Ist Kampfkunst-Qualität messbar?

krav maga
Ist das gesund? Oder intelligent? Wer sind diese „Bösen“? Und was darf man denen antun?

Kampf

Das Ziel von Kämpfen und Kriegen ist es, „böse Feinde“ zu entspannen. Damit sie sich am Boden liegend nicht mehr wehren können.

Manche Menschen können mehr: Sie verwandeln Aggression in partnerschaftliche Kooperation. Das ist eine Kunst.

Die Beurteilung des Unterschiedes zwischen Kampf-Training und Kampf-Kunst ist relativ einfach: Aggressives Zuschlagen führt zu Kollateralschäden (nicht nur am gegnerischen, sondern auch am eigenen Körper). Und respektvolles Training entwickelt gleichermaßen körperliche und geistige Kompetenzen.

Ist Kunst messbar?

Wenn ein Produkt, eine Methode oder eine Dienstleistung Bedarfe erfüllen, kommen die Kunden wieder. Die Qualität von Kampf-Kunst müsste ganz ähnlich messbar sein: Sind die Studios voll, wird der Unterricht gut sein. Sind sie leer, weil zum Beispiel die Gelenke der Teilnehmer schmerzen, wird es an Qualität mangeln.

Ganz so einfach ist es aber nicht. Denn Bewegungs-Kunst „ist“ nicht, sondern sie „entfaltet“ sich: im Prozess der Kommunikation zwischen denen, die sie ausüben.

In der Kampfkunst wird mit Interaktion, Beziehung und sinnlichem Erleben gespielt. Und dabei können sich sowohl die Gestaltenden als auch die Mitwirkenden verändern. Bleiben die Kurs-TeilnehmerInnen gleichgültig und unberührt, wird es wohl keine Kunst gewesen sein. Ändert sich dagegen eine Sicht- oder gar Verhaltensweise, könnte es sich tatsächlich um Kunst gehandelt haben.

bruce lee
Qualitätskriterien von Bruce Lee (1940-73)

Bewegungskunst ist prozess- und nicht zielorientiert.

Sie steht in ihrer Schönheit für sich selbst. Und wird ebenso wie Poesie, Malerei und Musik zerstört, wenn Erbsen-zählende Kritiker sie in ihre Bestandteile zerlegen.

Ist die Qualität einer Kunst deshalb nichts anderes als subjektives, individuelles Erleben? Kann Qualität einer Kunst nur in einer direkten Kommunikation erfahren, aber niemals gemessen werden?

Dafür spricht einiges, denn viele Aspekte des Taiji-Trainings zielen darauf,

  • „alles“ in seinem Bewegungsfluss gleichzeitig wahrzunehmen, mit zahllosen Informationen und Verknüpfungen,
  • alles Einzelne in einer entspannten Kommunikation mit einem größeren Bewegungs-Ganzen verschmelzen zu lassen.

Dieses Gesamterleben der Dynamik innerer und äußerer Räume lässt sich wie Musik genießen, wenn volle Klänge und Rhythmen entstehen. Und es erstirbt, wenn plötzlich einzelne, unverbundene Töne fokussiert werden.

Sind Qualitätsmessungen bei Kampf-Kunst trotzdem sinnvoll?

Nach dem zweiten Weltkrieg sickerten die japanischen Kampfkünste (Judo, Aikido, Kendo) in die USA und nach Europa ein und einige Jahrzehnte später auch Taijiquan und Qigong. Yoga war schon lange etabliert, und unter Insidern wurden auch „westliche Formen“ entspannter Körperlichkeit wie Bioenergetik, Konzentrative Bewegungstherapie, Rolfing, Feldenkrais, Alexander, Pilates und vieles andere geübt.

Die im Westen neuen chinesischen Methoden umfassten philosophisch-körperliche Trainingskonzepte und erreichten damit viele Menschen in den USA und Südostasien, und dann schließlich auch in Europa. Das kulturell Neue wurde zunächst nur in direktem Kontakt mit sehr erfahrenen Könnern erlebt.

