Besseres Klima oder Transformation?

Wegweisender Erfolg in Paris. Klimakonferenz einigt sich auf Abkommen. Ein historischer Tag. NTV 12.12.2015

Die Ergebnisse der Weltklimakonferenz 2015 waren überfällig …

… aber sie reichen nicht aus:

Merkel: G20-Gipfel zielt auf nachhaltiges Wachstum (Reuters 02.07.2017)

Wir erwärmen nicht nur das Klima, sondern verdrecken die gesamte Biosphäre inklusive des Wassers, der Luft und der Böden.

Seit einem halben Jahrhundert wird beobachtet, wie menschliche Gesellschaften durch unbegrenztes Wachstum ihre eigenen Lebensgrundlagen ruinieren.

Bereits 1964 forderte der Ökonom Kenneth Boulding einen Wertewandel des menschlichen Verhaltens, eine „große Transformation“. Er sah die Menschheit durch nukleare Kriege, Bevölkerungswachstum und Umweltzerstörung bedroht. Nötig sei deshalb eine weltweite Ökonomie geschlossener Produktionskreisläufe, bei denen nur wenige Abfälle produziert würden, und ferner der Verzicht auf Technologien, die nachhaltige Entwicklungen gefährdeten  (Boulding 1964). Der von ihm geforderte zivilisatorische Sprung zu einem neuen menschlichen Verhalten hätte enorme soziale und gesellschaftliche Veränderungen erfordert. Deshalb kam er auch nicht zustande. Boulding glaubte aber, viele Menschen für seine Vision gewinnen zu könnte, in dem er ihnen eine bevorstehende globale Krise eindringlich vor Augen führte:

… ich bin da bescheiden optimistisch, … das ist vielleicht besser als gar nicht optimistisch zu sein. Boulding 1966

schmetterling
Lebendes Ökosystem

Polluto

Der Mathematiker und Erfinder Buckminster Fuller nannte 1969 die Erde „Polluto“ (pollute = verdrecken), und versuchte mit dem „Operations-Handbuch des Raumschiffs Erde“ technische Innovationen voranzutreiben. Ein verändertes Design der Produktion sollte zu einer nachhaltigen Ökonomie führen. Die Industrie sollte „mehr mit weniger“ tun, nicht auf fossile Brennstoffe setzen, die Dinge langlebig herstellen und Abfallprodukte wiederverwenden.

Die Computer-Entwicklung, und der damit verbundene, rasante Informationsaustausch, würden, so glaubte er, eine veränderte, intelligente, nachhaltige, menschliche Technik-Nutzung begünstigen. (Fuller 1969)

Die Notwendigkeit, in geschlossenen Kreisläufen zu leben und zu produzieren, und auf giftige Technologien wie Kernkraft und chemische Pestizide zu verzichten, wurde dann 1971 von Barry Commoner weiter belegt. Das Problem müsse allerdings politisch und ökonomisch gelöst werden. Es sei nur mit technologischen Maßnahmen nicht in den Griff zu bekommen. Damit behielt er Recht, denn nachhaltiges industrielles Design wurde seither intensiv weiterentwickelt und perfektioniert (McDonough 2002). Aber in der Serienreife wird es nur selten angewandt. Dagegen sind umweltschädliche Technologien (z.B. in Autos) und nicht geschlossene, abfall-erzeugende Industrieproduktionen weiterhin wesentlich profitabler, solange die Kosten auf andere, oder auf die nachfolgenden Generationen, verschoben werden können.

Beispiel: Stabil wachsender Wirtschaftsstandort Deutschland

Der Reichtums Deutschlands beruht u.a. auf der Automobilindustrie. Deren Fahrzeuge sind eine wichtige Ursache für Smog-Ausnahmezustände, die bei immer höheren Grenzwerten in Mega-Städten wie Peking regelmäßig ausgerufen werden müssen. Wie in vielen anderen Branchen auch, stehen den Gewinnen in Deutschland Umweltschäden in anderen Ländern gegenüber.

