Risiko Gesundheits-App? (1/2)

Bambus
Zhang Daqian (1899 –1983): „Der Lärm von sieben Weisen und sechs Gelehrten ist nicht nötig, um den Bambus sprießen zu machen.“

Die Stichwort-Suche „Gesundheit + App“ erbringt fast 600.000 Ergebnisse (31.08.2016). Bei der Kombination  „Health + App“  lag die Zahl der Einträge sogar bei 577 Millionen.

Der Markt mit den kleinen Algorithmen zu Gesundheit und Krankheit scheint lukrativ zu sein.

Hermann Gröhe (der Bundesminister für Gesundheit)  glaubt, dass „für viele Apps heute schon ein Ansporn“ seien, „sich mehr zu bewegen, sich gesünder zu ernähren“.

Sie unterstützten „auch ‎bei der regelmäßigen Einnahme von Medikamenten“. Das könne „vielen Menschen eine wertvolle Hilfe sein.“

Doch bei mehr als 100.000 Gesundheits-Apps“ sei es „für Bürger, aber auch für Ärzte nicht einfach, zwischen guten und schlechten Angeboten zu unterscheiden.“

Bei diesen Mutmaßungen bezog er sich auf eine Studie zu „Chancen und Risiken von Gesundheits-Apps„, die vom BMG am 24.04.2016 veröffentlicht wurde. Sie ergab u.a.:

„dass bei den gegenwärtig angebotenen Apps in den Kategorien „Medizin“ und „Gesundheit und Wellness“ Produkte mit diagnostischem oder therapeutischem Anspruch bisher eher selten sind.“ (s.u.)

Das klingt nicht ermutigend. Aber …

„Gesundheits-Apps müssen Patienten echten Nutzen bringen.“ (Herbert Gröhe)

Sein frommer Wunsch wird angesichts des schnell wachsenden, nicht-regulierten Marktsegmentes schwierig zu verwirklichen sein.

Es wäre eigentlich viel einfacher gewesen, wenn das Gesundheitsministerium verlangt hätte, dass die Apps auf keinen Fall einen Gesundheitsschaden verursachen dürften. (Spiegel 25.04.2016, Mc Millan 2016).

Behörden (wie auch die Europäische Kommission) wirken angesichts der Marktdynamik hilflos. Sie versuchen den unkontrollierten Wildwuchs mit Verfahrensentscheidungen (Arbeitsgruppen, Kommissionen, Gutachten) zu regulieren. Die führen dann in der Regel zu neuen Arbeitsgruppen und weiteren Gutachten. Selbst wenn dann einmal „harte“ Sachentscheidungen getroffen werden müssen, sind sie in einem schnell wachsenden Markt meist schon an dem Tag veraltet, an dem sie erlassen werden.

Wissenschaftliche Institutionen suchen die Wahrheit bzgl. der Apps – und finden sie nicht.

Zum Beispiel betont ein (möglicherweise krankenkassen-gefördertes) Gutachten die Chancen der Unterstützung eigenverantwortlichen Handelns im Gesundheitsmarkt durch Apps. (Kramer 2016). Möglichst viel „wertvolle“ Informationen und „sinnvolle“ Ratschläge der Apps würden, so schlussfolgert das Gutachten, den NutzerInnen zu mehr selbstbewussten und selbstverantwortlichem Verhalten verhelfen, dass sich dann auch als förderlich für die Gesundheit auswirke.

geteilte Wissenschaft
Die wissenschaftliche Gemeinde ist geteilt: Einige meinen, das Zeug hier sei gefährlich, andere behaupten, das stimme nicht.

Andere Autoren betonen dagegen, dass die Marktüberschwemmung mit Apps die PatientInnen immer mehr verwirre („health app overload„). Manchmal würden sie durch die Apps auch bewusst in die Irre geführt zu werden, um sie dann um so besser kommerziell lenken zu können (van Velsen 2013).

Eine App-Anwendung, die tatsächlich einen Nutzen bringe, setze „ein hohes Maß an Selbsteinschätzung, Verantwortungsbewusstsein, Vernetzung und Qualitätsmanagement“ voraus. Aber es könne „nicht zwingend davon ausgegangen werden, dass all dies gegeben“ sei. (Gehring 2014)

Abseits der Regulation stellt sich nicht nur die Frage, was sinnvoll, hilfreich und nutzbringend ist, sondern es sind auch Qualitätsaspekte, Sicherheit, Datenschutz und Haftung zu beachten. Diese Aspekte werden in der täglichen Anwendungspraxis häufig ausgeblendet.

