Geschickt oder gewandt?

Lebewesen müssen manchmal blitzschnell und präzise handeln: um Beute zu fangen oder einer Gefahr zu entkommen. Oft entscheiden Bruchteile von Sekunden über Leben und Tod. Die Reaktions-zeit muss kurz sein und genau zu dem Objekt oder der Aktion eines Feindes passen. Für dieses ziel-orientierte und zeit-optimierte Verhalten verwende ich im folgenden das Wort „geschickt“.

Menschen handeln dann „geschickt“ (ziel- und zeitoptimiert), wenn sie Kriege führen, die Natur beherrschen oder Ihren Profit maximieren. Oder Übel wie Krankheit, Gebrechen, Terrorismus, Arbeitslosigkeit „bekämpfen“. Geschicktes Handeln soll kurzfristig und wirksam Probleme lösen, und dabei die großen Zusammenhänge aus praktischen Gründen ausklammern. Und so wird sich auch die gemischte Raubtiergruppe verhalten, die sich auf „G20-Gipfel“ versammelt.

Tiere bewegen sich nur sehr selten „geschickt“.

Ihr Energieverbrauch wäre viel hoch, wenn sie ständig gegen irgendetwas ankämpfen würden. Deshalb sammeln sie entweder Kraft, in dem sie gerade nichts tun, oder sie bewegen sich „gewandt“.

Zum Beispiel, wenn sie weite Strecken im Meer, in der Luft oder auf dem Land zurücklegen. Ihre Bewegungen erfolgen dann möglichst widerstands- und mühelos. Sie sind optimal an das angepasst, was sie umgibt. Zeit spielt für sie dann keine Rolle, und es scheint ein konkretes Ziel zu fehlen. Ein äußerer Betrachter staunt über die Eleganz der Bewegung bei der es zwischen dem Lebenwesen und seiner Umgebung keinen Gegensatz zu geben scheint. Die Tiere wenden keine Energie auf um gegen etwas vorzugehen, sondern sie scheinen stattdessen, wie absichtslos, in eine Richtung hineingezogen zu werden, in der sich für sie (viel später) etwas Nutzbringend erweisen  könnte.

Viele Menschen können sehr gewandt handeln. Aber sie tun es immer seltener. Die Fähigkeit zu körperlicher Gewandtheit wird nur selten trainiert. Sinnvolles hat gegenüber ziel- und gewinnorientierten Handeln keinen hohen sozialen Stellenwert. Stattdessen wird, je stärker Probleme wachsen, die durch „geschicktes“ Problemlöseverhalten erzeugt wurden, desto hektischer wird gegen „was auch immer“ angekämpft. Solange bis ein Burn-out (individuell oder weltweit) unausweichlich ist.

Tiere die überwiegend „gewandt“ handeln, überleben in ihren jeweiligen Ökosystemen als angepasste Nützlinge. Andere, die nach dem Cholera-Prinzip unbegrenzt auf Kosten wachsen, sterben aus, manchmal, in dem sie auch ihren Wirt umbringen.

Das Prinzip der Geschicklichkeit

Um etwas, das im Weg steht beseitigen zu können, muss es aus dem Systemzusammenhang in dem es sich befindet herausgelöst werden. Es gibt z.B. einen Jäger auf einem Waldweg, und einen „Problem-Bären“ , der ihm den Weg nach Hause versperrt. Er wird ihn erschießen, und dann wird die die Situation wieder so gut sein wie sie war. Oder vielleicht sogar besser, weil es Fleisch und ein Fell geben wird.

Affen kennen nur solche unmittelbar vor ihnen auftauchenden Ärgernisse: Rivalen, die ihnen eine Banane oder Sex streitig machen. Wir Menschen dagegen trennen ein Geschehen in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Wir trauern einem gestrigen Glückszustand nach, erträumen uns eine ferne Vision, und verdrängen die lästige Gegenwart.

Charakteristisch für menschlich geschicktes Problemlöseverhalten ist es daher, „in Gedanken“ nicht mehr bei der Situation zu sein, wie sie ist, sondern schon dort wo sie sein sollte. folglich muss das Geschehen „ob es will oder nicht“ dort hin gezerrt werden wo es hingelangen soll.   Und das muss sehr zeit-effiziente und präzise erfolgen, Strategien, „gegen“, das was uns gerade stört. Je geschickter wir dabei wie ein Karateka „gegen etwas“ vorgehen, desto weniger Energieaufwand ist erforderlich und desto geringer bleiben die eigenen Verluste.

