Hepatitis C ausrotten und gut verdienen?

Transforming Treatment of hepatitis C. Lancet 28.07.2018
Milliarden-Übernahme durch Gilead  (12 Mrd. US$) , Finanzen.net 28.08.2017

Die gute Nachricht: Hepatitis C Infektionen scheinen heilbar zu sein

Seit 2016 empfiehlt die Weltgesundheitsbehörde die Behandlung der Hepatitis C Infektion mit dem Mittel Sofosbuvir. Es hemmt effektiv ein Enzym, das bei der Vermehrung des Virus besonders wichtig ist (die so genannte NS5B-Polymerase)

Die Herstellerfirma verlangt dafür einen extrem hohen Preis, und

„.. die Öffentlichkeit bezahlt zweimal: für die Pharmaforschung und für den Kauf des Produktes. Die enormen Gewinne fließen an die Gilead-Aktienbesitzer.“ Roy BMJ 2016, 354:i3718

Einige Länder (wie Argentinen) versuchen daher gesetzliche Grundlagen zu schaffen, um das Medikament auch lokal legal herstellen und vertreiben zu können:

In Argentina INPI rejected a key patent on Sofosbuvir. 05.12.2017

Allerdings gründet sich die Vermutung, dass das neue Medikament heilend wirke, bisher nur auf Kurzzeit-Studien. Da kontrollierte Langzeitbeobachtungen fehlen, ist eine Beurteilung lebenslanger Auswirkungen auf Krebsentwicklung und Sterblichkeit z.Z. noch nicht möglich:

Direct-acting antivirals (DAA) may reduce the number of people with detectable virus in their blood, but we do not have sufficient evidence from randomised trials that enables us to understand how SVR (sustained virological response: eradication of hepatitis C virus from the blood) affects long-term clinical outcomes. SVR is still an outcome that needs proper validation in randomised clinical trials. Cochrane 18.09.2017

Von Hepatitis C besonders betroffen ist Ägypten.

Dort wurde mit Gilead Massen-Rabatte ausgehandelt. Und damit war der Grundstein gelegt, für ein besonders lukratives Geschäft (mit einer Katastrophe).

Tour’n Cure: Die profitable Ausrottung eines Problems, das es ohne die Medizin nicht gäbe.

Die schlechte Nachricht: Ohne Nadeln und Spritzen gäbe es keine Hepatitis C.

Etwa zwei bis drei Prozent der Weltbevölkerung  sind mit dem Hepatitis-C-Virus (HCV) infiziert. Von diesen 130-170 Mio. Menschen versterben daran jährlich 350.000. Betroffen sind meist die Bewohner von Entwicklungs- und Schwellenländern, aber auch in Deutschland werden mehr als eine halbe Million HCV-Infektionen registriert.

Die HC-Viren verursachen Leberentzündungen, die bei mehr als siebzig Prozent der Infizierten chronisch verlaufen. D.h. sie heilen nach einer Infektion nicht vollständig aus. Nach einem oder vielleicht zwei Jahrzehnten kann die geschädigte Leber dann versagen, oder es entsteht Krebs. Auch mit moderner Maximal-Medizin  sind die Überlebenschancen in solchen späten Krankheitsstadien gering.

Weil HC-Viren gegenüber Umwelteinflüssen sehr empfindlich sind, werden sie fast ausschließlich durch Blut- oder Blutprodukte oder unsaubere Spritzen übertragen. Im Gegensatz zu HIV und Hepatitis B sind HCV-Infektionen bei sexuellen Kontakten selten. Deshalb ist die die Häufigkeit von HCV-Erkrankungen ein guter Indikator für einen gefährlichen Umgang mit Nadeln, Spritzen und anderen medizinischen Instrumenten oder Produkten, die zu einem direkten Blutkontakt führen.

Denn Neuerkrankungen von HCV wurden mit großer Wahrscheinlichkeit in Gesundheitseinrichtungen erworben, oder durch intra-venösen Drogenkonsum.

Erkrankten helfen und Neuinfektionen verhindern 

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hatte 2016 angekündigt, dass sie nach den Pocken, Ebola, Malaria, Zika, Polio u.v.a. jetzt auch die Hepatitis-C „bekämpfen“, und möglichst bis 2030 ganz „ausrotten“ will (s.u. WHO 2017).

