Das Homöopathie-Missverständnis 2/2

Medizin vor dem 19. Jahrhundert: unwirksam und riskant.

Es verschlimmert sich durch die Heilung (Aegrescit medendo).
Aeneis,Virgil (70–19 v.u.Z.)

Vor 300 Jahren war es gefährlich, bei ernsten Krankheiten nach einem Arzt zu rufen. Johann Sebastian Bach z.B. starb an den Folgen einer Augenoperation und sein Kollege Georg Friedrich Händel erblindete nach einem ähnlichen Eingriff.

James Lind 1747

Noch bis zum Ende des 19. Jahrhunderts waren die meisten medizinischen Standardtherapien zugleich unwirksam und nebenwirkungs-reich: Ader-lassen, Schröpfen, Kneifen, Darm-Reinigen, Erbrechen, Hungern, Dursten etc. Trotzdem hatten die Ärzte viel zu tun: Offenbar konnten sie ihren Patientinn/en die Illusion vermittelten, dass ihre gruseligen Quälereien, heilend wirken würden.

Die erste systematisch eingesetzte spezifisch-wirksame Behandlung (Sauerkraut-Diät gegen Skorbut) wurde von einem Kapitän eingeführt: James Cook 1776. Dass Zitronensaft Skorbut heilen konnte, war bereits in einem kontrollierten Experiment von einem Schiffsarzt (James Lind 1747) nachgewiesen und auch publiziert worden, wurde aber von der damaligen universitären Lehr-Medizin als Unsinn abgelehnt (Die Geschichte der Skorbut-Heilung).

Cholera: Geburtshelferin moderner Medizintheorien 

1830 wurde die Cholera aus Asien über Russland nach Europa eingeschleppt. Unbehandelt starben an der bis dahin unbekannten Infektion etwa 40% der Erkrankten. Die Ärzte behandelten die neue Krankheitserscheinung, indem sie ihre Opfer zur Ader ließen, und es ihnen verboten, zu trinken. Das machte im damaligen Glaubenssystem der Medizin durchaus Sinn und entsprach den wissenschaftlichen Empfehlungen universitärer Experten. Auch der hochgelobte Dr. John Snow, der in London eine Wasserpumpe als Quelle der Infektionen identifizieren konnte, lies seine Cholera-Patientinn/en noch zu Ader.

Von allen Infizierten, die so (leitlinien-gerecht) behandelt wurden, verstarb mehr als die Hälfte: also deutlich mehr, als wenn sie nicht therapiert worden wären.

Angesichts der Krankheits-Verschlimmerungen durch die scheinbar „spezifisch-wirkende“ Standardbehandlungen seiner Kollegen entwickelte der Arzt Samuel Hahnemann eine alternative Medizin-Theorie. Er war damals von einem spezifischen Effekt von Kampfer überzeugt, da etwas „Gleiches gleiches heilen“ sollte. Er verdünnte dann seine Wirk-Substanz Kampfer so weit, bis sie (nach heutigen Vorstellungen) verschwunden war. Als er dann sein neues Präparat anwandte, war er freudig überrascht, dass bei dieser Art „spezifischer“ Anwendung keinerlei Nebenwirkungen auftraten.

Kartoffeln
Typische System-Behandlung. Gesunderhaltend und krankheits-abweisend.

Die Rituale der Kampfer-Verdünnungs-Herstellung und deren Anwendung schienen tatsächlich zu wirken. Wahrscheinlich, weil er und seine Patienten im Glauben waren, dass ein Medikament, das pharmakologisch „Nichts Substanzielles“ enthielt, „hoch-spezifisch“ wirke. Und außerdem, weil seine Patienten („leitlinien-widrig“) so viel Wasser trinken durften, wie sie wollten, und auch nicht zur Ader gelassen wurden. Mit diesem Methoden-Mix konnte er in einer der ersten Arzneimittelstudien der Geschichte belegen, dass die Sterblichkeit seiner Patienten eindeutig sank. (Hahnemann 1831)

Zwar konnte Hahnemann damals nicht beweisen, dass es allein seine Kügelchen waren, die Cholera heilten. Aber seine mit Homöopathika behandelten Patienten hatten (belegbar) bessere Überlebenschancen als die, die nach damaligem medizinischem Standard verarztet wurden.