Unsere Illusion, Nutzen und Risiken ließen sich global beliebig ungleich verteilen, führt u.a. zu dem Widerspruch, dass sich die deutsche Politik bei Klimakonferenzen um die Erderwärmung sorgt, und andererseits im Inland die Automobilindustrie begünstigt und nur wenig kontrolliert. So war mit VW ausgerechnet ein deutsches Unternehmen bei dem Betrug mit gefälschten Abgaswerten aufgefallen. Das war kein bedauerlicher Einzelfall: denn auch andere Fahrzeughersteller nennen unter Testbedingungen um 20-40% bessere Abgaswerte, als sie bei einer realen Nutzung der Fahrzeuge ausfallen würden (Tietge 2015).

Aus Rücksicht auf den Wirtschaftsstandort Deutschland (und ähnlich: anderer Länder) werden die Konsequenzen nach diesem Skandal gering ausfallen. Man wird einige Einzelpersonen aus dem Mittelmanagement beschuldigen, um von dem grundsätzlichen Zusammenhang abzulenken: Der Erfolg von Industrieunternehmen und damit indirekt unser Wohlstand, misst sich am Gewinn und an ökonomischem Wachstum, d.h. an dem, was an der Börse eingeschätzt werden kann. Nachhaltigkeit und Umweltverträglichkeit zählen dagegen zu lästigen Kostenfaktoren, die in unserem derzeitigen Wirtschaftssystem über Marketing-Aspekte hinaus keinen Anreiz bieten. Warum also sollte sich ein Firmen-Chef, der auf seinen hohen Erfolgsbonus achtet, sich intensiver mit Umweltauswirkungen beschäftigen als mit den kurzfristigen Interessen seiner Aktionäre und denen der Börsenmakler?

Everything is connected to everything else. Everything must go somewhere. Nature knows best. There is no such thing as a free lunch. Commoner 1971

Grenzen des Wachstums?

1972 erschien der Bestseller „Die Grenzen des Wachstums“. Er wurde millionenfach verkauft (Meadows s.u.), und rechnete vor, was von den vorhandenen Grundlagen in einhundert Jahren übrig bliebe, wenn der damalige Trend des Verbrauchs so weiterginge. Die Autoren wussten, dass die von ihnen aufgezeigten Trends, nach sozialen, kulturellen und politischen Entscheidungen verlangten. Wie aber ein Wertewandel realisiert werden sollte, blieb ihnen, mitten im Kalten Krieg, völlig unklar.

Notwendige Transformation

Ich kann dir freilich nicht sagen, ob es besser wird, wenn es anders wird. Aber so viel kann ich sagen: Es muss anders werden, wenn es gut werden soll. Lichtenberg

Bereits die Analysen des aktuellen Krankheitszustandes der Erde vor fast einem halben Jahrhundert zeigten, dass es sich nicht um einzelne voneinander isolierte Störungen handelte: Alle gesellschaftlichen Bereiche waren betroffen, und die Auswirkungen aller Umweltprobleme sind intensiv miteinander verwoben. Das Herausgreifen einzelner Probleme, die man glaubte lösen zu können, wird seit langem als sinnlos erachtet. Stattdessen müsse man das Problem-Komplexe managen, und Heilungsprozesse anregen.

Statt des vorherrschenden Mantras von Politik und Wirtschaft

„Immer mehr!“

müsste die Alternative vor dem Hintergrund neuer Analysen (Schellhuber 2015, Worster 2016, Rockström 2015) heißen:

„Radikal anders!“ 

Sonst ist es eines Tages

„Schlagartig weniger!“

Zu dieser Einschätzung kommt auch der „Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung – Globale Umweltveränderungen“ (2011):

Im Gegensatz zu den (bisherigen) Zivilisations-sprüngen kann die anstehende Transformation kaum gradualistisch und sukzessiv vonstattengehen. Sie muss vielmehr binnen kürzester Zeit aktiv und weltweit synchron vorangetrieben werden.

Warum werden trotzdem weiterhin die Wahlen mit Wachstums-Versprechen gewonnen?

Warum werden nicht zu übersehende Gefahren als Alarmismus abgetan?

Warum steht die für das Überleben der Menschheit dringende, und schon so oft eingeforderte „Transformation“ weiterhin aus?

Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind. Albert Einstein

Der Kern des Dilemmas:

„Wir“ wollen nur eine Erwärmung der Erde um nur 1,5°C zulassen (so als gäbe es einen Thermostaten, der sich darauf einstellen ließe), aber im Prinzip genauso weiterleben wie bisher.

Dahinter verbirgt sich eine Art des Denkens, die die Menschheit vor etwa zehntausend Jahren entdecke, und die ihre Entwicklung damals erheblich beschleunigte. Seit der so genannten neolithischen Revolution, dem Übergang vom Jagen und Sammeln zu Ackerbau und Stadtleben, denken Menschen linear und mechanisch und schaffen immer perfektere Bedingungen, um das Chaos der Natur zu beherrschen. Sie erschlagen erfolgreich ihre jeweiligen „Problem-Bären“, vernichten ihre jeweiligen Feinde und leben zerstörerisch auf Kosten dessen, was eben noch da ist. Das klappte auch wunderbar, solange noch genügend Ressourcen existierten, und die Folgen von Kriegen und Umweltvergiftung noch nicht zurückschwappten.

Aber …

… Wir vergessen, dass wir selber Erde sind.“ Papst Franciscus, Laudato Si. 2015 und „… dass jede einzelne Handlung, die wir tun, ihre Auswirkung auf das Ganze hat.“ Einstein

Agenda 21? Erinnert sich noch jemand daran?

Auf der Weltumweltkonferenz in Rio de Janeiro 1992 war erkannt worden, dass es  nicht möglich sein wird, so zu bleiben, wie wir waren. Und dass Kompromisse auf internationalen Treffen nicht ausreichen. Deshalb war damals ein entwicklungs- und umweltpolitisches Aktionsprogramm für das 21. Jahrhundert beschlossen worden, das zu einer Leitlinie öffentlichen Handelns führen sollte. Weltweit sollten nachhaltige Entwicklungen auf kommunaler Ebene angestoßen werden: „Lokale Agenda 21„.

Tatsächlich löste die Agenda-Initiative vorübergehend in vielen Regionen eine Aufbruchsstimmung aus. Sie wurde im Wesentlichen von ehrenamtlichem Engagement getragen, von Personen, die einen Beitrag leisten wollten, das Ökosystem der Erde zu retten.

Aber dann wurde die Agenda-21 abrupt abgewürgt. In Deutschland ausgerechnet von einer rot-grünen Regierung. Langfristige Nachhaltigkeits-Überlegungen wurden  hier vollständig ersetzt durch Strukturreformen zur Begünstigung des Wirtschaftswachstums, durch Maßnahmen, die kurzfristig ökonomisch-effektiv wirken sollten: Agenda 2010 .

Statt die Welt vor dem Umwelt-Kollaps zu retten, sollte jetzt „Deutschland bis zum Ende des Jahrzehnts bei Wohlstand und Arbeit wieder an die Spitze“ gebracht werden (Zitat: Schröder 2003).

Damit war der Agenda 21-Aufbruch beendet, und er spielte auch in den folgenden Wahlkämpfen keine Rolle mehr.

Zwanzig Jahre nach der visionären Umweltkonferenz waren auch in der Abschlusserklärung des Folgetreffens „Rio+20“ keine verbindlichen Abmachungen oder Initiativen für die Umsetzung der erklärten Ziele mehr enthalten.

Umweltprobleme wurden nun im Rahmen der Globalisierung der Märkte als hinnehmbare wirtschaftliche Entwicklungshindernisse angesehen, wie viele andere auch. Die in diesen (scheinbaren) Rand-Bereich Verantwortlichen fristen seither neben den wirklich wichtigen Ministerien (Finanzen, Wirtschaft, Kriegerisches und Außenpolitik) ein nur kümmerliches Dasein.

Sehnsucht

Die von vielen WissenschaftlerInnen geforderte „Große Transformation“ erforderte eine radikal andere Lebensweise, und zwar in allen Formen und Ausprägungen menschlichen Handelns.

Sobald sich allerdings etwas entscheidend ändern soll, poppt sofort der Vorteil des Problems auf („Arbeitsplätze!“), und die Nachteile der Lösung: („Weniger statt mehr!“). Beides erzeugt Widerstand, und verhindert Veränderung.