Die ersten Übenden entdeckten Chancen und Entwicklungsmöglichkeiten, spielten und testeten kreativ das aus, was sie persönlich ansprach. In dieser Phase des frühen Taijiquan in Deutschland bildete sich allmählich ein Netzwerk von Fortgeschrittenen, das von gegenseitig wertschätzender Toleranz geprägt war. Die Frage nach einer systematischen Qualitätsüberprüfung stellte sich damals noch nicht.

Zwangsläufig aber entwickelten sich aus diesem fruchtbaren Chaos sehr verschiedene Entwicklungswege, die langsam einer Strukturierung zustrebten: Aus losen Netzwerkwerken bildeten sich Verbände, die wiederum Regeln und Richtlinien entwickelten. Der allmählichen Professionalisierung folgten dann die Experten-Ausbildungen, die Zertifizierungen und Anerkennungen.

Und dann, wie bei allen historisch gewachsenen Bewegungsformen, gibt es auch Phasen der Verfestigung, mit Schulen, Lehrmeinungen, Leitlinien, Wahrheiten, Institutions- und Kirchengründungen, mit Mainstream und sektiererischen Minderheiten und auch unseriöserem Kram und Scharlatanerie.

Es ist heute beim Taijiquan wie bei Dosen, die mit dem Label „Bio“ beklebt werden, und dann sehr Unterschiedliches enthalten können. Plötzlich scheint es sehr wichtig zu sein, die Marke zu sichern. Die Zeit der lockeren Taiji-Netzwerke ist vorbei. Stattdessen muss bestimmt werden, was sich noch Taijiquan nennen darf und was nicht.

Denn das ist u.a. wichtig für die, die nach Hinweisen suchen, was „Qualität sei“, und weder Zeit noch Interesse haben zu erleben, ob „Qualität ist“. Etwa die „Zentrale Prüfstelle Prävention“, die sich an rein formalen, an Inhalten nicht interessierten Kriterien orientiert, um Präventionskurse abzulehnen. Solche „Behörden“, die über Mittel verfügen, benötigen „Zertifizierungen, Zusatzqualifikationen und natürlich Ziele, Themen, Inhalte, Sequenzen, Dokumentationen, Details, Indikatoren, Nachhaltigkeitsvermutungen …‘“

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Wee Kee Jin: „Weniger ist mehr!“ (Bild: Hella Ebel 2016)

Sollte sich deshalb auch ein System von Prinzipien wie Taijiquan als in sich abgeschlossenes, nicht mehr veränderbares System organisieren, wie andere das mit Feldenkrais, Pilates, Alexandertechnik oder bestimmten Yoga-Richtungen versuchen?

Oder sollte sich Taijiquan als ein dynamisches, wachsendes Bewegungssystem begreifen, das sich mit anderem überschneidet oder von anderen Systemen befruchtet wird? Oder sollte sich Taijiquan akademisieren und sich so über Expertengremien definieren und Leitlinien verfassen, an deren Autorität keine Krankenkasse vorbeikommt? Oder ist Qualität in der Kampfkunst einfach das, was funktioniert?

Der Harvard-Weg der Taiji-Akademisierung

Taijiquan wird oft in einer ganz bestimmten Weise unterrichtet, die von einer bestimmten Person geprägt wurde, deren Weg wirksam erscheint. Eine dieser Richtungen wurde in den letzten Jahren sehr sorgfältig und systematisch ausgebaut. Er entspricht der Denkweise der Qualitätsüberprüfer, die anhand von Daten darauf vertrauen wollen, dass Investitionen bei genau dieser Methode gut angelegt seien.

Der Untertitel des „Harvard Medical School Guide to Tai Chi“ lässt den Eindruck entstehen, dass man „in nur zwölf Wochen einen gesunden Körper, ein starkes Herz und einen scharfen Verstand entwickeln“ könne.

Der Autor, Prof. Peter Wayne (s. Lit.), ist ein langjährig tätiger und (wie ich vermute) auch kompetenter Taiji-Lehrer aus der Tradition von Zheng Manqing. Er arbeitet an der Harvard Universität in enger Zusammenarbeit mit Prof. Ted Kaptchuk (s. Lit.), der das Vorwort seines „Taiji-Guide“ schrieb.

