Das Homöopathie-Missverständnis 1/2

 Die Wirksamkeit der Homöopathie ist umstritten.

Pro:

„Es ist mir eine Freude, Sie anlässlich der 165. Jahrestagung des Deutschen Zentralvereins homöopathischer Ärztinnen und Ärzte … willkommen zu heißen.“ Prof. Dr. Eva Quante-Brandt, Senatorin f. Wissen., Gesundheit & Verbraucherschutz in Bremen.
„Should doctors recommend homeopathy?“ BMJ 2015: Yes! (Peter Fisher)

Kontra:

Wissenschaftliche Seriosität maximal verdünnt“ (SZ 12.11.2016)
Globulisierungs-Gegnerin“ (SZ 17.01.2017)
Von der medizinischen Avantgarde zum wissenschaftlichen Anachronismus“ (Informations-Netzwerk Homöopathie)
„Should doctors recommend homeopathy?“ BMJ 2015: No! (Edzard Ernst)

Hahnemann
Daguerreotypie von Samuel Hahnemann, 30.09.1841 in Paris (Wiki)

Wenn  so „Gegner“ und „Befürworter“ miteinander streiten, entsteht selten etwas  Neues.

Denn Überzeugungen, Ideologien, Glauben, Dogmen und Wahrheiten  sind fakten-resistent,  und können meist weder bewiesen noch widerlegt werden.

Selbst wenn sich Ärztinnen auf gemeinsame Kriterien verständigen können (wie bei der Initiative Mezis), erweist sich die Diskussion beim Thema Homöopathie als sehr zäh:

„… eigentlich ducke ich mich sehr schnell weg, wenn ich sehe das im Forum wieder mal dieses Thema ansteht. … Ob ein(e) Arzt/Ärztin allopathisch oder homöopathisch behandelt muss schlussendlich seine/ihre Entscheidung und die Entscheidung des wohl informierten Patienten sein … Die Unterscheidung zwischen Allopathie und Homöopathie ist dann unsinnig, wenn in der Medizin der geeignete Weg im Sinne des Patienten gesucht wird … Aus beiden Bereichen Allopathie und Homöopathie sind viele sinnvolle und unsinnige Therapieansätze bekannt. … “ Arzt im Mezis-Forum 2017

Manchmal kann man sich dann darauf verständigen, sich zu tolerieren. Aber voneinander zu lernen, scheint schwieriger zu sein. Dabei könnten die unterschiedlichen Sichtweisen (zumindest in Teilaspekten) dazu beitragen, neue Zusammenhänge zu verstehen. Es könnte spannend sein, zu erfahren, was unterschiedliche, aber gleichermaßen engagierte, empathische und kluge Menschen dazu bringt, scheinbar entgegengesetzte Standpunkte einzunehmen.

Vorschläge für einen fruchtbaren Diskurs:

1. Eine gemeinsame ethische Basis finden.

Man könnte sich vermutlich relativ einfach darauf verständigen, den PatientInnen

  • nutzen zu wollen und
  • ihnen nicht zu schaden.

Dann könnten dazu Kriterien vereinbart werden.

Und so könnte man sich dann von dem jeweiligen Unsinn (oder der Abzocke) im jeweiligen „eigenen Lager“ distanzieren: Von täuschender (Pseudo)-Placebologie, von fragwürdigen Individuellen Gesundheitsleistungen (IGeL), von Kommerz, Scharlatanerie oder CRAP (consumer receptiv alternative preparations).

Man müsste sich (wenn man „Gute Medizin“ als einen ethischen Grundsatz definiert hätte) nicht mehr gegenseitig Blödsinn vorhalten, wie:

  • Globuli gegen „grippale Infekte“ , „Malaria“ oder „Krebs„, oder
  • Pseudo-Placebo-Anwendungen (Antibiotika, Impfungen oder andere Pharmaprodukte, die in dem Zusammenhang, in dem sie verabreicht werden, wie inhalts-leere Placebos wirken, aber nebenwirkungsreich sind).

2. Sich nicht über spezifische Wirkungen streiten.

Evidenz basierte Medizin (EbM) ist ein sehr nützliches Werkzeug zur Untersuchung der spezifischen Wirkungen punktgenauer Interventionen. Wenn eine spezifische Intervention nicht eindeutig definiert ist, kann das Instrumentarium der EbM nichts finden. Und ebenso wenig beweisen, das nicht „sein könnte“, was mit diesem Werkzeug nicht gesehen werden kann.