Die „Dame mit der Lampe (Florence Nightingale)“ ging damals noch einen Schritt weiter: sie lehnte alle ärztlich-zielgenauen Eingriffe ab und verstärkte die nicht-spezifisch wirkenden (System-)Effekte der Pflege und Betreuung: sehr zum Wohl ihrer Patientinn/en.

Zuerst nicht schaden?

Hahnemann belebte durch seine unendliche Verdünnung des spezifischen Effektes  einen (damals weitgehend vergessenen) medizinischen Grundsatz:

„Zuerst nicht schaden!“ (Primum nihil nocere).

Ein homöopathisch tätiger Arzt sorgte sich um seine Patienten, er nahm teil an ihrem Leiden, kommunizierte mit ihnen, untersuchte und berührte sie. D.h. er half ihnen, zu vertrauen und ermöglichte, dass sich die Natur selber helfen konnte. Mit dieser Strategie war er der Mehrheits-Medizin in Europa mindestens siebzig Jahre lang weit überlegen.

Die Geburt der Keim Theorie.

Mikroskopische Medizin

Der Main-Stream medizinischen Denkens entwickelte sich Ende des 19. Jahrhunderts aus einer anderen Glaubensrichtung, die unsere Behandlungskonzepte bis heute bestimmt. Nach der Keim Theorie (Germ Theory) entsteht Krankheit durch Angriffe äußerer Feinde. Diese könne man benennen, gezielt abwehren oder isolieren, punktgenau-spezifisch bekämpfen, vernichten und auslöschen.

Man erdachte sich eine Welt gesunder Menschen, die von mikroskopisch kleinen Feinden umgeben sind. Etwa so wie George W. Bush sich seine geliebte Nation vorstellte, die gegen die vielen Terroristen und Bösewichte verteidigt werden musste.

Diese kriegerische Medizin-Auffassung (u.a. von Robert Koch und Louis Pasteur) passte genau zum Denken der preußischen, englischen und französischen Offiziere. Die Armeeführungen waren daran interessiert „Seuchen zu bekämpfen“, damit die Erträge ihrer Plantagen nicht gefährdet wurden. Das Wohlergehen der von ihnen kolonialisierten Einheimischen lag ihnen nicht besonders am Herzen, und Kollateralschäden (oder Nebenwirkungen) nahmen sie bei Kriegen als selbstverständlich und unvermeidbar in Kauf.

Die anderen (mindestens ebenso intelligenten) Gesundheits-Konzepte des 19. Jahrhunderts hatten gegenüber den Kriegs-Modellen keine Lobby und gerieten rasch in Vergessenheit: wie die Sozial-Hygiene (Virchow), die Umwelt-Hygiene (Pettenkofer) oder die Salutogenese (Béchamp).

Das Aufblühen der Keim-Theorie im 20. Jahrhundert.

Mit der Einführung der Impfungen, der Antibiotika und der sterilen Chirurgie war es möglich geworden, Probleme spezifisch-genau zu beseitigen. Homöopathen bezeichneten diese zielgenauen Strategien als „allopathisch“, um sie von der Homöopathie abzugrenzen. Bei der Behandlung akuter und lebensbedrohlicher Erkrankungen war die Keim-Theorie der Homöopathie jetzt deutlich überlegen. Denn diese hatte ihren spezifischen Effekt ja auf unendlich verdünnt.

Allerdings wurde der Aufstieg der neuen Medizin durch Katastrophen begleitet.

Die rührten meist daher, dass spezifischen Interventionen in komplexe Zusammenhänge eingriffen. Und dieses mechanische Herumfummeln in lebend-eigendynamischen Zusammenhängen erzeugte immer wieder „völlig unerwartet und unvorhersehbar“ neue Probleme, von denen niemand zuvor etwas geahnt hatte.