Prof. Kaptchuk untersuchte über viele Jahre die Wirksamkeit traditioneller chinesischer Medizinprodukte und zählt heute zu den renommierten und methoden-sicheren Forschern, die sich mit nicht-spezifischen Effekten in der Medizin beschäftigen.

Kaptchuk und viele andere belegen in ihren Studien, dass allein die Veränderung psychischer Einstellungen körperliche Auswirkungen haben kann.

Peter Wayne versucht darüber in sorgfältig angelegten Studien nachzuweisen, dass Taijiquan bei älteren Menschen die Gangsicherheit, die Herz-Kreislauffunktion und die Wahrnehmungsfähigkeiten verbessere und daher insbesondere bei älteren und kranken Menschen ein ideales Gesundheitstraining darstelle. Sein Buch gründet sich auf klassische Taiji-Schriften und daoistisch-konfuzianische Begriffe wie auf neuere Erkenntnisse analytischer, labortechnisch-überprüfbarer Bewegungs- und Neurowissenschaften. Um daraus eine Methode ableiten zu können, die durch immer neue Studien von ihm und seinen Harvard-Kollegen überprüft und verfeinert werden kann, musste er Taijiquan standardisieren. Dazu definiert er acht (für ihn) wesentliche Bestandteile:

  1. Aufmerksamkeit
  2. Intention/Vorstellung
  3. strukturelle Integration
  4. aktive Entspannung und Kräftigung
  5. Förderung der Gelenkigkeit
  6. natürlich-freiere Atmung
  7. soziale Unterstützung in der Lerngruppe
  8. körperlich verankerte Spiritualität

Daraus leitet er dann ein sehr genau strukturiertes Übungs- und Verfahrensprogramm ab. Und nennt es „A Simplified Tai Chi Program“. Ist dieser methodische Ansatz „Taijiquan auf wissenschaftlicher Basis“?  Und wenn es so wäre, ist dieser Ansatz der Professionalisierung tatsächlich günstig für die, die weltweit Taijiquan praktizieren?

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Standardisiert und leblos (Bild: Jäger 2015)

Standardisierung?

Standardisierung ist die Voraussetzung, um etwas beobachten zu können. Etwas, das dann in einem Experiment beobachtet wird, kann nicht identisch sein mit einem Systemzusammenhang. Denn es ist etwas, „was bei diesem Experimentator, in diesem Raum, mit diesen Personen, genau so und nicht anders stattfindet“. Der direkte Rückschluss aus einer Laborbeobachtung auf einen umfassenden Systemzusammenhang komplexer Realität („von allem“) führt zwangsläufig zu Widersprüchen.

Um Qualitätsüberprüfungen durchführen zu können, sind Standardisierungen unverzichtbar, z.B. um Entscheidungen zu begründen, ob eine Methode in ein Rehabilitationsprogramm aufgenommen werden soll oder nicht. Solche verlässlichen Überprüfungs-Instrumente sind verfügbar, einfach zugänglich und im Prinzip für alle Kursformen gleichermaßen geeignet (Kliche 2011). Sie sind also nicht spezifisch für Taijiquan, Qigong, Pilates, Alexander, Feldenkrais oder Ähnliches (s. GKV).

Kein Taiji-Lehrer, der seine Arbeit überprüfen möchte, muss also das Rad neu erfinden. Es reicht, bewährte Fragebögen herunterzuladen, und extern von jemandem beobachten zu lassen, ob sich vor, während und nach dem Kurs ein Verhalten ändert: zum Beispiel weniger Konsum von Zigaretten, Alkohol, Kaffee, unnötigen Medikamenten, mehr Bewegung, anderes Essen, weniger Stressverhalten etc.

Was ist Taijiquan?

Peter Wayne muss das, was in seinen Kursen stattfindet, als „Taiji“ definieren. Erst dann kann er untersuchen, wie „es“ sich auswirkt. Und es erweist sich dann als gesundheitsförderlich bei älteren Herrschaften. Er kann aber natürlich nichts aussagen über den „Taiji“-Kurs seiner Kollegen in einem Nachbarort, die dort vermutlich sehr andere Trainingsschwerpunkte setzen werden.

