Bin ich ein Impfmuffel?

Strafe für Impf-Muffel geplant! Bild 20.05.2017
Berliner Ärztekammer reichen die Pläne gegen Impf-Muffel nicht. RBB 26.05.2017
„Diese Doku (
Eingeimpft – Sieveking ) macht Forscher rasend“ Die Welt 13.09.2018
WHO erklärt Impfgegner zur globalen Bedrohung. Die Welt 20.01.2019


Menschen, die Impfungen kritisieren, und so das Vertrauen anderer untergraben, sollen laut Weltgesundheit-Organisation (WHO) eine ähnlich gefährliche globale Bedrohung darstellen wie Umweltverschmutzung, Ebola, oder die zunehmende Resistenz von Keimen gegen Antibiotika. Ist das so?

Sind „Impfgegner*innen“ eine globale Bedrohung?

Auch jemand wie ich, der sich gar nicht als als „Impf-Gegner“ sieht, aber Leitlinien manchmal kritisch hinterfragt?

Ich habe viele Gründe, Impfungen positiv gegenüber zu stehen: Mein (damals nicht geimpfter, sechzehnjähriger) Bruder starb 1960 an Kinderlähmung. Ich wurde als Kind gegen alles geimpft was damals möglich war, u.a. auch gegen Pocken und Tuberkulose. Zwanzig Jahre später führte das afrikanische Krankenhaus, in dem ich operierte, regelmäßig Impfkampagnen durch uva. gegen die Masern, die mit einer hohen Sterblichkeitsrate verbunden waren. Wieder ein Jahrzehnt danach wurde meine Tochter geboren und gegen alle wesentlichen Kinderkrankheiten geimpft, inkl. der heute in Deutschland nicht mehr üblichen BCG-Impfung. Auch die folgenden Kinder wurden voll geimpft, u.a. auch gegen seltene Erkrankungen wie Tollwut, da unsere Familie wieder nach Afrika zog. Auch heute impfe ich gelegentlich selbst, wenn es nötig ist: z.B. ein Neugeborenes, dessen Mutter das Hepatitis B Virus in sich trägt.

Bin ich (trotz dieser persönlichen Geschichte) Teil einer Verschwörung?

Immerhin denke ich.

Manchmal sogar kritisch gegenüber dem, was universitäre Religionen als ihre Wahrheit verkünden. Deshalb kann ich, nach einem langen Berufsleben, neugierig nachfragen:

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Verkauf der Illusion „maximaler Sicherheit“. Wirksam wäre sicheres Verhalten.

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Als praktisch tätiger Arzt, ohne immunologische Spezialkenntnisse, kann ich nicht beurteilen, wer bei Experten-Disputen, die in renommierten Publikationsorganen ausgetragen werden, „wirklich“ richtig liegt, oder „völlig“ falsch denkt. Folglich bleibe ich glaubens-schwach, aber interessiert. Mir erscheint die Welt nicht schwarz-weiß, sondern komplex, veränderlich und bunt. Und ich bin mir sicher unendlich vieles (oder besser: fast alles) nicht zu wissen.

Wissenschaftler*innen sind Fragen wichtiger als Antworten.

„Wissenschaftler streben aus Liebe zum Unbekannten

nach Ignoranz“ (Firestein 2013)

Rationales Zweifeln und kritisches Abwägen widersprüchlicher Fakten und Beziehungen öffnen neue Perspektiven. Und manchmal stürzen nach wissenschaftlicher Kritik alte Denkgebäude ein.

Bei Impf-Diskursen prallen Ideologien aufeinander.

Die einen glauben an die Wahrheit einer Leitlinie, und die anderen nicht. Wenn fundamentale Gegensätze mit einander kämpfen, taugen Fragen nur als Stichwortgeber, um Antworten zu formulieren, die Irrgläuigen erläutern, wie es richtig ist (Beispiel: RKI 22.04.2016  , GWUP 2018). Sachliche Diskussion in einem vergifteten Klima zu gestalten, erweist sich aber als schwierig (Beispiel: Review zu HPV-Impfung (2018) , Widerspruch , Antwort der Autoren , erneuter Widerspruch , Rechtfertigung der Editoren)

Wer kann, ohne epidemiologische Spezialausbildung, solchen Dialogen noch folgen? Das Wesentliche für ein Einverständnis der Betroffen wäre aber „Abwägen und Verstehen“, und nicht blindes „Vertrauen und Glauben“. Weil es so schwierig ist, sachlich abgewogene Information einfach darzustellen, fällt es den Ideolog*innen unterschiedlicher Richtungen viel leichter, sich gegenseitig zu diffamieren. (GWUP 02.01.2019)