Die Lieblings-Feinde „Homöopathie“ und „Keim-Theorie“ haben vieles gemeinsam.

Nicht-universitäre (eher systemisch wirkende) Medizin: Östliches und westliches gemixt.

Beide

Der Keimtheorie und der Homöopathie waren und sind die Systemtheorien der Quantenphysik des 20. Jahrhunderts gleichermaßen fremd.

Beide betonen die große Bedeutung punktgenauer „spezifischer“ Intervention, und beide können mit System-Effekten nichts anfangen.

Deshalb distanzieren sich die Vertreter beider Lehren gleichermaßen von „Plazebo“-Effekten, von denen sie die von ihnen angestrebten Wirkungen deutlich unterscheiden wollen. Denn, so behaupten sie gleichermaßen, ihre jeweilige Methode wirkten im Wesentlichen oder ausschließlich „spezifisch“.

Dieser „spezifische Effekt“ scheint beiden aus psychologischen Gründen wichtig zu sein. Möglicherweise, weil jemand, der mehrere Jahrzehnte mühsam und intensiv ein bestimmtes System (wie „intervenierende Medizin“ oder „Klassische Homöopathie“ o.ä.) erlernen musste, nicht mehr an der Sinnhaftigkeit seines jeweiligen Tuns zweifeln kann, ohne seinen ganzen Lebensweg hinterfragen zu müssen.

Studien können für die jeweiligen Expertinnen deshalb nur insofern wertvoll sein, um zu begründen und zu festigen, was sie ohnehin schon wissen. Die Resultate der Anwendung bestätigen deshalb auch in der Regel ihre jeweilige Theorie. Denn sollte das einmal nicht der Fall sein, wurde die Theorie sicher noch nicht perfekt genug angewendet. Und selbst wenn die Realität einmal scharf der Theorie zu widersprechen scheint, „dann ist es umso schlimmer für die Realität“. (Watzlawick)

Heilern, die so von der Richtigkeit ihres Tuns überzeugt sind, können durch quasi-religiöse Methoden-Sicherheit Vertrauen erwecken. Fehlte es ihnen an innerer Überzeugung, würden sie durch unbewusste Körpersignale den Patientinn/en signalisieren, dass es sich bei ihren Behandlungen um Scharlatanerie oder Kommerz handeln könnte.

Das Paradox spezifischer Interventionen zur Auslösung nicht-spezifischer Wirkungen.

Therapeutinn/en, die starke „systemische“ Wirkungsmechanismen auslösen wollen, z.B. durch eine Nosode oder eine Impfung, müssen intensiv von der „spezifischen“ Wirkung überzeugt sein. Es ist für Ihre Suggestion auf den Patienten wichtig, dass sie zu wissen glauben, dass der von ihnen applizierte Inhaltsstoff hochpräzise wirke und schütze. Scheinbar können sie nur so wirksam in die Hirn-Chemie ihrer Patientinnen einwirken, und Angst und Stressreaktionen dämpfen. (Autret 2012).

Wenn die spezifische Wirkung schwach ist, können die System-Effekt aber deutlich bedeutsamer sein, zum Beispiel bei:

Mit- oder Nebeneinander unterschiedlicher Therapiekonzepte?

Homöopathie darf dort, wo spezifische Effekte lebensrettend sein könnten, nicht angewendet werden: In der Intensivmedizin, der Syphilis-Behandlung oder bei einem Schwerverletzten.

Die Homöopathie schneidet aber dann gut ab, wenn sich sehr nebenwirkungs-reiche Interventionen bei genauer Überprüfung als unsinnig, überflüssig und gefährlich erweisen. Bei medizinischen Verschlimm-„Besserungen“ durch risikoreichen Medizin-Interventionen (durch Experten-Wahn oder Kommerz) ist es manchmal besser „nichts zu tun“, und dem Patienten pflegend und unterstützend beizustehen, als ihm oder ihr zusätzlich mit spezifische Nebenwirkungen zu schaden.