Peter Waynes Taijiquan soll der Krankheitsprävention dienen und Gesundheitsrisiken senken.

Andere Taiji-Lehrer betonen aber vielleicht mehr den Kampfaspekt, dessen Training auch die Fähigkeiten in anderen Arten von Kampfkunst wie Wing Tzun, Kungfu, Systema, Escrima, Krav Maga, Judo, Aikido, Boxen, Ringen deutlich verbessern kann.

Auch dort gibt es zunehmende „Bestrebungen der Professionalisierung“ oder „Verwissenschaftlichung von Kampf-Kunst“ wie z.B. in der EWTO (WingTzun), die den „Beruf EWTO-Lehrer“ geschaffen und einen  Bachelorstudiengang kreiert hat.

Kampf-Kunst kann aber auch unabhängig von praktisch-kämpferischen Anwendungen unter dem Aspekt (Selbst)-Management oder Lebens-Kunst betrieben oder entwickelt werden. Dann stehen Persönlichkeitsentwicklung, Veränderung von Einstellungen, Wahrnehmung, Beziehungsfähigkeit, gewaltfreie Kommunikation oder gar eine „Transformation“ im Vordergrund des Trainings. In solchen Fällen wären „Gesundheit“ oder „Fitness“ nur willkommene Nebeneffekte, aber keinesfalls Ziele.

Ist die Harvard-Methode zur Qualitätsüberprüfung „wissenschaftlich“?

Der Begriff Wissenschaft ist (wie alle Begriffe) mehrdeutig. Einige verstehen  darunter die Suche nach schriftlichen und experimentellen Beweisen für das, was sie ohnehin zu wissen glauben und für wahr halten. Also eine Bestätigung ihres aktuellen Weltbildes. Andere verstehen unter „Wissenschaft“ ergebnis-offenes Fragen und neugieriges Erforschen von bisher völlig Unbekanntem. Solche kreativen Forscher bezweifeln (auch ihre eigenen) Glaubensmodelle, manchmal auch scharf und kritisch. Das kann dann manchmal Denkgebäude zum Einsturz bringen oder sogar Paradigmenwechsel bewirken: So kamen wir beispielsweise von der flachen zur kugeligen Erde.

Kritisch-fröhlich-respektlose Wissenschaft ist oft unbeliebt. Denn wenn sie etwas Großes (wie das Universum) im Kleinen (dem Reagenzglas) untersucht und überprüft wird, entstehen keine Wahrheiten, sondern nur neue Fragen und provisorische Antworten, die nur Vorläufer für neue Fragen sein können.

Für beide Aspekte von Wissenschaft stehen vielfach etablierte „wissenschaftliche“ Techniken zu Verfügung.

Peter Wayne nutzt sehr methodensicher „Wissenschaft“ um zu belegen, dass das, was er tut, so auch richtig sei.

Das wäre Prinzip gut, wenn er andere (kritisch und skeptisch fragend) mit einer Befragung beauftragen würde.  So aber glaubt er an den Nutzen seines Tuns, und sucht Bestätigung, die ihn in seinem Glauben bestätigen. Erfahrungsgemäß findet man bei solchen Studien dann auch genau das, wonach man sucht. In der Praxis des Taiji ist es meiner Erfahrung nach nicht anderes: Ich war langjährig überzeugt, dass ich Entspannung fühle und „natürlich aufrecht und entspannt sei“, und musste, und muss weiterhin, mir immer wieder von einem kompetenten Lehrer, der meine Bewegungen sehr kritisch begutachtet, sagen lassen, das mein Glaube leicht erschüttert werden kann. Das ist sehr frustrierend, aber der einzige Weg neues zu lernen.