Eine reale Chance dafür erkennt die WHO in der Vermarktung des Medikamentes Sofosbuvir. Weil dieser Wirkstoff in klinischen Studien bis zu neunzig Prozent der betroffenen Patienten geheilt haben soll, wurde der Wirkstoff  von der WHO in die Liste der unentbehrlichen Arzneimittel aufgenommen.

Der Herstellerfirma Gilead eröffnet sich damit ein riesiger globaler Markt mit hohen Gewinnmargen (s.u. WIPO 2015): Eine Behandlung kostet in den USA 84.000 US$ und in den Niederlanden etwa 46.000€. Die Produktionskosten für eine Medikament-Anwendung werden dabei auf höchstens 140 US$ geschätzt. (‘t Hoen 2016)

Die meisten von Hepatitis C betroffen Menschen sind mittellos. Sie erfahren jetzt durch die Medien, dass ihr Leiden geheilt werden könnte, und zugleich, dass diese Lösung für sie unerreichbar zu sein scheint. Folglich werden sie die notwendigen Mittel aus humanitären Gründen einfordern und von ihren Staaten verlangen. Damit rechnet Gilead, und setzt sich international erfolgreich dafür ein, dass die Substanz nicht lizenzfrei (etwa 100 mal billiger) hergestellt und verkauft wird: So haben z.B. die indischen Behörden 2016 einen Lizenzvertrag mit Gilead abgeschlossen, der dem Konzern auch auf diesem Subkontinent gewaltige Gewinne garantieren wird. (‘t Hoen 2016)

Wenn große Gewinne winken, steigt Risiko für Arzneimittelfälschungen

In Indien ist die Forderung, die Produktion des Hepatitis C Medikamentes im „nationalen Interesse“ lizenzfrei zu erlauben, nicht nur aus juristischen Gründen riskant. Denn Indien ist der weltweit führende Hersteller von gefälschten Medikamenten, die genauso aussehen wie echte, aber im günstigsten Fall nichts, oder auch Gift enthalten. So sind etwa 35% der der Malariamittel auf dem afrikanischen Markt gefälscht oder unbrauchbar, und stammen dann meist aus Indien oder China (s.u. Link und Literatur zu Fake drugs).

In Ägypten winkt jetzt ein lukrativer und vor allem international nachgefragter Markt. Daher wird es nicht lange dauern, bis dort auch die ersten gefälschten Sofosbuvir-Präparate angeboten werden.

Die Geschichte der Hepatitis-C-Epidemie in Ägypten.

Die vermutlich folgenreichste Verseuchung mit Hepatitis C fand in Ägypten statt. Dort begann man vor über sechzig Jahren damit, die Pärchenegel-Wurmerkrankung (Schistosomiasis) zu bekämpfen. Diese Parasiten verursachen zahlreiche Gesundheitsstörungen im Bereich der Beckenorgane und in seltenen Fällen auch Krebs. Die Wurmlarven schwimmen in stehendem Wasser, das durch menschliche Ausscheidungen verunreinigt wurde. Sie warten dort auf Menschen, deren Haut sie durchbohren, um ins Blutsystem zu gelangen.

Die Häufigkeit dieser Pärchenegel-Infektion nahm rasant zu, als 1964 der schnell fließende Nil durch den Assuan-Staudamm gezähmt wurde. In relativ kurzer Zeit wurden zehn Prozent der ägyptischen Bevölkerung mit den Parasiten besiedelt. Das Gesundheitsministerium ließ daraufhin große Teile der Bevölkerung mit Injektionen behandeln, die Antimon-Kalium-Tartrat enthielten. Diese giftige Antimon-Verbindung, die damals für das einzig wirksame Mittel gegen die Würmer gehalten wurde, wird heute selbst in der Tiermedizin nicht mehr verwandt. Erst ab 1980 wurde sie, auch in Ägypten, langsam durch ein nebenwirkungs-ärmeres (aber relativ teures) Medikament ersetzt.

Einige Jahrzehnte nach dem Beginn der Kampagne fiel in Ägypten eine Epidemie von Hepatitis C auf, für die es zunächst keine Erklärung zu geben schien. Dann stellte sich aber heraus, dass die meisten der an Hepatitis C Erkrankten Anti-Wurm-Spritzen erhalten hatten.

Die Infizierten wurden natürlich auch wegen anderer Erkrankungen in Gesundheitseinrichtungen behandelt, wo dann das Virus an weitere Patienten übertragen wurde. Heute sind (nach unterschiedlichen Schätzungen) drei bis zehn Prozent der ägyptischen Bevölkerung mit Hepatitis C infiziert: Jährlich versterben etwa 40.000 Personen an der Infektion.

