Impf-Muffel?

Strafe für Impf-Muffel geplant! Bild 20.05.2017
Berliner Ärztekammer reichen die Pläne gegen Impf-Muffel nicht. RBB 26.05.2017
Mehr Druck auf Impf-Muffel. SVZ 26.05.2017

Phil Mag
Leserbriefe: Philosophie Magazin 4/2017

Das Philosophie-Magazin lobte im März 2017 die „befreiende Tugend“ des Zweifels. Zugleich aber mahnte Professor Hübl, man solle angesichts von Fake News nicht an allen Wahrheiten zweifeln, insbesondere nicht am Sinn des Impfens. Sein Plädoyer im Philosophie-Magazin für ein Ende des Impf-Zweifels schloss er mit einem religiösen Statement: „Impf-Skepsis gehört ohne Zweifel …“ (zum  Irrsinn der Verschwörungstheorien) „… dazu“.

Damit hatte er „Richtig und Falsch“ klar getrennt. Das beruhigt. Jedenfalls solange die Wahrheits-Gegner erfolgreich bekämpft werden können. Dann wissen die Konsumenten, dass sie ihren Experten vertrauen können, und dass sie sich von den Ideen fehlgeleitet Verbohrter fernhalten müssen. So werden sie nicht verwirrt.

„Ich schlage vor, dass wir die Mitte des 20. Jahrhunderts die Epoche der entmündigenden Expertenherrschaft nennen … Sie (die Experten) können aus eigener Rechtsvollkommenheit Bedürfnisse erzeugen, die zu befriedigen sie allein berechtigt sind.“ Ivan Illich 1974 

Warum klingt die Wahrheit anderer medizinischer Disziplinen deutlich leiser?

Zum Beispiel in der Chirurgie? Handwerkliche medizinische Interventionen haben dort offenbar deutlich weniger mit Glauben und Nicht-Glauben zu tun. Manchmal werden sie in Anspruch genommen, wenn es unverzichtbar zu sein scheint, Leben zu retten. Und manchmal auch nicht, wenn man konservative Maßnahmen für günstiger hält. Es ist unstrittig, dass Chirurgie als gefährlicher Kommerz auch Schaden anrichten kann. Deshalb muss Missbrauch verhindert werden. In der Chirurgie ist es folglich juristisch vorgeschrieben, Vor- und Nachteile eines Eingriffs abzuwägen, und die Aufklärung der Patienten schriftlich (!) zu dokumentieren. Andernfalls gelten chirurgische Eingriffe als Körperverletzung (§2.2 des Grundgesetz), und werden durch das Strafgesetzbuch verfolgt (StGB § 223 und § 224).

Impfungen liegen dagegen nicht nur im dem individuellen, sondern auch im gesellschaftlichen Interesse: Sie werden von den obersten Gesundheitsbehörden bei gesunden Personen empfohlen (STIKO). Diphtherie z.B. kommt in Deutschland nicht mehr vor. Das individuelle Risiko, diese Erkrankung zu erleiden, besteht (hier) nicht mehr. Also muss das Risiko des Eingriffs der Impfung, wie klein es auch immer sein mag, statistisch höher liegen als die Senkung des Krankheitsrisikos. Eine individuelle Risikoabwägung, wie in der Chirurgie, spräche also gegen den Eingriff. Im Bevölkerungsinteresse muss jedoch dennoch geimpft werden.

Deshalb ist eine persönliche Impf-Aufklärung formal zwar erforderlich, sie muss aber nicht (wie in der Chirurgie) schriftlich dokumentiert werden. Bei der anerkannten Verursachung eines Schadens durch eine behördlich empfohlene Impfung, haben die Betroffenen in Deutschland dennoch ein Recht auf eine Entschädigung (IfSG, PEI)

Die Herkunft des Wortes Impfen (pfropfen oder veredeln aus mhd.  impfeten) verweist darauf, dass etwas Gesundes in seiner Kompetenz, mit den Widrigkeiten des Lebens klarzukommen, gestärkt werden soll. Impfungen lösen also keine schon eingetretenen Probleme.

Daher müsste bei ihnen das Vorsorgeprinzip („Zuerst nicht schaden“) eigentlich noch sorgfältiger beachtet werden, als bei chirurgischen Maßnahmen, die ein schmerzhaften, bedrohlichen Notzustand beseitigen sollen.

Die Theorie des Impfens stammt aus dem 19. Jahrhundert

Sie ist sehr einfach nachvollziehbar: Ein genau bestimmbarer Feind kann durch die Erzeugung einer genau für ihn tödlichen Waffe wirksam abwehrt werden. Die körperlichen Zusammenhänge, in denen Impfungen wirken sind aber hoch-komplex, und können von den Betroffenen in der Regel nicht verstanden werden, schon gar nicht von Kindern oder Minderjährigen. Folglich müssen die Nutznießer der Impfung, oder die für sie verantwortlichen Erwachsenen, daran glauben, dass etwas wissenschaftlich überprüft sei, und darauf hoffen, dass der Eingriff ihnen (oder der Gesellschaft) nutze. Und wer fest glaubt, möchte nicht zu viele Details zu erfahren. Zum Beispiel hinsichtlich der

Testverfahren von Impfstoffen.