Diese Auffassung vertritt zum Beispiel auch Peter Ralston (s.Lit), ein mindestens so erfahrener Taiji-Lehrer wie Peter Wayne: Er meint, man müsse das, was man sicher zu wissen glaube, komplett, wirklich zu 100%, über Bord werfen, wenn man etwas wirklich Neues erfahren wolle. Ohne rückhaltloses, radikales „Nicht-Wissen“ und ohne kritische Neugier auf etwas, was man noch nicht kennt, könne niemand etwas Neues entdecken oder erlernen. Erst wenn die alten Denkgebäude in einer Person einstürzten, könne sie damit beginnen anders zu denken und neu zu fühlen, und sich dann schließlich auch (in Bewegung) verändern.

Peter Ralstons Ansicht steht wissenschaftlichem Denken (wie ich es schätze) deutlich näher als die von Peter Wayne, die sich aber mit Gesundheitsindikatoren wesentlich leichter standardisieren lässt als ein Weg der Persönlichkeitsentwicklung, den Peter Ralston anregen möchte.

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Wayne’s Tai Chi Standard

Gibt es eine Lösung des Peter-Wayne-Dilemmas?

Ich denke ja. Man sollte damit aufhören, definieren zu wollen, was Taijiquan „ist“. Solche Definitionen beziehen sich immer auf die Vergangenheit und nicht auf die Entwicklungsperspektiven, also auf das, was Taijiquan „sein könnte“. Zum Beispiel für eine Person, die sich mit der Methode entwickeln will.

Standardisierungen eines Systems können immer zu seiner Erstarrung führen. Denn dabei geht es meist um Kontrolle und Macht. Nicht nur Peter Wayne, auch chinesische Sportuniversitäten und viele renommierte Taiji-Schulen sind daran interessiert zu definieren, welches die jeweils reine Lehre sei, der ihre Anhänger zu folgen haben. Das führt nicht nur zu nützlichen Leitlinien, Regeln und Qualitätsüberprüfungen, sondern ebenso zu Rangeleien, Streitigkeiten, Eifersucht, Konflikten, Bekämpfungsstrategien und Ausgrenzungen.

Man könnte Taijiquan alternativ als ein Werkzeug auffassen, mit dessen Hilfe sich Fenster öffnen lassen. Und umso mehr Fenster aufgehen, je mehr man diese nutzt, desto mehr Perspektiven eröffnen sich. So als würde der Blick freigegeben auf ein Universum an Möglichkeiten, die zu innerer oder äußerer Entwicklung, Veränderung und Wachstum führen können, wenn man sich nur ernsthaft damit beschäftigt.

Für mich ist Taijiquan ein besonders wirksames Trainingssystem natürlicher Bewegung. Ich kenne einige andere Bewegungssysteme (wie Yoga) ziemlich gut, aber Taijiquan hat sich für mich persönlich als besonders nützlich erwiesen. Und es macht mir Freude, wenn ich mit dieser erlebten Erfahrung andere anstecken kann.

Das Besondere an Taijiquan erscheint mir, dass man eine alternative Möglichkeit der körperlichen und geistigen Kommunikation trainiert. Üblicherweise wird Druck mit Gegendruck, Anspannung, Haltung und Kraft beantwortet. Solange wir schneller, schlauer, härter und stärker sind, geht das auch gut. Bis dem Stress dann der Zusammenbruch folgt, die Ohnmacht, die Depression.

Durch Taijiquan kann geübt werden, wie Belastung wesentlich effektiver beantwortet werden kann: ohne unnötige Notfallmuster, mit Verspannungen und Stress. Sondern durch Loslassen in eine innere, elastische Struktur, durch die Aufdehnung und Entladung von Faszien und durch Aufmerksamkeit, Ruhe und Gelassenheit.

Taiji kann Vertrauen wachsen lassen, dass es möglich sein kann, unter Belastung dazubleiben und loszulassen. So wie beim Segeln die Energie von Wind, Wellen und Schwerkraft optimal aufgenommen und für den eigenen Schwung genutzt wird. Dann tut das Boot nichts. Es liegt nur frei beweglich, flexibel und tief im Wasser und richtet sich mit seinem Mast biegsam auf. Es passt sich an. Einmal in Fahrt reicht dann die relativ schwache Kraft der Hand an der Ruderpinne, um den Kurs zu halten.

