Die Lust des Jonglierens

„Jeder ist ein Genie! …
Wenn mich etwas von anderen unterscheidet,
dann vielleicht, dass ich länger
bei den Schwierigkeiten stehengeblieben bin.“ Einstein

Wenn die Farben herumsausender Kugeln durcheinanderwirbeln juchzen Kinder, bis die Bälle dann auf die plumpsen.

Es macht ihnen (meist nur kurze Zeit) Spaß, bis wichtigeres entdecken und es wieder verlernen. Es sei denn, sie werden gegen den Rat ihrer entsetzten Eltern Akrobaten, Clowns oder andere brotlose Künstler. Warum auch sollte ein vernünftig-erwachsener Mensch jonglieren? Es scheint absolut nutzlos zu sein. Und das Erlernen erfordert viel Mühe. Und es bringt weder etwas ein, noch erschafft es etwas und kostet zusätzlich eine Unmenge an Zeit.

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Witzenhausen 2013

Jonglieren: den Unterschied zwischen Wissen und Verstehen spüren.

Zum Jonglieren gehören Bälle, ein Platz zum Stehen und ein Mensch, der die Bälle werfen kann. Kein Tier jongliert, denn ohne Hand geht es nicht. Dieses Wissen allein nutzt aber nicht viel, wenn man jonglieren will. Selbst wer alle Prinzipien kennt (Schwer- und Fliehkraft, Rhythmus, tastende Hände, peripheres Sehen, entspannte Aufrichtung u.v.a.) kann es noch nicht. Um zu verstehen, was Jonglieren ist, hilft es nichts: Man muss es tun.

Die Anleitungen eines Heftchens oder eines Youtube-Videos oder eines Jongleurs müssen in einen persönlichen Bezug gebracht werden. Dazu gehören Ausprobieren, Fehler machen, aus Misserfolgen lernen, Dranbleiben. Ganz allmählich, und manchmal sehr langsam, bilden sich dann neue Verbindungen, Schwingungen und Verknüpfungen zwischen zahlreichen Hirnstrukturen aus. Die Bewegungen werden weniger hektisch, lässiger, und je effektiver geworfen und gefangen wird, desto mehr können Muskeln, Gelenke und Sehnenfasern sich dabei entspannen. Irgendwann schließlich fliegen die Bälle wie von selbst. Und das „Ich“ steuert nichts mehr, sondern beobachtet nur und staunt, was die Hände (das „Körper-Ich“) da faszinierendes zustande bringen. Dann erst entsteht das Gefühl, endlich zu verstehen, was Jonglieren ist.

Jonglieren befreit

Zum Beispiel (bei Rechtshändern) die linke Hand, und die sie steuernde rechte Gehirnhälfte. Rechtshänder benötigen die linke Hirnhälfte und ihre rechte Hand um ein Objekt zu ergreifen, es zu beherrschen und ihm einen Willen aufzuzwingen. Die linke Hand kann dagegen meist besser tasten und fühlen, und die dazugehörige rechte Hirnhälfte erkennt besser die Zusammenhänge und Beziehungen, die Dynamik und die Rhythmen.

Damit trainiert das Jonglieren Fähigkeiten, die Kleinkindern perfekt beherrschen, und die manchmal im Laufe des Erwachsenwerdens verloren gehen. Es hilft dabei, merkwürdige und ineffiziente Bewegungs- und Haltungsmuster wieder zu verlernen. Fehlhaltungen und Verkrampfungen werden bewusst. Sie sind im Laufe des Lebens vielleicht aus guten Gründen entstanden, aber jetzt reichlich sperrig und hinderlich sind.

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Bunte Kugeln, Rotenburg 2013

Wie nebenbei hilft das Jonglieren das spielende Kind im erwachsenen Selbst wieder zu entdecken und es freizulassen.

Jonglieren spricht unterschiedliche Körperregionen an:

Beide Großhirnhälften.

Hier werden neu erlernte Bewegungsprogramme gespeichert, die automatisch und unbewusst, über die so genannte Pyramidenbahn zu den Bewegungszellen rauschen. Jonglieren stärkt insbesondere die motorisch schwächere Hirnhälfte und sorgt für eine Balance zwischen den rechten und linken motorischen Programmen.

Das Mittelhirn

Hier wird die unmittelbare Wahrnehmung, das beobachtende Bewusstsein, das Fühlen, der Rhythmus trainiert.

Das Reptilien- oder Stammhirn.

Hier werden die schnellen Bewegungsreflexe gesteuert, und die Herz-, Atem- und Immunreaktionen beruhigt. Jonglieren fördert das Zusammenspiel von Stressdämpfung und die spielerischer Handlungsaktivierung, dh. es führt zur Harmonisierung von Vagusnerv- und Sympathikus-reaktionen.

Das Kleinhirn.

Hier erfolgt die Bewegungskoordination in einem optimalen Bewegungsrhythmus. Kleinhirnfunktionen sind mit allen Bewegungen abgestimmt und gestalten sie im Flow „rund“ und anmutig.