Sie werden in der Regel erstmals in Entwicklungsländern bei Menschen angewandt und dann weltweit in sehr breiter Form eingesetzt. Systematische Langzeitbeobachtungen mit nicht-geimpften Kontrollgruppen fehlen meist ab der Markteinführung. Die Zulassungsstudien der Schweinegrippeimpfung 2009 beruhten auf 721 und 2768 Erwachsenen. Geimpft wurden unmittelbar anschließend über 61 Millionen Personen, inklusive Kinder (Halabi 2017). Das Nebenwirkungsrisiko für Narkolepsie (1:15.000) war erst durch eher zufällige Meldungen von Betroffenen aufgefallen. Viele Impfungen, wie die gegen Masern, wurden aus ethischer Begründung nie gegen Placebo („reines Nichts“) getestet, bei anderen (wie bei denen gegen HPV) enthielt die Kontrollgruppe die gleiche Menge an Zusatzstoffen, die für die Nebenwirkungen der Impfungen verantwortlich sind.

Vor diesem Hintergrund wurde in der amerikanischen Ärztezeitschrift die Einrichtung eines global einheitlichen Entschädigungsprogramms für Impf-Schäden gefordert. Besonders, weil im Süden der USA eine neue, bisher nicht ausreichend getestete Massenimpfung gegen das Zika-Virus durchgeführt werden soll (Halabi 2017). Der Artikel beginnt, wie alle, die auch impf-kritisch ausgelegt werden könnten, mit einem generellen Lob der Impfungen, denn andernfalls wäre er kaum publiziert worden. In der folgenden Diskussion in der gleichen Zeitschrift wird daraufhin gewiesen, dass bei den Tests neuer Impfstoffe die Risiken häufig nicht abschätzbar sind, und im Falle von Schäden deshalb die Firmen (und nicht der Staat haften müssten), und ferner selbst bei sehr kleinen Eingriffen in komplexe Systeme (im Wirkgefüge mit anderen Gegebenheiten und Einflussfaktoren) unerwartete Ereignisse folgen können (Mastroianni 2007). In solchen Fällen sind juristisch eindeutige Ursache-Wirkungs-Beziehungen meist nicht eindeutig belegbar, aber natürlich auch nicht sicher auszuschließen. In Spanien wurde aus diesen Gründen ein Entschädigungssystem für Betroffene von Impfnebenwirkungen abgelehnt:

„Während in Frankreich die Geschädigten nach der H1N1 Impfung (Schweinegrippe 2009) entschädigt werden … polarisiert die defensive Reaktion unserer Regierung die Krise im Umgang mit Impfstoffen in Spanien, die sich an Sicherheit, Qualität oder Wirksamkeit orientieren sollten, und hinsichtlich des Vertrauens der Öffentlichkeit, psychologische, soziale und politische Faktoren einbeziehen sollten.“  frei übersetzt, Tuells 2014.

In der Zeitschrift „Die Skeptiker“ wird behauptet, „Angst vor Impfungen“ sei ein „Kurzschluss des Verstandes“.

Gefühle, wie u.a. Angst, sind Einstellungen des Mittelhirns, auf deren Grundlage der Verstand des Großhirns Zusammenhänge betrachtet oder Einzeldinge analysiert. Angst ist ein besonders interessantes Gefühl, weil es (in Sicherheit und mit etwas Selbstvertrauen) in andere Gefühle wie Überraschung, Neugier und Forschungsdrang verwandelt werden kann.

Schweinegrippe
Vermarktungs-Kampagne 2009

Gelingt das nicht, wird das Stammhirn aktiviert, und das versteht nur noch drei Worte: panisch angreifen oder fliehen oder zusammenbrechen. Solche „Kurzschlüsse des Verstandes“ auszulösen, ist ein bewährtes Mittel des Marketing medizinischer Produkte: Man erzeugt Ängste, die in Panik abgleiten können und nimmt sie dann wieder durch ein Produkt, das so in Massen verkauft wird.

Den (dogmatischen) Skeptikern“, ihrer anonymen Kampfplattform Psiram und dem Philosophen Hübl scheint die „Impf-Skepsis“ (also ein nur schwacher Glaube an Expertenmeinungen) den Erkenntnissen moderner Forschung zu widersprechen. Allerdings ist Wissenschaft viel mehr als eine Hoffnung, dass man den aktuell dominierenden Lehrmeinungen vertrauen könne.

Vielmehr gründet sich wissenschaftliches Denken auf kritisches Hinter-Fragen,

… selbst dann, wenn ein Erklärungsmodell eigentlich keinen Zweifel mehr zuzulassen scheint.