Ob also mit der Homöopathie spezifische Wirkungen verbunden sind, oder nicht, lässt sich durch klassische epidemiologische Studien nicht klären (Colquhoun 2010, Shaw 2013, Shang 2005 und 2006). Und dabei kann man es auch belassen.

3. Sich prüfen, ob das, was jeweils getan wird, schadet.

Alles was wirkt, kann dosis-abhängig auch schaden. Spezifisch-punktgenaue Interventionen müssen per Definition mit spezifischen Nebenwirkungen verbunden sein. Acetylsalicylsäure z.B. wirkt gut gegen Schmerzen, aber ebenso auf das Gerinnungssystem, was bei einer Behandlung unerwünscht sein könnte.

Bei Krankheiten ist es unabhängig von der Art des therapeutischen Vorgehens nötig, dafür zu sorgen dass, das Risiko einer Verschlimm-„Besserung“ durch eine Behandlung so klein wie möglich bleibt.

4. Sich mit systemischen Wirkungen beschäftigen.

Systemische Wirkungen entstehen durch Kommunikationsprozesse. Zum Beispiel eine gute Arzt-Patient-Beziehung.

Empathie is ein mächtiges Heilmittel: “Empathy is one of the elements that facilitates treatment effectiveness, and a powerful one.” Decty 2015

Der vermutlich stärkste systemische Effekt, der Menschen lebenslang prägt, ist die Bindung zwischen Mutter und Kind im Zeitraum nach der Geburt (Faa 2014). Systemische Effekte können aber auch pharmakologisch ausgelöst werden, durch spezifische Moleküle, die lawinenartige Ereignisse triggern, zum Beispiel die Alarmierung des Immunsystems (Sreenivasulu 2015, Kandasamy 2016). Oder auch durch Schadstoffbelastungen (Calderón 2011).

Es ist unstrittig, dass Systemwirkungen bei allen medizinischen Behandlungen in unterschiedlicher Stärke auftreten: bei allen Interventionen der modernen Medizin und natürlich auch bei der Homöopathie. Ihre täuschende Anwendung (Placebo) widerspricht ärztlicher Ethik (Hróbjartsson 2010).

Eine transparente, offene und empathische Arzt-Patient-Beziehung kann dagegen Sicherheit vermitteln und Patientinn/en dabei unterstützen, „sich selbst zu heilen“. (Frost 2016)

Homöopathen und moderne Mediziner könnten also gleichermaßen damit beginnen, sich intensiver mit System-Biologie, Psycho-Neuro-Immunologie, mit der Physik komplexer Systeme oder mit den biologischen Grundlagen der Kommunikation (Embodiment, Enactment …) zu beschäftigen.

5. Den eigentlichen (150 Jahre alten) Widerspruch betrachten.

Das Gegenkonzept zur Homöopathie ist nicht das Werkzeug „Evidenz basierte Medizin“. Der eigentliche Gegner der Homöopathie war und ist das erfolgreichste Medizin-konzept des 19. Jahrhunderts, das den Gesundheitsmarkt bis heute beherrscht: die „Keim-Theorie der Krankheitsentstehung“ (Henle-Koch-Postulate). Sie begann ihren Siegeszug  mit der Entdeckung der Antibiotika, der Impfungen und schließlich der zytotoxischen Chemotherapie.

Die anderen von der Keim-Theorie verdrängten (ebenso intelligenten) Medizin-Konzepte des 19. Jahrhunderts von Virchow, von Pettenkofer und von Béchamp sind heute weitgehend vergessen.

Vor dem Hintergrund der Biologie des 21. Jahrhunderts sind aber sowohl Keim-Theorie wie Homöopathie gleichermaßen veraltet. Etwa so, wie es die Newton-Mechanik nach der Entwicklung der Physik der Quanten und der Relativität war. Beide müssten sich verändern oder entwickeln, wenn sie sich nicht irgendwann in ein Museum verbannt werden wollen.

Beide müssten Lebewesen als Ökosysteme (Superorganismen) wahrnehmen, die durch Wechselwirkungen zahlloser innerer und äußerer Bezügen dynamisch wachsen und immer wieder neu (aus sich heraus) entstehen. Die einfach-mechanischen Konzepte des 19. Jahrhunderts sind für das Verständnis dieser physikalisch-biologischen Zusammenhänge nicht geeignet.