Die Tatsache, dass Taijiquan aus einem anderen Kulturkreis kommt, kann sich ebenso positiv wie nachteilig auswirken. Positiv eindeutig dann, wenn der Umweg über China Westlern ermöglicht, eigene Blockaden aufzuspüren und zu beseitigen. Wenn linear-zielorientiertes Denken und Handeln sich mehr für das „Dazwischen“ interessiert. Für den Prozess zwischen Start und Ziel, für das Im-Fluss-Sein. Riskant könnte aber auch sein, dass es mit einer kulturfremden Methode, die schwierig zu verstehen ist, nicht gelingt einen Bezug zu den eigenen Bedarfen zu finden, so dass Verspannung noch mehr Krampf folgt, weil „man es richtig machen will“.

Taijiquan eröffnet neue Möglichkeiten (mehr nicht). Daraus ergibt sich sein Nutzen: im Management, beim Sport, bei der Gartenarbeit, der Persönlichkeitsentwicklung, bei der Gesunderhaltung und bei der Entwicklung eines wachen, zufriedenen Geistes.

Was also könnte Professionalisierung von Taiji in diesem Zusammenhang bedeuten?

Unterrichtende sollten eine längere reflektierende Phase der Selbsterfahrung durchlaufen haben und in einem sicheren Rahmen von Standards in den Prinzipien des Taiji ausgebildet sein. Dem dienen in Deutschland z.B. die Richtlinien des DDQT.

Taiji-LehrerInnen sollten mit sich im Reinen sein bei dem, was sie tun. D.h. sie sollten die interkulturellen Zusammenhänge verstehen und ohne starre Ideologie vermitteln können, und über die nötige Methodensicherheit verfügen um selbst erlebtes Wissen von Taiji so weitergeben können, dass die Entwicklungsmöglichkeiten groß und die Risiken klein sind.

Das was in Kursen und Workshops geschieht, sollte auch externen Qualitätsbeobachtungen und Überprüfungen zugänglich sein, ohne durch Standardisierungen Flexibilität einzuschränken.

Die Teilnehmenden sollten sich nicht nur wohlfühlen, sondern durch den Unterricht auch ihren möglicherweise sehr unterschiedlichen Entwicklungszielen näherkommen können.

Dazu sollte im Unterricht sehr transparent erläutert werden, worauf (entsprechend der Kompetenz der/des Unterrichtenden) der Schwerpunkt gelegt wird: Gesundheitsförderung, Fitness, Kampfsport-Kompetenz, Verbesserung von Körpergefühl und Propriozeption, Rehabilitation nach Krankheit, Stressmanagement, Spiel mit Bewegung, praktische Anwendung in Selbstverteidigung, Alltagsübertrag, Aufmerksamkeit, Rhythmus, Bewegung, Flow, Trance, Selbsterfahrung oder Entwicklung des ganzen Menschen.

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Fühlender Körper

Fazit

Taiji bestimmen zu wollen, indem man versuchte, es davon abzugrenzen, was es nicht ist, ist fruchtlos. Die Grauzonen und Überlappungen sind einfach zu groß.

Sinnvoll dagegen sind Kriterien, die vielen als wesentlich erscheinen: u.a. „Schwaches lenkt Starkes“,  „Entspannung in eine Struktur“, „Nachgeben unter Belastung“, „Harmonie von Körper, Geist und Umfeld“.

In einem zeitlos schönen Buch der Yoga-Lehrerin Lucy Lidell kommt, neben vielen anderen Körper-Künsten, auch ein kleines Taiji-Kapitel vor. Sie beschreibt dort Taiji als eine Möglichkeit (von vielen), um den Geist dazu anzuregen, den Körper und sein Umfeld mehr zu spüren,  und so zu verstehen, dass ein fühlender, atmender Körper eins ist.

So können sich Zugangswege eröffnen, um sich zu entwickeln und sorgsamer mit sich und anderen umzugehen.

Publikation

Das Leib-Seele-Problem

Sind wir …
… Geist? oder
… verkörperter Geist? oder
… Körper? oder
… Beziehung?
… oder „Was werde Ich?“ (01/2017)

Taijiquan

Weitere Artikel

Literatur

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Autor: Helmut Jäger