So war es z.B. bei der Physik des 19. Jahrhunderts, die damals auf der durch viele Prüfungen belegten Newton‘schen Mechanik beruhte. Der folgende Fortschritte der Wissenschaft zu anfangs verlachter „Relativität und Quanten-Spuk“ entstand nur dadurch, dass ein bisher erfolgreiches Erklärungsmodell kippte. Selbst heute wird das bisher vielleicht am intensivsten untersuchte Gedankenmodell der Quantenphysik, von Physikern, immer wieder aufs Neue hinterfragt, weil seine Vorhersagen nicht alle Aspekte der Realität widerspruchsfrei abbilden. Physiker sind sich deshalb darin einig, dass ihre Wissenschaft von klugen Fragen lebt. Sie  „streben aus Liebe zum Unbekannten nach Ignoranz“ (Firestein 2013)

Warum sind Fragen in der Medizin dagegen oft verdächtig?

Im Gesundheitsbereich ist die Wahrheit der Leitlinien bedeutsamer als kritische Neugier. Selbst nach und nach eintreffende Analysen lang zurückliegenden Fehlern finden kaum noch ein Medienecho, wie u.a. dieser Bericht zur Pandemrix®-2009-Impfkampagne aus Schweden:

“ … This increased risk corresponds to about 150 new cases (of Diabetes 1) caused by Pandemrix® in the most vulnerable age group 10–19 years in Sweden.  For narcolepsy cases, the state indemnity has been currently settled. Young persons (10–19 years) in whom type 1 diabetes was diagnosed up to 2 years after receiving the Pandemrix vaccine should now be able to get indemnity from the state by referring to this Letter to the Editor containing new authority data, previously unknown to the public“.  Anderson 2017

Medizin beruht eben nur zum Teil auf wissenschaftlichem Denken. Sie ist zugleich Kunst, Schamanismus, Religion, Lehrmeinung, Glaube, Interesse, Illusion, Beziehung, Dienstleistung und natürlich auch ein lukratives Geschäft (Unschuld 2011).

Deshalb wäre es (eigentlich) umso nötiger, unabhängig, ideologiefrei und skeptisch-rückhaltlos-zweifelnd zu fragen, ob eine medizinische Intervention sinnvoll sei.

Das ist nicht einfach, z.B. wenn

Warum beschäftige ich mich mit diesen Zusammenhängen?

Mein (nicht geimpfter) Bruder verstarb 1960 an Polio. In Afrika habe ich vielfach erfahren, wie Impfungen Kindersterblichkeit senken können. Meine Kinder sind gegen alle wesentlichen Kinderkrankheiten geimpft. Und ich selbst impfe, wenn es nötig ist: z.B. nach einer Geburt wegen einer drohenden Hep. B Infektion.

Folglich empfinde ich mich weder als „impf-ängstlichen Impf-Gegner“ noch als „impf-müden Impf-Muffel“. Aber ich begleite die zunehmend dynamischere Vermarktung immer neuer  Impfungen sehr wach, kritisch und mit Sorge.

Unter anderem hinterfrage ich die Sinnhaftigkeit von Impfungen in der Schwangerschaft, und befragte dazu die zuständige Aufsichtsbehörde. Und ich gebe auch zu, als Skeptiker ketzerische Schriften von Minderheiten-Wissenschaftlern zu lesen, die zu anderen Schlussfolgerungen kommen, als ihre Experten-Kollegen der großen Gesundheitsbehörden (Karduc 2016, Shaw 2014, Shoenfeld 2015).

Als Nicht-Immunologe kann ich natürlich nicht beurteilen, was in diesen Zusammenhängen „wirklich“ richtig und falsch ist. Folglich bin ich glaubensschwach, aber neugierig. Meine Welt ist nicht schwarz-weiß, sondern komplex, veränderlich und bunt. Nur eines erscheint mir sicher zu sein: dass ich unendlich vieles nicht weiß.

Lieber Herr Jäger, … Sie haben Recht. In der Diskussion wird üblicherweise zwischen Impfkritikern und Impfgegner unterschieden. Mein Artikel zielt auf die radikalen Impfgegner ab und setzt sich nicht mit rationalen Impfkritikern auseinander. …  Natürlich kann man rational zwischen den möglichen negativen Folgen des Impfens (Fieber, Schmerzen, Tod etc.) und den möglichen Folgen des Nicht-Impfens (Infektionen, Lähmung, Hirnhautentzündung, Tod) abwägen. Das muss man dann sicher, wie Sie schreiben, in jedem Einzelfall gut begründet tun. Dass nicht jede erdenkbar Impfung sinnvoll und nicht jedes Unterlassen einer Impfung schädlich ist, versteht sich von selbst. Auch, dass die Gelder vernünftig eingesetzt werden sollten, wie Sie im letzten Punkt beschreiben. … Mir ging es in dem Artikel … um radikale Impfgegner: Die sind meistens gebildet genug, um sich zu trauen, dem Rat der Ärzte zu widersprechen, aber nicht wissenschaftstheoretisch und fachwissenschaftlich geschult genug, um vernünftig zu entscheiden. Philipp Hübl, Mai 2017

Mehr

Literatur

Autor: Helmut Jäger

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Spamschutz! Bitte tragen Sie die fehlende Zahl ein: *** Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.