Qualitätseingeschränkte Software gefährdet die Patientensicherheit sowie den Datenschutz und die Datenspeicherung. Unerwünschte Nebenwirkungen sind beispielsweise irreguläre Werbungen und unerlaubtes Eindringen von außen. Gehring 2014

In einer Studie mit 470 TeilnehmerInnen wurde beobachtet, wie Fitness-Armbänder in einem Zeitraum über zwei Jahre zu Abhängigkeitsverhalten führten, aber gegenüber Erährungs- oder Bewegungsberatungen keine Vorteile boten. (Jakicic

Krankenkassen handeln trotzdem.

Versicherer verschwenden ungern ihre Energie darauf, eine neue Dynamik des Gesundheitsmarktes aufzuhalten. Lieber machen sie mit. So soll z.B. die TK daran denken, die Nutzung von Apps über ihr Bonusprogramm zu honorieren (Ärztezeitung 23.08.2016).

Das macht (aus Sicht der Institution) auch Sinn, weil es dem Versicherer nutzen wird: Junge, gesunde Smartphone-Besitzer/innen werden natürlich zu einer Kasse wechseln, die ihre Apps bezahlt, und sie werden die Versicherungen verlassen, die das nicht tun.

Aus einem ähnlichen Marketing-Grund erstattet die TK und einige andere Krankenkassen z.B. auch die Kosten für eine Impfung, die vor einer Erkrankung schützen soll, die in Deutschland nicht vorkommt. Unter Abwägung von Nutzen (Infektionsverhütung) und Risiken (Nebenwirkungen) machte diese Entscheidung zur Kostenübernahme natürlich keinen Sinn (BNI 2012), aber sie fördert das Image.

„Wir Krankenkassen schummeln ständig“, Jens Baas, Chef der TK am 10.10.2016

Bei den finanziellen Anreizen für App-Nutzung wird es ganz ähnlich sein: Sobald eine Versicherung (wie bei der genannten Reise-Impfung) im Markt vorprescht, werden die anderen Kassen schnell nachziehen, und so die ohnehin kräftige Marktdynamik nochmals entscheidend beschleunigen:

Das Problem (der überfüllten Notfallpraxen) fange (nach Joachim Szecsseny vom Ersatzkassenverband VdeK, September 2016) mit dem schwindenden Bewusstsein der Menschen zur eigenen Gesundheit an: „Wann muss ich überhaupt zum Arzt?“. Denn wo früher ein Hausmittel ausreichte, sei heute sofort die Klinik die erste Anlaufstelle.“

Erleichtern Apps die Orientierung im Dschungel des Gesundheitsmarktes?

Die Patientinn/en verlernen im zunehmend technisierten, fragmentierten und gesprächs-armen Markt der Gesundheitsdienstleistungen sich selbst wahrzunehmen. Und damit verändern sich auch die Empfindungen und Bewertungen von Raum, Zeit, Beziehungen, und auch für den eigenen Körper. (Golbeck 2016)

„Früher“ wurde z.B. eine schwangere Frau z.B. durch eine Hebamme in einem direkten Kontakt darin bestärkt, auf sich selbst zu hören. Sie sollte wahrnehmen, was ihr gut tut, und so normale Veränderungsprozesse begünstigen, und krankhaftes schneller erkennen konnte. Sie sollte nicht nur sich selbst besser spüren, sondern auch ihr Kind, um so zu ihm eine intensivere Beziehung aufbauen zu können.