„Ich schlage vor, dass wir die Mitte des 20. Jahrhunderts die Epoche der entmündigenden Expertenherrschaft nennen … Sie (die Experten) können aus eigener Rechtsvollkommenheit Bedürfnisse erzeugen, die zu befriedigen sie allein berechtigt sind.“ Ivan Illich 1974 

Die Masse medizinischer Publikationen (auch zu Impfungen) besteht aus interessen- und markt-gesteuertem „Mumpitz“ oder Wissenschaftsschrott. Nötig wäre zur Bewertung des Nutzens und der Risiken von Impfungen viel Personal und Finanzmittel für Institutionen, die unabhängig von Marketing-Interessen handeln können. Die sind jedoch hoffnungslos unterbesetzt, unterfinanziert und stecken in einer moralischen Krise. Das Herausfischen von Perlen klaren Wissens aus einem Meer an Fake, Nebel und Marketing-News, kann deshalb manchmal sehr mühsam sein.

Die Wahrheit anderer medizinischer Disziplinen klingt leiser

Medizinisch-handwerkliche Interventionen haben weniger mit Glauben oder Nicht-Glauben zu tun. Manchmal werden sie in Anspruch genommen, wenn es unverzichtbar zu sein scheint, Leben zu retten. Manchmal auch nicht, wenn man ein konservatives Vorgehen für günstiger hält. Denn es ist unstrittig, dass Chirurgie, wenn sie als gefährlicher Kommerz betrieben wird, Schaden anrichten kann. Deshalb muss Missbrauch verhindert werden. In der Chirurgie ist es folglich juristisch vorgeschrieben, Vor- und Nachteile eines Eingriffs abzuwägen, und die Aufklärung der Patienten schriftlich (!) zu dokumentieren. Andernfalls gelten chirurgische Eingriffe als Körperverletzung (§2.2 des Grundgesetz), und werden durch das Strafgesetzbuch verfolgt (StGB § 223 und § 224).

Bei Impfungen, die bei Gesunden durchgeführt werden, sind schriftliche Einverständniserklärungen nicht vorgeschrieben. Trotzdem muss bei ihnen das Vorsorgeprinzip („Zuerst nicht schaden“) noch sorgfältiger beachtet werden als bei chirurgischen Maßnahmen, die einen bedrohlichen Notzustand beseitigen sollen.

Impfungen liegen oft nicht nur im individuellen, sondern auch im gesellschaftlichen Interesse (STIKO). Diphtherie z.B. kommt in Deutschland nicht mehr vor. Das individuelle Risiko, diese Erkrankung zu erleiden, besteht (hier) nicht mehr. Also muss das Risiko des Eingriffs der Impfung, wie klein es auch immer sein mag, statistisch höher liegen als die Senkung des Krankheitsrisikos. Eine individuelle Risikoabwägung, wie in der Chirurgie, spräche also gegen den Eingriff – im Interesse der Bevölkerung muss jedoch geimpft werden.

Dieser nicht einfach zu verstehende Zusammenhang müsste Patient*innen in einer rationalen Impf-Aufklärung vermittelt werden. Die Betroffenen sollten sich (wie bei chirurgischen Eingriffen auch) eine eigene Meinung bilden und selbstbestimmte Entscheidungen treffen können.

Deshalb wäre es (gerade für Gesundheitsbehörden wie WHO oder RKI) wichtig Patient*innen darin zu bestärkt, skeptisch-rückhaltlos-zweifelnd zu fragen, wenn ihnen im Gesundheitsmarkt medizinische Interventionen angeboten werden. Statt Fragende als „Impf-Muffel“, „Verwirrte“ oder „Gegner“ zu titulieren, müsste man sie stattdessen ernst nehmen.

Zweifel sind oft berechtigt

Denn Medizin beruht nur zum Teil auf wissenschaftlichem Denken. Sie ist zugleich Kunst, Schamanismus, Religion, Lehrmeinung, Glaube, Interesse, Illusion, Beziehung, Dienstleistung. Und natürlich auch ein lukratives Geschäft (Unschuld 2011).

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Literatur

  • Unschuld P: „Ware Gesundheit“, P. Unschuld Beck, 2011

Autor: Helmut Jäger