Weil viele PatientInnen infiziert sind, ist heute das Risiko für Hepatitis C Infektionen in ägyptischen Gesundheitseinrichtungen selbst bei optimalen, hygienischen Bedingen deutlich höher als in Ländern, in denen Hepatitis C bei Patienten relativ selten vorkommt. Mittel für moderne medikamentöse Behandlungen oder gar Leber-Transplantationen stehen in Ägypten nicht zur Verfügung. (Strickland 2006, WHO 2014)

Hepatitis C Epidemie in Industrieländern

Ägypten ist kein Einzelfall.

In England musste sich 2015 die Regierung für die Infektion von fast 3.000 Personen entschuldigen, die zwischen 1970 und 1990 infizierte Blut-Produkte erhalten hatten (Wise 2015).

In den USA wird heute von einer „verdeckten Epidemie“ gesprochen, weil vor einigen Jahrzehnten zeitweise 300.000 Menschen pro Jahr infiziert wurden, und diese jetzt nach und nach schwere Leberstörungen entwickeln werden. Bei deren Behandlung (in den USA und anderswo) besteht dann das Risiko, dass erneut Virus-Übertragungen stattfinden (Ward 2013, Warner 2015, CDC 2015, RKI 2015, Pozzetto 2014).

Spritzen und Blut-Produkte sind gefährlich, 

wenn man unsachgemäß mit ihnen umgeht, oder wenn sie eingesetzt werden, obwohl es nicht nötig wäre.

Deshalb wurde schon in der Anfangszeit des AIDS-Epidemie gefordert, auf vermeidbare therapeutische Hautverletzungen, Injektionen und Transfusion zu verzichten, und dort wo es wirklich nötig ist, für strikte Qualitätskontrollen zu sorgen (Jäger 1990-1992)

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Blutbank in Kinshasa (Kongo, 1990, Bild Jäger)

Die Lösung vergleichsweise harmloser Gesundheits-Problem kann, so zeigt die HCV-Verbreitung, zu deutlich größeren Problemen führen. Bei gedankenlosen Interventionen in komplexe Systeme „beißen die Dinge eben manchmal zurück“ (Tenner 1997, Dörner 2003).

Das Problem der HCV-Epidemie wurde durch das Gesundheitssystem verursacht, und durch seine Abfallprodukte, die in falsche Hände gelangen.

Insbesondere die weltweite Einführung von Einmalspritzen und -nadeln und ihre inflationäre Anwendung hatten zur Verbreitung von Viren wie HCV und anderen beigetragen, weil sie in unkontrollierten Einrichtungen „natürlich“ mehrmals benutzt werden (Jäger 1990-92).

Der WHO wird es allein durch Behandlungs-Strategien nicht gelingen, die Hepatitis-C auszurotten. Denn die WHO und die staatlichen Gesundheitseinrichtungen ärmerer Länder sind zurzeit nicht in der Lage, gefährlich-rein-kommerzielle Medizin zu verhindern, oder auch nur ansatzweise zu kontrollieren.

Sicher werden im Rahmen der WHO-Kampagne viele im Gesundheitswesens Unsummen einfordern und auch verdienen. Aber eine Senkung der Infektionszahlen wäre nur möglich, wenn es gelingt, „schlechte Medizin“ (s.u.) einzudämmen, und zugleich für frühe Hilfen für Kinder zu sorgen, damit diese nicht drogensüchtig werden.

Unnötige Medizin ist riskant und sollte unterbleiben.

Das gilt besonders für Reisende, die erwägen, sich im Ausland billig operieren, verschönern, botoxen, piercen oder tätowieren zu lassen (s.u. Medizintourismus).

Und es betrifft natürlich die Menschen, die in sozial schwachen Regionen leben. Sie müssten durch Bildung unterstützt werden, ihren Bedarf nach Produkten des Gesundheitsmarktes zu senken. U.a. indem sie lernen, „gute“ von „schlechter“ Medizin zu unterscheiden.

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Weitere Artikel

Literatur

Gefährliche Nadeln

Hepatitis C

Schlechte Medizin in ökonomisch schwachen Ländern (Beispiel „Fake drugs“):

Warum die Dinge zurückbeißen

Autor: Helmut Jäger