Die Halswirbelsäule.

Sie ist entscheidend für die Aufrichtung des Schultergürtels und der übrigen Wirbelsäule. Methoden, die die Aufrichtung verbessern (insb. Alexandertechnik), sind daher optimal, um Jonglieren zu erlernen. Besonders die Hände, die Arme und der Schultergürtel bewegen sich leichter, freier und müheloser.

Die Hüftgelenke und die Verbindung in die Füsse.

Wenn die Füße das ganze Körpergewicht aufnehmen, die Wirbelsäule sich spannungsfrei aufrichtet und die Knie zu den Zehen ausgerichtet über den Fußmittelpunkten stehen, können die Hüftgelenke frei drehen. Dann bildet die Körpermitte das Zentrum der Beweglichkeit des ganzen Körpers. Jonglieren sorgt für ein unbewusstes Hineinrutschen in eine aufrechte Bewegungsstruktur.

Sehen ohne zu sehen.

Jonglieren schult die Raumwahrnehmung. Das Wissen, wo etwas ist, ohne es zu sehen oder zu hören. Der Fokus des zentralen Sehens huscht nur bei Anfängern hinter den Bällen her. Später ruht er immer öfter und schließlich wie von selbst an einem Punkt in der Ferne, an dem die Aufmerksamkeit nicht sonderlich interessiert ist. Stattdessen gibt das Gehirn den Randzonen des Blickfeldes mehr Bedeutung. Damit entsteht eine ganz neue Qualität der Wahrnehmung: unscharfes peripheres Sehen, das mit der Fühlinformation des Körpers und der Händen klare dynamische Bilder entstehen lässt.

Ist die Anfangsfrustration überwunden, stellt sich beim Jonglieren (selbst bei nur einem oder zwei Bällen) ein Gefühl der Leichtigkeit ein, ein angenehmer fließender Bewegungsfluss, bei dem sich das Bewusstsein für Zeit und Alltagssorgen verlieren. Die motorischen Programme laufen wie von selbst und werden vom Bewusstsein nur in ihren Ergebnissen wohlwollend beobachtet, ohne bewusst gesteuert zu werden. Bewusstes Werfen und Fangen wären viel zu langsam. Die Bewegung entsteht eher wie durch einen Sog, der etwas in eine Aktion zieht. Spielerische neue Rhythmen entwickeln sich aus ihrer eigenen Dynamik. Immer wieder bis der Bewegungsfluss durch Abstürze und fehlerhafte Würfe unterbrochen wird. Das ist manchmal ärgerlich. Das Lernen scheint zu langsam zu gehen: „Das werde ich nie können!“. Wird diese Frustration ausgehalten ohne abzubrechen, wird sie schließlich aufgewogen durch Glücksgefühle. Zum Beispiel, wenn plötzlich völlig unerwartet etwas Neues gelingt, ohne noch zu verstehen, warum es gerade geklappt hat.

Je häufiger jongliert wird, desto mehr lernen die Hände zu tasten, zu spüren und zu fühlen, und die Bewegung entsteht (immer mehr) aus dem ganzen Körper. Das kann sich auf den Alltag im Management auswirken. Zum Beispiel auf

  • das Verstehen von Beziehungen und Zusammenhängen,
  • das Zusammenspiel vieler Faktoren in komplexen Systemen,
  • die Art wie mit Belastungen anders umgegangen werden kann.

Im Management wird häufig „Schnelligkeit und Kraft“ trainiert. Beides taugt nicht für das Jonglieren. Wird der Ball ergriffen, verzögert sich sein Abflug. Und wird ganz schnell auf etwas Unerwartetes reagiert, ist es oft oder meist zu spät. Stattdessen müssen die beteiligten Faktoren (die Bälle) gespürt werden. In Ruhe, ohne Aufgeregtheit oder Hektik wird das Gespürte bewertet und damit die Dynamik der Situation verstanden. Gehandelt wird dann im Fluss, d.h. immer sofort, ohne dass irgendetwas „schnell“ gehen muss. Im Gegenteil, je mehr die Perfektion des „Sofort“ zunimmt, desto langsamer und sparsamer können die Bewegungen werden.

Management erfordert Ruhe in dynamischer Bewegung, Übersicht und Besonnenheit. Gerade dann wenn Belastung auftritt, ist Entspannung in eine elastische, flexible Struktur nötig („Irren ist menschlich“). Deshalb sind Tennisschläger mit dehnbaren Netzen bespannt und nicht aus Massivholz.

Allein das Training von Ruhe im Chaos ist schon büro-alltagstauglich.

Ein weiterer unschätzbarer Vorzug des Jonglierens aber ist, dass es ohne Aufwand in jede noch so kleine Pause eingebaut werden kann: … vom PC aufstehen … ein paar Bälle werfen … und dann das Gleiche anders tun.

Autor: Helmut Jäger