Gegen Widerstand innerer Einstellungen zu handeln, d.h. gegen das „eigentlich“ gewollte, ist meist zwecklos. Und zu warten bis der Widerstand in einer Katastrophe kollabiert, könnte angesichts der globalen Umweltsituation zu spät sein.

Die Chance für einen neuen zivilisatorischen Sprung der Menschheit, besteht darin, dass immer mehr engagierte Personen ihr Bewusstsein, ihre Werte und ihre Einstellungen verändern. Weil sie einer Sehnsucht folgen.

Der Übergang vom unbewussten Blödsinn unerkannter Fehler (Atombombenversuche im letzten Jahrhundert) zur bewussten Inkompetenz ist geschafft: Unsere Fehler sind inzwischen perfekt analysiert, aber sie führen noch nicht zu einschneidenden Konsequenzen.

Dazu wäre ein Sog nötig. Anziehungskräfte, die sich an einer Vision orientieren, an Entwicklungsperspektiven, die Sinn machen. Vielleicht als Sehnsucht nach einer lebens- und liebenswerteren Welt, und nach weniger Drang, Ersatzbefriedigungen zu konsumieren (Geld, Macht, Suchtmittel). Oder als Neugier, sinnlich das Gedeihen der Systeme zu erleben, aus denen wir bestehen, und in denen wir geborgen sind  (Capra 2014).

Die Art, wie eines auf anderes, und alles zusammen auf alles andere wirkt, gewänne dann an Bedeutung, gegenüber den einzelnen Faktoren oder Problemen, die wir heute noch in den Fokus stellen.

Theoretisch wurde der Übergang vom (komplizierten) Einzel- zum (komplexen) Beziehungs-Denken längst vollzogen, durch die Quanten-Physik, die System-Biologie und die Ökologie, die die Wirkungen der Lebewesen untereinander beobachtet. Nur in der Wirtschaft, der Politik, der Militärstrategie und überwiegend auch noch in der Medizin, hat sich an der mechanischen Weltsicht des 19. Jahrhunderts bisher nicht wirklich viel geändert. Denken ist aber unwirksam, und wird vergessen oder verdrängt, wenn es nicht mit Gefühlen verwoben ist.

Weil du „Eins“ verstanden hast, glaubst du begriffen zu haben, was „Zwei“ ist. Denn 1 + 1 = 2. Hast du „plus“ verstanden? Sufi

Transformation muss „sexy“ sein.

Menschen ändern ihre Einstellungen nicht, wenn sie etwas tun „müssen“ oder „sollen“, oder wenn die Veränderung die Befriedigung ihrer gewohnten Bedürfnisse gefährden könnte. Verzicht ist nicht attraktiv. Deshalb werden die Rufer in der Wüste, die zur Umkehr mahnen, solange einsam bleiben, bis die Katastrophe hereinbricht.

Aber es entstehen zunehmend Orte und Gelegenheiten, an denen lebende Systeme, die blühen und gedeihen, direkt und sehr persönlich erfahren werden können. Ein Beispiel unter vielen: Solawi.

In solchen und vielen anderen Initiativen kann erlebt werden, wie leicht sich die wesentlichen Bedarfe in beglückender Weise befriedigen lassen: Wasser, Nahrung, Schutz, Sicherheit, Unverletzlichkeit, Selbstwert, Selbstentfaltung, Beziehung, Sinn …

Wenn diese entscheidenden Bedürfnisse mit wenig Kosten gedeckt werden können, sinkt der Zwang zur Beschaffung für Suchtmittel und Ablenkungs-Strategien. Dafür aber jobben wir überwiegend.

Transformation muss als nicht unbedingt „Verzicht“ bedeuten, und auch nicht „Umkehr“. Es könnte auch ein Aufbruch sein in eine neue Zeit mit mehr sinnlichem Genuss.

Our goal is a delightfully diverse, safe, healthy, just world with clean air, water, soil and power – economically, equitably, ecologically and elegantly enjoyed.  McDonough 2005

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Autor: Helmut Jäger