Kann Kampf Kunst sein?

Is vechtkunst kunst? TQT, 3/2107

Was ist Kampfkunst?“ ,

fragte sich einer, der es wissen müsste: Klaus-Heinrich Peters, der deutsche Vertreter von Chen Hsin, einer sehr kämpferischen und hoch-wirksamen Bewegungsform  (Chen Hsin Newsletter 2014).

Für ihn sei der Selbstverteidigungsaspekt in der Kampfkunst viel zu hoch bewertet: Intelligente Menschen verhielten sich in akuten Bedrohungen so, dass sie nicht real kämpfen müssten, um mit heiler Haut davon zu kommen.

Die „angebliche Realität“ vieler Kampfkünstler sei daher „eine ziemlich beschränkte Fantasie“, weil sie die unübersehbare Vorherrschaft zivilisatorischer Umgangsformen schlicht ignorierte. Zwar könnten die Prinzipien und Fertigkeiten, die die trainiert werden auch in einer physischen Auseinandersetzung erfolgreich angewendet werden. Und sicher sei  ruhiges, lässiges, sich selbstgewisses Auftreten in ernsten Situationen sehr nützlich. Das allein aber sei kein ernsthafter Grund, diese Kunst zu erlernen.

Denn Kunst diene nicht der Erzeugung von Nebeneffekten oder Fertigkeiten, sondern sie sei nur „für sich!“: Sie gehe über den  bloßen Selbstausdruck des Künstlers und über ein Gefallen hinaus. Hinter dem „Für-sich-stehen“ des Werkes träte sowohl Künstler als auch Betrachter zurück. Deshalb sei Kunst dem Spiel verwandt. Denn auch Spiel sei nur das, was um seiner selbst willen gespielt werde.

Beim Spielen, im Akt des Spielens, zähle nur das Spiel.

„Ein Purzelbaum trat vor mich hin: Ich bin nur ein Purzeltraum, sobald ich hingepurzelt.“ Christian Morgenstern (1871-1914)

Kampfkunst sei ein Spiel der Interaktion. Und diese Kunst manifestiere sich im „Spiel zweier Körper und Geister, in der Hingabe an das, was wir schon sind: Körper, der Schwerkraft unterworfen, Bewegung, Absicht, Bewusstheit und Welt.“

Der einzige Grund für Kampfkunst sei folglich die Liebe zur Sache selbst. Nur „in der Freiheit von Zielen und Zwecken“ könne sie reifen und sich in der Schönheit des Spiels „in Grazie und Anmut des Menschlichen entfalten“.

 

Ist Kampfkunst wirklich nur ein Spiel?

Klaus- Heinrich betont einen Aspekt der Kampfkunst, der üblicherweise in verbissener Zielorientiertheit  viel zu kurz kommt. Das Spielerische: die maximale Aktivierung der Bewegungskompetenz und ohne Ehrgeiz und Gewinnen-Wollen einfach nur zum Spaß und in respektvoller Beziehung zum anderen. Kindliche emotionale Spielfreude erschafft und entwickelt im Erleben und immer neuer Erfahrung Gefühle für sich selbst und für die Körperdynamik der Partner/innen.

Das von Peter Ralston geschaffene Kampfkunst-System (Chen Hsin) fördert deshalb Entdeckerfreude, Neugier und Freude an Bewegung. Dabei wird der relative Charakter aller Regeln betont, und die Notwendigkeit rückhaltloser Öffnung für Neues („Nicht Wissen“) als Voraussetzung für grundsätzliches Lernen.

 Kunst wird nicht spielerisch erlernt.

Ich erinnere mich gut an lustige Kinder-Judo-Jahre, als wir balgend über die Matten purzelten. Wir hatten viel Spaß dabei. Als es  dann aber anstrengend wurde, hörte ich auf. Ich verspürte kein Interesse, mich „wie blöde“ für Wettkampf-Ziele ab-zu-quälen. Viele andere haben genau das getan, und sich anschließend als erfolgreiche Kämpfer hervorgetan, und das nicht nur im Sport. Zum Beispiel Vladimir Putin, der die Antithese zu Klaus-Heinrich vertritt: „Die Praxis des Judo lässt Kompromisse und Zugeständnisse zu – aber das ist nur möglich, wenn sie der Weg zum Ziel sind.“

Aber auch Judo hat Ausnahme-Künstler hervorgebracht: zum Beispiel Tokyo Hirano, der die „Meereswogen-Kata“ erfand (Videos: 1, 2, 3, 4, 5).

Er ließ seine Bewegungsenergie wie einem Schwall äußerer und innerer Flüssigkeit in den Partner schwappen. Eine Kunst, die überraschend intelligent, elegant und schön war. Im Gegensatz zu dem Reißen und Zerren von Olympia-Muskelprotzen erschien Tokyos Kunst mühelos. Und sie stand im Einklang mit physikalischen Prinzipien und war außerdem hochwirksam: Kunst in Perfektion, die aber nur scheinbar spielerisch aussah.

Tokyo hatte möglicherweise am Anfang seiner Laufbahn herum-gespielt, aber dann zeitlebens wie ein Besessener trainiert.

So wie auch Peter Ralston, der heute deshalb spielt, weil „er es kann“. Aber bis er es konnte, muss er wohl oder übel bis an den Rand des Wahnsinns geübt haben. Seine Autorität gründet sich darauf, dass er sich und anderen beweisen musste, dem Irrsinns-Wettkampf einer Free-Stile-Weltmeisterschaft von hochtrainierten Körper-Spezialisten nicht nur unverletzt überleben, sondern auch noch gewinnen zu können.