 HomöopathieImpfungAkupunkturReiner WirkstoffPseudo-Plazebo
Spezifische Wirkungen-+(+)+-
Neben-Wirkungen (Sofort- oder Spättyp)-+(+)++
System Wirkungen+++++

Tabelle: Punktgenaue Eingriffe können spezifische Wirkungen auslösen (z.B. ein Narkosemittel). Die gleiche Intervention kann spezifische (meist unerwünschte) Nebenwirkungen verursachen (z.B. eine Stoffwechselstörung). Pseudo-Placebo enthalten spezifische Wirkstoffe, die in dem Zusammenhang, in dem sie eingesetzt werden, nicht spezifisch wirken können (z.B. Antibiotika-Gabe bei Schnupfen). Sie bergen typische Nebenwirkungsrisiken. System-Wirkungen entstehen aus der (günstigen oder ungünstigen) Beeinflussung eines Zusammenhangs (z.B. des Immunsystems). Sie können durch Zusatzstoffe ausgelöst werden, die eine Systemreaktion anregen (des Immunsystems z.B.) oder durch die Art der Kommunikation, in der eine Behandlung erfolgt (z.B. als unbewusster Lerneffekt im Rahmen von Konditionierung) 

Weiter

Homöopathie-Missverständnis 2/2. 13.07.2017

Mehr

Geschichte

Arzt-Patient-Beziehung

System-Wirkungen

Links

Literatur

  • Autret A.: Placebo and other psychological interactions in headache treatment J Headache Pain (2012) 13:191–198
  • BMJ „Head To Head: Should doctors recommend homeopathy?“ 7/2015, 351:h373
    • Yes! „Peter Fisher criticises the methods of a recent review that found no evidence to support homeopathy.“
    • No! „Edzard Ernst: inconclusive evidence, lack of rational explanation, and questions about safety.“
  • Calderón-Garcidueñas:  Exposure to severe urban air pollution influences cognitive outcomes, brain volume and systemic inflammation in clinically healthy children Brain and Cognition 2011, 77(3)345–55
  • Cook J: The Method Taken for Preserving the Health of the Crew of His Majesty’s Ship the Resolution during Her Late Voyage Round the World. By Captain James Cook, F. R. S. Addressed to Sir John Pringle,  Trans. R. Soc. Lond. 1776 66, 402-406
  • Colquhoun D: Secret remedies: 100 years on, BMJ 2010;340:c617, BMJ 2010;340:c598 , BMJ 2010;340:c640
  • Decty J et al.: Why empathy has a beneficial impact on others in medicine: unifying theories. Frontieres in Behavioral Neuroscience 2015, 8, article 457, 1-11
  • Faa: Fetal programming of the human brain: is there a link with insurgence of neurodegenerative disorders in adulthood? Curr Med Chem. 2014; 21(33):3854-76
  • Frost E et al: The brain’s reward circuity regulates immunity. Nature Medicine 2016, 22(8)835-837
  • Hahnemann, Heilung von der asiatischen Cholera und Schützung vor derselben, 1831
  • Hróbjartsson: Placebo interventions for all clinical conditions. Cochrane Database Syst Rev. 2010
  • Kandasamy: Non-specific immunological effects of selected routine childhood vaccinations: systematic review, BMJ Dec 2016; 355:i5225)
  • Kaptchuk TJ:Placebos without Deception: A Randomized Controlled Trial in Irritable Bowel Syndrome, PLoS, Dec. 2010, 5(2):e15591
  • Mathie RTet al.: Randomised controlled trials of homeopathy in humans: characterising the research journal literature for systematic review.  2013 Jan;102(1):3-24. doi: 10.1016/j.homp.2012.10.002.
  • Schneider Plazebo forte: Ways to maximise unspecific treatment effects, Medical Hypotheses 2012, 78:744-751
  • Shang A.: Are the clinical effects of homoeopathy placebo effects? Comparative study of placebo-controlled trials of homoeopathy and allopathy Original Research Article, The Lancet, Volume 366, Issue 9487, 27 August–2 September 2005, Pages 726-732
  • Shang A.: Are the clinical effects of homoeopathy placebo effects? – Authors‘ reply, The Lancet, Volume 366, Issue 9503, 17 December 2005–6 January 2006, Pages 2083-2085
  • Shaw 2013: Homeopaths Without Borders practice exploitation not humanitarianism, BMJ 2013;347:f5448347
  • Sreenivasulu: Stimulation of Toll-Like Receptors profoundly influences the titer of polyreactive antibodies in the circulation, Scientific Reports 5, Article number: 15066 (2015)
  • Taylor MA: Randomised controlled trial of homoeopathy versus placebo in perennial allergic rhinitis with overview of four trial series, BMJ 2000, 321 1926

Autor: Helmut Jäger