„Heute“ dagegen könnten solche menschlich-kommunikativen Lern-Beziehungen in weiten Bereichen durch Algorithmen gesteuerte Technik ersetzt werden. Zum Beispiel könnte eine schwangere Frau, nachdem eine App die fruchtbaren Tage errechnet hatte und der digitale Schwangerschaftstest endlich den Erfolg der Kinderwunschtherapie anzeigt, neben den üblichen Kontrollterminen bei ihrem Arzt, auch noch eine Ultraschallflatrate abschließen für beliebig viele 3D-Bilder und Babyfernsehen. Bei Anpassungsstörungen oder Problemen könnte sie die  Schwangerschafts-App oder der Cyber-Doc befragen. Die Geburtsvorbereitungskurse könnten bequem zu Hause online erfolgen. Die Wehen-App würde dann irgendwann mitteilen, dass es losgeht. Im Krankenhaus würde die Schwangere bis zur Geburt ans Dauer-CTG angeschlossen, und dann wäre es an der Zeit, die Still- und dann die Wochenbett-App anzuschalten. Die Rückbildungs- und Beckenbodenkurse können wieder online erfolgen, und wenn das Baby schreien sollte, würde die „Einschlafwunder“-App. helfen oder die richtige Nahrungs-Abmischung durch den Brei-Kalkulator.

Im realen Leben definieren die digitalen Technologien, die der menschlichen Wahrnehmung neu

In real life … digital technologies are redefining the human experience. Golbeck J: Science, 12.08.2016    

Wozu sind Algorithmen gut und wozu nicht? 

Algorithmen sind Rechen-Programme, die sich hervorragend eignen, um riesige Datenmengen und Einzelinformationen zu sortieren. Beispiel: Gesundheits- oder Krankheits-bezogene Suchmaschinen.

Angesichts lebendig veränderlicher Zusammenhänge ist ein Einsatz von Algorithmen aber riskant. Denn sie müssen für ihre Rechen-Leistungen etwas Komplex-chaotisches in etwas Kompliziert-handhabbares verwandeln, also Lebend-unkalkulierbares in eine tote Ansammlungen von Einzelinformationen. Dabei muss das Wesentliche (u.a. die Beziehungen, Wechselwirkungen und die vielen schwachen Einflussfaktoren) ignoriert werden.

Deshalb sollten Algorithmus-gesteuerte Maschinen (z.B. ein Kreuzfahrtschiff) eigentlich auch von hochkompetenten Menschen kontrolliert werden, die die Programme bedienen und wenn nötig auch abschalten können. Denn angesichts der Unwägbarkeiten von Wind und Wellen könnte es fatal enden, sich nur auf einen „Autopiloten“ zu verlassen.

Menschen sind im Gegensatz zu anderen Tieren in der Lage, mit Algorithmen sinnvoll zu kommunizieren. Dazu müssen sie ihre innere und äußere Wahrnehmungsfähigkeit dämpfen und (mit der linken Großhirnrinde) in einfachen, trennenden Begriffen denken. In diesem Modus der Hirnaktivität können wir maximal sieben Einzelfaktoren gleichzeitig verarbeiten. D.h. im app-analogen Modus menschlicher Gehirnaktivität sind wir computer-gesteuerter Informationsverarbeitung, z.B. beim Durchforsten großer Datenansammlungen, hoffnungslos unterlegen.

Informationen, die (u.va. durch Apps und andere Algorithmen) auf Menschen einströmen, müssen zudem in einen Bezug gesetzt werden:

Warum geht mich das an?

Wenn die Informationen keinen unzweifelhaft-persönlichen Sinn ergeben, also keine eindeutige Sicherheitsgarantie geben oder keine eindeutige Gefahr beschreiben, entsteht ein Gefühl diffuser Unsicherheit: Die vielen unklaren Hinweise könnten „irgendetwas, irgendwie“ unangenehm Bedrohliches bedeuten.

Der Sinn von Suchmaschinen und Apps ist es aber, Informationen im Überfluss zu erzeugen. Sie werden also, wenn sie nicht auf klare, überlegte und gezielte Fragen antworten sollen, Verunsicherungen, Angst und Stress auslösen.

Damit die Verunsicherten und Nervösen dann anschließend wieder zu Sicherheit zurückfinden, werden sie in der Regel neue Dienstleistungen im Gesundheitsmarkt benötigen.

Folglich werden die Umsätze bei Pharma-Shopping, Doktor-Hopping und CRAP (consumer oriented alternative preparations), befördert durch Apps, weiter deutlich steigen.

Mehr

Algorithmen

Lebend oder tot?

Literatur

Intransparent-industrie-verbundene  „App-Bewertungsplattformen“

Artikel: Helmut Jäger