Viele große Kampfkünstler waren offenbar ähnlich verrückt

Zum Beispiel Dioxippus, ein Olympia-Sieger von 336 v. Chr im Free-stile-ähnlichen Kampfsport Pankration. (Pankration-Video 1 , 2 , 3). Dioxippus musste wenige Jahre später in einem Showkampf vor Alexander dem Großen gegen Coragus antreten, den am besten trainierten Soldaten der Armee Alexanders. Coragus erschien in voller Bewaffnung und Ausrüstung, Dioxippus nur mit einem Stock. Er gewann trotzdem, vermutlich wegen seiner Pankration-Kenntnisse. Aber als Kampfkünstler tötete er den Soldaten Coragus nicht, was damals durchaus den Regel entsprochen hätte. Aber war er deshalb auch ein Spieler?

Vermutlich ebenso wenig wie die Größen des Taiji, u.a. der Yang- und Chen-Familien, oder  Huang Sheng Shyan, oder  T.T. Liang: Sie konnten sicher als Künstler gelten, aber zu gleich erwiesen sie sich als hoch-effektiv, brutal und für ihre Gegner äußerst gefährlich. Offenbar spielen sie nur dann, wenn sie ihre Kunst gerade nicht anwendeten.

Der Geisteszustand, in dem sie sich (wie jeder Künstler) befunden haben müssen, ist ein anderer:

Trance

„Wenn Ihr in dem Augenblick, da Ihr das Schwert bemerkt, welches Euch treffen will, auch nur mit einem Gedanken daran denkt, dem Schwert da zu begegnen, wo es eben jetzt gerade ist, so wird Euer Geist bei ihm halt-machen in eben dieser Posi­tion. Eure eigenen Bewegungen werden unterbun­den, und Euer Gegner wird Euch niederstrecken. Das ist mit Anhalten gemeint. Fudō chishin myōroku (“Ineffable Art of Calmness”) Takuan Sōhō (1573-1645)

Alle Kunst entsteht in einem Zustand der Welt-Entrücktheit, in dem Zeit, Raum, Emotion und Ich-Empfinden keine Bedeutung mehr haben. Stattdessen geschieht etwas in einer absoluten Verbundenheit, ohne Bruch, Überlegung oder Ziel.

Ich trete in diesen Zustand innerer Ruhe ein, wenn es in der Geburtshilfe wieder einmal spannend wird, und bin hell-wach, denke nicht und vertraue auf meine Kompetenzen, die über viele Jahren entstanden sind.

Damit im Trance-Zustand die Bewegungsabläufe bei einem Klavierspieler, einem Maler, einem Schauspieler oder einem Kampfkünstler elegant ablaufen können, braucht es millionenfach-wiederholte Übung. Und die erfordert viel Geduld, Anstrengung und Kraft. Spielerisch und mühelos wird es erst dann, wenn Körper und Geist balanciert und sicher zusammenschwingen. Was bei der Kampfkunst ein paar Jahrzehnte Trainingszeit benötigt.

Spielerisch erkennen Anfänger überraschende Aspekte, und finden das Neue deshalb interessant. Dann folgt schnell die Phase der Frustration des Erkennens der eigenen Unfähigkeit. Und, falls man nicht weggeht, die Zeit des langsamen Hoch-Krabbelns von einem Ausbildungsgrad zum nächsten, bis man sich irgendwann als „immer höherer“ Experte fühlen kann.  Eben als Kunst-Handwerker, aber noch lange nicht als Künstler.

Die Kunst der Meisterschaft folgt erst viel später (wenn überhaupt), wenn in höchster Trainingskompetenz die Expertenregeln vergessen werden dürfen, und spielen wieder erlaubt sein kann.

 

wee kee jin
Wee Kee Jin (Kampf -Künstler): „Weniger ist mehr!“ (Bild: Ebel 2016)

Welchen Sinne macht es Kampfkunst zu trainieren?

Klaus-Heinrich’s spielerischer Aspekt ist wichtig, aber es gibt noch vieles andere, mit dem es lohnt, sich in der Kampfkunst auseinanderzusetzen:

  • Die Kunst realen körperlichen Kämpfens, nicht nur zur Selbstverteidigung, wie bei Systema, Boxen, WingTzun, KickBoxen, KravMaga, Taekondo, Hapkido uva.
  • Die Kunst zu Siegen ohne zu kämpfen: Bogenschießen (Kyudo), Taiji-Intentions- und Management-Training
  • Die Kunst gerade unter Belastung zu Entspannen. Oder ein Gegen-an-Kämpfen durch Annehmen, Nachgeben und Dranbleiben zu ersetzen. Leer, wach und bewusstseinsklar zu handeln, in spontaner und völliger Verbindung mit dem, was gerade geschieht: Training der Prinzipien in Taiji, Bagua, Aikido, Kendo, Chen Hsin, …
  • Die Kunst der Faszien-Intelligenz (Tensegrity) und der inneren Sinne (Propriozeption) entdecken, erfahren und wachsen lassen.
  • Die Kunst alt zu werden und gesund zu bleiben. Zur Ruhe zu kommen, seine unterschiedliche Facetten zu entdecken, sie wachsen zu lassen und zu entwickeln: Taiji ohne Kampfbezug mit Schnittmengen zu Yoga, Qi Gong, Alexander, Feldenkrais.

In der Kampfkunst kann vieles trainiert werden, je nachdem was „Ich“ werden will. Aber letztlich besteht die Essenz der Kunst, im Gegensatz zu ziel-fixiertem Gezerre beim Kampf-Sport, darin, zu gewinnen ohne zu kämpfen.

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Autor: Helmut Jäger