Der Vorteil geschickten Handelns ist es, das Probleme manchmal schnell verschwinden. Oft ist aber die Situation danach zwar anders aber nicht besser. Denn Problemlösungen bringen immer Nachteile mit sich, weil die Mittel, die ein Zweck heiligen sollte, in einem umgebenden System Nebenwirkungen auslösen müssen. Manchmal führen sie auch zu erheblichen  Kollateralschäden. Oder zu Abfallprodukten, die dann in einem größeren Zusammenhang ganz neue Probleme erzeugen.

gewandt
Gewandtheit (Bolivien 1997, Jäger)

Geschickt?

Das Prinzip der Gewandtheit

Gewandtheit gleicht Magie: Zwischen dem, was geschieht, und dem, der handelt, scheint es keinen Widerspruch zu geben.

Der Ton, die Töpferscheibe, die formenden Hände, die Elastizität der Körperverbindungen und der lächelnde Geist dieses Bolivianischen Bauern scheinen eins zu sein. Und aus dieser Verbundenheit und Beziehung erwächst etwas Einzigartiges.

Gerät ein Schiff in einen Orkan, steigen die Überlebenschancen der Passagiere, wenn der Kapitän in diesem Modus von Körper und Geist „gewandt“ handelt. Denn dann bliebe er ohne Ablenkung durch Gedanken im Prozess des Geschehens  und handelte in jeder Nanosekunde so, wie es die Situation erforderte.

Wenn Ihr in die Hände klatscht und zugleich einen Schrei ausstoßt, so läßt der Raum zwischen Klatschen und Schrei kein Eindringen von Haares­breite zu. Ihr klatscht nicht in die Hände und denkt dabei an einen Schrei und stoßt ihn dann aus — da würde es einen Zwischenraum geben. Ihr klatscht und schreit im selben Augenblick. Takuan Sōhō (1573-1645)

Ohne Lücke in einem Prozess zu bleiben (wie er auch immer gestaltet sein mag) kann in Notsituationen hocheffektiv sein, da die Reaktion auf eine auftauchendes Problem, das es abzuwehren oder zu blockieren gelte, viel zu viel Zeit und Energie verbrauchen würde. Daher handelt natürlich auch der Grizzly im oberen Bild eher gewandt (in einen Bewegungsfluss eingebunden) als geschickt (reflexartig-reagierend).

Gewandtes handeln ist geschickten Handeln jedoch in jedem Fall überlegen, wenn etwas nützliches oder wertvolles günstig beeinflusst werden soll: ein Lebewesen, ein Garten, ein Kunstobjekt, eine Bewegung, ein Spiel, ein Tanz, ein Arbeitsfluss. Gewandt verhalten sich dagegen manche Handwerker, Maler, Tänzer, Musiker, die ihre Fähigkeit zur Bewegung in die Gestaltung ihrer Kunst einfließen lassen. Dabei erleben sie in einen Fluss von Wohlgefühl, in der Verbundenheit mit der Dynamik ihres Umfeld oder der des Gegenstandes ihres Handelns. Wenn das geschieht verlieren sich bemerkt man nicht mehr, wie die zeit vergeht, und spürt keine Grenze mehr zwischen von  Erleben und Tun.

Der Stoffwechsel bei geschicktem und gewandtem Handeln

Im Zustand des Problemlösens werden alle Körperfunktionen aktiviert, die für Handlungen nötig sind, und die die verzichtbar erscheinen werden blockiert. Zielorientierte Anstrengungen erfordern deshalb Fitness, um durch Schnelligkeit und Kraft „gegen“ etwas wirksam zu werden. Dazu ist nicht der ganze Körper erforderlich, sondern bestimmte Einzelteile, vielleicht nur zwei Finger über der Computermaus. Der ganze Rest des Bewegungssystems kann eingefroren werden. Diese Starre führt dann zu Steifigkeit, Verspannungen, Schmerzen und schließlich zum Verschleiß.

Im Zustand der Gewandt bewegt sich der ganze Körper. Der Geist ist ruhig und lässt zu, dass etwas fließt ohne es im Detail zu steuern. Idealerweise tritt in der Bewegung ein ruhiger Rhythmus ein.  Dabei können alle Körperfunktionen voll aktiviert werden, aber sie werden zugleich effektiv und kraftvoll gedämpft. Das, was getan wird, wird als gut und sinnvoll empfunden, und macht vielleicht sogar Spaß. Für Beobachter erscheinen Bewegungen im Prozess (oder Flow) oft erstaunlich mühelos und elegant.