Sowohl in der Homöopathie, als auch in der modernen Medizin ist eine sprechende, kommunikative und beziehungsreiche Medizin besonders wirksam. Wenn Arzt-Patient-Gespräche mit hoher Kommunikationskompetenz vertrauensvoll und offen geführt werden können, wirken sie auch dann, wenn sie nicht mit der Anwendung spezifischer Effekte verbunden sind. (Kaptchuk 2010, Schneider 2012, Autret 2012).

Die Anhänger beider Medizin-Modelle des 19. Jahrhunderts könnten so entdecken, dass es jenseits spezifischer Interventionen Möglichkeiten eröffnen, die Heilungsprozesse eines Menschen insgesamt günstig zu beeinflussen. Allerdings nur dann, wenn es gelingt, sich von täuschender, „schlechter Medizin“ abzugrenzen. 

Medizin des 21. Jahrhunderts: System-Wirkungen verstehen und beeinflussen

Der für Menschen stärkste System-Effekt ist die Mutter-Kind-Bindung nach der Geburt. Deshalb sehnen sich Patientinn/en, die leiden und sich krank und hilflos fühlen, nach starken Beziehungen zu Menschen, denen sie vertrauen können. Und so hilft beziehungsreiche Medizin (auch ohne spezifisch wirksame Substanzen) dabei zu gesunden.

Wenn Ärztinn/en system-biologische Zusammenhänge verstehen, gehen sie mit spezifisch-wirksamen Interventionen zurückhaltender um. Und verhelfen Patientinn/en häufiger, aus sich heraus zu Wachstum und Entwicklung zurückzufinden.

Mehr

Geschichte

Arzt-Patient-Beziehung

System-Wirkungen

Links

Literatur

  • Autret A.: Placebo and other psychological interactions in headache treatment J Headache Pain (2012) 13:191–198
  • BMJ „Head To Head: Should doctors recommend homeopathy?“ 7/2015, 351:h373
    • Yes! „Peter Fisher criticises the methods of a recent review that found no evidence to support homeopathy.“
    • No! „Edzard Ernst: inconclusive evidence, lack of rational explanation, and questions about safety.“
  • Cook J: The Method Taken for Preserving the Health of the Crew of His Majesty’s Ship the Resolution during Her Late Voyage Round the World. By Captain James Cook, F. R. S. Addressed to Sir John Pringle,  Trans. R. Soc. Lond. 1776 66, 402-406
  • Colquhoun D: Secret remedies: 100 years on, BMJ 2010;340:c617, BMJ 2010;340:c598 , BMJ 2010;340:c640
  • Hahnemann, Heilung von der asiatischen Cholera und Schützung vor derselben, 1831
  • Kaptchuk TJ:Placebos without Deception: A Randomized Controlled Trial in Irritable Bowel Syndrome, PLoS, Dec. 2010, 5(2):e15591
  • Mathie RTet al.: Randomised controlled trials of homeopathy in humans: characterising the research journal literature for systematic review.  2013 Jan;102(1):3-24. doi: 10.1016/j.homp.2012.10.002.
  • Schneider Plazebo forte: Ways to maximise unspecific treatment effects, Medical Hypotheses 2012, 78:744-751
  • Shang A.: Are the clinical effects of homoeopathy placebo effects? Comparative study of placebo-controlled trials of homoeopathy and allopathy Original Research Article, The Lancet, Volume 366, Issue 9487, 27 August–2 September 2005, Pages 726-732
  • Shang A.: Are the clinical effects of homoeopathy placebo effects? – Authors‘ reply, The Lancet, Volume 366, Issue 9503, 17 December 2005–6 January 2006, Pages 2083-2085
  • Shaw 2013: Homeopaths Without Borders practice exploitation not humanitarianism, BMJ 2013;347:f5448347
  • Taylor MA: Randomised controlled trial of homoeopathy versus placebo in perennial allergic rhinitis with overview of four trial series, BMJ 2000, 321 1926

Autor: Helmut Jäger