenn sie sich so verhielten, dass ihr Bedarf nach medizinischen Dienstleistungen sinken würde.

Möglicherweise wären dafür Lebensberater, Begleiter oder Trainer hilfreich, nicht aber immer neue „Behandler“ (s. Tyrer).

Gesundheit ist ohnehin unerreichbar. Man könnte stattdessen auch das tun, was man für sinn- und wertvoll hält und was uns der Zufriedenheit näherbringt (s. Victor Frankl)

Das Ende der Therapie ist oft auch das Ende des Problems.
Paul Watzlawik

Angst

hypochondrie
John Naish: Tödliche Krankheits-Angst. rororo

Gesundheitsmarkt

Hypochondrie (ohne Gewähr)

Literatur

  • Tyrer P: Health anxiety: the silent, disabling epidemic. Treatable with a range of highly effective interventions. BMJ June 2016, 353:12250
  • Frankl V: Das Leiden am sinnlosen Leben. Psychotherapie für heute. Herder, Freiburg im Breisgau 1978–2006, ISBN 3-451-04859-0 – Der leidende Mensch. Anthropologische Grundlagen der Psychotherapie. Huber, Bern 1975–2005, ISBN 3-456-84214-7 – Der Mensch auf der Suche nach Sinn. Klett, Stuttgart 1972, ISBN 3-451-01930-2 – Video-Vortrag

Autor: Helmut Jäger