Carlo (Jäger 2016)

Wie bei einer Katze, die sich räkelt, sich anschleicht oder hinter einer Maus herspringt. Sie setzt alles, was sie ausmacht, gleichzeitig ein. Ihre Sehen, Muskeln und Nerven sind unmittelbar an dem beteiligt, was gerade geschieht. Selbst bei zielgenau-geschicktem Verhalten, dem Schlag mit einer Pfote, ist bei genauem Hinsehen, eine Bewegung der ganzen Katze und der Schwerkraft, die sie optimal nutzt.

Im Flow können Säugetiere oder Zugvögeln, ohne Stress, über lange Zeiträume zu neuen Revieren ziehen. Dabei halten sie den Energieverbrauch sehr gering, damit er in Notsituationen ungeschmälert zur Verfügung steht. Das geschieht bei größtmöglicher Stimmigkeit zwischen inneren und äußeren Kräften. D.h. ihre Bewegung passt genau zur Situation. Muskelanspannung, Nervenaktivität, Sehnenzüge, Belastbarkeit der Knochens, Stoffwechsel und Atemrhythmus sind ideal abgestimmt. Das Ziel im Flow ist: Jetzt.

Wie fühlt sich die Bewegung an?

Zielorientiert zu trainieren bedeutet Fitness zu steigern und etwas zu verbessern: am besten „schneller, höher, weiter“ kommen. Das führt zu Schäden. Bei „Gewandtheit“ wird (nach innen lauschend) versucht, innere und äußere Abläufe optimal aufeinander abzustimmen: ausgewogen, balanciert, mühelos. So werden Körper und Geist gleichzeitig trainiert. Die Aufmerksamkeit begleitet die Bewegung ruhig, und wohlwollend zuschauend. Bei Gewandtheit steuert das Bewusstsein nicht. Es mischt sich nicht ein. Stattdessen beobachtet es (möglichst hellwach), was der Körper da so „Unglaubliches“ zustande bringt (z.B. Klavier spielen). Alle Organe und Zellen werden bei gewandten Bewegungen auf einen optimalen Wirkungsgrad der Bewegung eingestimmt, durch Signale, die Aktivierung und Beruhigung zugleich vermitteln.

Die Effizienz des psychischen und körperlichen Trainings ist bei gewandten Bewegungen ideal aufeinander bezogen. Schäden an Knien, Wirbelsäule, anderen Gelenken, Muskeln oder Sehnen kommen deshalb bei gewandtem Verhalten nur selten vor. Weil sich das was getan wird gut und sinnvoll anfühlen muss.

Gewandtes statt geschicktes Verhalten in der Politik

Gorillas sind Tiere, die ohne jeden Zeitdruck äußerst gewandt handeln. Deshalb können sie (im Gegensatz zu Schimpansen) keine Kriege führen, und sind optimal in ihre Umwelt eingebunden. Und so leben sie angepasst und friedlich seit Jahrmillionen, aber sie haben keine Zivilisation hervorgebracht.

Wir dagegen machen uns spätestens seit 10.000 Jahren die Oberfläche unseres Planeten untertan, in dem wir immer neue Probleme lösen.  Dieses Verhalten hat uns die Hochkulturen gebracht, aber es wird, wenn sie so weiter handeln, unserem Ende als Spezies näherbringen. 

Also müsste u.a. auf dem G20-Gipfel verhandelt werden, wie wir grundlegend anderes handeln könnten, und wie wir, statt immer geschickter problemlösend zu wachsen,  uns gewandter an die Ökosysteme der Erde anpassen könnten. Wie wir also vom Krankheitserreger der Erde zum Nützling werden könnten.

Mehr

Wahnsinn: „Höher, steiler, schneller …“

Literatur zur Physiologie der Bewegung

  • Altenmüller E.: Hirnphysiologische Grundlagen des Übens. In: Mahlert U (Hrsg). Handbuch Üben. Breitkopf und Härtel, Wiesbaden 47-67 (2006)
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  • Porges SW: Reciprocal influences between body and brain in the perception and expression of affect: A polyvagal perspective. In: Fosha D et al: The healing power of emotions: Affective neuroscience, development, clinical practise. New York, W. W. Norton & Company 2009
  • TakuanSōhō: Brief an den Schwertkämpfer Yagyu Munenori, 17. Jhh.
  • Tiwald H: Von der Gewandtheit zur Geschicklichkeit (1983)
  • Peter Ralston: Effortless Power, 1989
  • Van Raalten TR et al.: Practice Induces Function-Specific Changes in Brain Activity, PLoS One, 2008, 3(10): e3270. doi:10.1371/journal.pone.0003270
  • von Kleist H: Über das Marionettentheater, 1810

Autor: Helmut Jäger